{"id":40892,"date":"2017-11-05T11:00:32","date_gmt":"2017-11-05T10:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40892"},"modified":"2017-11-06T08:01:26","modified_gmt":"2017-11-06T07:01:26","slug":"leserbriefe-zum-flassbeck-beitrag-parteien-gibt-es-nur-eine-alternative-im-nirgendwo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40892","title":{"rendered":"Leserbriefe zum Flassbeck-Beitrag \u201eParteien: Gibt es nur eine Alternative im Nirgendwo?\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Zu diesem <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40775\">Artikel<\/a> vom 27.10.2017 kam eine gr&ouml;&szlig;ere Zahl von Leserbriefen. Alle haben wir an Heiner Flassbeck weitergeleitet. Einige geben wir hier wieder, nicht alle, denn das w&auml;re ein Text von 25 Seiten geworden. Die Spannweite der Reaktionen wird beispielhaft von zwei Leserbriefen markiert, deren Anfang wir hier zur Einstimmung wiedergeben: 5. Leserbrief: &bdquo;Ich habe noch nie einen schw&auml;cheren Beitrag auf den NDS gelesen als diesen Kommentar von Heiner Flassbeck.&ldquo; 6. Leserbrief: &bdquo;Einer der besten Artikel der letzten Jahre &ndash; super.&ldquo; <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n1. Leserbrief) <strong>Martin Sutor: Das &bdquo;System&ldquo; &uuml;berwinden &ndash; eine wirre Vorstellung, die das linke Lager auf Dauer von der Macht fernhalten wird.<\/strong><\/p><p>(27.10.2017)<\/p><p>Sehr geehrter Herr M&uuml;ller,<\/p><p>Herr Flassbeck irrt, wenn er postuliert, der mangelnde Erfolg linker Parteien l&auml;ge an deren Wunsch nach einem Systemwechsel.<\/p><p>Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Sozialdemokraten und Linke scheitern regelm&auml;&szlig;ig daran, dass sie glauben, eine marktorientierte Wirtschaft k&ouml;nnte in irgendeiner Form geb&auml;ndigt oder humaner gestaltet werden.<\/p><p>Aber die Unmenschlichkeit, die Ausbeutung der Natur und der militante Imperialismus sind der Marktwirtschaft intrinsisch. Alle Versuche das zu ver&auml;ndern sind gescheitert: Egal ob w&auml;hrend der Franz&ouml;sischen Revolution, der bismarckschen Reformen, des New Deal in den USA, oder der Sozialen Marktwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, immer stand die h&auml;ssliche Fratze des Kapitalismus am Ende als Sieger da.<\/p><p>Colin Crouch hat diesen Mechanismus ja exakt analysiert. Und dabei ist es egal, ob man das Ph&auml;nomen Neoliberalismus, Manchester Kapitalismus, oder Staatskapitalismus sowjetischer oder chinesischer Pr&auml;gung nennt.<\/p><p>Privateigentum an Produktionsmitteln und Preise als (einziger) Allokationsmechanismus sind mit Demokratie und Freiheit unvereinbar. Insofern brauchen wir nat&uuml;rlich ein alternatives System. Aufgabe einer linken Politik w&auml;re es den Menschen diese Alternative konkret zu erkl&auml;ren und ihnen die Angst vor dem &Uuml;bergang zu nehmen. H&auml;lt man dagegen am bestehenden System fest, werden sich die Menschen Parteien suchen, die ihnen innerhalb dieses Systems die gr&ouml;&szlig;ten Vorteile versprechen. Egal auf wessen Kosten.<\/p><p>Mit freundlichem Gru&szlig; aus M&uuml;nchen<br>\nMartin Sutor<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>2. Leserbrief) <strong>Oliver Langer: Bemerkung zum Artikel Das &lsquo;System&rsquo; &uuml;berwinden<\/strong><\/p><p>(27.10.2017)<\/p><p>Sehr geehrter Herr M&uuml;ller,<\/p><p>zu Ihrem Beitrag &ldquo;Das &lsquo;System&rsquo; &uuml;berwinden &hellip;&rdquo; m&ouml;chte ich einige Bemerkungen loswerden:<\/p><p>Ich kann best&auml;tigen, dass auch in meinem Umfeld die Vorschl&auml;ge der Linken zum Teil als gr&ouml;&szlig;ere &ldquo;System&rdquo;-&Auml;nderungen wahrgenommen und damit abgelehnt werden. Ich glaube allerdings auch nicht, dass alleinig &ldquo;das explizite Eingest&auml;ndnis, dass System&uuml;berwindung nicht zu ihrem Programm geh&ouml;rt&rdquo; den erw&auml;hnten (und w&uuml;nschenswerten) Umschwung bringt, da wir es vordergr&uuml;ndig mit einem Erkennungsproblem in weiten Teilen der Bev&ouml;lkerung und nicht nur in den Teilen der AfD-Anh&auml;nger zu tun haben.<\/p><p>Unter anderem durch Ihre Seiten, wor&uuml;ber ich &auml;u&szlig;erst dankbar bin(!), ist mir klar geworden, in welch manipulativer Umgebung sich der &ldquo;gew&ouml;hnliche&rdquo; Politikinteressierte, und erst recht der Politikuninteressietre, befinden. Selbst so scheinbar klar ersichtliche Themen wie Armutszunahme, fortschreitende Privatisierung &ouml;ffentlicher Strukturen, Fragw&uuml;rdigkeit der verschiedenen Konfliktbegr&uuml;ndungen werden nicht wahrgenommen. Das ist ja z. T. auch Grundlage Ihrer T&auml;tigkeit. Ich glaube schon, dass die Wahrnehmung so langsam zunimmt. Allerdings bef&uuml;rchte ich auch, dass dies schlichtweg zu schleppend ist, d. h. die sich anbahnenden Krisenfolgen eventuell den Wettlauf gewinnen werden.<\/p><p>Somit sehe ich das Aufkl&auml;rungsproblem zumindest gleichwertig relevant &hellip; und vor allem nicht aussichtslos! Ich durfte dieses Jahr den Vortrag von Jens Berger in Hamburg miterleben &ndash; klasse, wie auf den Punkt genau und knackig die Probleme klar dargestellt wurden. Da reichten einfache Balkendiagramme und kurze Statements zur &ldquo;Umschuldung&rdquo; Griechenlands, um den Kern der Misere zu veranschaulichen. Im Vortrag wurde auch &ouml;fters gelacht, wurden K&ouml;pfe gesch&uuml;ttelt und andere &ldquo;Emotionen&rdquo; offenbar. Der Vortrag hat damit aufger&uuml;ttelt, einmal mehr die Augen ge&ouml;ffnet. <\/p><p>So, nun wechsel ich z. B. zu den Webseiten der &ldquo;Die Linke&rdquo; und dort z. B. auf &ldquo;Armut bek&auml;mpfen&rdquo; und sehe Text &hellip;Text, viel Text. Und gleich nach den ersten vier S&auml;tzen die Beschreibung, wie es eigentlich zu sein h&auml;tte &hellip;<\/p><p>Ich bin weder Marketing-Mensch, noch Webseitengestalter, stelle mir allerdings in jenen Momenten den Politiktypus vor, der vielleicht nicht so tiefgr&uuml;ndig interessiert ist, der dem allgemeinen Presserummel eher folgt und somit dem Thema &ldquo;Armut in Deutschland&rdquo; ohnehin kritisch gegen&uuml;bersteht. Oder stellen Sie sich den &ldquo;Uns-geht-es-doch-gut-Typen&ldquo; vor &ndash; der w&uuml;rde nicht mal das Thema anklicken, w&uuml;rde aber vielleicht bei einem Ihrer Vortr&auml;ge etwas ins Wanken kommen, da dort der Istzustand einfach knapper und zugleich, dank Faktendarstellung, detaillierter erscheint. <\/p><p>Meines Erachtens sollten sich linke Kr&auml;fte auch und zurzeit insbesondere um eine passende, digitale Aufbereitung der Beschreibung des Status quo k&uuml;mmern. Zum Beispiel bekomme ich beim Thema Armut durchklickbare Statistiken (auf der jeweiligen Seite und muss sie mir nicht zusammensuchen) und kann mir im Vorfeld dadurch ein Bild machen. Diese Statistiken f&uuml;hren mich dann zu Kernaussagen, die ich dadurch besser verstehen kann. Auf einer anderen Seite sehe ich z. B. die grafisch aufbereitete Chronologie unserer j&uuml;ngsten Russlandbeziehung, vielleicht erst ab Putins Rede im Bundestag beginnend, &uuml;ber NATO-Schutzschilderweiterung, Kosovo, Anf&auml;nge der Krimkrise, kann mich dabei zu den Details durchklicken etc. und kann so auch vielleicht die russische Perspektive einsehen. Eine weitere Sicht f&uuml;hrt mich zu Kernthesen der &ldquo;Schocktherapie&rdquo; und verweist grafisch auf exemplarische Ereignisse. Die ganzen Funktionen sind vielleicht sogar als App verf&uuml;gbar und lassen sich schnell &uuml;ber die Sozialen Netzwerke teilen &hellip; quasi das detailreiche, knackige und ein wenig emotionsgeladene Darstellen der Fakten. <\/p><p>In diesem Ansatz klicke ich mich schneller durch, besuche nicht nur textuelle Seiten und bekomme die Themen mit Daten untermalt auf den Punkt gebracht. Dies soll jedoch nicht dem Ansatz der &ldquo;BILD&rdquo; entsprechen, sondern prim&auml;r Datenaufbereitungen zur (alternativen) Wahrnehmung in den Vordergrund stellen, und als solche den manipulativen Tendenzen der Medienlandschaft standhalten k&ouml;nnen.<\/p><p>Mit einer breiteren Wahrnehmung der Themen kommen mehr Diskussionen auf die Stra&szlig;e und diese werden den Mainstream der gro&szlig;en Parteien zwangsl&auml;ufig infrage stellen bzw. andere Themen und andere Ans&auml;tze\/Parteien beg&uuml;nstigen. Mit einer &ldquo;System&uuml;berwindung&rdquo; lie&szlig;en sich ein paar Prozent der AfD-Anh&auml;nger und einiger Wackelkandidaten gewinnen, mit einer Aufkl&auml;rungskampagne vielleicht gr&ouml;&szlig;ere Teile der (noch) CDU-, SPD-, Gr&uuml;nen- und FDP-W&auml;hler. <\/p><p>Viele Gr&uuml;&szlig;e<br>\nOliver Langer<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>3. Leserbrief) <strong>A. Maack: Heiner Flassbeck &ndash; Das &bdquo;System&ldquo; &uuml;berwinden &ndash; eine wirre Vorstellung, die das linke Lager auf Dauer von der Macht fernhalten wird.<\/strong><\/p><p>(27.10.2017)<\/p><p>Sehr geehrter Herr M&uuml;ller,<\/p><p>die Vorstellung, der Kapitalismus w&auml;re f&uuml;r die &ldquo;Allgemeinheit&rdquo; ver&auml;nderbar zum Besseren war schon immer ein Trugschluss, vor allem wohl in der Sozialdemokratie. Als &ldquo;wirre Vorstellung&rdquo; kann ich nur bezeichnen, wenn man versucht den Menschen zu erz&auml;hlen, das herrschende System m&uuml;sse nur von den richtigen Politikern mit dem richtigen Verst&auml;ndnis f&uuml;r wirtschaftliche Zusammenh&auml;nge regiert werden, dann w&uuml;rde &uuml;ber eine entsprechende Gesetzgebung schon daf&uuml;r gesorgt, dass ein sozialer Ausgleich f&uuml;r alle Schichten der Bev&ouml;lkerung geschaffen wird.<\/p><p>Das ist nach meiner Einsch&auml;tzung jedoch von Grund auf falsch. Die Grundcharakteristik des Kapitalismus beruht auf der &ldquo;Ausbeutung des Menschen durch den Menschen&rdquo;. Daran &auml;ndert auch die Unterteilung in fr&uuml;he oder sp&auml;te Perioden oder verschiedene Modelle des Kapitalismus nichts, und diese Charakteristik kann nicht ge&auml;ndert werden. Nur mit einer neuen Gesellschaftsordnung kann das &uuml;berwunden werden. Da der Begriff Sozialismus stark mit der DDR verbunden ist und diese heute immer noch nach Kr&auml;ften und in allem schlecht geredet wird, ist dieser Begriff in den K&ouml;pfen vieler Leute negativ besetzt. Mit dem Begriff Kommunismus verh&auml;lt es sich ganz &auml;hnlich. &Uuml;ber Jahrzehnte wurde damit u. a. die v&ouml;llige Gleichmacherei und Enteignung jedweden Privateigentums propagiert, sodass auch dieser Begriff eher nicht verwendbar ist. Es ist also schwierig, eine Gesellschaftsordnung zu benennen und zu beschreiben, die es noch nicht gegeben hat. Den Kapitalismus deswegen als alternativlos zu bezeichnen ist jedoch eher kontraproduktiv und ganz sicher nicht das letzte Wort in der Geschichte.<\/p><p>Heute bestehende Errungenschaften entstanden auch immer in fr&uuml;herer Zeit aus Spinnereien und Tr&auml;umen einiger Weniger, die mit der Zeit in den K&ouml;pfen Vieler als erreichbare und lohnende Ziele Gestalt annahmen, die im Kampf und in der Arbeit dieser Vielen dann irgendwann erreicht wurden. Das Ziel darf nicht sein, die Tr&auml;ume f&uuml;r eine bessere Zukunft der Menschen aufzugeben zugunsten einer &ldquo;realit&auml;tsbezogenen&rdquo; Politikgestaltung, die bei der Partei Die Linke doch immer wieder dazu f&uuml;hrt, die Interessen Ihrer W&auml;hler zu vergessen, sobald sie Regierungsverantwortung &uuml;bernommen hat (siehe Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und aktuell jetzt auch Th&uuml;ringen).<\/p><p>Die Linke ist gespalten, nicht nur in ihren Zielen, sondern auch in der Methodik der Umsetzung. Die st&auml;ndigen Grabenk&auml;mpfe und Intrigen innerhalb der Partei werden den Anteil der W&auml;hlerstimmen nicht erh&ouml;hen. Sollen die um jeden Preis &ldquo;Regierungswilligen&rdquo; doch in die SPD wechseln, da sind sie &ndash; betrachtet man die Entwicklung dieser Partei &uuml;ber die letzten Jahrzehnte &ndash; doch eigentlich viel besser aufgehoben.<\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\nA. Maack<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>4. Leserbrief) <strong>Alexandar Allinger: Leserbrief zu &ldquo;Das &ldquo;System&rdquo; &uuml;berwinden&rdquo;<\/strong><\/p><p>(27.10.2017)<\/p><p>Sehr geehrter Herr M&uuml;ller,<\/p><p>ich denke, ein Systemwechsel, aber auch eine deutliche Systemver&auml;nderung, bed&uuml;rfen einer langfristigen Vision, einer Zielvorstellung, von der aus sich die n&ouml;tigen Ma&szlig;nahmen vom Hier und Heute bis zum Zielzeitpunkt auf der Zeit-\/und Raumskala verteilen lassen. D. h., welche Ma&szlig;nahmen m&uuml;ssen wo und wann stattfinden, um dahin zu kommen, wohin man m&ouml;chte. Ohne langfristiges Ziel f&auml;hrt man Zickzack oder dreht sich im Kreis oder bewegt sich schlimmstenfalls in die falsche Richtung.<\/p><p>Meine Vision st&uuml;tzt sich auf das Konzept des &ouml;kologischen Fu&szlig;abdrucks. Wenn Sie dieses Konzept f&uuml;r nicht plausibel halten, w&auml;re ich an einer Begr&uuml;ndung sehr interessiert.<\/p><p>Wenn wir als Menschheit langfristig &uuml;berleben wollen, sollten wir einen globalen Fu&szlig;abdruck von eins anstreben. Aktuell stehen wir global bei 1,7. Die sich darin zeigende &Uuml;bernutzung der Erde dr&uuml;ckt sich z. B. in Ph&auml;nomen wie Klimawandel, Artensterben, Ozeanversauerung, Wetterextremen, Verlust der Bodenfruchtbarkeit oder der Degradierung von &Ouml;kosystemen aus.<\/p><p>Nun sind die 1,7 verbrauchten Planeten sehr ungleich verteilt. W&auml;hrend unser Industrieland-Lebensstil bei globaler Anwendung drei bis sechs Planeten (z. B. Deutschland 3,2; USA, Australien &gt; 5) verbrauchen w&uuml;rde, also weit &uuml;berdurchschnittlich produziert und konsumiert, leben die Menschen in &ldquo;armen&rdquo; L&auml;ndern in Afrika oder Asien auf eine Weise, die auf alle Menschen &uuml;bertragen, global weniger als 0,5 Planeten ben&ouml;tigen w&uuml;rde.<\/p><p>Auch ist festzustellen, dass sich der globale Fu&szlig;abdruck, und die &Uuml;bertragungen von einzelnen L&auml;ndern auf die globale Skala, auf die heutige Weltbev&ouml;lkerung von ca. 7 Mrd. Menschen beziehen. Die Zahl der Menschen soll aber bis 2050 auf etwa 10 Mrd. Menschen anwachsen, was z. B. den deutschen Fu&szlig;abdruck, ohne jegliches Wirtschaftswachstum, um knapp 50 %, auf fast f&uuml;nf Planeten ansteigen lassen w&uuml;rde (wenn alle 10 Mrd. so leben w&uuml;rden wie wir heute). Der tats&auml;chliche globale Fu&szlig;abdruck w&uuml;rde wahrscheinlich etwas unterproportional ansteigen, da der Hauptbev&ouml;lkerungszuwachs in &ldquo;armen&rdquo; L&auml;ndern erwartet wird, aber es ist sicherlich mit einem Wert von ca. 2,5 bis 3 zu rechnen, allein verursacht durch das Bev&ouml;lkerungswachstum, ohne Ber&uuml;cksichtigung eines durch wachsende Volkswirtschaften bedingten Anstiegs bis 2050. Es ist schwer vorstellbar, dass eine solche Entwicklung ohne drastische Einschr&auml;nkung der &ouml;kologischen Grundlagen unserer Existenz einhergehen kann.<\/p><p>Zur&uuml;ck zur Vision. Im Jahr 2100 betr&auml;gt der globale Fu&szlig;abdruck der Menschheit eins. Dabei sind die Abdr&uuml;cke der unterschiedlichen Lebensstile nah beieinander, sodass die Inanspruchnahme der Ressourcen global weitgehend gleich verteilt ist. Das w&uuml;rde f&uuml;r mich gerecht bedeuten (aber zur Gerechtigkeit gibt es nat&uuml;rlich verschiedene Sichtweisen), und es ist schwer vermittelbar, warum manche Gesellschaften dauerhaft auf Kosten anderer leben d&uuml;rfen (auch wenn dies in der Vergangenheit immer so war).<\/p><p>Wenn wir dieses Ziel in den n&auml;chsten 82 Jahren erreichen wollen, k&ouml;nnen wir zum einen darauf hoffen, dass sich die Menschheit bis dahin durch Kriege, Umweltkatastrophen oder Epidemien stark reduziert (und wir davon nicht betroffen sind &hellip;) oder, dass wir noch ein paar taugliche Planeten finden, auf die so viele Menschen umziehen k&ouml;nnen, bis der Fu&szlig;abdruck der Verbleibenden eins ist.<\/p><p>Alle, die daran nicht glauben m&ouml;chten, ben&ouml;tigen ein &ouml;konomisches System, das den aktuellen &Uuml;berverbrauch, und die massive Ungleichverteilung, korrigieren kann. Wahrscheinlich brauchen wir verschiedene Systeme, denn manche Regionen m&uuml;ssen wachsen, andere deutlich schrumpfen, was ihren &ouml;kologischen Fu&szlig;abdruck angeht.<\/p><p>Da bei uns Schrumpfen angesagt w&auml;re, ist zu &uuml;berlegen, ob der Kapitalismus dies leisten k&ouml;nnte. Zentral ist f&uuml;r mich hierbei die Frage, ob ein kapitalistisches System ohne Wachstum, bzw. mit Schrumpfung, &uuml;berhaupt funktionieren kann. Denn Wachstum w&auml;re nur m&ouml;glich, wenn man an die absolute Entkopplung desselben vom Ressourcenverbrauch\/Schadstoffaussto&szlig; glaubt. Dass eine solche absolute Entkopplung, d. h. wachsende Wirtschaft bei schrumpfendem Ressourcenverbrauch\/Schadstoffaussto&szlig;, selbst unter optimistischsten Annahmen nicht realistisch ist, hat Tim Jackson in seinem Buch &ldquo;Wohlstand ohne Wachstum&rdquo; mit einigen Beispielrechnungen eindr&uuml;cklich gezeigt.<\/p><p>Deshalb denke ich, dass wir mittel- bis langfristig ein System brauchen, das keinem gesamtwirtschaftlichen (BIP) Wachstumszwang unterliegt. Wenn dies f&uuml;r den Kapitalismus zutrifft, k&ouml;nnte er auch f&uuml;r meine Vision 2100 noch tauglich sein, obgleich auch die dem Kapitalismus immanente Wettbewerbs- und Konkurrenzlogik einer halbwegs gerechten Verteilung, der zur Verf&uuml;gung stehenden Ressource &ldquo;Erde&rdquo;, entgegensteht.<\/p><p>Wie dem auch sei, kurzfristig ist ein Ausstieg aus dem Kapitalismus sicherlich nicht realisierbar und kann kein politisches Programm sein. Allerdings sollten die Weichen schon heute in eine Richtung gestellt werden, die eine wachstumsunabh&auml;ngige Entwicklung der Wirtschaft erm&ouml;glicht. Dabei wird uns der Kapitalismus sicher noch einige Legislaturen begleiten, wenn auch in ver&auml;ndernder Form.<br>\nNichts anderes formuliert aus meiner Sicht die LINKE in ihrem Parteiprogramm, wenn sie ihren demokratischen Sozialismus propagiert. Dies ist keine Abkehr vom Kapitalismus, sondern lediglich eine deutliche Ver&auml;nderung in Richtung st&auml;rkerer Regulierung und Umverteilung sowie Verschiebung gr&ouml;&szlig;erer Teile der Wirtschaft in die &ouml;ffentliche Hand und damit unter demokratische Kontrolle. Es ist nicht die Rede von Planwirtschaft oder Abschaffung des Privateigentums. Es wird weiterhin private Unternehmen geben, die nach kapitalistischen Prinzipien wirtschaften.<\/p><p>Die Wiederherstellung des DDR-Sozialismus oder &auml;hnlicher Systemwandel wird lediglich nach wie vor von gro&szlig;en Teilen der &Ouml;ffentlichkeit auf die LINKE projiziert, entspricht aber nicht dem Programm oder den Aussagen im Wahlkampf. Von daher sehe ich bei der LINKEN auch weniger ein inhaltlich-programmatisches, als vielmehr ein Image- und Kommunikationsproblem, was die Vorstellungen der Partei vom Wirtschaftssystem angeht.<\/p><p>Wahrscheinlich ist ein per demokratischem Sozialismus geb&auml;ndigter und eingehegter Kapitalismus ein Schritt in die richtige Richtung meiner Vision 2100, aber es wird nicht reichen, weil konkrete Szenarien zur Reduktion des &ouml;kologischen Fu&szlig;abdrucks fehlen. Aber vielleicht sind solche auch erst in einer zweiten Phase sinnvoll, auf der Basis eines stark ver&auml;nderten, sozialeren Kapitalismus.<\/p><p>Eine fertige L&ouml;sung gibt es nicht, aber &auml;ndern muss sich einiges. Uns stehen als Menschheit spannende Jahrzehnte gro&szlig;er Umbr&uuml;che bevor, ob wir das wollen oder nicht. Change by design or desaster &ndash; das ist hier die Frage.<\/p><p>Viele Gr&uuml;&szlig;e und ein sch&ouml;nes Wochenende<br>\nAlexandar Allinger<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>5. Leserbrief) <strong>Benjamin Siegler: Zum Artikel: &ldquo;Das &bdquo;System&ldquo; &uuml;berwinden &ndash; eine wirre Vorstellung &hellip;&rdquo;<\/strong><\/p><p>(27.10.2017)<\/p><p>Guten Tag,<\/p><p>ich habe noch nie einen schw&auml;cheren Beitrag auf den NDS gelesen als diesen Kommentar von Heiner Flassbeck.<\/p><p>Schon die Einleitung von Albrecht M&uuml;ller empfinde ich als anma&szlig;end, nach dem Motto: Die ungebildeten Verzweifelten (Hartz-IV-ler und Co.) sehnen sich nach einer System&auml;nderung, aber als vern&uuml;nftig denkender, verantwortlicher Mensch muss man das ablehnen.<\/p><p>Es mag sein, dass sich manche radikalen Systemkritiker im Ton vergreifen, ich geh&ouml;re nicht dazu. Es ist auch richtig, dass man sich auf der Linken nicht auseinanderdividieren lassen sollte, z. B. und v. a. bei der Fl&uuml;chtlingspolitik.<\/p><p>Was ist denn &ndash; bittesch&ouml;n &ndash; das Konzept der von mir sonst hochgesch&auml;tzten Wagenknecht\/ Lafontaine oder auch von Flassbeck bzgl. der Fl&uuml;chtlingspolitik?<\/p><p>Ich h&ouml;re nur, es gebe Grenzen der Aufnahmef&auml;higkeit und man m&uuml;sse die Sorgen der Menschen ernst nehmen. Sch&ouml;n und gut &ndash; und daraus folgt was? Die St&auml;rkung von Sozialstaat und Polizei in Deutschland, mehr Fl&uuml;chtlingshilfe in den Anrainerstaaten der Krisengebiete sowie eine Beendigung von Milit&auml;reins&auml;tzen der NATO und Waffenexporten reichten &ndash; so richtig sie w&auml;ren &ndash; auch nicht aus. Trotzdem kommen immer mehr Fl&uuml;chtlinge, v. a. wegen des Klimawandels und der Bev&ouml;lkerungsexplosion in Afrika.<\/p><p>Diese o. g. Ma&szlig;nahmen (v. a. die Beendigung von Milit&auml;reins&auml;tzen der NATO) k&auml;men im &Uuml;brigen bereits einer &ldquo;&Uuml;berwindung des Kapitalismus&rdquo;* gleich! Der Krieg ist dem Kapitalismus systemimmanent.<\/p><p>Und ohne das*, ist das Fl&uuml;chtlingsproblem &ndash; wie viele andere wichtige Probleme auch &ndash; nicht zu l&ouml;sen.<\/p><p>Was f&uuml;r eine absurde Debatte &uuml;brigens, sicher auch von manchen Kapitalismuskritikern: Es geht doch nicht um Kapitalismus oder Kommunismus (oder so) &ndash; beides hat in dieser Form versagt! Es geht darum, ein neuartiges, besseres System zu schaffen aus verschiedenen Systemformen der Vergangenheit und sicher auch neuartigen Elementen.<\/p><p>Viele Gr&uuml;&szlig;e<br>\nBenjamin Siegler<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>6. Leserbrief) <strong>Jan Susai: Das &bdquo;System&ldquo; &uuml;berwinden &ndash; eine wirre Vorstellung, die das linke Lager auf Dauer von der Macht fernhalten wird.<\/strong><\/p><p>(27.10.2017)<\/p><p>Liebe Nachdenkseitenredaktion,<\/p><p>einer der besten Artikel der letzten Jahre &ndash; super. Endlich wird das Dilemma einer linken, oder sagen wir es doch, wie es ist, &ndash; einer progressiv fortschrittlichen Alternative deutlich. Die Kommunikation zum W&auml;hler &ndash; das ist alles so akademisch abgehoben. <\/p><p>Die Linken k&ouml;nnen nicht verkaufen und wenn Sie es versuchen, machen Sie es mit den falschen Themen\/Worten und &uuml;berzeugen nicht. <\/p><p>Bitte setzen Sie sich f&uuml;r eine Kampagne ein: Links ist kein Systemwechsel &ndash; sondern ein Kapitalismus mit menschlichem Antlitz! Mit klaren Regeln f&uuml;r ALLE in einer freiheitlichen Gesellschaft.<\/p><p>Sch&ouml;nes Wochenende <\/p><p>Mit besten Gr&uuml;&szlig;en<br>\nJan Susai<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>7. Leserbrief) <strong>S. G.: Das &bdquo;System&ldquo; &uuml;berwinden &ndash; eine wirre Vorstellung, die das linke Lager auf Dauer von der Macht fernhalten wird.<\/strong><\/p><p>(28.10.2017)<\/p><p>Sehr geehrter Herr M&uuml;ller,<\/p><p>den Beitrag von Herrn Flassbeck verstehe ich so, dass es eine Alternative zum bestehenden System nicht gibt, sondern nur Ver&auml;nderungen innerhalb desselben. Dieser Meinung kann man sein. Es ist aber geradezu grotesk, Andersdenkenden Phantasielosigkeit und mangelndes Wissen vorzuwerfen, wenn man selbst so einspurig unterwegs ist. Der Ausdruck Spinnereien ist diffamierend. Herr Flassbeck redet von Menschen, die &ndash; verzweifelnd an der Demokratie westlicher Couleur &ndash; auf der Suche sind nach einem Miteinander, das den Menschen und nicht das Kapital in den Vordergrund stellt. Sie, Herr M&uuml;ller, sagen in Ihrem Vorwort, dass man dem Hartz-IV-Empf&auml;nger ja eine solche Verirrung zubilligen kann, nicht aber den erstzunehmenden Personen in politischer oder wissenschaftlicher Funktion. Das wirkt abwertend und &uuml;berheblich. Gerade die Verlierer dieses, laut Herrn Flassbeck alternativlosen, Systems Kapitalismus k&ouml;nnen sehr gut beurteilen, wem es n&uuml;tzt und wem nicht. Mein Demokratieverst&auml;ndnis geht dahin, dass man vorurteilsfrei &uuml;ber andere Systeme diskutieren sollte. Wenn man das nicht mehr will, nicht mehr kann oder nicht mehr darf, ist etwas Grundlegendes falsch.<\/p><p>Freundliche Gr&uuml;&szlig;e<br>\nS. G.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>8. Leserbrief) <strong>Bertram Burian: Leserbrief zu &ldquo;Das &bdquo;System&ldquo; &uuml;berwinden &ndash; eine wirre Vorstellung, die das linke Lager auf Dauer von der Macht fernhalten wird.&rdquo;<\/strong><\/p><p>(28.10.2017)<\/p><p><em>Was uns allen fehlt, ist eine Perspektive hinter der sich die 99 % mit Kraft sammeln k&ouml;nnen.<\/em><\/p><p>Aber es geht!<\/p><p><em>3rules2new1world<\/em><\/p><p>Ich finde es sehr wichtig, dass diese Debatte (das &ldquo;System&rdquo; &uuml;berwinden &hellip;) stattfindet. Es geht um alles. Das Finanzsystem wird zusammenbrechen. Kriegsgefahr droht. Das &ouml;kologische Gleichgewicht ist bereits nachhaltig gest&ouml;rt. Je fr&uuml;her wir eine Perspektive haben, wie eine Zukunft f&uuml;r die Menschheit aussehen kann, desto besser. Chancen gibt es bessere als je zuvor &ndash; wir m&uuml;ssen nur den Weg erkennen. Und der Weg wird das, was wir heute (wieder) Kapitalismus nennen aufheben m&uuml;ssen (auch wenn Albrecht M&uuml;ller mit Heiner Flassbeck das eine Nicht-Aufhebung des Systems nennen mag und zugleich f&uuml;r die Aufhebung des Systems Tag f&uuml;r Tag arbeitet). Das aber, was 170 Jahre unter den Revolution&auml;ren als kommunistische Alternative galt, wagt keiner mehr offen als Perspektive auszusprechen &ndash; mit gutem Grund (!) &ndash; aber nur aus einem Bauchgef&uuml;hl heraus. Bestenfalls wird noch auf den guten Marx verwiesen (&uuml;brigens auch von Albrecht M&uuml;ller, der aufrief: &ldquo;Den Kapitalismus verstehen, hei&szlig;t Karl Marx verstehen&rdquo;). Aber Perspektive ergibt sich daraus genauso wenig, wie Marx selbst je eine konkrete Perspektive erarbeitet hatte.<\/p><p>Was uns allen fehlt, ist eine Perspektive hinter der sich die 99 % mit Kraft sammeln k&ouml;nnen. Sie muss auf einer ernst zu nehmenden Analyse beruhen und sie muss die Fesselung des gedanklichen Antagonismus von Kapitalismus und Sozialismus sprengen. Das geht nur, wenn eine gute und gerechte Welt f&uuml;r alle in neuen Regeln festgelegt wird. Dazu muss der Kapitalismus, aber es m&uuml;ssen auch die Fehler von Marx &uuml;berwunden werden, und zwar nicht vom Standpunkt der Rettung des Vorteils der weltweiten &ldquo;Gewinner&rdquo; und der von ihnen abh&auml;ngigen &ldquo;relativen Gewinner&rdquo;, sondern vom Standpunkt der ausgebeuteten, ausgepl&uuml;nderten und verheizten Menschen dieser Welt. Und es muss ein System sein, das funktionieren kann. Und der &Uuml;bergang vom bestehenden System in das Neue muss durch die Macht der 99 % (die demokratisch legitimiert ist!), aber ohne Gewaltansatz erreicht werden k&ouml;nnen.<\/p><p>Die neuen Regeln sind bei nativer Betrachtung der &ouml;konomischen Wirklichkeit leicht aufgestellt, wenn man sich nur von den wichtigsten Fetisch- und Ideologie-Fesseln befreit und sich der Propaganda der weltweiten Bereicherungseliten entzogen hat. Das ist schwierig &ndash; die neuen Regeln aufzustellen ist dann jedoch relativ leicht.<\/p><p>Ich werde unter dem Titel: &ldquo;3rules2new1world&rdquo; meine Analyse, meine Thesen und meine Vorschl&auml;ge ver&ouml;ffentlichen. Noch ist es nicht so weit. Der Alltag l&auml;sst mir zu wenig Zeit. Aber ich habe mein Leben lang nachgedacht. Ich habe etwas Wichtiges zu sagen. Mit Unterst&uuml;tzung k&ouml;nnte ich vielleicht fr&uuml;her fertig werden.<\/p><p>Wir h&ouml;ren uns, bis bald.<br>\nBertram Burian<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>9.. Leserbrief) <strong>J&uuml;rgen Schmid: Leserbrief zu Flassbeck &bdquo;Parteien: Gibt es nur eine Alternative im Nirgendwo&ldquo;<\/strong><\/p><p>(29.10.2017)<\/p><p>Ich bin ja eigentlich ein Fan von Heiner Flassbeck und lese fast alles was er ver&ouml;ffentlicht. Sein Artikel &bdquo;Gibt es nur eine Alternative im Nirgendwo&ldquo; irritiert mich allerdings. Oder &hellip; ich wei&szlig; nicht so genau, worauf der Heiner da eigentlich raus will. <\/p><p>Wenn er ganz am Schluss den Linken ein Godesberg empfiehlt, also ein Abschw&ouml;ren von der sozialistischen Utopie, dann w&uuml;rde ich antworten: &bdquo;Ob das der SPD wirklich so gutgetan hat, ist ja auch nicht wirklich erwiesen&ldquo;. Man k&ouml;nnte seine Aussage auch damit abtun, dass er als bekennender Schumpeterianer gar nicht anders kann. F&uuml;r Schumpeter ist die Lichtgestalt auf Erden schlechthin der &bdquo;kreative Kapitalist&ldquo;, der permanent ver&auml;ndert, innoviert und die Wirtschaft nach vorne treibt. Kapitalismus ist f&uuml;r Schumpeter ein ewiges System, das mit statischen Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten nicht zu fassen ist und letztendlich die menschlichen Bed&uuml;rfnisse immer besser befriedigt. Wenn man&lsquo;s so sieht, ist die Aussage &bdquo;Sozialismus im Nirgendwo&ldquo; schlicht tautologisch und eigentlich &uuml;berfl&uuml;ssig, weil, wenn Kapitalismus immer w&auml;hrt, wo kann der Sozialismus, die wirtschaftliche Alternative, dann nur sein? Genau, im Nirgendwo.<\/p><p>Nun sagt der Flassbeck, das Beharren der Linken auf einer wirtschaftlichen Alternative zum Kapitalismus sei der eigentliche Grund f&uuml;r ihr sektenhaftes Wahlergebnis. Nun, zum einen ist das Dasein der Linken mit 9 % gar nicht mehr so sektenhaft, wie noch vor wenigen Jahren. Zum Zweiten hat der Begriff des Sozialismus, auch wenn sich jeder etwas anderes darunter vorstellt, seinen Schrecken in weiten Teilen verloren. Bernie Sanders ist als Sozialist aufgetreten, gut zugegeben Sozialismus f&auml;ngt f&uuml;r den Amerikaner bei der Krankenversicherung an, ohne diese Provokation h&auml;tte er vermutlich keine so gro&szlig;e Resonanz gefunden. Jeremy Corbyn ist ein weiteres Beispiel. Bei beiden lagen fast alle renommierten Politologen, Soziologen und Politiker mit ihren Einsch&auml;tzungen, ein linker &bdquo;ideologischer&ldquo; Wahlkampf k&ouml;nne nicht erfolgreich sein, grottenfalsch.<\/p><p>Und selbst Thomas Walde hat es im Heute-Interview nicht geschafft, seine Sozialismuskeule gegen&uuml;ber Sarah Wagenknecht wirksam zum Einsatz zu bringen. Sie hat einfach mit der Post, die fr&uuml;her ja schon mal in Staatsbesitz war, gekontert, oder darauf hingewiesen, dass die Vergesellschaftung einer Bank, die der Staat faktisch schon gekauft hat, wohl auch kein so schweres Verbrechen sein k&ouml;nne. <\/p><p>Also, alles in allem ist der Kapitalismus inzwischen soweit heruntergewirtschaftet, dass wirtschaftspolitische Alternativen, auch wenn sie in der Zukunft liegen, den Menschen eher Hoffnung geben, als sie in Schrecken zu versetzen. Und wenn man nicht alles, was heute ist, als Kapitalismus begreift, wird man feststellen, dass es &uuml;berall kleine sozialistische Inseln gibt, die teilweise schon lange im Kapitalismus gedeihen. Dies ist der &ouml;ffentliche Sektor, also z. B. kommunale Verkehrsbetriebe, die Stadtwerke, aber auch Baugenossenschaften, die sich tapfer gegen den spekulativ getriebenen Wohnungsbau behaupten. So weit im Nirgendwo liegt der Sozialismus oder die wirtschaftliche Alternative nun auch wieder nicht.<\/p><p>Mit seiner Kritik der sektiererischen Linken, die sich bei &bdquo;Der Linken&ldquo; derzeit auf die Fl&uuml;chtlingspolitik eingeschossen hat, liegt Flassbeck sicher richtig. Dieses Ph&auml;nomen ist aber so alt wie die Linke insge-samt. Immer gibt es die Gralsh&uuml;ter der sozialistischen, marxistischen oder sonst einer Wahrheit, die jedes Abweichen, jeden Kompromiss als Verrat an der reinen Lehre begreifen. Das sind aber eher Probleme des moralischen Rigorismus oder einer romantischen Suche nach dem edlen Wilden, der diesmal nicht auf einer S&uuml;dseeinsel, sondern im zuk&uuml;nftigen Land des Sozialismus, der nicht durch Realit&auml;t befleckt werden darf, zu finden ist. <\/p><p>Also lasst uns Wege suche und auch finden, die zu einer Gesellschaft mit menschlichem Antlitz, ohne Ausbeutung und Kriege f&uuml;hren. Ich jedenfalls nenne ein solches Land weiterhin Sozialismus.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>10. Leserbrief) <strong>Siegrid Baumann: Heiner Flassbeck Artikel<\/strong><\/p><p>(29.10.2017)<\/p><p>Sehr geehrter Herr Albrecht M&uuml;ller, sehr geehrter Herr Heiner Flassbeck,<\/p><p>als Abonnent der Heiner Flassbeck Webseite und Verehrer bzw. Anh&auml;nger von ihm\/Ihnen bin ich wahrhaftig wenig begeistert von dieser\/Ihrer Einsch&auml;tzung aus dem Artikel &ldquo;Gibt es eine Alternative im Nirgendwo&rdquo; (Ich werde diese Zuschrift auch an H. Flassbeck senden.)<\/p><p>1. Wenn es denn nur so w&auml;re mit der dominanten Betonung der Revolution und der Beseitigung des Kapitalismus in der Linken, dann k&ouml;nnte man m&ouml;glicherweise froh sein. Immer mehr ist Die Linke n&auml;mlich zu Reformgedanken und evolution&auml;ren Vorstellungen von der Entwicklung dieser Welt gegangen, zuletzt mit Sahra Wagenknecht, der angeblichen Kosmopolitin, ja, sie ist angekommen in dieser Gesellschaft, w&auml;hrend die allgemeine Stimmung in der Bev&ouml;lkerung den Kapitalismus immer mehr infrage zu stellen scheint. Es ist richtig, dass diese Bev&ouml;lkerung nicht f&uuml;r gewaltsame Umbr&uuml;che ist, erst recht nicht f&uuml;r kriegerische Auseinandersetzungen. Es geht vielen gut oder noch einigerma&szlig;en gut. Aber sie sehen auch, wie die Gewalt auf uns zukommt. Da n&uuml;tzt die beste Demokratie nichts mehr.<\/p><p>Sehr geehrter Herr Flassbeck, werden Stimmungen und Mehrheiten von Ihnen nicht zu sehr verabsolutiert? Was aber, wenn sie auch nicht immer richtig sind? Und das ist so. Ich &uuml;berspitze: Wenn die Leute die AfD w&auml;hlen, dann haben sie vielleicht recht? Oder gar Hitler?<\/p><p>2. Ist das vielleicht ein Grund f&uuml;r die Nichtwahl der Linken? Sind die Leute nicht vielleicht dar&uuml;ber entt&auml;uscht, dass Die Linke nicht einmal mehr protestiert, ganz zu schweigen davon, dass sie immer weniger machbare Alternativen aufzeigt zur herrschenden Gesellschaft? Auf jeden Fall hatten viele das Gef&uuml;hl, dass sie mit Der Linken nicht mehr protestieren k&ouml;nnen gegen diese Politik, wobei viele gegen die Politik und die Politiker sind, aber oftmals nicht sehen, wer die M&auml;chtigen dahinter sind. Gerade das aber w&auml;re ein wichtiger Unterschied zur AfD, der von den Linken viel st&auml;rker besetzt werden muss.<\/p><p>3. Gerade dem Osten, wo Die Linke so allm&auml;chtig an Stimmen verloren hat, wird Nostalgie vorgeworfen. Es ist bekannt, dass die DDR hier als zwar gescheitert und nicht wieder zur&uuml;ckholbar angesehen wird, dass viele aber auch heute verstehen, dass solch ein Modell geht, dass man es besser machen muss (und kann?). Den knappen Bemerkungen von Heiner Flassbeck und Albrecht M&uuml;ller zur DDR kann ich entnehmen, dass auch sie sich der allm&auml;chtigen Propagandaschlacht zur DDR &ndash; warum ist eine solche in dieser Vehemenz wohl &uuml;berhaupt n&ouml;tig? &ndash; nicht haben entziehen k&ouml;nnen. Statt genauer hinzusehen, tun sie die DDR einfach ab. Ein Gro&szlig;teil der &ouml;stlichen Bev&ouml;lkerung hat seinen Lebenslauf hier verloren, ist entwurzelt worden, ist bis heute benachteiligt, wird quasi bestraft und vom Westen regiert, ja sogar versorgt und mit Billigwaren &uuml;berflutet. Dieses von oben herab auf uns Schauen ist das Schlimmste, obwohl z. B. auch Sie beide die so wichtigen anderen Erfahrungen nicht gemacht haben.<\/p><p>&Uuml;brigens, die Mehrzahl der Stimmen f&uuml;r die AfD kam wohl aus den alten Bundesl&auml;ndern.<\/p><p>Sie sehen, auf mich trifft die Hoffnung auf einen besseren Sozialismus durchaus zu.<\/p><p>4. Entscheidend ist: Als in den letzten Jahren im Zusammenhang mit Russland die Kriegsgefahr ins Unermessliche stieg, ging zudem in dieser Hinsicht geradezu ein Ruck durch die Bev&ouml;lkerung. Der Kapitalismus, nicht nur der sp&auml;ter entstandene Neoliberalismus, wurde zur wiederholten Bedrohung der Menschheit. Dem wurde Die Linke nicht gerecht. Au&szlig;enpolitisch bleibt ihr Konzept unklar.<\/p><p>5. Die Linke hat mit ihrer heutigen F&uuml;hrung auf dem Gebiet der Fl&uuml;chtlingspolitik z. B. sehr plakative und naive Vorstellungen. Dieser Politikstil ist kontraproduktiv. (Ich erinnere mich auch noch der euphorischen Erkl&auml;rung vor der Bundestagswahl 2013 von K. Kipping: Wir sind f&uuml;r die EU.)  Alles klingt auch sehr vern&uuml;nftig und wenig provokativ. Gute Vorschl&auml;ge und wenig Biss. Zudem legen die Linken viel zu wenig Wert auf eine au&szlig;erparlamentarische T&auml;tigkeit, auf &ouml;ffentlichen Protest.<\/p><p>6. Wie in der Vergangenheit gegen Die Linke, so wird heute immer wieder und lauter gegen die AfD und deren Repr&auml;sentanten schwadroniert, etikettiert und verurteilt.<\/p><p>Es kommt mir so vor, als ob die breite Front aus CDU, CSU, FDP, Gr&uuml;nen und SPD so unterschiedlich von der AfD nicht ist. Eigentlich werden die Machtverh&auml;ltnisse von all diesen Parteien nicht angetastet. Manche behaupten sogar, dass die Politik sie als letztes Mittel gegen die Unzufriedenheit der B&uuml;rger geschaffen habe. Wichtig ist jedoch, das Gedankengut, das dahintersteckt und das die AfD wohlweislich bez&uuml;glich der zuk&uuml;nftigen Entwicklung bewusst zur&uuml;ckh&auml;lt, aufzudecken. Einmal ist da vor allem eine gekonnte berechtigte Kritik an den Politikm&auml;ngeln bemerkbar &ndash; die Wahlplakate der AfD trafen den Nerv. Hier sind bestimmte &Auml;hnlichkeiten zwischen AfD und Linken m&ouml;glich. Nur scheint die AfD glaubw&uuml;rdiger, weil es doch so ist, dass Deutschland schlecht oder gar nicht regiert wird und durchweg auf der ganzen Breite R&uuml;ckst&auml;nde entstanden sind, auch weil Frau Merkel wie ein &ldquo;Bundespr&auml;sident&rdquo; (und die leider verstummte CDU) quasi nur reagiert. Worin bestehen die Unterschiede zwischen AfD und Der Linken? Konzeptionell passiert da nichts in Der Linken. Sind Kipping und Riexinger dazu f&auml;hig? Andererseits muss man viel st&auml;rker herausarbeiten, wohin die AfD will, was sie m&ouml;glicherweise selber mitunter noch nicht wei&szlig;. Man muss diese Sprache der &ldquo;rechten Ordnung und Sauberkeit&rdquo; als solche kenntlich machen. Sie ist nicht mehr in den Ohren drin.<\/p><p>7. Welchen besseren Kapitalismus wollen Sie, und wie wollen Sie ihn erreichen? Zu dem Schumpeterschen oder aufgekl&auml;rten Kapitalismus sagen Sie zu wenig. Das ist die Antwort, die ich von Ihnen unbedingt haben m&ouml;chte. Wenn man daran nur glauben k&ouml;nnte, w&auml;re ich dabei!<\/p><p>8. Ich habe da au&szlig;erdem wenig Hoffnung, dass da irgendetwas m&ouml;glich, machbar ist oder zugelassen wird in dieser Hinsicht. Entschuldigen Sie bitte: Da m&uuml;sste schon eine Revolution oder ein Crash stattfinden.<\/p><p>Lieber Albrecht M&uuml;ller, Ihre Arbeit ist f&uuml;r mich unersetzlich, und ich warte nun auf das Mausfeld-Video.<\/p><p>Herzlichst<br>\nSiegrid Baumann<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu diesem <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40775\">Artikel<\/a> vom 27.10.2017 kam eine gr&ouml;&szlig;ere Zahl von Leserbriefen. Alle haben wir an Heiner Flassbeck weitergeleitet. Einige geben wir hier wieder, nicht alle, denn das w&auml;re ein Text von 25 Seiten geworden. Die Spannweite der Reaktionen wird beispielhaft von zwei Leserbriefen markiert, deren Anfang wir hier zur Einstimmung wiedergeben: 5. Leserbrief: &bdquo;Ich<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40892\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[201,103,11,161],"tags":[1561,364,1055,909,575,1802,2132,291,402,632],"class_list":["post-40892","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ideologiekritik","category-leserbriefe","category-strategien-der-meinungsmache","category-wertedebatte","tag-corbyn-jeremy","tag-flassbeck-heiner","tag-fluechtlinge","tag-kapitalismus","tag-ostdeutschland","tag-sanders-bernie","tag-sozialismus","tag-verteilungsgerechtigkeit","tag-wachstum","tag-wagenknecht-sahra"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40892","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=40892"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40892\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":40907,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40892\/revisions\/40907"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=40892"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=40892"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=40892"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}