{"id":41203,"date":"2017-11-22T13:11:04","date_gmt":"2017-11-22T12:11:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41203"},"modified":"2017-11-23T16:49:57","modified_gmt":"2017-11-23T15:49:57","slug":"warum-die-russen-putin-respektieren-weil-beim-vorgaenger-jelzin-die-lebenserwartung-von-70-auf-60-jahre-sank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41203","title":{"rendered":"Warum die Russen Putin respektieren: Weil beim Vorg\u00e4nger Jelzin die Lebenserwartung von 70 auf 60 Jahre sank"},"content":{"rendered":"<p>Die nachfolgende Analyse von <strong>G&uuml;nter Baigger<\/strong> beschreibt den drastischen R&uuml;ckgang der Lebenserwartung in Russland unter Putins neoliberal gepr&auml;gtem Vorg&auml;nger Boris Jelzin nach dem Zusammenbruch der UdSSR. Jelzin wurde von einer ganzen Heerschar vor allem US-amerikanischer Wissenschaftler, Banker und Lobbyisten beraten. Naomi Klein hat diese Vorg&auml;nge in Kapitel 12 der &bdquo;Schock-Strategie&ldquo; beschrieben und beleuchtet. Die daraus folgende humanit&auml;re Katastrophe bleibt im Westen weitgehend unerw&auml;hnt. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4182\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-41203-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171123_Warum_die_Russen_Putin_respektieren_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171123_Warum_die_Russen_Putin_respektieren_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171123_Warum_die_Russen_Putin_respektieren_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171123_Warum_die_Russen_Putin_respektieren_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=41203-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171123_Warum_die_Russen_Putin_respektieren_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"171123_Warum_die_Russen_Putin_respektieren_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Auch um exaktere Zahlen zu erhalten, ist es an der Zeit, dass sich westliche Institutionen und Medien mit dem Thema befassen. Dies k&ouml;nnte viel zur Erkl&auml;rung der Stimmung im heutigen Russland beitragen und den Weg zu einem verst&auml;ndnisvolleren Umgang miteinander ebnen. Danke an G&uuml;nter Baigger f&uuml;r diesen wichtigen Denkansto&szlig;: <\/p><p><em>G. Baigger<\/em><br>\n<em>Kriens, 21.11.2017<\/em><\/p><p>Bekanntlich wandte sich die Sowjetunion in den Neunziger Jahren vom Kommunismus ab. In dieser Zeit war es auch, dass sich die Sowjetrepubliken vom einstigen Mutterland abspalteten. Die meisten Sowjetrepubliken wurden unter dem Zaren Teil Russlands. In der Sowjetzeit wurden sie zu sogenannten autonomen Republiken erkl&auml;rt. Nun hatten sie die Gelegenheit, sich von Russland ganz loszusagen.<\/p><p>In Kernland Russland fand in den Neunziger Jahren unter der Pr&auml;sidentschaft Jelzins eine gewaltige wirtschaftliche Wende statt. Nach dem, was man aus den westlichen Medien &uuml;ber die L&auml;nder jenseits des Eisernen Vorhangs erfahren hatte, konnte man erwarten, dass diese Ver&auml;nderung von einem Grossteil der Bev&ouml;lkerung herbeigesehnt wurde, und dass diese Ver&auml;nderung der gro&szlig;en Mehrheit Freiheit sowie gro&szlig;e wirtschaftliche materielle Vorteile brachte. <\/p><p>Bereits damals wurde in den Zeitungen aber auch von Missst&auml;nden berichtet. &Uuml;berdies gab es den Hinweis, dass die Lebenserwartung nach der Wende in der ehemaligen Sowjetunion von 70 auf 60 Jahre zur&uuml;ckgegangen sei. Dieser Sachverhalt wurde in den allermeisten Darstellungen unkommentiert belassen. Ausnahme ist das amerikanische Heft Lancet, 2009.<\/p><p>Was bedeuten diese Zahlen. Nun zun&auml;chst muss man feststellen, dass Werte der Lebenserwartung sich normalerweise &auml;u&szlig;erst tr&auml;ge verhalten. Selbst Grippeepidemien haben nur geringf&uuml;gige Auswirkungen auf die Lebenserwartung. In den westlichen L&auml;ndern sind die Lebenserwartungen  in den letzten Jahren stabil geblieben, mit leicht steigender Tendenz. (Eine Ausnahme bilden die USA. Dort ist die Lebenserwartung gesunken, aber auch nur um relativ kleine Werte.)<\/p><p>Zur Illustration geben ich zwei Beispiele: In den Achtziger Jahren galt in der Lebensversicherungsbranche folgende Faustregel:<\/p><ul>\n<li>Die Heilung aller Krebspatienten w&uuml;rde die Lebenserwartung der Gesamtbev&ouml;lkerung um knapp ein Jahr anheben.<\/li>\n<li>Die Heilung aller Herz- und Kreislauferkrankungen w&uuml;rde die Lebenserwartung der Gesamtbev&ouml;lkerung um vier Jahre anheben. <\/li>\n<\/ul><p>Zehn Jahre Ver&auml;nderung der Lebenserwartung sind demgegen&uuml;ber eine andere Gr&ouml;&szlig;enordnung. Einen Anstieg oder Abfall in einer solchen H&ouml;he hat es seit dem Weltkrieg nie mehr gegeben. Es handelt sich um eine demographische Grundwelle, ja um eine humanit&auml;re Katastrophe. Hinter diesen Zahlen verbirgt sich unvorstellbares individuelles Leid. Denn Voraussetzung eines solchen R&uuml;ckgangs der Lebenserwartung ist eine sehr gro&szlig;e Zahl von zus&auml;tzlichen Todesf&auml;llen. 1991 betrug die Bev&ouml;lkerungszahl in der Sowjetunion knapp 290 Millionen Menschen (Quelle Wikipedia). Ein R&uuml;ckgang der Lebenserwartung um 10 Jahre war nur bei einer ungeheuren Zahl von zus&auml;tzlichen Todesf&auml;llen m&ouml;glich. Sie bewegt sich im zweistelligen Millionenbereich. Ich komme darauf zur&uuml;ck. Die genaue Zahl der Todesf&auml;lle l&auml;sst sich allerdings schwer berechnen, da Todesf&auml;lle in unterschiedlichen Altern unterschiedliche Konsequenzen f&uuml;r die Lebenserwartung haben. <\/p><p>Immerhin hat man die M&ouml;glichkeit, Weltbank-Statistiken heranzuziehen, <a href=\"http:\/\/data.worldbank.org\/indicator\/SP.DYN.LE00.IN\">welche im Internet ver&ouml;ffentlicht sind<\/a>.<\/p><p>Eine Analyse dieser Statistiken ergibt f&uuml;r die Todesf&auml;lle der Nachwendezeit Folgendes. Vergleicht man die Zahl der eingetretenen Todesf&auml;lle mit der Zahl von Todesf&auml;llen, welche bei einer durchschnittlichen Sterblichkeit von 2,2% (ein eher vorsichtiger Wert) eingetreten w&auml;re, kommt man f&uuml;r Russland allein auf 136 Millionen verlorene Lebensjahre. Geht man von dem eingangs genannten Wert von einer Senkung der Lebenserwartung um 10 Jahre aus, dann ergeben sich 13.6 Millionen Tote.  In Russland lebten vor der Wende aber nur 160 Millionen Einwohner. Hochgerechnet auf die gesamte Sowjetunion ergibt sich daraus eine Todesfallzahl von zwischen zwanzig und drei&szlig;ig Millionen zus&auml;tzlichen Todesf&auml;llen. Die Zahl der zus&auml;tzlichen Toten erreicht also ein &auml;hnliches Ausma&szlig; wie die Zahl der Toten des zweiten Weltkrieges.<\/p><p>Man darf davon ausgehen, dass damit in dieser Zeit auch eine unglaubliche &ouml;konomische Verarmung weiter Teile der Bev&ouml;lkerung einherging. <\/p><p>Unter Putin ist die Lebenserwartung wiederum erheblich gestiegen. Und wie auch der Augenschein bei einem Besuch von Russland zeigt, ist wieder ein gewisser Wohlstand eingekehrt. Allein dies ist ein (guter) Grund, dass die Bev&ouml;lkerung Putin sch&auml;tzt und hinter ihm steht. Die g&auml;ngige Hypothese der westlichen Medien lautet: Die Russen lieben halt autokratische Herrscher. Vor dem geschilderten Hintergrund entpuppt sich diese Deutung als realit&auml;tsfern. <\/p><p>Die Russen wissen um die Katastrophe der Neunziger Jahre. Mir gegen&uuml;ber haben sie von dieser Zeit als vom &bdquo;gro&szlig;en Sterben&ldquo; geredet. Ein Mann hat mir erz&auml;hlt, die Friedh&ouml;fe h&auml;tten sich in sehr kurzer Zeit gef&uuml;llt.<\/p><p>Die Sache hat aber noch einen anderen Aspekt. In den Zwanziger Jahren wurden in der damaligen Sowjetunion die Gro&szlig;bauern enteignet. Das Ganze endete mit einem Desaster. Es gab Millionen Hungertote. Sehen wir in dieser Diskussion davon ab, dass auch der erste Weltkrieg und der darauf folgende B&uuml;rgerkrieg diese Hungersnot mitverursacht haben k&ouml;nnte, dann m&uuml;ssen wird dennoch folgende Frage stellen: Waren es damals so viele Tote wie in den Neunziger Jahren? Und, es k&ouml;nnen zwei Schlussfolgerungen gezogen werden:<\/p><ul>\n<li>F&uuml;r das &bdquo;&uuml;berlegene&ldquo; Wirtschaftssystem ist es alles andere als ein Ruhmesblatt, wenn der Systemwechsel mit einer derartigen Katastrophe einhergeht.<\/li>\n<li>In der heutigen Berichterstattung &uuml;ber Russland und die Sowjetunion wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die Enteignung der Kulaken, also die Idee intellektueller Spinner, Schuld war am Tod von Millionen von Menschen. Mit anderen Worten, die Kommunisten sind aufgrund ihrer Ideologie zu millionenfachen M&ouml;rdern geworden. Wo liegt nun die Verantwortung der neoliberalen &Ouml;konomen, welche Jelzin beraten haben? Das waren ja auch Anh&auml;nger einer weltfremden Ideologie. Ist einer von ihnen zur Rechenschaft gezogen worden? Und warum berichten die Medien nicht &uuml;ber die Toten der Wende, der Neunziger Jahre, so wie sie ja auch heute noch &uuml;ber die Toten der Zwanziger Jahre berichten? (Aus der Darstellung von Naomi Klein geht &uuml;brigens hervor, dass man nicht nur die Chicago-Boys, sondern auch einige politische Akteure der USA zur Rechenschaft ziehen m&uuml;sste. Denn die USA haben damals gem&auml;&szlig; Naomi Klein Russland eine finanzielle Unterst&uuml;tzung nach Art des Marshall-Plans bewusst verweigert. Wie w&auml;re das strafrechtlich zu w&uuml;rdigen?)<\/li>\n<\/ul><p>Putin hat Medienberichten zufolge den Zusammenbruch der Sowjetunion als gr&ouml;&szlig;te Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnet. Der Westen ist dar&uuml;ber entr&uuml;stet. Aber vor diesem Hintergrund, hat er nicht ein St&uuml;ck weit recht?<\/p><p>Gorbatschow hat den CSU-Politiker Gauweiler bez&uuml;glich des Wirtschaftsboykotts von Russland gefragt: &bdquo;Warum tut ihr uns das an&ldquo;. Soll die Antwort lauten, dass der Westen will, dass Russland ein weiteres Mal von einer Katastrophe heimgesucht wird?<\/p><p>Das allerschlimmste ist: Die Medien ignorieren diese Ereignisse. Ich habe dies selbst beim Schweizer Fernsehen erfahren m&uuml;ssen. Einmal hat man mir gegen&uuml;ber Zeitmangel angef&uuml;hrt: In einer dreimin&uuml;tigen Nachrichtensendung kann man nie alle Aspekte unterbringen.  Bei einer halbst&uuml;ndigen Reportage &uuml;ber Russland hat man mir auf meine kritische Frage gar nicht geantwortet.<\/p><p><em>G&uuml;nter Baigger<\/em><\/p><p><strong>PS:<\/strong> In Syrien ist die Lebenserwartung seit Beginn des Syrienkrieges von 70 auf 55 Jahre zur&uuml;ckgegangen. Auch dar&uuml;ber hat noch kein Medium berichtet. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die nachfolgende Analyse von <strong>G&uuml;nter Baigger<\/strong> beschreibt den drastischen R&uuml;ckgang der Lebenserwartung in Russland unter Putins neoliberal gepr&auml;gtem Vorg&auml;nger Boris Jelzin nach dem Zusammenbruch der UdSSR. Jelzin wurde von einer ganzen Heerschar vor allem US-amerikanischer Wissenschaftler, Banker und Lobbyisten beraten. 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