{"id":4101,"date":"2009-07-30T17:18:34","date_gmt":"2009-07-30T15:18:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4101"},"modified":"2014-11-04T11:13:28","modified_gmt":"2014-11-04T10:13:28","slug":"wehe-sie-zweifeln-daran-dass-unsere-demokratie-noch-lebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4101","title":{"rendered":"Wehe, Sie zweifeln daran, dass unsere Demokratie noch lebt &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>&hellip; dann werden Sie sofort f&uuml;r nicht ganz zurechnungsf&auml;hig oder zum Verschw&ouml;rungstheoretiker erkl&auml;rt. So erging es am Dienstag dem Vorsitzenden der Links-Fraktion im Deutschen Bundestag bei &bdquo;Illner Intensiv&ldquo; im ZDF und hinterher leider auch in der Frankfurter Rundschau und &auml;hnlich in der Welt. (<a href=\"?p=4099#h11\">Siehe heutigen Hinweis Nr. 11f.<\/a>) Die Sendung war eine einzige Zumutung, auf Manipulation und Umsetzung der ausgedachten Kampagne angelegt. Besonders interessant ist die Emp&ouml;rung &uuml;ber Lafontaines Zweifel daran, ob wir es mit einer richtigen Demokratie zu tun haben, wenn zehn reiche Familien &uuml;ber ihre Medien bestimmen, was zu geschehen hat. &Uuml;ber diese Feststellung regen sich viele Journalisten von Maybritt Illner bis zu den Redakteuren von FR und Welt auf, als w&uuml;rde man ihnen das Liebste nehmen. Das ist bemerkenswert und typisch zugleich. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Journalisten sind sauer, wenn man ihre Methoden beschreibt<\/strong><\/p><p>Im konkreten Fall waren die Vorank&uuml;ndigung des ZDF, die Einleitung von Frau Illner, der Einspielfilm zu Beginn und eine Reihe von Anmerkungen und Fragen Illners w&auml;hrend der Sendung als konsequent verfolgter Teil einer Kampagne zu erkennen. Die Hauptbotschaft, die &uuml;bergebracht werden sollte, lautete: in der Linken tobt ein unerbittlicher Richtungskampf. Im Westen herrschen die Radikalen, die Verr&uuml;ckten (Illner). Diese sind gerade dabei, im Verein mit einigen Zombies im Osten die Macht zu &uuml;bernehmen. Und: Sie stellen die Demokratie infrage.<\/p><p>Das sind die Botschaften, die den Menschen unabh&auml;ngig von der Realit&auml;t eingetrichtert werden. Sie sind wirklich absurd, wenn sie im Kern auf die Feststellung hinauslaufen, wesentliche Teile SED-Kader aus dem Osten seien die Guten und die im Westen zu ihnen Gesto&szlig;enen um Lafontaine und Ulrich Maurer seien die B&ouml;sen. Absurder geht es nicht. Das ist reiner Kampagnenjournalismus. Er zieht sich durch viele Sendungen und Artikel, durchs Sommerinterview des ZDF genauso wie bei Illner zum Beispiel.<\/p><p>Da es sich hier um Kampagnenjournalismus handelt, reagieren die T&auml;ter ausgesprochen aggressiv, wenn man ihre Methoden beschreibt. Die T&auml;ter haben n&auml;mlich klar erkannt, dass die Thematisierung ihrer Machenschaften und damit die Thematisierung der Medienbarriere gegen&uuml;ber allen, die nicht zum Schwarz-gelben-Lager geh&ouml;ren, ihre Glaubw&uuml;rdigkeit unterminieren kann. Deshalb der Schaum vor dem Mund, wenn jemand von undemokratischen Verh&auml;ltnisse spricht.<\/p><p>Dabei muss man immer im Hinterkopf behalten, dass Journalisten in der Regel ohnehin nur hart im Geben aber nicht hart im Nehmen sind. Das kann man besonders gut im Artikel der Frankfurter Rundschau &uuml;ber die Illner-Sendung nachlesen und erkennen: der Autor Volker Schmidt kommt mit dem Totschlagargument &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo;, als Lafontaine beklagt, dass die Medien im Besitz von 10 reichen Familien sind. Er f&uuml;hlt sich sichtlich beleidigt und emp&ouml;rt sich. Aber er selbst <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/in_und_ausland\/kultur_und_medien\/feuilleton\/1856076_TV-Kritik-Illner-intensiv-Surreale-Verschwoerungstheorien.html\">teilt auf niederstem Niveau aus<\/a>. Dazu auch: <a href=\"http:\/\/lwi2009.wordpress.com\/2009\/07\/29\/schon-balzac-hat-es-gewusst-volker-schmidt-frankfurter-rundschau-bestatigt-ihn\/\">&bdquo;Schon Balzac hat es gewusst&hellip;Volker Schmidt (Frankfurter Rundschau) best&auml;tigt&nbsp;ihn&ldquo;<\/a>.<\/p><p>Man kann nur hoffen, dass die Thematisierung der Medienbarriere und des Kampagnenjournalismus nicht der Linkspartei alleine &uuml;berlassen bleibt. Eine Anmerkung zu den Gr&uuml;nen ist an dieser Stelle f&auml;llig. Sie waren jahrelang in den Achtzigern und Neunzigern bis zum Regierungseintritt 1998 Opfer ausgedehnter Medienkampagnen. Bei ihnen hat man auch jahrelang die Realos gegen die Fundis ausgespielt. Wenn bei ihnen noch ein bisschen demokratisches Feuer brennen w&uuml;rde, w&uuml;rden sie sich an ihre eigenen Erfahrungen erinnern und Partner der Aufkl&auml;rung &uuml;ber den Kampagnenjournalismus sein.<\/p><p>Ein interessantes Detail der Manipulation war in der angesprochenen Sendung der Versuch, <strong>aus dem Zweifel<\/strong>, ob man von Demokratie sprechen k&ouml;nne, wenn sie in H&auml;nden von 10 reichen Familien sind, <strong>eine Gegnerschaft zur Demokratie<\/strong> zu machen. Frau Illner sprach von &bdquo;Infragestellung der Demokratie&ldquo;, im Einspielfilm war von &bdquo;Sargnagel&ldquo; f&uuml;r die Demokratie die Rede.<\/p><p>Von dieser Verdrehung f&uuml;hle ich mich pers&ouml;nlich betroffen.<\/p><p><strong>&bdquo;Unsere Demokratie befindet sich am Rande ihrer Existenz&ldquo;<\/strong><\/p><p>So lautet eine aus meiner Sicht richtige Formulierung in der Einf&uuml;hrung zum Buch <a href=\"?page_id=4078\">&bdquo;Meinungsmache&ldquo;<\/a>. &bdquo;Wichtige Voraussetzungen f&uuml;r das Gedeihen demokratischer Willensbildungsprozesse sind nicht mehr gegeben.&ldquo; Das schreibe ich als &uuml;berzeugter Anh&auml;nger der demokratischen Lebensform und als engagierter Gegner all jener, die diese wichtige Organisationsform des politischen Zusammenlebens kaputtmachen. Wie zum Beispiel Berlusconi in Italien. Deshalb hei&szlig;t ein Kapitel in &bdquo;Meinungsmache&ldquo; mit Bedacht &bdquo;Berlusconi ist &uuml;berall oder Das nahende Ende der Demokratie&ldquo; (<a href=\"?page_id=4080\">siehe Inhaltsverzeichnis Kapitel 9<\/a>) <\/p><p>Wer die Meinungsbildungsprozesse in unserem Lande wie anderswo ehrlich analysiert, der kann nur zum Beobachtungsergebnis kommen: <\/p><blockquote><p>Wer &uuml;ber viel Geld und\/oder publizistische Macht verf&uuml;gt, kann hierzulande die politischen Entscheidungen massiv beeinflussen. Die &ouml;ffentliche Meinungsbildung ist zum Einfallstor f&uuml;r den politischen Einfluss der neoliberalen Ideologie und der damit verbundenen finanziellen und politischen Interessen geworden. In einer von Medien und Geld gepr&auml;gten Gesellschaft ist das zum Problem der Mehrheit unseres Volkes geworden, zum Problem des so genannten Mittelstands und vor allem der Arbeitnehmerschaft und der Gewerkschaften, denn diese Mehrheit und ihre Interessen werden zunehmend kaltgestellt.<\/p><\/blockquote><p><em>(Zitat aus Meinungsmache, Seite 9)<\/em><\/p><p>Ich w&uuml;sste nicht, was an diesem Beobachtungsergebnis falsch sein sollte. Indem man dieses ziemlich traurige Ergebnis feststellt, wird man doch nicht zum Gegner der Demokratie. Wer sich Sorgen um die demokratische Realit&auml;t macht, ist anders als die Kampagnenmacher ein Bef&uuml;rworter demokratischer Verh&auml;ltnisse.<\/p><p>Es ist klar: die Oberschicht, zu der sich Frau Illner wohl rechnet, mag partout nicht, wenn festgestellt wird, dass die Herrscher &uuml;ber Medien und Geld wesentlich bestimmen, was im Lande geschieht. Sie m&ouml;chten die Fiktion einer funktionierenden Demokratie am Leben halten, um den tats&auml;chlichen Niedergang der demokratischen Verh&auml;ltnisse zu bem&auml;nteln.<\/p><p>Man darf allerdings die Kritik nicht auf die &bdquo;10 reichen Familien&ldquo;, die die Medien beherrschen, beschr&auml;nken. Damit verk&uuml;rzt man das Problem. Das galt vielleicht f&uuml;r die Zeit, als Paul Sehte in den Sechzigern feststellte, dass die Pressefreiheit die Freiheit von 200 reichen Leuten sei, ihre Meinung zu verbreiten. Damals gab es ein wenigstens ann&auml;hernd plurales &Ouml;ffentlich-rechtliche Fernsehen. Heute gilt:<\/p><p><strong>Wo &ouml;ffentlich-rechtlich draufsteht, sind meist kommerzielle Interessen drin.<\/strong><\/p><p>Die Union hat sich in Verbindung mit Wirtschaftsinteressen beim &ouml;ffentlich-rechtlichen Fernsehen und H&ouml;rfunk in weitem Ma&szlig;e durchgesetzt &ndash; nicht &uuml;berall, es gibt noch Nischen. Aber die gro&szlig;en Talkshows, die anders als der Bundestag die Meinung vieler Menschen pr&auml;gen, die Tagesschau, die Tagesthemen, heute und heute journal und viele andere Sendungen sind weitgehend von den gro&szlig;en Interessen beherrscht. Ein Symbol daf&uuml;r ist die B&ouml;rsensendung jeden Abend zur besten Sendezeit. Mit den Interessen der Mehrheit der Nicht-Aktienbesitzer hat dieses Schauspiel nichts zu tun.<\/p><p>Die &ouml;ffentlich-rechtlichen Sender haben in Teilen unseres Volkes immer noch ein Image, das der tats&auml;chlichen Entwicklung seit langem nicht mehr entspricht. In konservativen Kreisen spricht man auch heute noch von &bdquo;Rot-Funk&ldquo;. Dieses Etikett, das je nach Standort dem WDR, dem hessischen Rundfunk, Radio Bremen oder dem NDR angeheftet und auf das gesamte &ouml;ffentlich-rechtliche Fernsehen &uuml;bertragen wurde, galt in der Realit&auml;t nie. Selbst diese Sender waren immer pluraler als behauptet worden ist und das Gesamtsystem einschlie&szlig;lich Bayerischem Rundfunk, S&uuml;ddeutschem Rundfunk und  dem damaligen S&uuml;dwestfunk waren nie im Sinne der Behauptung rot. F&uuml;r das ZDF galt das sowieso nie, im Gegenteil. Und dennoch war schon damals diese an den Fakten vorbei gehende Pr&auml;gung m&ouml;glich. Sie h&auml;lt sich in manchen Kreisen bis heute. Ein Nutzer der NachDenkSeiten, der aus dem konservativen Milieu kommt, hat uns letzthin eine sehr anschauliche Schilderung seiner eigenen Wahrnehmung und Entwicklung geschickt. Siehe Anlage 1.<\/p><p>Typisch f&uuml;r die Ver&auml;nderung bei den &ouml;ffentlich-rechtlichen Sendern ist eine andere Erscheinung: die Talkshows werden nicht in eigener Regie der Sender produziert. Sie sind ausgelagert in private Produktionsgesellschaften, meist verbunden mit dem Namen der f&uuml;hrenden Personen. Diese privaten Produktionsgesellschaften k&ouml;nnen das Einfallstor f&uuml;r private Interessen sein.<\/p><p><strong>Was tun?<\/strong><br>\nBeschreiben, was ist und das Etikett Verschw&ouml;rungstheoretiker Lager wegstecken. Denn was uns die Realit&auml;t heute an Verschw&ouml;rung gegen die Demokratie bietet, k&ouml;nnen sich selbst die fantasievollsten Verschw&ouml;rungstheoretiker nicht ausdenken.<\/p><p><strong>Anlage 1:<\/strong><\/p><p><strong>Die Mail eines Nutzers der NachDenkSeiten zu seiner politischen Sozialisation:<\/strong><\/p><blockquote><p>Sehr geehrter Herr M&uuml;ller,<br>\n&nbsp;<br>\nden Anhang C zu o.g. Artikel (das betraf: <a href=\"?p=4093\">&ldquo;Material zur Bedeutung der Aufkl&auml;rung &uuml;ber die Medienbarriere&rdquo;<\/a>) mit dem Hinweis auf eine vermeintlich linke&nbsp;&Uuml;bermacht in den Medien fand ich bemerkenswert.<br>\nIn der &ouml;ffentlichen Wahrnehmung ist das teilweise auch heute noch so, auch wenn die Realit&auml;t eine andere ist.<br>\nDa scheinen die konservativen Medien sehr geschickt zu agieren, um es aus deren Sicht mal zu betrachten.<br>\n&nbsp;<br>\nDiese linke &ldquo;&Uuml;bermacht&rdquo; wurde &uuml;brigens fr&uuml;her in&nbsp;meinem (zumindest damals CDU-treuen)&nbsp;famili&auml;ren Umfeld&nbsp;h&auml;ufig auch thematisiert. Ich kann mich trotz meiner&nbsp;&nbsp;jungen Jahre noch relativ gut daran erinnern.&nbsp;Da ich ja quasi in diesem Milieu &ldquo;sozialisiert&rdquo; wurde,&nbsp;habe ich das viele Jahre mangels Gegenthesen nat&uuml;rlich ebenfalls geglaubt und war &ldquo;allergisch&rdquo; gegen&nbsp;alles Linke. Ende der 80er-Jahre habe ich mich dann mit ca. 20 Jahren&nbsp;so ganz langsam aus dieser gedanklichen Isolation befreit, bei Wahlen meine Kreuze erst bei der SPD, sp&auml;ter dann&nbsp;fast immer&nbsp;bei den Gr&uuml;nen gemacht.<br>\nDie allerletzten Zweifel waren sp&auml;testens mit der Entdeckung der Nachdenkseiten beseitigt. Diese waren f&uuml;r mich sozusagen das letzte fehlende Puzzleteil.<\/p>\n<p>Also genau genommen hat meine Wandlung 20(!) Jahre gedauert. Ich finde,&nbsp;eine lange Zeit.&nbsp;&nbsp;Das ist halt oft das Problem, wenn man in Kreisen aufw&auml;chst, woalle praktisch dieselbe Meinung vertreten.&nbsp; Dabei geht es zun&auml;chst auch gar nicht um rechts oder links. Es fehlt einfach die Differenziertheit und Pluralit&auml;t, um mehrere Argumente gegeneinander abzuw&auml;gen und sich dann halbwegs frei zu entscheiden.&nbsp;Dabei ist es auch v&ouml;llig unerheblich, ob diese Einseitigkeit&nbsp;im famili&auml;ren Umfeld oder in der gesamten Bundesrepublik stattfindet. Das Resultat&nbsp;ist wohl&nbsp;dasselbe.<br>\n&nbsp;<br>\nUm aber keinen falschen Eindruck zu vermitteln, mir wurde nie gesagt, wen ich zu w&auml;hlen oder was ich politisch zu sagen habe. Ich bin einfach nur in diesem Umfeld aufgewachsen und es war sehr schwierig,&nbsp;sich differenzierte Gedanken zu machen.<\/p><\/blockquote><p><strong>Erg&auml;nzung AM:<\/strong><\/p><p>Ich fand diese Schilderung sehr interessant und beispielhaft. Das entspricht vermutlich der Entwicklung mancher NachDenkSeiten-Leser. Es zeigt auch, was noch zu tun ist. Verzeihen Sie, der ich wieder einmal anrege, in Ihrem eigenen Umfeld aufzukl&auml;ren. Geben Sie den Hinweis auf die NachDenkSeiten weiter. Oder auch auf andere aufkl&auml;rende Informationsquellen.<br>\n&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip; dann werden Sie sofort f&uuml;r nicht ganz zurechnungsf&auml;hig oder zum Verschw&ouml;rungstheoretiker erkl&auml;rt. 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