{"id":40989,"date":"2017-11-09T11:44:08","date_gmt":"2017-11-09T10:44:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40989"},"modified":"2019-07-23T18:54:54","modified_gmt":"2019-07-23T16:54:54","slug":"kinderarmut-ist-immer-familienarmut-aber-wann-ist-eine-familie-armutsgefaehrdet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40989","title":{"rendered":"Kinderarmut ist immer Familienarmut, aber wann ist eine Familie armutsgef\u00e4hrdet?"},"content":{"rendered":"<p>Auf den NachDenkSeiten sind am 2. November <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40864\">Kinderarmut: &Uuml;ber das Schweigen der gesellschaftlichen Elite<\/a> und am 1. November <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40844\">Kinderarmut: &bdquo;Man ist kurzzeitig schockiert und geht dann wieder zur Tagesordnung &uuml;ber&ldquo;<\/a> zwei Beitr&auml;ge zum Thema Kinderarmut erschienen. Die Juristin, mit Schwerpunkt Sozialrecht Helga Spindler war nicht mit allem einverstanden und hat einen eigenen Beitrag zum Thema formuliert. M&ouml;glicherweise werden die NachDenkSeiten noch einmal auf das Thema zu sprechen kommen. Hier zun&auml;chst der Text von <strong>Helga Spindler<\/strong>. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8695\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-40989-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171109_Kinderarmut_ist_immer_Familienarmut_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171109_Kinderarmut_ist_immer_Familienarmut_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171109_Kinderarmut_ist_immer_Familienarmut_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171109_Kinderarmut_ist_immer_Familienarmut_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=40989-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171109_Kinderarmut_ist_immer_Familienarmut_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"171109_Kinderarmut_ist_immer_Familienarmut_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Kinderarmut ist immer Familienarmut, aber wann ist eine Familie armutsgef&auml;hrdet?<\/strong><\/p><p><em>Helga Spindler<\/em><\/p><p>Die Kinderarmut scheint im Moment ganz viele zu interessieren und zu emp&ouml;ren. Aber, wie sieht sie genau aus und was wird bisher dagegen getan und was soll sich &auml;ndern? So klar ist das oft nicht, und wenn, dann werden immer wieder neue Modelle vorgeschlagen, deren Nachteile meist unterschlagen werden. (z.B. beide Eltern noch mehr arbeiten lassen, Kinder l&auml;nger ausw&auml;rts und im Schichtbetrieb betreuen, Kindergrundsicherung f&uuml;r wen und wie hoch auch immer ), ohne einmal darauf zu sehen, was da bisher versucht wird und m&ouml;glich ist. <\/p><p>Ich erwarte au&szlig;erdem, dass man die Methoden und Konstrukte, mit denen man bei der Analyse der Lebenslage notwendigerweise arbeiten muss, offenlegt, dass man die Lage vollst&auml;ndig erkl&auml;rt.<\/p><p>Diese Konzentration auf Kinderarmut kann n&auml;mlich auch zu einer einseitigen und klischeehaften Kampagne werden. Das scheint sich anzubieten, denn arme Kinder eignen sich besser als arme Erwachsene oder arme Teenager, um die Empathie der zum Gl&uuml;ck mehrheitlich Nichtbetroffenen zu wecken. Die Kinder k&ouml;nnen ja nichts daf&uuml;r &ndash; arme Erwachsene werden da schon kritischer beurteilt. Und damit sich das auch Nichtbetroffene noch besser vorstellen k&ouml;nnen, versuchen das  Medien gerne zu illustrieren: z.B. k&uuml;rzlich in meiner Tageszeitung mit einem Bild von Kinderbeinen ohne Schuhe und in zerschlissenen Socken und Hose oder mit Erz&auml;hlungen von Kindern, die von ihren Eltern nicht genug zu essen bekommen. Ganz schlimm diese Eltern, man hat ihren verkommenen Haushalt beim Stichwort &bdquo;Armut&ldquo; automatisch vor Augen!<\/p><p>Und die Armutsquote steigt auch noch, nicht stark, aber sie steigt, obwohl es uns doch angeblich allen besser geht. <\/p><p>Genau betrachtet leben die Kinder jedoch in Familien. In Familien, in denen in der Regel nur schwer voneinander abtrennbar gemeinsam gewirtschaftet wird. Deshalb ist es eigentlich die Familienarmut, mit der man sich besch&auml;ftigen muss. Kinder isoliert von den Eltern zu betrachten, ist nicht nur schwierig, blendet einiges aus und wird auch durch die Einf&uuml;hrung von neuen Kindergrundrechten nicht besser.<\/p><p>Und es ist unbestritten, dass es nicht einfach ist, Kinder mit wenig Geld gro&szlig; zu ziehen, dass man sich als Erwachsener im Vergleich zu Kinderlosen einschr&auml;nken muss und dass die Reichen es dabei finanziell leichter haben. Aber wann hat eine Familie zu wenig Geld, wann hat sie viel zu wenig Geld und wann hat sie genug Geld (oder eine kostenlose oder bezuschusste geldwerte Infrastruktur)?<\/p><p>Und: wie skandal&ouml;s und streng ist diese Armut definiert, kann man sie einfach durch Arbeitsaufnahme beseitigen und wie wird sie bisher durch staatliche Leistungen aufgefangen?<\/p><p>Alle, die von Armut sprechen, benutzen hier implizit oder explizit einen der relativen Armutsbegriffe, der keine strenge Armut, sondern eine Armutsgef&auml;hrdung abbildet, auf die man sich politisch in Europa geeinigt hat und das sind 60 % vom Medianeinkommen eines Landes. Das ist wenig, aber es ist h&ouml;her als 50%, auf die man sich auch h&auml;tte einigen k&ouml;nnen. In einem wohlhabenden Land sagt das auch ein bisschen mehr &uuml;ber die damit erreichbare Lebensqualit&auml;t aus als in einem armen Land.<\/p><p>Aber es bleibt dabei, diese Grenze ist ein hochartifizielles, statistisches Konstrukt, das uns helfen kann, uns zu verst&auml;ndigen, wenn wir &uuml;ber Armut sprechen. In der Bewertung dieser Grenze gehen die Meinungen aber schon  auseinander, die einen halten es bereits f&uuml;r einen Skandal, wenn jemand mit nur 60 % vom Medianeinkommen leben muss, andere &ndash; vertreten etwa durch Georg Cremer &ndash; meinen, dass die skandalisierende Aufladung bereits dieser Armutsgef&auml;hrdung mit Bildern von obdachlosen und verwahrlosten Menschen doch etwas &uuml;bertreibt, weil sie Menschen in den Vordergrund stellt, die deutlich unter dieser Grenze leben und eine Reihe weiterer Probleme haben. Sie halten diese Grenze f&uuml;r einen Indikator, der sicherlich Reformbedarf anzeigt, der aber auch verstanden und genauer analysiert werden muss. Die erste Gruppe h&auml;lt dieses Verst&auml;ndnis bereits f&uuml;r eine Verharmlosung von Armut, unklar bleibt allerdings, ob sie 70% , 80% oder gar erst das Medianeinkommen f&uuml;r ausk&ouml;mmlich erachten w&uuml;rde.<\/p><p>Einig sind sich wieder alle, dass die Quote derartiger Armutsgef&auml;hrdung nicht etwa stagniert oder sinkt, sondern ansteigt. <\/p><p>Nur hat in letzter Zeit nicht nur die B&ouml;cklerstiftung darauf hingewiesen, dass der aktuelle Anstieg aus der Zuwanderung herr&uuml;hrt und dass jedenfalls bei den hier l&auml;nger lebenden deutschen und ausl&auml;ndischen Kindern die Quote zumindest stabil ist. Bei Erwachsenen d&uuml;rfte die Entwicklung wegen der Fl&uuml;chtlings-, aber auch einer merkbaren EU-Zuwanderung , schon logisch &auml;hnlich sein. <u>Seils und H&ouml;hne kommen auch dazu im WSI Policy Brief Nr. 12\/2017 zu ersten Ergebnissen<\/u>. Wenn aber diejenigen, die eine steigende Armutsgef&auml;hrdungsquote f&uuml;r einen Skandal halten, gleichzeitig eine sehr offene Zuwanderungspolitik in die Grundsicherung propagieren, w&uuml;rde man sich von ihnen eine Stellungnahme w&uuml;nschen, ob sie die steigenden Zahlen <u>auch als Auswirkung<\/u> ihrer politischen Ziele erkennen und wie sie mit derart begr&uuml;ndeter Steigerung in Zukunft umgehen wollen.<\/p><p><strong>Wo liegt die aktuelle Armutsgef&auml;hrdungsschwelle und wie reagiert das Grundsicherungssystem darauf?<\/strong><\/p><p>Wenn man nun aber mit dieser statistisch ermittelten Armutsgef&auml;hrdung arbeitet, dann m&uuml;sste man eigentlich, &ndash; gleich wie man sie bewertet &ndash; im n&auml;chsten Schritt ausweisen, wie hoch diese Schwelle denn nun genau ist, damit sich nicht jeder etwas Anderes darunter vorstellt. Das fehlt aber meist. <\/p><p>Ich m&ouml;chte deshalb zwei Beispiele geben f&uuml;r Familien: 1.) eine Alleinerziehende und 2.) eine Paarfamilie mit jeweils zwei Kindern unter 14 Jahren.  <\/p><p>Ich suche f&uuml;r beide Familien die aktuellsten Daten zu Armutsgef&auml;hrdungsschwellen und zwar aus den beiden meistverwendeten statistischen Erhebungen, <u>einmal aus einer europaweiten Erhebung zu Einkommen und Lebensbedingungen<\/u>, EU SILC 2016 und zweitens aus dem genaueren Mikrozensus 2016, der bevorzugt von Armutsforschern verwendet wird und zu etwas niedrigeren Ergebnissen kommt.<\/p><p>Dann vergleiche ich das mit den Leistungen, die sie im Grundsicherungssystem erhalten k&ouml;nnen und inwieweit sie die Schwelle erreichen.<\/p><ol>\n<li><strong> Zun&auml;chst die 3- k&ouml;pfige Familie (Alleinerziehende)<\/strong>\n<p>Die Armutsgef&auml;hrdungsschwelle nach EU &ndash; SILC 2016 liegt f&uuml;r sie bei <strong>1702<\/strong> Euro. Nach dem Mikrozensus 2016 liegt sie bei <strong>1550<\/strong> Euro.<\/p>\n<p>Das ist ein Nettobetrag, der durch Einkommen und Sozialleistungen  zusammenkommen kann. Wie viel man brutto verdienen muss, um das ggf. zusammen mit Kindergeld und Wohngeld zu erreichen, bitte ich selber auszurechnen. Wenn die Alleinerziehende die Kinder noch irgendwann au&szlig;erhalb der Schlafenszeit sehen will und deshalb nicht ganz Vollzeit arbeitet, d&uuml;rfte die Schwelle schwer zu &uuml;berwinden sein. <\/p>\n<p>Wie gut oder schlecht sie damit auskommen kann, ist aus dieser Verh&auml;ltniszahl alleine auch nicht abzulesen. Das h&auml;ngt stark von der H&ouml;he der Unterkunftskosten, der Erreichbarkeit von preiswerten Einkaufsgelegenheiten und Schulen und von der Abwesenheit von Schulden ab. F&uuml;r die Kinder speziell h&auml;ngt es noch davon ab, wie die Mutter wirtschaften kann und wie weit sie sich pers&ouml;nlich einschr&auml;nken will. Man kann nicht automatisch unterstellen, dass sie hier nichts unternimmt. <\/p>\n<p>Die n&auml;chste notwendige Information ist, wie sie in Deutschland unterst&uuml;tzt wird, d.h. zumindest, welche Anspr&uuml;che auf Grundsicherung sie hat, falls es mit dem Einkommen nicht klappt.  <\/p>\n<p>Und das sieht 2017 f&uuml;r die 3-k&ouml;pfige Familie so aus:<\/p>\n<table style=\"font-size:100% !important\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n3x Regelsatz:\n<\/td>\n<td>\n409+291+291 Euro,\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\nAlleinerziehendenmehrbedarf\n<\/td>\n<td>\n147 Euro,\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\nMiete in einer niedrigpreisigeren Stadt Mietstufe III, bis<br>\n(das ist die im Regelfall auch vom Jobcenter noch anerkannte Obergrenze nach dem Wohngeldgesetz)\n<\/td>\n<td>\n563 Euro\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\nund Heizkosten 75 qm x 1,40 (auch das ist im Regelfall anerkannt) bis\n<\/td>\n<td>\n105 Euro.\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\nF&uuml;r die beiden Kinder rechne ich als Mindestbetrag aus dem Bildungs- und Teilhabepaket dazu.:\n<\/td>\n<td>\n20 Euro\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n\t\tSumme\n\t<\/td>\n<td>\n\t\t<strong>1826<\/strong> Euro\n\t<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Das &uuml;bersteigt schon deutlich beide Armutsgef&auml;hrdungsgrenzen. Die meisten Bezieherinnen leben aber in teureren St&auml;dten. Liegt die Wohnung in Mietstufe IV, steigt die Grundsicherung auf 1889 Euro. (In den teuren St&auml;dten in Ballungsgebieten mit Mietstufe V und VI ist sie noch h&ouml;her).<\/p>\n<p>Und das ist noch nicht alles. Verdient die Mutter etwas, so kommen mindestens 100 Euro Erwerbst&auml;tigenfreibetrag anrechnungsfrei dazu, verdient sie 1500 netto (entspricht &uuml;ber 2000 Euro brutto), dann wird ihr das zwar auf die Grundsicherung angerechnet, aber ihr bleiben nicht 100, sondern 330 Euro Freibetrag und ihr verbleiben deshalb mit der aufstockenden Grundsicherung &uuml;ber 2000 netto pro Monat f&uuml;r die Familie.<\/p>\n<p>Es existiert also schon eine Grundsicherung, die die verwendeten Armutsgef&auml;hrdungsgrenzen erreicht und auch schon bei durchschnittlicher Mietstufe und ganz marginalem Dazuverdienst &uuml;bersteigt. Nicht jeder SGB-II-Haushalt ist deshalb auch armutsgef&auml;hrdet. Das alles ist immer noch nicht &uuml;ppig, aber &uuml;ber der Armutsgef&auml;hrdungsschwelle, jedenfalls wenn erg&auml;nzende Sozialleistungen wie Grundsicherung oder Kinderzuschlag und Wohngeld auch beantragt werden, <u>was aber offensichtlich nicht geschieht, wenn man bedenkt, wie viele Arme ohne SGB-II-Bezug registriert werden<\/u>.<\/p><\/li>\n<li><strong>Jetzt die 4-k&ouml;pfige Familie:<\/strong>\n<p>Die Armutsgef&auml;hrdungsschwelle nach EU &ndash; SILC 2016 liegt f&uuml;r sie bei 2234 Euro. Nach dem Mikrozensus 2016 liegt sie bei 2035 Euro.<\/p>\n<p>Und jetzt die Berechnung 2017 f&uuml;r die 4- k&ouml;pfige Familie:<\/p>\n<table style=\"font-size:100% !important\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n4x Regelsatz:\n<\/td>\n<td>\n368+368+291+291 Euro,\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\nMiete in einer Gro&szlig;stadt Mietstufe III , bis\n<\/td>\n<td>\n656 Euro\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\nund Heizkosten 90 qm x 1,40  bis\n<\/td>\n<td>\n126 Euro.\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\nF&uuml;r die Kinder wieder aus dem Bildungs- und Teilhabepaket berechnet.<br>\n(weitere Begr&uuml;ndungen zur Berechnung siehe oben):\n<\/td>\n<td>\n20 Euro\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\nSumme\n<\/td>\n<td>\n<strong>2120<\/strong>  Euro\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Die vollst&auml;ndige Familie liegt in diesem Fall ebenfalls, aber nicht so <u>deutlich<\/u>, &uuml;ber der Schwelle aus dem Mikrozensus, aber unter der Grenze nach EU SILC. <u>Das gilt auch noch f&uuml;r Mietstufe IV<\/u>. Liegt die Wohnung in Mietstufe V ergibt die Grundsicherung <u>schon 2275 Euro<\/u> und liegt dann auch knapp &uuml;ber der EU-SILC-Grenze (Erst in den teuren St&auml;dten in Ballungsgebieten mit Mietstufe VI ist sie noch h&ouml;her).<\/p>\n<p>Aber auch hier kann die Armutsgef&auml;hrdungsschwelle bei marginalem Dazuverdienst &uuml;berschritten werden, weil beide Eltern die Freibetr&auml;ge von 100 Euro nutzen k&ouml;nnen. Verdienen sie mehr, dann k&ouml;nnen sie beide bis 330 Euro nutzen, was das verf&uuml;gbare Einkommen dann noch erh&ouml;ht, wie im vorhergehenden Beispiel<\/p>\n<p>Auf dieser Grundlage kann man dann immer noch unterschiedlich- aber besser begr&uuml;ndet- bewerten, wie skandal&ouml;s das alles f&uuml;r arme Familien und ihre armen Kinder ist. <\/p>\n<p>Wenn beklagt wird, die Eliten k&uuml;mmerten sich nicht um die Armutsentwicklung, dann kann das aber durchaus daran liegen, dass sie darauf vertrauen, dass das Grundsicherungssystem hilft, die Armutsgef&auml;hrdungsschwelle zu &uuml;berschreiten. Das gilt jedenfalls, so lange sie die Grundsicherung nicht k&uuml;rzen wollen. <\/p><\/li>\n<li>Der Vollst&auml;ndigkeit halber muss ich darauf hinweisen, dass die Absicherung durch die Grundsicherung in manchen Fallkonstellationen <u>schlechter<\/u> klappt. Ein solcher Fall tritt z.B. dann ein, wenn die Kinder &auml;lter als 14 Jahre werden. Sie k&ouml;nnen dann zwar, besonders in den Ferien, auch legal und anrechnungsfrei dazuverdienen, aber f&uuml;r dieses Alter steigt der Faktor f&uuml;r die Ber&uuml;cksichtigung ihrer Person bei der Ermittlung der Gef&auml;hrdungsschwelle um 0,2 an, das sind jeweils knapp unter oder knapp &uuml;ber 200 Euro. Nun steigt aber der Regelsatz f&uuml;r diese Kinder nur um 20 Euro auf 311 Euro an, <u>wodurch besonders die vollst&auml;ndige Familie dann h&auml;ufiger mit ihrem Grundsicherungsanspruch unter der Gef&auml;hrdungsgrenze bleibt<\/u>. Das hat einen Grund: Der Regelsatz f&uuml;r &uuml;ber 14-J&auml;hrige wurde mit der Hartz-Reform gegen&uuml;ber der fr&uuml;heren Sozialhilfe, die in diesem Alter noch (richtigerweise) einen deutlich h&ouml;heren Bedarf anerkannt hatte, bewusst gek&uuml;rzt und zwar, damit die Jugendlichen darauf vorbereitet werden, auch niedrig entlohnte T&auml;tigkeiten anzunehmen. Es <u>gibt also eine gewollt herbeigef&uuml;hrte &bdquo;Teenager&ndash;Armut&ldquo;<\/u>, &uuml;ber die aber im Gegensatz zu der in der Grundsicherung nicht erkennbaren Alleinerziehenden-Armut nicht diskutiert wird.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Sozialpolitische Reaktionsm&ouml;glichkeiten<\/strong><\/p><p>Man kann die H&ouml;he der Leistungen der Grundsicherung immer noch kritisieren und zeigen, wo f&uuml;r Kinder und ihre Familien noch zus&auml;tzliche Bedarfe bestehen, aber, bis zu welcher Grenze sollte sich das erh&ouml;hen, auf 80 % vom Medianeinkommen oder mehr ? Welche Infrastrukturangebote gerade zur Bildung sollten f&uuml;r arme Familien kostenlos oder verg&uuml;nstigt erfolgen und zwar bundesweit und nicht nur in einzelnen Gemeinden?<\/p><p>Helfen w&uuml;rde es schon, wenn die Regels&auml;tze bei Energiekosten, Ern&auml;hrung, Mobilit&auml;t und gesundheitsbedingten Ausgaben nicht so sehr gek&uuml;rzt w&uuml;rden oder um familienbezogene einmalige Beihilfen\/Mehrbedarfe erweitert w&uuml;rden. Wenn man st&auml;rkere Anreize f&uuml;r eine Erwerbst&auml;tigkeit f&uuml;r Erwachsene setzen m&ouml;chte, kann man Niedrigverdiener st&auml;rker unterst&uuml;tzen. Nicht unbedingt jeden Minijobber, aber solche, die einer T&auml;tigkeit ab 20 Stunden pro Woche nachgehen und ein Mindestma&szlig; an Steuern und Sozialversicherung abf&uuml;hren, k&ouml;nnte man die Aufstockung ohne weitere Bedingung, aber auch ohne den b&uuml;rokratisch monstr&ouml;sen Aufwand wie einen Kinderzuschlag auszahlen. Der Erwerbst&auml;tigenfreibetrag lie&szlig;e sich einfach von 20 % auf 30 % oder 35 % aufstocken, das Wohngeld ab 3 Personen lie&szlig;e sich erh&ouml;hen, das Bildungs- und Teilhabepaket m&uuml;sste umkonstruiert werden und den Kindern, vor allem denen &uuml;ber 14 Jahren, verl&auml;sslicher zug&auml;nglich sein.<\/p><p>Abgestimmt werden m&uuml;sste das mit Kindergeld und steuerlicher Freistellung, was gegenw&auml;rtig so ungl&uuml;cklich miteinander verwoben ist, dass es nur zu unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;igen Kosten auch zur Armutsverringerung beitragen kann.  <\/p><p>Abgestimmt werden kann das Ganze aber auch mit den L&ouml;hnen, jedenfalls so lange die Mindestl&ouml;hne nicht ausreichen, um auch nur ein Kind zu versorgen. Hier h&auml;tte ich den Vorschlag einer Kinderzulage zum Lohn, so wie das heute noch bei den Beamten und fr&uuml;her im gesamten &ouml;ffentlichen Dienst war. Das w&auml;re eine M&ouml;glichkeit, auch die Arbeitgeber &ndash; vor allem die, die wenig Steuern zahlen &ndash; an den Familienaufwendungen zu beteiligen. Nat&uuml;rlich muss das als Umlage ausgestaltet sein, damit Eltern nicht wegen ihrer zeitweise h&ouml;heren L&ouml;hne diskriminiert werden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf den NachDenkSeiten sind am 2. November <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40864\">Kinderarmut: &Uuml;ber das Schweigen der gesellschaftlichen Elite<\/a> und am 1. November <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40844\">Kinderarmut: &bdquo;Man ist kurzzeitig schockiert und geht dann wieder zur Tagesordnung &uuml;ber&ldquo;<\/a> zwei Beitr&auml;ge zum Thema Kinderarmut erschienen. Die Juristin, mit Schwerpunkt Sozialrecht Helga Spindler war nicht mit allem einverstanden und hat einen eigenen Beitrag<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40989\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,167,145,132],"tags":[2113,882,1138,453,217,1707,868,214,340],"class_list":["post-40989","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-familienpolitik","category-sozialstaat","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-alleinerziehende","tag-armutsgefaehrdung","tag-aufstocker","tag-hans-boeckler-stiftung","tag-kinderarmut","tag-kinderzuschlag","tag-mikrozensus","tag-regelsatz","tag-zuwanderung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40989","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=40989"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40989\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53602,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40989\/revisions\/53602"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=40989"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=40989"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=40989"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}