{"id":41025,"date":"2017-11-11T11:00:08","date_gmt":"2017-11-11T10:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41025"},"modified":"2018-12-30T17:40:07","modified_gmt":"2018-12-30T16:40:07","slug":"schlachthof-mexiko-das-gemetzel-an-der-zivilbevoelkerung-zwischen-staatsterror-und-narco-banden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41025","title":{"rendered":"Schlachthof Mexiko: das Gemetzel an der Zivilbev\u00f6lkerung, zwischen Staatsterror und Narco-Banden"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171111_mex_1.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Elf Jahre, nachdem Mexikos Pr&auml;sident Felipe Calder&oacute;n unter dem politischen Druck der USA im Jahr 2006 dem Drogenhandel den &bdquo;Krieg&ldquo; erkl&auml;rte, gelang der Offensive zwar die Inhaftierung einzelner Capos der alten Garde, wie Joaquin &bdquo;El Chapo&ldquo; Guzm&aacute;n, nicht aber die Zerst&ouml;rung, sondern die Aufsplitterung der m&auml;chtigsten Dealer-Gangs, &bdquo;Kartelle&ldquo; genannt. Auf der Strecke blieben die Verminderung der Gewalt und der Abbau der Kriminalit&auml;t. Von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Bilanz ist haarstr&auml;ubend: 100.000 Tote und 30.000 Vermisste; soviele Opfer, wie die ein Jahrzehnt andauernden B&uuml;rgerkriege im Mittelamerika der 1980er Jahre forderten (&bdquo;A 10 a&ntilde;os de la guerra contra el narco: 100 mil muertos y 30 mil desaparecidos&ldquo; &ndash; <em>El Milenio<\/em>, 11.12.2016). Calder&oacute;ns Nachfolger, der seit Dezember 2012 amtierende Pr&auml;sident Enrique Pe&ntilde;a Nieto, nahm den Mund voll und versprach den Mexikanern Frieden, Schutz und Freiheit &ndash; Fromme Spr&uuml;che! <\/p><p>Wer sich s&uuml;dwestlich von Mexiko-Stadt auf den Weg nach dem 300 Kilometer entfernten Bundesstaat Guerrero macht, erbleicht nach wie vor &uuml;ber makabre Funde. Die Entdeckungen von Massengr&auml;bern mit Leichen entf&uuml;hrter Opfer, auf &ouml;ffentlichen Pl&auml;tzen &bdquo;entsorgte&ldquo;, abgeschlagene Menschenk&ouml;pfe und verkohlte K&ouml;rperreste von Polizeiagenten oder verhassten Konkurrenten, die auf offener Stra&szlig;e lebendig verbrannt werden, geh&ouml;ren zur Routinemeldung der Beh&ouml;rden.<\/p><p>Die meisten Verbrechen werden von der Justiz nicht aufgekl&auml;rt, ihre Urheber nicht bestraft. Nach Angaben des <a href=\"http:\/\/www.udlap.mx\/cesij\/files\/IGI-2017_eng.pdf\">Globalen Straflosigkeit-Index&acute; 2017 [PDF]<\/a>, den die Universidad de las Americas in Puebla f&uuml;r 69 UN-Mitgliedsl&auml;nder ermittelte, belegt Mexiko den vierten Platz im internationalen Vergleich und Platz 1 als Hochburg unges&uuml;hnter Verbrechen Lateinamerikas. Der Bericht zum Stand von Sicherheit, Gerechtigkeit und Menschenrechten erteilte Mexiko ein Straflosigkeits-Ausma&szlig; von 69,21 Punkten, gefolgt von Kamerun (69,39), Indien (70,94) und den Philippinen (75,60 Punkte). <\/p><p>Was die Ermittlungs-und Justizbeh&ouml;rden kalt lie&szlig;, spornte mutige Journalisten zu Recherchen &uuml;ber die Hintergr&uuml;nde der weltweit wohl schauerlichsten Gewaltverbrechen an, denen mit Reportagen, B&uuml;chern und Filmen der gegenw&auml;rtige Kenntnisstand &uuml;ber das organisierte Verbrechen und seine Verfilzung mit dem mexikanischen Staat weitgehend zu verdanken ist.<\/p><p>Als ich eine mexikanische Kollegin aus Puebla zu einem Interview &uuml;ber das Thema animierte, sagte sie mir augenblicklich ab. Sie habe immerhin eine Familie und k&ouml;nne kein Risiko eingehen, entschuldigte sie sich. Und w&uuml;nschte mir &bdquo;viel Gl&uuml;ck!&ldquo;.<\/p><p>Was die ver&auml;ngstigte Kollegin von der Zusammenarbeit abhielt ist, dass investigativer Journalismus in Mexiko einen hohen Preis fordert. Die Sonderstaatsanwaltschaft zur Aufkl&auml;rung von Verbrechen gegen die Meinungsfreiheit berechnete, dass zwischen 2000 und 2016 mindestens 105 Journalisten wegen ihrer Arbeit ermordet wurden. Die britische Menschenrechts-Organisation <em>Article 19<\/em> stellte jedoch klar: Allein unter Pe&ntilde;a Nietos Regierung seien 36 Journalisten umgebracht worden; dazu weitere 9 Todesopfer unter Medienarbeitern allein im auslaufenden Jahr 2017.<\/p><p><strong>Massaker als &bdquo;Rechenschafts&ldquo;-Tradition der Oligarchien<\/strong><\/p><p>Am 22. Dezember 1997 kniete gerade eine Hundertschaft der Tzotzil-Ethnie in einer evangelischen Kirche der Gemeinde Acteal, Bundesstaat Chiapas, zum gemeinsamen Gebet, als ein Killerkommando die Kirche unter Beschuss nahm und das Feuer auf die Betenden &ouml;ffnete. Augenzeugen wollen 90 Paramilit&auml;rs gesehen haben, die nur knappe 200 Meter von einem Polizeirevier entfernt ungehindert 45 Menschen mit automatischen Waffen niederm&auml;hten. Zu den Opfern z&auml;hlten 20 Frauen &ndash; darunter sieben Schwangere &ndash; ferner 16 Kinder und 9 erwachsene M&auml;nner.<\/p><p>Der &bdquo;Grund&ldquo;? Die Indianer wurden als Mitglieder der linken Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) bezichtigt. Folglich wurden auch im Handumdrehen rund 100 Indigene hinter Schloss und Riegel des Gef&auml;ngnisses von Tuxtla Guti&eacute;rrez, Hauptstadt von Chiapas, gesperrt und als Akteure der Massen-Exekution beschuldigt. Hingegen Samuel Ruiz, damaliger Bischof von San Crist&oacute;bal de las Casas, forderte von der Staatsanwaltschaft, die wahren Anstifter festzunehmen. Diese ermittelte unter den mutma&szlig;lichen M&ouml;rdern zwar acht ehemalige Sicherheitsbeamte, doch die Gerichtsurteile fielen bitter entt&auml;uschend aus. Die Massenm&ouml;rder wurden zu h&ouml;chstens drei Jahren Gef&auml;ngnis verurteilt und anschlie&szlig;end freigelassen. <\/p><p>Nach inoffiziellen Angaben sollen zu jener Zeit in Chiapas mehr als zehn paramilit&auml;rische Verb&auml;nde gegen die EZLN aktiv gewesen sein. Einzelne Menschenrechts-Aktivisten haben die Gangster der Institutionell-Revolution&auml;ren Partei (PRI) zugeordnet, die Mexiko seit 71 Jahren regiert und &uuml;ber Jahrzehnte hinweg im Mittelpunkt schwerwiegender Anschuldigungen von chronischer Korruption und straflosen Gewaltverbrechen steht.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171111_mex_3.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Das Chiapas-Massaker sorgte zwar f&uuml;r tiefe Betroffenheit, bildete aber nur die Spitze eines verborgenen oder aus der historischen Wahrnehmung verdr&auml;ngten Gewalt-Eisbergs, der auf mehr als 100 Jahre zur&uuml;ckdatiert werden kann und in Cananea, Sonora, seine modernen Anf&auml;nge hatte. Am Vorabend der Mexikanischen Revolution (1910-1917, mit Nachwirkungen bis 1940) schossen dort US-Amerikaner 23 mexikanische Bergarbeiter &uuml;ber den Haufen, als diese f&uuml;r einen Mindestlohn von 5 Pesos und den 8-Stunden-Tag streikten. Als die &uuml;brigen Mexikaner auf den Anschlag mit bewaffneter Gegenwehr reagierten, ritten paramilit&auml;rische US-Rangers &uuml;ber die Grenze und erstickten unter Anstiftung der US- und der mexikanischen Porf&iacute;rio-D&iacute;az-Regierung den Arbeitskampf im Keim.<\/p><p>Wie wenig der mexikanischen Oligarchie Menschenleben wert waren, macht das Vorgehen General Gonz&aacute;lez Garzas deutlich, der w&auml;hrend der Revolution Mexiko-Stadt von den Aufst&auml;ndischen unter F&uuml;hrung Emiliano Zapatas befreite. Nachdem Gonz&aacute;lez&acute; 30.000 Mann starke, blutr&uuml;nstige Truppe den Bundesstaat Morelos gepl&uuml;ndert und die Drohung ausgesprochen hatte, Revolutions-Sympathisanten hinzurichten, ordnete er am 15. September 1910 die Zusammentreibung und Deportation von Bauern an. Auf seinen Befehl kommandierte Oberst Jes&uacute;s Guajardo am darauffolgenden 30. September 1910 die Massenerschie&szlig;ung von 180 Einwohnern Tlaltizap&aacute;ns wegen Nichtzahlung einer Steuer und f&uuml;r ihre Unterst&uuml;tzung der Zapatistas. Dem folgte ein blutiges Massaker an weiteren 268 M&auml;nnern, Frauen und Kindern.<\/p><p>General Jes&uacute;s Mar&iacute;a Guajardo Mart&iacute;nez gelang es jedoch, die Verbrechen seines Kollegen Gonz&aacute;lez 1919 mit einer himmelschreienden Perfidie in den Schatten zu stellen. Er versuchte Emiliano Zapata mit der Botschaft zu &uuml;berlisten, er sei mit dem F&uuml;hrer der sogenannten Verfassungs-Streitkr&auml;fte, Venustiano Carranza, unzufrieden und wolle zu Zapata &uuml;berlaufen. Als der legend&auml;re Revolutionsf&uuml;hrer Beweise verlangte, lie&szlig; Guajardo mit Zustimmung Carranzas und Gonz&aacute;lez&acute; etwa 50 seiner eigenen Soldaten erschie&szlig;en und Zapata R&uuml;stungen und Munition anbieten. Am darauffolgenden 10. April ermordete er Zapata auf der Chinameca-Ranch in Morelos.<\/p><p>Das wahllose Hinschlachten vermeintlicher Feinde, Intriganten und armer Bauern verlagerte sich ein halbes Jahrhundert sp&auml;ter auf politisierte Studenten. So befahl General Ra&uacute;l Caballero Aburto 1960 die Erschie&szlig;ung von 20 Studenten, denen der Sturz des Gouverneurs von Guerrero unterstellt wurde. Acht Jahre sp&auml;ter befehligte die autorit&auml;re Regierung Gustavo D&iacute;az Ordaz nach 146 Protest-Tagen gegen die Missst&auml;nde des mexikanischen Bildungssystems, w&auml;hrend der Sommer-Olympiade 1968 mindestens 200 Sch&uuml;ler und Studenten auf offener Stra&szlig;e mit MG-Feuer niederzum&auml;hen. Dem folgte drei Jahre sp&auml;ter der sogenannte &bdquo;Halconazo&ldquo;, wie die Hinrichtung von 120 Sch&uuml;lern durch die &bdquo;Falken&ldquo;-Division der Armee am Fronleichnamstag 1971 genannt wurde.<\/p><p>Und so weiter. Aguas Blancas-Massaker, 1995: 17 erschossene und 21 verletzte Bauern.   Blutbad San Fernando-Tamaulipas, am 22. und 23. August 2010: 72 Einwanderer aus Mittel- und S&uuml;damerika im Kugelhagel von Los Zetas hingerichtet. Schl&auml;chterei von San Fernando-Tamaulipas, 2011: 193 Menschen ermordet und in geheimen Gr&auml;bern verscharrt. Die Aktivistin Isabel Miranda de Wallace erkl&auml;rte jedoch mehrfach, in Wahrheit seien mehr als 500 Menschen umgebracht worden. Blutbad von Tlataya, 2014: 22 Zivilisten am fr&uuml;hen Morgen des 30. Juni 2014 von acht Armeesoldaten grundlos und kaltbl&uuml;tig erschossen. <\/p><p>Und schlie&szlig;lich das weltweit angeklagte Massaker von Ayotzinapa, 2014: 6 Tote, 25 Verletzte und 43 &bdquo;Verschwundene&ldquo;. F&uuml;r den Anschlag wurden st&auml;dtische Polizeibeamte verantwortlich gemacht, die im Auftrag des Drogen-Kartells Guerreros Unidos handelten. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft soll ferner die mexikanische Armee in die Gr&auml;ueltaten involviert sein. Die Ermittlungen wurden intensiv behindert und dauerten bis Ende 2017 an.<\/p><p><strong>Das 90-j&auml;hrige Machtmonopol einer korrupten Regierungspartei<\/strong><\/p><p>Wie konnte Mexiko so zahllose Schandtaten an der eigenen Bev&ouml;lkerung dulden und umgekehrt so wenig Rechenschaft &uuml;ber die perfidesten Gewaltverbrechen des 20. und 21. Jahrhunderts ablegen?<\/p><p>Die Frage rief mexikanische Wissenschaftler und Menschenrechts-Experten auf den Plan, die in einer mehr als <a href=\"https:\/\/www.opensocietyfoundations.org\/reports\/undeniable-atrocities-confronting-crimes-against-humanity-mexico\/es\">200-seitigen Studie (2016)<\/a>, gesponsert von George Soros&acute; Stiftung Open Society, die der staatlichen Repression, einer beispiellosen Militarisierung des Alltags, der uferlosen Korruption und der Unterwerfung Mexikos unter den Einfluss der USA die Hauptschuld an der Mordorgie in dem nordamerikanischen Land anlasten.<\/p><p>Dass ausgerechnet Soros eine solche Untersuchung finanzierte, liegt darin begr&uuml;ndet, dass der milliardenschwere Berufsspekulant zu den f&uuml;hrenden internationalen Bef&uuml;rwortern einer Entkriminalisierungspolitik f&uuml;r leichte Drogen, wie Marihuana, z&auml;hlt, doch als entschiedener Gegner der vernichtenden Auswirkungen des weltweiten Konsums von Kokain und Heroin auftritt.<\/p><p>Unumg&auml;nglich steht auch hier die Regierungspartei (PRI), die seit 1929 die F&auml;den der Macht in den H&auml;nden h&auml;lt, im Mittelpunkt der Kritik. Bis 1989 kontrollierte die PRI mit regelm&auml;&szlig;ig erneuerter, absoluter Mehrheit die Regierungen s&auml;mtlicher mexikanischer Bundesstaaten, bis 1997 die Bundesabgeordneten-Kammer und beherrschte ohne nennenswerte Konkurrenz auch das Pr&auml;sidentenamt bis ins Jahr 2000. So entstand ein starker, zentralistischer und zunehmend undurchsichtiger Staat.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171111_mex_4.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171111_mex_4-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Zur Aufrechterhaltung der Macht um jeden Preis dehnte die Partei im Lauf der Jahrzehnte ihren eisernen Einfluss auf Schl&uuml;sselbereiche des &ouml;ffentlichen Lebens in drei gro&szlig;en gesellschaftlichen Bereichen aus: Staatsbeamte der Mittelklasse, Gewerkschaften und das beachtliche Heer der Kleinbauern und Landarbeiter. Dies geschah st&auml;ndig mit der fadenscheinigen Berufung auf die ruhmreiche Revolution von 1910, als extra daf&uuml;r beauftragte 33 Parteif&uuml;hrer im Namen der PRI Geld- und Machtvorteile im Austausch f&uuml;r Abstimmungs-Garantien aushandelten und selbst Dissidenten mit Korruption, Kooptation, Privilegien und politischer Unterst&uuml;tzung zu bedienen versuchten.<\/p><p>Gleichwohl widerstanden relevante Gesellschaftsgruppen der Kooptation. Ein ineffizienter Staat, der nach au&szlig;en die Gleichheits-Prinzipien der Revolution propagierte, sich jedoch intern zunehmend in den Dienst der Eliten stellte, konnte nicht zugleich zwei Herren dienen. So blieb die l&auml;ndliche Armut unver&auml;ndert, die indigene Bev&ouml;lkerung wurde vernachl&auml;ssigt, die allgemeinen Arbeitsbedingungen durch verantwortungslose Freihandelsabkommen verschlechtert &ndash; Zust&auml;nde, die bald Studenten, Gewerkschaftsf&uuml;hrer und soziale Bewegungen zum Kampf gegen soziale Ungleichheit, Korruption, Entrechtung und polizeistaatlichen Autoritarismus mobilisierten. <\/p><p>Die &bdquo;Abtr&uuml;nnigen&ldquo; wurden zum Angriffsziel der PRI, und zwar mit der Mobilmachung der Sicherheitskr&auml;fte. Diese mussten jedoch kooptiert werden, was der PRI mit der &bdquo;Belohnung&ldquo; von Polizisten und Soldaten f&uuml;r ihre politische Treue gelang, und einen m&auml;chtigen, schwerbewaffneten Korruptions- und Unterdr&uuml;ckungsapparat in Bewegung setzte, der unter dem Einfluss der USA, zwischen den 1960-er und 1980-er Jahren, den sogenannten &bdquo;Guerra Sucia&ldquo; (Schmutzigen Krieg) der Regierungen Gustavo D&iacute;az Ordaz, Luis Echeverr&iacute;a und L&oacute;pez Portillo gegen fortschrittliche sozialen Bewegungen besorgte, der tausenden Aktivisten das Leben kostete.<\/p><p>Die Regierung L&oacute;pez Portillo machte schlie&szlig;lich einzelne Zugest&auml;ndnisse, billigte die Amnestie f&uuml;r die Guerilla-Bewegungen und legalisierte 1978 die linken Oppositionsparteien. Obwohl diese Ma&szlig;nahmen die Beendigung des &bdquo;schmutzigen Krieges&ldquo; besiegeln sollten, setzte der PRI-kontrollierte Staat die Gewaltanwendung gegen die linke Opposition mit neuen Mitteln fort. <\/p><p><strong>Der Staat als kriminelle Vereinigung<\/strong><\/p><p>Die Einbindung Mexikos in Richard Nixons &bdquo;Krieg gegen die Drogen&ldquo; beantwortete der PRI-Staat mit einer bew&auml;hrten Tradition. Schon in den Anf&auml;ngen der Drogenbek&auml;mpfung wurde die Armee zur Ausrottung der   Opium- und Marihuana-Pflanzungen in Mexiko eingesetzt, die in den 1940-er Jahren als Reaktion auf die Nachfrage in den USA ihre Hochbl&uuml;te erreichten.<\/p><p>Ab 1976 dirigierte jedoch die US-amerikanische Drug Enforcement Administration (DEA) mit Pestizid-Eins&auml;tzen aus der Luft die Vernichtung von Marihuana- und einzelnen Opium-Pflanzungen in Mexiko. Zu den unmittelbaren Folgen der gemeingef&auml;hrlichen Spritzvorg&auml;nge geh&ouml;rte der rasante Preisanstieg f&uuml;r illegal angebaute Drogen und die aufflammende Rivalit&auml;t zwischen den geheimen Drogenhandelsketten, genannt &bdquo;Kartelle&ldquo;.<\/p><p>F&uuml;r die Verbrechensbek&auml;mpfung &uuml;bertrug der mexikanische Staat immer mehr Verantwortung der Polizei und dem Milit&auml;r, die ihren Einsatz zum Anlass zunehmender Einschr&auml;nkung ziviler Rechte und erh&ouml;hter sozialer Kontrolle nahmen. Bald waren der &bdquo;Krieg gegen die Drogen&ldquo; und der mit neuen Mitteln fortgesetzte &bdquo;schmutzige Krieg&ldquo; gegen die Linke eng miteinander verwoben. <\/p><p>Als Rechtfertigung f&uuml;r den Angriff auf ihre politischen Gegner erlaubte und befeuerte die PRI die Bildung m&auml;chtiger paramilit&auml;rischer Verb&auml;nde und versuchte sie zu kooptieren. Als diese sich jedoch als sogenannte Drogenhandels-Kartelle mit der Absprache territorialer Kontrolle entpuppten, hatten sie die PRI bereits &bdquo;verseucht&ldquo; und die Erosion der Staatsgewalten herbeigef&uuml;hrt.<\/p><p>W&auml;hrend der &Auml;ra Nixon (1969-1974) hatte Mexiko zun&auml;chst als Transitroute f&uuml;r kolumbianisches Kokain in die Vereinigten Staaten gedient. Doch als die sogenannten &bdquo;Kartelle&rdquo; ihre Gesch&auml;fte auf den Menschenhandel &ndash; n&auml;mlich die illegale Einwanderung in die USA &ndash; ausweiteten, ver&auml;nderte sich auch das Wesen der &ouml;ffentlichen Korruption.<\/p><p>&Ouml;rtliche PRI-F&uuml;hrer in den Drogenanbau- und Erntegebieten waren nicht mehr in der Lage, Drogenherstellern und Menschenh&auml;ndlern Schutz zu gew&auml;hren. Angespornt von den Bandenf&uuml;hrern, verlangten sie fortan von der Regierung den Schutz der Drogenpflanzungen sowie die Duldung von Handelsrouten quer durch Mexiko. Die Folge war grassierende Bestechungspraxis auf immer h&ouml;heren Regierungsebenen.<\/p><p>Als das Drogengesch&auml;ft neu ins Rollen kam und die Vernichtung der linken, demokratischen Opposition auch politische Dividende versprach, desertierten hochrangige Milit&auml;rs und Polizeiagenten zu hunderten und gr&uuml;ndeten neue &bdquo;Kartelle&ldquo;. Da die Strukturen der PRI jedoch stark zentralisiert waren, erkannten die aufstrebenden Drogenkartelle darin einen Anlass, um mehr als in einem Bundesstaat zusammenzuarbeiten und politische Beamte auf h&ouml;chster Ebene zu schmieren.<\/p><p>Die PRI versuchte, den Drogenhandel in ihren Dienst zu stellen und reagierte zun&auml;chst mit der Bek&auml;mpfung, anschlie&szlig;end jedoch mit der Erpressung, der Kontrolle und dem Schutz schwer belasteter Drogenh&auml;ndler-Banden, denen mit Hilfe politischer und Sicherheits-Ma&szlig;nahmen der Zugang zur politischer Staatsmacht verwehrt werden sollte.<\/p><div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171111_mex_2.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Doch h&auml;ufig, wenn der investigative Journalismus und vereinzelte Sozialwissenschaftler meinen, nun h&auml;tten sie den Dollpunkt der politischen Hintergr&uuml;nde des organisierten Verbrechens in Mexiko geknackt, werden sie von neuen, ungeahnten Zusammenh&auml;ngen &uuml;berrumpelt. So auch von der Ironie, dass die Drogenbek&auml;mpfungs-Politik der USA stetig die Expansion mexikanischer Kartelle beg&uuml;nstigte.<\/p><p>Nur allzu ungern l&auml;sst sich die US-Regierung zum Beispiel daran erinnern, dass sie f&uuml;r die Entstehung des kriminellen Guadalajara-Kartells verantwortlich war. Das passierte w&auml;hrend der US-Unterst&uuml;tzung der ber&uuml;chtigten <em>Contras<\/em> in der Endphase des Befreiungskrieges in Nicaragua, als das aufkeimende Kartell der Regierung Ronald Reagan beim Passieren von US-Waffen aus Nachbarl&auml;ndern verdeckte Hilfe zur Verf&uuml;gung stellte. Den Contras zufolge haben die US-Beh&ouml;rden im Austausch f&uuml;r den Gefallen &bdquo;ein Auge zugedr&uuml;ckt&ldquo;, als sich gigantische Kokainmengen, die in Mexiko verarbeitet worden waren, ihren Weg in die USA bahnten.<\/p><p>Weiterhin ist erwiesen, dass der militarisierte Einsatz mit der Drogen-Beschlagnahme der DEA in S&uuml;d- und Mittelamerika der organisierten Kriminalit&auml;t in Mexiko als Anreiz zur Fortentwicklung diente. Als der Nachschub aus diesen Gebieten ausfiel, stiegen die Preise und mexikanische Kartelle erlebten ihre Bl&uuml;te mit der Bedienung der uners&auml;ttlichen Nachfrage des Nachbars im Norden.<\/p><p>Mit gesteigerten Geld- und Politik-Ressourcen und beachtlichen Waffenarsenalen ersetzten die Kartelle in wachsendem Ausma&szlig; Parteif&uuml;hrer der PRI und entpuppten sich als Meister der politischen Unterwanderung und Kooptation potenzieller Gegner. Sie wurden auch immer gewaltt&auml;tiger und k&auml;mpften um die Vorherrschaft im kriminellen Milieu.<\/p><p>Lebendiges Beispiel f&uuml;r diese Entwicklung ist der Aufstieg des Joaqu&iacute;n Archivaldo Guzm&aacute;n Loera, genannt &bdquo;El Chapo Guzm&aacute;n &ldquo;, vom armen Jungen aus einem Elendsviertel in Tuna zum Chef des m&auml;chtigsten Sinaloa-Drogenkartells aller Zeiten. Dreimal gelang es &bdquo;El Chapo&ldquo;, aus mexikanischen Hochsicherheits-Haftanstalten zu fliehen und im Jahr 2011 rangierte er auf Platz 55 der einflussreichsten Personen in aller Welt.<\/p><p>Ende 2016 war &bdquo;El Chapo&ldquo; von der in Hollywood aktiven mexikanischen Schauspielerin Cate Castillo per Twitter als &bdquo;aufrichtiger Mensch&ldquo;, im Vergleich mit Pr&auml;sident Pe&ntilde;a Nieto und seiner PRI, ger&uuml;hmt worden. Der als belesen und Gefangenen-Besch&uuml;tzer geltende, kriminelle Milliard&auml;r, dem zigtausende Morde angedichtet werden, lie&szlig; die Hollywood-Artistin, begleitet vom zweifachen Oscar-Preistr&auml;ger und politischen Aktivisten Sean Penn, in sein mexikanisches Versteck rufen. <\/p><p>&bdquo;El Chapo&ldquo; hatte den Wunsch, Kate Castillo mit der Verfilmung der Lebensgeschichte des Joaqu&iacute;n Archivaldo Guzm&aacute;n Loera zu beauftragen, die nach der unbeschreiblichen Kriminellen-Karriere nach einer romantisierten und humanisierenden Bearbeitung verlangte. Dazu kam es aber nicht.<\/p><p>Die von einem WhatsApp verwandten, elektronischen Sprachdienst &uuml;bertragenen Botschaften zwischen dem Bandenchef und der Schauspielerin wurden abgefangen und &bdquo;El Chapo&ldquo; kurz nach der Abreise Castillos und Penns in Los Mochis zum dritten Mal verhaftet und schlie&szlig;lich im Februar 2017 an die USA ausgeliefert. Was Kate Castillo nicht an der Produktion eines glamour&ouml;sen Dokumentarfilms mit dem Titel &bdquo;Der Tag, an dem ich den Chapo kennenlernte&ldquo; (<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=OoD2NeKaUKk\">Filmtrailer<\/a>) hinderte, der ihr nachtr&auml;glich eine Anzeige der mexikanischen Regierung bescherte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171111_mex_1.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Elf Jahre, nachdem Mexikos Pr&auml;sident Felipe Calder&oacute;n unter dem politischen Druck der USA im Jahr 2006 dem Drogenhandel den &bdquo;Krieg&ldquo; erkl&auml;rte, gelang der Offensive zwar die Inhaftierung einzelner Capos der alten Garde, wie Joaquin &bdquo;El Chapo&ldquo; Guzm&aacute;n, nicht aber die Zerst&ouml;rung, sondern die Aufsplitterung<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41025\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,60,20,127],"tags":[1092,1471,930,1760,1957,1570,893,309,1419,1556],"class_list":["post-41025","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-innere-sicherheit","category-landerberichte","category-lobbyismus-und-politische-korruption","tag-drogen","tag-investigativer-journalismus","tag-justiz","tag-kriminalitaet","tag-menschenhandel","tag-mexiko","tag-militarisierung","tag-repressionen","tag-soros-george","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41025","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=41025"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41025\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48113,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41025\/revisions\/48113"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=41025"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=41025"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=41025"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}