{"id":40943,"date":"2017-11-07T11:19:11","date_gmt":"2017-11-07T10:19:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40943"},"modified":"2017-11-07T16:32:49","modified_gmt":"2017-11-07T15:32:49","slug":"die-paradise-papers-sind-ein-weiteres-beispiel-fuer-die-erosion-der-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40943","title":{"rendered":"Die Paradise Papers sind ein weiteres Beispiel f\u00fcr die Erosion der Demokratie"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150520_berger.jpg\" alt=\"Jens Berger\" title=\"Jens Berger\"><\/div><p>&bdquo;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/paradise-papers-zur-hoelle-mit-den-reichen-kolumne-a-1176640.html\">Zur H&ouml;lle mit den Reichen!<\/a>&ldquo; &ndash; so betitelte gestern der bis in die Haarspitzen echauffierte Verleger Jakob Augstein seine w&ouml;chentliche Kolumne bei SPIEGEL Online. &bdquo;Gut gebr&uuml;llt, L&ouml;we&ldquo;, mag man ihm da entgegnen. Doch das eigentliche Problem liegt tiefer. Die Paradise Papers sind bei ruhigerer Betrachtung vielmehr ein sehr gutes Beispiel f&uuml;r das, was Rainer Mausfeld in seinem <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40899\">sehenswerten Vortrag<\/a> beim Pleisweiler Gespr&auml;ch der NachDenkSeiten als repr&auml;sentative Elitendemokratie bezeichnet hat. Auch wenn eine personalisierte Kritik an &bdquo;den Reichen&ldquo; sicher emotional verst&auml;ndlich ist, so f&uuml;hrt diese Debatte doch in eine Sackgasse. Bei all der Aufregung sehen wir offenbar den Wald vor lauter B&auml;umen nicht. Daher sollten wir anfangen, unseren Blick neu zu fokussieren. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5967\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-40943-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171107_Paradise_Papers_als_Beispiel_Erosion_der_Demokratie_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171107_Paradise_Papers_als_Beispiel_Erosion_der_Demokratie_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171107_Paradise_Papers_als_Beispiel_Erosion_der_Demokratie_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171107_Paradise_Papers_als_Beispiel_Erosion_der_Demokratie_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=40943-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171107_Paradise_Papers_als_Beispiel_Erosion_der_Demokratie_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"171107_Paradise_Papers_als_Beispiel_Erosion_der_Demokratie_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die popul&auml;re Sichtweise sieht in etwa folgenderma&szlig;en aus: Es gibt einige, wenige skrupellose Superreiche, die mit Hilfe dubioser Kanzleien und Beratungsfirmen ihre Ersparnisse in sogenannten Steueroasen verstecken. Dabei werden &bdquo;Schlupfl&ouml;cher&ldquo; genutzt und Gesetze clever &bdquo;umgangen&ldquo;. Nun sei es an der Politik, diese Schlupfl&ouml;cher zu schlie&szlig;en und Umgehungsm&ouml;glichkeiten zu verhindern. W&auml;re dies eine Fabel, so w&auml;ren wir die wei&szlig;en und die Reichen die schwarzen Schafe, w&auml;hrend die Politik sich als ehrenwerter Sch&auml;fer darum k&uuml;mmert, dass es der gesamten Herde gut geht. Welch&acute; sch&ouml;nes, welch&acute; naives Bild.<\/p><p>Die reale Fabel unserer Welt sieht eher folgenderma&szlig;en aus: Wir sind nach wie vor die Herde und die Politik nimmt nach wie vor die Rolle des Sch&auml;fers ein; sie ist jedoch ein vom Wolf eingesetzter Sch&auml;fer, dem es nicht um das Wohl der Herde, sondern um das Wohl des Wolfes geht. Jakob Augstein beschwert sich dar&uuml;ber, dass die Gesetze &bdquo;f&uuml;r die Reichen&ldquo; gemacht wurden. Doch das ist sogar eine Verharmlosung. Die Gesetze werden nicht f&uuml;r, sondern von den Reichen gemacht. Die internationalen Steuergesetze sind ein sch&ouml;nes Beispiel daf&uuml;r.<\/p><p>Auch wenn sich die Bilder des greisen, 2016 verstorbenen Curt Engelhorns oder des <a href=\"https:\/\/www.lobbycontrol.de\/2012\/09\/gauselmann-raumt-zahlungen-an-die-fdp-ein\/\">FDP-Gro&szlig;spenders<\/a> Paul Gauselmann emotional sicher gut eignen, um Steuerumgehung ein greifbares Gesicht zu verleihen, so sind die beiden prominenten Paradise-Papers-Namen doch eher Randerscheinungen. In der Mitte des Geschehens befinden sich internationale Gro&szlig;konzerne, die nicht nur mit Hilfe von Steueroasen, sondern auch und vor allem mit tatkr&auml;ftiger Unterst&uuml;tzung der EU und der USA ihre Steuerlast minimieren. Und das nicht illegal, sondern vollkommen legal. Denn die Gesetze wurden ja eben nicht f&uuml;r sie, sondern von ihnen gemacht.<\/p><p>Um zu verstehen, um was es konkret geht, ein kleines Beispiel, wie auch Sie ein Steuerprofi werden k&ouml;nnen. Sie sind Arzt und betreiben Ihre Praxis in einem Geb&auml;ude, das Ihnen geh&ouml;rt? Wunderbar. Gr&uuml;nden Sie eine Briefkastenfirma auf den Bermudas, vermieten Sie Ihr Haus f&uuml;r einen sehr niedrigen Mietzins an diese Briefkastenfirma, die dann die Praxis zu einem sehr hohen Mietzins an Sie als Arzt weitervermietet. Ihre Gewinne entstehen nun zu einem gro&szlig;en Teil nicht mehr in Deutschland, wo sie versteuert werden m&uuml;ssen, sondern auf den steuerfreien Bermudas. Willkommen im Klub im Cleveren. <\/p><p>Die Realit&auml;t ist nat&uuml;rlich um einiges facettenreicher und komplizierter als dieses einfache Modell. Und wenn man bedenkt, dass bereits die Gr&uuml;ndung einer Briefkastenfirma mit einem Notar als eingesetzten Treuh&auml;nder eine f&uuml;nfstellige Summe kostet, wird schnell klar, dass diese Modelle doch eher etwas f&uuml;r den millionenschweren Sch&ouml;nheitschirurgen aus Blankenese als f&uuml;r den Landarzt aus Eutin sind. Aber im Kern geht es genau darum &ndash; Gewinne dort entstehen zu lassen, wo die Steuern am niedrigsten sind. Nun k&ouml;nnte man ja naiv denken, dass der Staat diese Steuerpraxis doch ganz einfach beenden k&ouml;nnte. Nat&uuml;rlich k&ouml;nnte er das. Wenn das Finanzamt beispielsweise Rechnungen aus L&auml;ndern wie den Bermudas, die sich nicht an allgemein akzeptierte Regeln halten, nicht mehr anerkennen w&uuml;rde, w&uuml;rde dieses Modell schnell kollabieren.  <\/p><p>Doch so einfach ist die Sache nat&uuml;rlich nicht. Seit 2009 gibt es laut OECD <a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/countries\/monaco\/listofunco-operativetaxhavens.htm\">gar keine Steueroasen mehr<\/a> &ndash; nach der Streichung von Liechtenstein, Andorra und Monaco von der schwarzen Liste erf&uuml;llen alle Staaten der Welt die Anforderungen der OECD. Ist es dann nicht seltsam, dass j&auml;hrlich neue Leaks an die &Ouml;ffentlichkeit kommen? Nein. Denn &ndash; und das steht auch im &bdquo;Kleingedruckten&ldquo; zu den allermeisten Artikeln &uuml;ber die Paradise Papers &ndash; es geht bei den Enth&uuml;llungen ja nicht um illegale Praktiken. Es ist viel schlimmer. Es geht um legale Praktiken; Steuerumgehungsmodelle, die von unseren Repr&auml;sentanten in Berlin verabschiedet und h&ouml;chstwahrscheinlich von Kanzleien und Beratungsunternehmen im Auftrag finanzkr&auml;ftiger Akteure diktiert wurden. <\/p><p>Selbst die Bermudas sind nur eine schillernde Randerscheinung im gro&szlig;en Spiel. Mitten innerhalb der EU gibt es mit Luxemburg, Malta, Irland, Zypern und den Niederlanden gleich f&uuml;nf Staaten, die mit fragw&uuml;rdigen Steuergesetzgebungen die gro&szlig; angelegte Umgehung von Steuern erm&ouml;glichen. Deutschland steht auf Platz 8 des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schattenfinanzindex#Der_Index\">Schattenfinanzindexes von Tax Justice<\/a> und wenn wir &uuml;ber exotische Steueroasen wie die Caymans, Jersey, Guernsey oder die Bermudas sprechen, dann sprechen wir nicht &uuml;ber souver&auml;ne Staaten, sondern &uuml;ber Kronkolonien und &Uuml;berseegebiete des Vereinigten K&ouml;nigreichs von Gro&szlig;britannien. Die wohl gr&ouml;&szlig;te Steueroase der Welt ist Delaware, ein kleiner Bundesstaat mitten im Herzen der USA. Die Steuerumgehung ist kein Teufelswerk exotischer Inselstaaten, sondern von unseren repr&auml;sentativen Vertretern legitimiert. <\/p><p>Wenn Apple, Facebook, Google, Amazon und Co. global fast keine Steuern zahlen und selbst deutsche Industriegiganten wie VW oder Siemens sich ihre Steuerlast mit Hilfe von legalen Umgehungsmodellen kleinrechnen, die sowohl innerhalb der EU in den Niederlanden und Luxemburg, als auch in Inselstaaten wie den Bermudas zugelassen sind, so sind daran nicht die Unternehmen, sondern die Politik schuld. W&uuml;rde der Finanzchef von VW ein legales Steuerminimierungsmodell nicht nutzen und &bdquo;freiwillig&ldquo; h&ouml;here Steuern zahlen und damit die Gewinne der Konzerns schm&auml;lern, w&uuml;rde er sich sogar m&ouml;glicherweise der Untreue strafbar machen, da er zum Schaden der Konzerneigner handelt.  Auch wenn das nicht sonderlich popul&auml;r sein d&uuml;rfte &ndash; Unternehmen sind hier in einem Zielkonflikt. Es ist nicht die Aufgabe von Gro&szlig;konzernen, artig Steuern zu zahlen und das Gemeinwesen zu st&auml;rken, sondern Gewinne zu erzielen und den Unternehmenswert zu mehren. An die Unternehmen f&uuml;r mehr &bdquo;Steuerehrlichkeit&ldquo; zu appellieren, ist ungef&auml;hr so sinnvoll, wie einem Wolf eine vegane Ern&auml;hrungsweise schmackhaft zu machen. Daher muss auch der Staat daf&uuml;r sorgen, dass es zu einem optimalen Ausgleich der Interessen zwischen Unternehmensbesitzern und der Allgemeinheit kommt; eine Sch&auml;ferrolle, der die Politik in unserer repr&auml;sentativen Demokratie jedoch nicht nachkommt. Und dies ist das Kernproblem.<\/p><p>Erst wenn wir dieses Problem verstanden und verarbeitet haben, lohnt es sich, ernsthaft &uuml;ber m&ouml;gliche Folgen aus den unz&auml;hligen Leaks und Papers zu diskutieren. Es ist ja nicht so, dass es keine besseren Ans&auml;tze geben w&uuml;rde. So w&auml;re der EU-Vorschlag, international agierende Unternehmen nicht mehr nach den ausgewiesenen nationalen Unternehmensergebnissen, sondern nach den nationalen Ums&auml;tzen zu besteuern, ein echter Durchbruch. Und auf den ersten Blick tut sich auf diesem Gebiet ja auch etwas. So haben die Finanzminister von Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien ein <a href=\"http:\/\/www.politico.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/170907-joint-initiative-digital-taxation-signed-letter-by-4-ministers-1.pdf?utm_source=POLITICO.EU&amp;utm_campaign=f4c9a1a0d0-EMAIL_CAMPAIGN_2017_09_11&amp;utm_medium=email&amp;utm_term=0_10959edeb5-f4c9a1a0d0-189850929\">gemeinsames Papier<\/a> aufgesetzt, in dem sie ein solches Steuermodell f&uuml;r die &bdquo;digitale Wirtschaft&ldquo; ank&uuml;ndigen. Doch der Teufel steckt hier mal wieder im Detail. Der Vorsto&szlig; der &bdquo;gro&szlig;en Vier&ldquo; zielt auf eine EU-Gesetzes&auml;nderung, bei der jedes EU-Mitglied de facto ein Vetorecht hat und hat damit ohnehin nicht die geringste Chance, irgendwann einmal umgesetzt zu werden. Eine alternative Herangehensweise, bei der es keine nationalen Vetorechte g&auml;be, wurde wohlweislich vermieden. So ist das nun einmal in einer repr&auml;sentativen Elitendemokratie, in der die Repr&auml;sentanten offenbar nur darauf aus sind, die &bdquo;verwirrte Herde auf Kurs zu halten&ldquo;. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/b17562da06be44f1b02a6ce6eca3a98f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150520_berger.jpg\" alt=\"Jens Berger\" title=\"Jens Berger\"\/><\/div>\n<p>&bdquo;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/paradise-papers-zur-hoelle-mit-den-reichen-kolumne-a-1176640.html\">Zur H&ouml;lle mit den Reichen!<\/a>&ldquo; &ndash; so betitelte gestern der bis in die Haarspitzen echauffierte Verleger Jakob Augstein seine w&ouml;chentliche Kolumne bei SPIEGEL Online. &bdquo;Gut gebr&uuml;llt, L&ouml;we&ldquo;, mag man ihm da entgegnen. Doch das eigentliche Problem liegt tiefer. 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