{"id":41186,"date":"2017-11-21T11:30:29","date_gmt":"2017-11-21T10:30:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41186"},"modified":"2017-11-22T14:10:27","modified_gmt":"2017-11-22T13:10:27","slug":"krise-des-westens-und-weimar-was-soll-diese-grotesken-uebertreibungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41186","title":{"rendered":"\u201eKrise des Westens\u201c und \u201eWeimar\u201c \u2013 was sollen diese grotesken \u00dcbertreibungen?"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150520_berger.jpg\" alt=\"Jens Berger\" title=\"Jens Berger\"><\/div><p>Glaubt man Stefan Kornelius von der S&uuml;ddeutschen, hat Christian Lindners Ausstieg aus den Sondierungsgespr&auml;chen eine &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/gescheiterte-jamaika-koalition-die-krise-in-berlin-geraet-zur-krise-des-westens-1.3757301\">Krise des Westens<\/a>&ldquo; ausgel&ouml;st. Sein Kollege Markus Schwering <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/politik\/historische-instabilitaet-das-gab-es-in-deutschland-seit-der-weimarer-republik-nicht-28879910\">bem&uuml;ht sogar<\/a> den gr&ouml;&szlig;ten aller m&ouml;glichen geschichtlichen Vergleiche, spricht von einer &bdquo;historischen Instabilit&auml;t&ldquo; und erinnert an &bdquo;Weimar&ldquo;. Geht es nicht etwas unaufgeregter und leiser? Die alte schwarz-rote Regierung ist gesch&auml;ftsf&uuml;hrend im Amt, verf&uuml;gt &uuml;ber eine arbeitsf&auml;hige Mehrheit im Bundestag und Union und SPD werden aller Voraussicht auch die neue Regierung stellen. Staatskrisen sehen anders aus. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8853\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-41186-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171122_Uebetreibungen_Krise_des_Westens_und_Weimar_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171122_Uebetreibungen_Krise_des_Westens_und_Weimar_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171122_Uebetreibungen_Krise_des_Westens_und_Weimar_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171122_Uebetreibungen_Krise_des_Westens_und_Weimar_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=41186-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171122_Uebetreibungen_Krise_des_Westens_und_Weimar_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"171122_Uebetreibungen_Krise_des_Westens_und_Weimar_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Betrachten wir die Situation doch einmal ganz rational. Bis sich irgendwann einmal eine neue Regierung bildet, bleibt die alte schwarz-rote Regierung gesch&auml;ftsf&uuml;hrend im Amt. Wie es momentan aussieht, wird es im Fr&uuml;hjahr Neuwahlen geben und bis Mai oder Juni sollte sich eine neue Regierung gebildet haben. Kein Grund zur Panik, schlie&szlig;lich ist die gesch&auml;ftsf&uuml;hrende Regierung ja kein zahnloser Tiger. Sie hat die Mehrheit im Bundestag und verf&uuml;gt sogar im Bundesrat &uuml;ber eine bequeme Mehrheit. Au&szlig;enminister Gabriel ist in dieser Woche in Bangladesch und verspricht den Rohingya-Fl&uuml;chtlingen im Namen Deutschlands mehr Hilfe, die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks verhandelt im Namen der Bundesrepublik auf dem UN-Klimagipfel in Bonn und selbstverst&auml;ndlich geht auch Angela Merkel nach wie vor ihrem Amt als Bundeskanzlerin nach. Die Exekutive ist voll funktionsf&auml;hig und sollte ein amtierender Minister ausfallen, wird die Kanzlerin dem Bundespr&auml;sidenten einen Ersatz vorschlagen, den dieser sicher auch ernennen wird. Auch wenn gesch&auml;ftsf&uuml;hrende Bundesregierungen bis dato stets nur wenige Wochen im Einsatz waren und dann durch eine neue regul&auml;re Regierung ersetzt wurden, hei&szlig;t dies noch lange nicht, dass sie qua Verfassung keine &bdquo;echten&ldquo; Regierungen w&auml;ren, die in welcher Form auch immer nicht handlungsf&auml;hig w&auml;ren. Die Verfassungsv&auml;ter waren ja nicht dumm und haben ihre Lehren aus Weimar gezogen.<\/p><p>Nicht ganz so problemlos w&auml;re die Situation freilich, wenn die gesch&auml;ftsf&uuml;hrende Regierung keine Mehrheit im Bundestag h&auml;tte. Aber dem ist ja nicht so. Union und SPD verf&uuml;gen zusammen &uuml;ber 399 der 709 Sitze im Bundestag und damit &uuml;ber eine sehr satte Mehrheit. Der neu konstituierte Bundestag ist keine Behinderung f&uuml;r die Exekutive. <\/p><p>Aber wie sieht es mit der Legislative aus? Ist die nicht eingeschr&auml;nkt? Nein. Rein theoretisch k&ouml;nnte Schwarz-Rot mit Einwilligung des Bundespr&auml;sidenten so weiterregieren, als h&auml;tte es gar keine Wahlen gegeben und auch neue Gesetze verabschieden. Wenn es Not tut, k&ouml;nnte nicht nur die gesch&auml;ftsf&uuml;hrende Regierung, sondern auch eine wie auch immer geartete Gruppe von Parlamentariern oder auch der Bundesrat einen Gesetzesentwurf einreichen, &uuml;ber den dann, dem ganz normalen Prozedere folgend, vom Bundestag abgestimmt wird. Der Bundestag als wichtigstes Organ der Legislative ist also alles andere als handlungsunf&auml;hig.<\/p><p>Und was f&uuml;r Berlin gilt, gilt unisono f&uuml;r &bdquo;Europa&ldquo; und die &bdquo;Welt&ldquo;, um die ja vor allem unsere transatlantischen Kommentatoren auf einmal so viel Sorge haben. Die gesch&auml;ftsf&uuml;hrende Bundesregierung nimmt ihre Aufgaben in den Organen der EU, der Eurogruppe, der NATO, der UNO und allen anderen trans- und internationalen Organisationen selbstverst&auml;ndlich ganz normal weiterhin wahr. In den allermeisten Organisationen h&auml;tte es durch die Regierungsumbildung au&szlig;er neuen Vorgaben aus Berlin ohnehin keine personellen oder strukturellen &Auml;nderungen gegeben. Ob Angela Merkel dem Europ&auml;ischen Rat nun als alte, neue oder gesch&auml;ftsf&uuml;hrende Regierungschefin angeh&ouml;rt, spielt &uuml;berhaupt keine Rolle. Der oft geh&ouml;rte Satz, Europa sei nun nicht handlungsf&auml;hig oder gar instabil, ist schlicht Unsinn.<\/p><p>Noch gr&ouml;&szlig;erer Unsinn ist freilich der unselige Weimar-Vergleich. In ihrer Sp&auml;tperiode waren die Organe der Weimarer Republik ja in der Tat faktisch blockiert &ndash; durch eine Partei, die die Verfassung samt deren Organe abschaffen wollte und dies ja sp&auml;ter auch umgesetzt hat. Im Bundestag sitzt jedoch keine Partei, die ernsthaft das Grundgesetz, die freiheitliche demokratische Grundordnung oder die Organe der Bundesrepublik in Frage stellt oder gar abschaffen will. Frank Walter Steinmeier ist kein greiser Hindenburg und Angela Merkel kein machtloser Franz von Papen. Und vor allem &ndash; die Arbeit des Bundestags oder der Bundesregierung ist ja &uuml;berhaupt nicht blockiert. <\/p><p>Unsere aktuelle &bdquo;Krise light&ldquo; gr&uuml;ndet vielmehr auf dem Unwillen einzelner Parteien aus der erweiterten politischen Mitte, die aus rein taktischen Gr&uuml;nden keine Koalitionsgespr&auml;che f&uuml;hren wollen. Diese Taktierereien mag man bewerten, wie man will &ndash; eine wie auch immer geartete Verfassungskrise stellen sie jedoch ganz sicher nicht dar.<\/p><p><em>Lesen Sie dazu bitte auch: Albrecht M&uuml;ller &ndash; <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41163\">Gedanken zum Scheitern der Jamaika-Gespr&auml;che<\/a><\/em><\/p><p>Deutschland befindet sich nicht in einer &bdquo;historischen Instabilit&auml;t&ldquo;, sondern in der grotesken Situation, in der einzelne Akteure offenbar das Volk so lange w&auml;hlen lassen wollen, bis ihnen das Ergebnis passt. Die SPD h&auml;tte nach den Wahlen laut dem damaligen Fraktionschef Thomas Oppermann erst ab einem Ergebnis von 23% Koalitionsverhandlungen mit der Union <a href=\"http:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Oppermann-sieht-letzte-Chance-fuer-Groko-article20058534.html\">aufgenommen<\/a>. Man holte aber nur 20,5% und interpretierte diesen kleinen Unterschied noch am Wahlnachmittag vor Schlie&szlig;ung der Wahllokale als &bdquo;fehlenden W&auml;hlerauftrag&ldquo;, der die SPD auf die Oppositionsbank zwingen w&uuml;rde. Nun ja. Verspricht sich die SPD nun etwa durch Neuwahlen mit dem gleichen Spitzenpersonal und ohne neues inhaltliches Konzept, aus der gef&uuml;hlten Opposition heraus die magische Grenze von 23% zu &uuml;berqueren? Und sich dann mit f&uuml;nf oder sechs Abgeordneten mehr und mit stolzer Brust gest&auml;rkt als Juniorpartner an Merkels Seite zu positionieren? Derartige Egotrips wird der W&auml;hler sicher nicht tolerieren und die SPD daf&uuml;r wom&ouml;glich erst richtig abstrafen. <\/p><p>Und dann? Jamaika d&uuml;rfte erst einmal tot sein, Schwarz-Gr&uuml;n, Schwarz-Gelb und Rot-Rot-Gr&uuml;n wirken zur Zeit rechnerisch recht ambitioniert, w&auml;hrend weitere B&uuml;ndnisse &aacute; la Kongo (Gr&uuml;n-Gelb-Rot-Rot) oder Bahamas (Schwarz-Gelb-Blau) von den Beteiligten komplett ausgeschlossen werden und auch inhaltlich nur schwer vorstellbar sind. F&uuml;r Minderheitsregierungen &ndash; die ja an sich eine interessante Sache w&auml;ren, da sie die politischen Inhalte in den Mittelpunkt stellen &ndash; fehlt Deutschland die politische Kultur und wohl auch die politische Reife. Der beste Ausweg aus dieser neuen Situation besteht wohl darin, dass die SPD sich auch inhaltlich neu aufstellen w&uuml;rde und beispielsweise die neun Punkte beherzigt, die Albrecht M&uuml;ller <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41163\">gestern vorgestellt hat<\/a>. Darauf d&uuml;rfte sich die Union zwar nicht einlassen, bei Neuwahlen g&auml;be es dann jedoch endlich mal eine echte inhaltliche Alternative, die unsere &bdquo;Krise light&ldquo; schnell beenden d&uuml;rfte. <\/p><p>Aber diesen Weg will die SPD ja offenbar (noch) nicht gehen. In Belgien hat es 2009 bis 2011 ganze 541 Tage gedauert, bis sich eine neue Regierung <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/international\/nach-541-tagen-belgien-hat-offiziell-eine-regierung\/5945598.html\">gebildet hat<\/a> und man kann nicht sagen, dass dies die schlechtesten Tage f&uuml;r das Land waren. Aber so lange wird es in Deutschland sicherlich nicht dauern. Oder um es ironisch zu sagen: Freuen wir uns also auf weiteren inhaltsreichen und superspannenden Wahlkampf, aus dem dann Martin Schulz als gest&auml;rkter Vizekanzler hervorgeht. Und da wundern sich die &bdquo;Experten&ldquo; &uuml;ber Demokratiem&uuml;digkeit?<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/ede6b39eaf20423f890e7aa9464c9b30\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150520_berger.jpg\" alt=\"Jens Berger\" title=\"Jens Berger\"\/><\/div>\n<p>Glaubt man Stefan Kornelius von der S&uuml;ddeutschen, hat Christian Lindners Ausstieg aus den Sondierungsgespr&auml;chen eine &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/gescheiterte-jamaika-koalition-die-krise-in-berlin-geraet-zur-krise-des-westens-1.3757301\">Krise des Westens<\/a>&ldquo; ausgel&ouml;st. Sein Kollege Markus Schwering <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/politik\/historische-instabilitaet-das-gab-es-in-deutschland-seit-der-weimarer-republik-nicht-28879910\">bem&uuml;ht sogar<\/a> den gr&ouml;&szlig;ten aller m&ouml;glichen geschichtlichen Vergleiche, spricht von einer &bdquo;historischen Instabilit&auml;t&ldquo; und erinnert an &bdquo;Weimar&ldquo;.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41186\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,188,187,183,190],"tags":[1889,403,1260,2157,315,1522,460],"class_list":["post-41186","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-bundesregierung","category-bundestag","category-medienkritik","category-wahlen","tag-belgien","tag-berliner-zeitung","tag-groko","tag-jamaika-koalition","tag-merkel-angela","tag-minderheitsregierung","tag-sz"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41186","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=41186"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41186\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":41207,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41186\/revisions\/41207"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=41186"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=41186"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=41186"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}