{"id":40961,"date":"2017-11-08T08:42:33","date_gmt":"2017-11-08T07:42:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40961"},"modified":"2019-05-22T11:41:55","modified_gmt":"2019-05-22T09:41:55","slug":"kontaktverlust-oder-wenn-unbequeme-buecher-verschwinden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40961","title":{"rendered":"Kontaktverlust oder: Wenn unbequeme B\u00fccher \u201everschwinden\u201c"},"content":{"rendered":"<p>In der Filiale einer gro&szlig;en Buchhandelskette in meiner Heimatstadt ist seit einigen Wochen ein seltsames Schauspiel zu beobachten. Die B&uuml;hne ist das gut ausgeleuchtete Regal im Eingangsbereich, in dem die aktuellen Spiegel-Bestseller pr&auml;sentiert werden. Da stehen sie, die Lieblinge der Buchk&auml;ufer: &bdquo;Erkenne dich selbst&ldquo; von Richard David Precht, &bdquo;Die Kunst des guten Lebens&ldquo; von Rolf Dobelli oder &bdquo;&Uuml;ber den Anstand in schwierigen Zeiten&ldquo; von Axel Hacke. Seit allerdings das Sachbuch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.kopp-verlag.de\/Kontrollverlust.htm?websale8=kopp-verlag&amp;pi=958400\">Kontrollverlust<\/a>&ldquo; des Autors Thorsten Schulte sich in diesem Herbst fest in der Bestsellerliste etabliert hat, weigert sich die hiesige Buchhandlung hartn&auml;ckig, den Titel in das zugeh&ouml;rige Regal zu stellen. Der Platz bleibt dabei nicht etwa leer, sondern wird fortlaufend aufgef&uuml;llt mit B&uuml;chern, die dem Personal offenbar besser gefallen. Eine Farce, k&ouml;nnte man sagen &ndash; doch sie steht f&uuml;r eine Haltung im Land. Von <strong>Paul Schreyer<\/strong>.<\/p><p><strong>Am Ende des Artikels erscheint ein Kommentar der Redaktion.<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nZun&auml;chst pr&auml;sentierten die Buchh&auml;ndler auf der Regal-Position von &bdquo;Kontrollverlust&ldquo; Boris Palmers &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.randomhouse.de\/Buch\/Wir-koennen-nicht-allen-helfen\/Boris-Palmer\/Siedler\/e526754.rhd\">Wir k&ouml;nnen nicht allen helfen<\/a>&ldquo;, wohl ein versch&auml;mtes Zugest&auml;ndnis an die Interessen einer &bdquo;fl&uuml;chtlingskritisch&ldquo; orientierten Leserschaft. Wenn die Leser &bdquo;solche B&uuml;cher&ldquo; schon m&ouml;gen, dann sollen sie lieber das eines gr&uuml;nen Politikers kaufen, so vielleicht das Kalk&uuml;l. Letzte Woche wurde &bdquo;Kontrollverlust&ldquo; dann durch das einigerma&szlig;en themenfremde, wenngleich hoffnungsvollere &bdquo;Heilen mit der Kraft der Natur&ldquo; ersetzt. Immerhin originell. Diese Woche nun nimmt den Platz des ungeliebten Bestsellers der Ratgeber &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.klett-cotta.de\/buch\/Gesellschaft_\/_Politik\/Mit_Rechten_reden\/84708\">Mit Rechten reden<\/a>&ldquo; ein.<\/p><p>Man k&ouml;nnte das Ganze als schlechten Scherz bezeichnen, oder, weniger wohlwollend, als Zensurversuch. Noch drastischer war im Sommer diesen Jahres ja der SPIEGEL vorgegangen, der ein unerw&uuml;nschtes Buch gleich komplett aus seiner eigenen offiziellen Bestsellerliste <a href=\"http:\/\/meedia.de\/2017\/07\/25\/kritik-an-mangelnder-transparenz-spiegel-loescht-umstrittenes-sachbuch-finis-germania-aus-bestseller-liste\/\">gel&ouml;scht<\/a> hatte. Mich erfasste bei der Beobachtung des Schauspiels (das nur derjenige Ladenbesucher &uuml;berhaupt erkennt, der die neben dem Regal h&auml;ngende Bestsellerliste mit dem Regalinhalt vergleicht) jedenfalls ein tiefes Unbehagen. Welches Buch w&uuml;rde n&auml;chste Woche, n&auml;chsten Monat als &bdquo;unpassend&ldquo; aussortiert werden? Schlie&szlig;lich fasste ich mir ein Herz und fragte an der Kasse nach, was es mit dieser Aktion auf sich habe. Sei das vielleicht die offizielle Firmenpolitik der Buchhandelskette? <\/p><p>Daraufhin blickte die Kassiererin fragend zu einer neben ihr stehenden Mitarbeiterin, die mir beschied: &bdquo;Keine Firmenpolitik, aber unsere Filialpolitik.&ldquo; Ich wisse vielleicht, so die Buchh&auml;ndlerin, dass das fragliche Werk in einem umstrittenen Verlag erschienen sei. Ich runzelte die Stirn. Sie meinte den Kopp Verlag. Solche Dinge wolle man nicht f&ouml;rdern, daher die Entfernung aus dem Regal. Selbstverst&auml;ndlich, so die Mitarbeiterin, k&ouml;nne sie das Buch aber bestellen, &uuml;berhaupt kein Problem! <\/p><p>Mein Hinweis, dass Besucher der Buchhandlung durch das falsch best&uuml;ckte Regal in die Irre gef&uuml;hrt w&uuml;rden, lief ins Leere. Die Mitarbeiterin verstand sich offenkundig als kraft ihres Amtes erm&auml;chtigt, ihren Kunden auch ungefragt Orientierung zu geben.<br>\nNun bin ich kein Fan dieses Buches, <a href=\"http:\/\/www.silberjunge.de\/\">dessen Autor<\/a>, ein geschmeidiger ehemaliger Investmentbanker und Ex-Wahlkampfchef von CDU-Mann Laurenz Meyer, rhetorisch eher die grobe Keule f&uuml;hrt und der neben seinem Buch massiv den Kauf von Edelmetallen bewirbt. Doch ein Bestseller ist nun mal ein Bestseller. Und wer ein entsprechendes Regal in seinem Laden aufstellt (wozu ja keine Buchhandelskette gezwungen wird), der sollte den Tatsachen (und seinen Kunden) vielleicht doch besser ehrlich ins Auge sehen. Dieser Gedankengang war dem Personal allerdings nicht zu vermitteln.<\/p><p>Angeregt durch den aktuellen &bdquo;Alternativvorschlag&ldquo; schaute ich dann doch noch in das Buch &bdquo;Mit Rechten reden&ldquo; &ndash; und erlebte ein D&eacute;j&agrave;-vu. Der gleiche abgehobene und selbstgerechte Ton, dieselbe Unf&auml;higkeit, kontr&auml;ren Positionen inhaltlich zu begegnen. Die Autoren &ndash; ein Philosoph, ein Jurist und ein Historiker &ndash; erkl&auml;ren genau das sogar zur besonderen Qualit&auml;t ihres Werks: mit den geistigen Niederungen der Argumente m&ouml;gen sich andere befassen, wahre Intellektuelle beleuchten dagegen die Meta-Ebene, die &bdquo;Art des Redens&ldquo; (Seite 12). Zwar kritisieren auch sie stumpfes Lagerdenken und die Selbstgerechtigkeit auf beiden Seiten, vor allem aber geht es ihnen darum, im Spiegelsaal der Eitelkeiten kunstvolle Pirouetten der eigenen Klugheit zu drehen. Zitat: &bdquo;Andererseits hat das R&auml;tselhafte immerhin den Vorteil, Fragen aufzuwerfen. (&hellip;) Du sollst Ja zum Nein zum Ja sagen.&ldquo; (Seite 14, 15) So raunt es &uuml;ber Seiten hinweg und am Ende ist dann doch wieder alles ganz einfach: Die anderen, ob nun rechts oder anderswo, sind die Dummen, zumindest d&uuml;mmer als die eloquenten Autoren. <\/p><p>Das deutsche Feuilleton ist davon ganz begeistert. ZEIT-Literaturchef Ijoma Mangold <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2017\/43\/neue-rechte-frankfurter-buchmesse-antaios-verlag\">jubelte<\/a>: &bdquo;Dieses Buch spr&uuml;ht f&ouml;rmlich vor Geist und Witz.&ldquo; Man ist geneigt, nachzufragen, wann Mangold das letzte Mal pers&ouml;nlich mit einem AfD-W&auml;hler gesprochen hat. Die Diagnose lautet: Kontaktverlust. Und das betrifft dann auch diejenigen Buchh&auml;ndler, die ein solches Werk ihren Lesern ans Herz legen und daf&uuml;r ein anderes &bdquo;wegmogeln&ldquo;.<br>\nNeu ist die Erkenntnis nicht, dass ein Bildungsb&uuml;rgertum, das sich selbst als fortschrittlich versteht, oft keinen Draht zur breiten Bev&ouml;lkerung hat. In aufgeheizten Zeiten aber wird das um so gef&auml;hrlicher, denn jegliche Kommunikation hat nun mal eine ebenso einfache wie zwingende Voraussetzung: Den anderen ernst nehmen. Ges&auml;uberte Regale helfen ebenso wenig wie Verschraubungen im Elfenbeinturm.<\/p><p><strong>Kommentar der Redaktion:<\/strong><\/p><p>Auf diesen Beitrag von Paul Schreyer haben eine Reihe von NachDenkSeiten-Lesern kritisch reagiert &ndash; mit Hinweis auf die Rolle und &Auml;u&szlig;erungen des Buchautors. Wir fanden die Kritik insofern berechtigt, als dem Text von Autor Schreyer eine Information &uuml;ber die Auftritte des Autors und die Wahlempfehlungen f&uuml;r die AfD gutgetan h&auml;tte. <\/p><p>So w&auml;re es f&uuml;r unsere Leserinnen und Leser doch sicherlich interessant zu wissen, dass Thorsten Schulte als Redner auf zahlreichen Kundgebungen der AfD aufgetreten ist und in Videos zusammen mit der AfD-Politikerin Alice Weidel <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=PSUvUUpHkHw&amp;feature=youtu.be\">seine Wahlempfehlung<\/a> f&uuml;r die AfD abgab. <\/p><p>Alice Weidel ist &uuml;brigens Mitglied der neoliberalen Hayek-Gesellschaft. Die NachDenkSeiten k&ouml;nnen doch nicht am gleichen Tag <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40964\">die Sendung der Anstalt<\/a> loben, in der die Mont Pelerin Society kritisch behandelt wird, und parallel dazu ohne entsprechende Information auf ein Buch hinweisen, das &ndash; angefangen bei der Geld- und Finanzpolitik bis hin zur Forderung der Liberalisierung des Waffenbesitzes &ndash; Hayeks Ideologie vermittelt. Darauf h&auml;tte Autor Schreyer hinweisen k&ouml;nnen und aus unserer Sicht m&uuml;ssen. Wir selbst hatten bereits sehr fr&uuml;h vor den marktradikalen Str&ouml;mungen im rechten politischen Spektrum <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16524\">gewarnt<\/a>.<\/p><p>Mit ausreichender Information durch den Autor des NDS-Artikels w&auml;re das Verhalten der Buchh&auml;ndler\/innen vermutlich in einem etwas anderen Licht erschienen. Auch wir f&uuml;hlten uns betroffen, weil unser Autor auch uns nicht n&auml;her &uuml;ber die Hintergr&uuml;nde und das Umfeld unterrichtet hat. Auch deshalb die zu schnelle und nicht genau bedachte Reaktion. <\/p><p>Erstaunt hat uns die Heftigkeit der Reaktion sowohl auf den Artikel von Schreyer als auch auf die Entscheidung, ihn vor&uuml;bergehend herauszunehmen. Sofort wird der Vorwurf &bdquo;Zensur&ldquo; erhoben. K&ouml;nnte man damit nicht etwas vorsichtiger umgehen? <\/p><p>Das f&auml;ngt schon bei der Tonlage des Artikels selbst an:  Ist es ein Zensurversuch, wenn eine Buchhandlung ein Buch weiter vertreibt, aber die Pr&auml;sentation auf der Basis der Spiegel-Bestsellerliste nicht mitmacht? <\/p><p>Ist es eine Zensur, wenn die Redaktion der NachDenkSeiten meint, dass unsere Leserinnen und Leser eine ein bisschen umfassendere Information &uuml;ber einen Autor verdienen und deshalb nachtr&auml;glich die Ver&ouml;ffentlichung eines Artikels korrigiert? Dann k&ouml;nnte man auch sagen, es sei eine Zensur gewesen, dass Autor Schreyer &uuml;ber den Autor Thorsten Schulte ungen&uuml;gend unterrichtet hat.<\/p><p>Es w&auml;re gut, die Urteile, die Vorurteile und Verurteilungen w&uuml;rden etwas tiefer geh&auml;ngt. Im konkreten Fall bedauern wir unsere zu schnelle Entscheidung und korrigieren diese mit der Wiederver&ouml;ffentlichung.<\/p><p>In jedem Fall auf diesem Wege auch noch ein Dankesch&ouml;n f&uuml;r die vielen E-Mails.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Filiale einer gro&szlig;en Buchhandelskette in meiner Heimatstadt ist seit einigen Wochen ein seltsames Schauspiel zu beobachten. Die B&uuml;hne ist das gut ausgeleuchtete Regal im Eingangsbereich, in dem die aktuellen Spiegel-Bestseller pr&auml;sentiert werden. Da stehen sie, die Lieblinge der Buchk&auml;ufer: &bdquo;Erkenne dich selbst&ldquo; von Richard David Precht, &bdquo;Die Kunst des guten Lebens&ldquo; von Rolf<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40961\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,11],"tags":[706,924,2172,220],"class_list":["post-40961","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-strategien-der-meinungsmache","tag-buchhandel","tag-von-hayek-friedrich-august","tag-weidel-alice","tag-zensur"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40961","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=40961"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40961\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51920,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40961\/revisions\/51920"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=40961"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=40961"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=40961"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}