{"id":4094,"date":"2009-07-28T08:48:08","date_gmt":"2009-07-28T06:48:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4094"},"modified":"2014-01-27T11:27:14","modified_gmt":"2014-01-27T10:27:14","slug":"krokodilstraenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4094","title":{"rendered":"Krokodilstr\u00e4nen"},"content":{"rendered":"<p>Acht Wochen vor der Wahl steht die SPD so schlecht da, dass sie nur noch Mitleid erntet. <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/481\/481947\/text\/\">&bdquo;Warum noch SPD?&ldquo;<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/436\/481902\/text\/\">&ldquo;SPD droht Durststrecke von 15 Jahren&rdquo;<\/a> titelt hintereinander etwa die S&uuml;ddeutsche Zeitung. Nun weinen gerade solche Journalisten Krokodilstr&auml;nen, die die SPD in den Zustand geschrieben haben, dass sie als eigenst&auml;ndig denkende und handelnde Kraft abhanden gekommen ist. Susanne H&ouml;ll von der SZ ist ein typisches Beispiel. Sie geh&ouml;rte zu denjenigen, die z.B. Kurt Beck systematisch nieder- und Steinmeier und seinen Kurs der Mitte hochgeschrieben haben. Sie r&auml;t der SPD &bdquo;Mut zur Klarheit&ldquo; und das hei&szlig;t f&uuml;r H&ouml;ll staatliche Hilfen zu k&uuml;rzen und Steuern (welche wohl?) zu erh&ouml;hen. Also genau das zu tun, womit die Sozialdemokraten dort gelandet sind, wo sie heute stehen.<br>\nW&uuml;rde die SPD jedoch daf&uuml;r k&auml;mpfen, dass diejenigen f&uuml;r die Krise zu zahlen haben, die bis zum Platzen der Blase daran verdient haben, dann w&uuml;rden die Journalisten, die jetzt Krokodilstr&auml;nen &uuml;ber den desolaten Zustand der Sozialdemokraten weinen, sofort wieder ihr Maul aufrei&szlig;en und wieder ihre Z&auml;hne zeigen. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>Vielleicht haben Sie es in den letzten Wochen auch beobachtet: Seit der katastrophalen Wahlniederlage der SPD bei der Europawahl finden sich von der Welt, &uuml;ber die FAZ und vom Spiegel bis zum Focus immer wieder Beitr&auml;ge, in denen mit zur Schau gestelltem Mitleid der Niedergang der SPD bedauert wird. Die Sozialdemokraten erhalten nunmehr von nahezu allen Leitmedien zahlreiche unerbetene Ratschl&auml;ge, wie sie es schaffen k&ouml;nnten, nicht ganz in der Versenkung zu verschwinden. <\/p><p>Jetzt, wo die SPD aussichtslos abgeschlagen in den Wahlkampf zieht, melden sich viele derjenigen zu Wort, die als mediale &Ouml;ffentlichkeit die derzeitige SPD-F&uuml;hrung auf den Kurs gedr&auml;ngt haben, der ihren Abstieg von einer eigenst&auml;ndigen linken Volkspartei zu einem Anh&auml;ngsel der Unionsparteien vorgezeichnet hat. Anstatt dass gerade diese Journalisten eingestehen, dass sie selbst mit verantwortlich sind f&uuml;r den verheerenden Vertrauensverlust der SPD, trauern sie nun ihrem Opfer nach, indem sie heuchlerische Nachrufe verfassen. Mitleid, das ist allerdings ziemlich das Schlimmste, was der SPD in einem Wahlkampf passieren kann, indem es doch gerade darum geht, dass die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler ihre Hoffnungen f&uuml;r die Zukunft auf diese Partei setzen sollen. Es sind eben die sprichw&ouml;rtlichen Krokodilstr&auml;nen.<\/p><p>Wenn die SPD &uuml;berhaupt noch eine Chance ergreifen wollte, um aus ihrer desolaten Situation herauszukommen, dann m&uuml;sste sie vor allem eine klare und glaubw&uuml;rdige Antwort auf die wichtigste Frage geben, die derzeit eine gro&szlig;e Mehrheit in der Bev&ouml;lkerung umtreibt, n&auml;mlich: wer bezahlt f&uuml;r die Finanz- und Wirtschaftskrise?<\/p><p>Die Sozialdemokraten m&uuml;sste klarstellen, dass die Zahlung durch diejenigen erfolgen muss, die in den letzten Jahren die Gewinner waren, deren Verm&ouml;gen explosionsartig gestiegen ist und die sich mit Finanzspekulationen mehr als eine goldene Nase verdient haben. Das verlangte konkret eine deutliche Anhebung der Spitzensteuers&auml;tze, der Kapitalertrags- der Zinsabschlagssteuern, der Erbschaftssteuer und der Wiedereinf&uuml;hrung der Verm&ouml;genssteuer und die Festsetzung einer B&ouml;rsenumsatzsteuer. Das verlangte weiter eine ernsthafte Verhinderung der Steuerflucht und einen wirkungsvollen Kampf gegen Steuerhinterziehung von Einkommensmillion&auml;ren. Im Gegenzug m&uuml;sste die SPD klarstellen, dass es mit ihr keine Mehrwertsteuererh&ouml;hung gibt. Nur so k&ouml;nnen die Schulden in sozial fairer Weise wieder abgetragen werden, die als Kapitalzusch&uuml;sse und als Garantien zur Rettung der Banken entstanden sind und k&uuml;nftig noch entstehen. Warum sollte man das Geld nicht gerade von denjenigen wieder hereinholen, die es verzockt haben?<\/p><p>Die SPD m&uuml;sste dar&uuml;ber hinaus eine Garantieerkl&auml;rung abgeben, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise nicht von denjenigen bezahlt werden muss, die am allerwenigsten daf&uuml;r verantwortlich sind. Das hei&szlig;t sie m&uuml;sste garantieren, dass nicht  weiter in den Sozialstaat eingeschnitten wird, sondern im Gegenteil, dass gerade in der Krise die sozialen Sicherungssysteme wieder ihren Namen verdienen und nicht l&auml;nger die Krisenopfer in die Bed&uuml;rftigkeit entlassen werden. Die SPD m&uuml;sste f&uuml;r ein sozialstaatliches Bewusstsein eintreten, dass Menschen, die in Not geraten sind, wirklich zu f&ouml;rdern sind und nicht mehr &ndash; wie mit Hartz IV &ndash; als Dr&uuml;ckeberger und Faulenzer stigmatisiert werden, die man mit dem Druckmittel materieller Not zur Annahme von Arbeit zu jedem Preis und zu jeder Bedingung zwingen muss.<\/p><p>Die SPD m&uuml;sste ernst machen mit der Chancengleichheit und konkrete Bedingungen schaffen, dass die Ungleichheit der Bildungschancen verringert und die sozialen Barrieren f&uuml;r einen fairen Bildungszugang abgebaut werden.<\/p><p>Das w&auml;ren Hauptbotschaften, mit denen man eine echte Alternative zu Schwarz-gelb bieten k&ouml;nnte und mit denen man vor allem die gro&szlig;e Mehrheit der Bev&ouml;lkerung erreichen k&ouml;nnte.<\/p><p>Dazu m&uuml;sste sich die SPD als linke Volkspartei bekennen und nicht l&auml;nger zur Verteufelung all jener politischen Kr&auml;fte beitragen, die in dieser Gesellschaft links der Mitte stehen.<\/p><p>Dann w&uuml;rden zwar diejenigen, die jetzt Krokodilstr&auml;nen &uuml;ber die SPD weinen, sofort wieder das Maul aufrei&szlig;en und  ihre Z&auml;hne zeigen, aber davor brauchte man nicht zu erschrecken, wenn man die Medienbarriere &ndash; wie das Albrecht M&uuml;ller in seinen <a href=\"?p=4096\">heutigen<\/a> <a href=\"?p=4093\">Beitr&auml;gen<\/a> beschrieben hat &ndash; &uuml;berspringt und sich unmittelbar an die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger wendet.<br>\nBarack Obama hat es &uuml;brigens ein St&uuml;ck weit vorgemacht, wie man mit der Unterst&uuml;tzung der Menschen Mehrheiten auch gegen die heutige Medienwelt gewinnen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Acht Wochen vor der Wahl steht die SPD so schlecht da, dass sie nur noch Mitleid erntet. <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/481\/481947\/text\/\">&bdquo;Warum noch SPD?&ldquo;<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/436\/481902\/text\/\">&ldquo;SPD droht Durststrecke von 15 Jahren&rdquo;<\/a> titelt hintereinander etwa die S&uuml;ddeutsche Zeitung. 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