{"id":4121,"date":"2009-08-11T11:22:54","date_gmt":"2009-08-11T09:22:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4121"},"modified":"2014-01-23T16:10:59","modified_gmt":"2014-01-23T15:10:59","slug":"warum-profitiert-die-linke-nicht-von-der-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4121","title":{"rendered":"Warum profitiert die Linke nicht von der Krise?"},"content":{"rendered":"<p>Wir erleben derzeit das katastrophale Scheitern des Marktradikalismus und der Deregulierungsideologie. Es ist jetzt schon erkennbar, wer die Opfer f&uuml;r die ungeheuren Schulden tragen soll, die der Staat zur Rettung der Banken aber auch zur Stabilisierung der Wirtschaft aufbringen muss. Es werden die kleinen Steuerzahler und die staatlichen Transferempf&auml;nger sein.<br>\nEigentlich m&uuml;ssten jetzt die politischen Kr&auml;fte, die dem Staat eine steuernde Funktion im Wirtschaftsprozess zuerkennen, Zustimmung gewinnen und diejenigen, die den Marktradikalismus und das Aushungern des Staates propagierten, politisch in die Defensive geraten. Doch wenn man den Umfragen glauben darf, gewinnen solche Kr&auml;fte, wie etwa die FDP oder Wirtschaftsliberale  wie Baron zu Guttenberg, die genau die wirtschafts- und gesellschaftspolitische Linie vertreten, die zur Katastrophe gef&uuml;hrt hat, an Zustimmung. Paradoxie der Geschichte oder das Ergebnis von systematischer Meinungsbeeinflussung?<br>\nIn einem neu erschienenen Buch &bdquo;Mythos Markt&ldquo; des &ouml;sterreichischen &Ouml;konomen Walter Otto &Ouml;tsch vom Zentrum f&uuml;r soziale und interkulturelle Kompetenz der Johannes Kepler Universit&auml;t Linz, habe ich eine interessante historische Aufarbeitung gelesen, wie schon in der Vergangenheit das Zusammenspiel von Marktradikalismus und Propaganda funktionierte und wie die &ouml;ffentliche Meinung manipuliert  wurde. Weil die Ideologie und die Methoden der Meinungsbeeinflussung auf die heutige Situation &uuml;bertragbar sind, will ich aus den einschl&auml;gigen Kapiteln dieses Buches referieren und daraus einige Schlussfolgerungen auf die heutige Situation ableiten. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\n&Ouml;tsch beschreibt wie einer der wirkungsm&auml;chtigsten Propagandisten des Neoliberalismus und zugleich ein bedeutender Theoretiker einer gelenkten Demokratie, der Journalist und Medienkritiker Walter Lippmann, dem marktradialen Denken zum Siegeszug verhalf. Lippmanns schon 1922 erschienenes Buch &bdquo;Public Opinion&ldquo; gilt als Klassiker in der Kunst der Beeinflussung der &ouml;ffentlichen Meinung. Lippmann hat z.B. den Begriff &bdquo;Kalter Krieg&ldquo; gepr&auml;gt und in den allgemeinen Sprachgebrauch gebracht.<\/p><p>F&uuml;r Lippmann sind &bdquo;normale&ldquo; Menschen in einer Demokratie &uuml;berfordert. Sie sind nicht in der Lage komplexe gesellschaftliche Zusammenh&auml;nge zur durchschauen und deshalb unf&auml;hig selbst&auml;ndig eigene politische Ansichten zu entwickeln. Er entwickelte das Konzept einer gelenkten Demokratie. Um die &bdquo;richtigen&ldquo; Meinungen &uuml;ber politische Themen herzustellen, bed&uuml;rfe es eines inneren Zirkels von Experten, der &bdquo;den Massen&ldquo; unter Einsatz manipulativer Techniken verhilft, komplexe Angelegenheiten zu &bdquo;koordinieren&ldquo;.<br>\nMenschen lebten in einer &bdquo;inneren Welt&ldquo;, die aus Bildern &bdquo;in den K&ouml;pfen&ldquo; bestehe und die deren Wahrnehmung pr&auml;gten. Die politische Welt bestehe nicht aus gegebenen Tatsachen, sondern aus mentalen Bildern, die die Menschen &uuml;ber ihre &bdquo;&auml;u&szlig;ere Welt&ldquo; bes&auml;&szlig;en.<br>\n&bdquo;Die inneren Bilder f&uuml;hren weitgehend ein Eigenleben. Sie k&ouml;nnen durch mediale Manipulation &ndash; unabh&auml;ngig von kruden &bdquo;Fakten&ldquo; &ndash; gezielt ver&auml;ndert werden. Menschen reagieren nicht direkt auf die &bdquo;&auml;u&szlig;ere Welt&ldquo;, diese kennen sie nicht, &ndash; sondern auf die &bdquo;Pseudo-Umwelt&ldquo; in ihren K&ouml;pfen&ldquo; (&Ouml;tsch, S. 38). <\/p><p>Menschen seien (ver-)formbar und man k&ouml;nne ihre Meinung steuern. Beeinflussung geschehe vor allem durch Begriffe, die eine Serie von Bildern ausl&ouml;sen und Propaganda soll die inneren Bilder ver&auml;ndern bzw. unbewusste Bilder durch neue ersetzen. Dazu dienten vor allem eing&auml;ngige Begriff oder Slogans. &bdquo;Die Masse ist konstant Suggestionen ausgeliefert&ldquo; (Lippmann zitiert nach &Ouml;tsch S. 39).<\/p><p>Der &bdquo;&ouml;ffentliche Wille&ldquo; entsteht nach Lippmann nicht spontan, sonder m&uuml;sse bewusst und gezielt hergestellt werden. Dazu m&uuml;sse das Interesse des einzelnen &bdquo;transferiert&ldquo; werden. Die Formung der &ouml;ffentlichen Meinung d&uuml;rfe man nicht &bdquo;der Masse&ldquo; &uuml;berlassen, sie habe gar nicht die Zeit, sich umfassend zu informieren. Ohne Steuerung w&uuml;rde aus &bdquo;der Masse&ldquo; keine gemeinsame Idee entstehen. Keine &bdquo;&ouml;ffentliche Meinung&ldquo; stelle sich spontan ein. Jeder politische Konsens, m&uuml;sse und solle (bewusst) &bdquo;fabriziert&ldquo; werden.<\/p><p>Empirische Fakten spielten f&uuml;r die Propaganda kaum eine Rolle. Wirkungsvolle Propaganda verwende vor allem Stereotype und diese operierten mit Kontrasten (gut\/b&ouml;se).<br>\nLippmann vertritt das Konzept einer Gesellschaft, die durch eine Elite mittels Propaganda gelenkt wird.<\/p><p>Es mag &ndash; oberfl&auml;chlich betrachtet &ndash; paradox erscheinen, dass Lippmanns Theorie einer gelenkten Demokratie eine Symbiose mit den Vertretern des Neoliberalismus (Ludwig Mises und vor allem auch seinem Sch&uuml;ler Friedrich August von Hayek) eingegangen ist, die doch gerade unterschiedslos gegen jede Lenkung angetreten sind, und diese als &bdquo;Kollektivismus&ldquo;, &bdquo;Egalitarismus&ldquo; denunziert haben. Der Markt wurde zum alleinigen Hort der &bdquo;Freiheit&ldquo; und der &bdquo;Effizienz&ldquo; erkl&auml;rt. Gewerkschaften, Anh&auml;nger der &ouml;konomischen Lehre von Keynes oder Gruppen mit sozialen oder &ouml;kologischen Anliegen wurden zu &bdquo;Feinden&ldquo; (des Marktes) abgestempelt. Sofern dem Staat &uuml;berhaupt noch eine Existenzberechtigung neben dem Markt zuerkannt worden ist (etwa der Schutz der Eigentumsordnung, die Garantie der Vertragsfreiheit (Justiz), die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung und der F&auml;higkeit zu milit&auml;rischer Intervention nach au&szlig;en), sollte er nach dem Vorbild des Marktes &bdquo;reformiert&ldquo; und demokratische Gestaltungsm&ouml;glichkeiten ausged&uuml;nnt werden (Deregulierung). Schuld an Krisen sind nach Ansicht dieser Marktradikalen nicht der Markt sondern immer nur der Staat bzw. Kr&auml;fte, die das Wirken des Marktes beeintr&auml;chtigen (Gewerkschaften, soziale Bewegungen).<\/p><p>Der Marktradikalismus tritt an mit der Botschaft der &bdquo;Freiheit&ldquo; des Individuums auf dem Markt, die gegen jede Lenkung und jeden Kollektivismus verteidigt werden muss. <em>&bdquo;Was dem Markt zugesprochen wird, wird frei: Der freie Markt, die freie Marktwirtschaft, der freie Wettbewerb, die freien Unternehmer, die freien Konsumenten, die freie Wirtschaft, der freie Handel, der freie Kapitalverkehr und im Kalten Krieg die freie Welt.&ldquo;<\/em> (S.52)  Die &bdquo;Freiheit&ldquo; des Marktes gebe der Marktwirtschaft ihr moralisches Kleid. <\/p><p>Jeder Einzelne kenne seine Interessen und Bed&uuml;rfnisse besser als jede kollektive Vernunft. Keine Regierung, auch keine demokratische, wisse mehr von den N&ouml;ten und W&uuml;nschen des Volkes, als die Individuen selbst. Lenkung oder Planung seien deshalb eine Illusion, ja noch mehr, Unterdr&uuml;ckung der Freiheit. Den Markt m&uuml;sse man nicht lenken, er lenke sich selbst. Freie Menschen seien autonom, sie lenkten sich selbst &ndash; je weniger Nicht-Markt, desto gr&ouml;&szlig;er die Freiheit. Dem Staat komme daher allenfalls die Rolle eines Schlichters oder Schiedsrichters individueller Interessen zu, alles dar&uuml;ber Hinausgehende wird als Weg in die Unfreiheit, in den Sozialismus oder gar Kommunismus denunziert. Umgekehrt m&uuml;sse aber die Freiheit des Marktes durch den Staat garantiert werden &ndash; im Zweifel, wie das Beispiel Chile zeige, auch durch eine Diktatur.<\/p><p>Der Neoliberalismus &ndash; so &Ouml;tsch &ndash; sei eine Ideologie, die sich den Mantel der Wissenschaftlichkeit umlege, in wissenschaftlicher Sprache daherkomme und sich (heute) mathematischer Modellen des &bdquo;idealen&ldquo; Marktes bediene. Diese Ideologie unterstelle Voraussetzungen, die es in der wirklichen Welt niemals gebe und die auch niemals eintreffen k&ouml;nnten.  Dadurch entziehe sich dieser Glaube &ndash; wie jede Ideologie &ndash; zugleich jeder empirischen &Uuml;berpr&uuml;fung. Die &bdquo;Theorie&ldquo; des Neoliberalismus k&ouml;nne keine Bedingungen angeben, wann sie als widerlegt anzusehen sei und deshalb mache sie sich unwiderlegbar. Damit aber diese Ideologie nicht von der Wirklichkeit eingeholt bzw. widerlegt werde, bed&uuml;rfe sie st&auml;ndiger Meinungsbeeinflussung und damit einer permanenten Propaganda. So sei etwa f&uuml;r die heutigen Marktradikalen die derzeitige Krise kein Beleg gegen ihr &bdquo;Konzept&ldquo;; empirische Befunde, die mit ihrem Glauben nicht vereinbar seien, w&uuml;rden einfach unterdr&uuml;ckt.<\/p><p>Der Realit&auml;tsgehalt des Marktradikalismus liege im Dunkeln. Aber gerade deshalb verlange die Akzeptanz dieses Konzepts einer dauerhaften und langfristig angelegten Propaganda, um sich in einer Demokratie politisch durchzusetzen. Die Gesellschaft werde im Sinne einer Ideologie manipuliert, die behauptet, sie k&auml;mpfe f&uuml;r die individuelle Freiheit und gegen den &bdquo;Kollektivismus&ldquo; gesellschaftlicher Lenkung<\/p><p>Propaganda f&uuml;r die alles am besten regelnde Kraft des Marktes stehe zwar in einem grunds&auml;tzlichen Widerspruch zur &bdquo;Freiheit&ldquo; des Individuums, deshalb d&uuml;rfe das Marktdogma nicht als Propaganda erkennbar sein. Der Marktradikalismus m&uuml;sse vielmehr mit dem Anspruch auf &bdquo;Wahrheit&ldquo; vertreten werden und dazu bedienten sich seine Verfechter vor allem der Autorit&auml;t der &bdquo;Wissenschaft&ldquo; oder von &bdquo;Experten&ldquo;. <\/p><p>Die neoliberale Bewegung sei nie eine rein wissenschaftliche Veranstaltung gewesen. Auf der Gr&uuml;ndungsversammlung des &bdquo;Neoliberalismus&ldquo;, dem &bdquo;Colloque Walter Lippmann&ldquo; im Jahre 1938  sei ein &bdquo;internationaler Kreuzzug zugunsten eines Konstruktiven Liberalismus&ldquo; ausgerufen worden. (S. 58) Das Projekt sei langfristig angelegt gewesen. Nach dem zweiten Weltkrieg betrieb Hayek &ndash; als f&uuml;hrende Kraft dieser Bewegung &ndash; die Gr&uuml;ndung der &bdquo;Mont P&egrave;lerin Society&ldquo;, zun&auml;chst als eine &bdquo;geschlossene Gesellschaft&ldquo; mit strengen Aufnahmeregeln. Mit inzwischen 1000 Mitgliedern etablierte sich diese Gesellschaft als internationales Elitenetzwerk das mit vielen Institutionen verkn&uuml;pft ist: etwa Think-Tanks im Umkreis des Londoner &bdquo;Institute of Economic Affairs&ldquo;, der &bdquo;Public Choice Society&ldquo; oder der &bdquo;Chicago School of Economics&ldquo;. In der Mont P&egrave;lerin Society gab es durchaus unterschiedliche Str&ouml;mungen des marktradikalen Denkens, einig sei man sich im Hinblick auf die Gegner gewesen und das sei in der &bdquo;freien&ldquo; Welt vor allem der damals vorherrschende Keynesianismus gewesen. Vor allem &uuml;ber die zahlreichen Think-Tanks in nahezu allen wichtigen Staaten wollte man Intellektuelle, Lehrer und Schreiber erreichen und kraft deren &ouml;ffentlichen Einflusses danach dann die Politik.<br>\nEiner der gr&ouml;&szlig;ten Erfolge des Mont-P&egrave;lerin-Netzwerkes sei die Etablierung des sog. Nobelpreises f&uuml;r Wirtschaft gewesen, tats&auml;chlich der Preis der Bank von Schweden. Aus dem Netzwerk heraus erhielten Hayek (1974), Milton Friedman (1976), George J. Stigler (1982), James M. Buchanan (1986), Maurice Allais (1988), Ronald H. Coase (1991), Gary S. Becker (1992) und Vernon L. Smith (2002) der Reihe nach diese Preise. Gef&ouml;rdert worden seien fast nur US-Amerikaner, zwischen 1990 und 1995 gingen f&uuml;nf von sechs Preisen an Wissenschaftler der Universit&auml;t von Chicago.<\/p><p>Schon 1949 habe Hayek in seinem Aufsatz &bdquo;The Intellectuals and Socialism&ldquo; seine an Lippmanns Auffassungen einer gelenkten Demokratie angelehnte Theorie der Propaganda f&uuml;r den Marktradikalismus entworfen. Es sei das Bild einer hierarchischen Gesellschaft, an deren Spitze kleine Gruppen von Intellektuellen st&uuml;nden, die l&auml;ngerfristig die &ouml;ffentliche Meinung steuerten und denen &bdquo;die Masse&ldquo; der gew&ouml;hnlichen Menschen gegen&uuml;ber stehe. Wenn es gelinge die &bdquo;aktiveren Intellektuellen&ldquo; zu &uuml;berzeugen, dann m&uuml;ssten &uuml;ber kurz oder lang &bdquo;die Massen&ldquo; folgen. (S.81) <\/p><p>Der zwiesp&auml;ltige Umgang mit Macht und Autorit&auml;t, Freiheit und Manipulation pr&auml;ge die marktradikale Bewegung als Ganzes. (S. 83)  <em>&bdquo;Auf der Ebene der Propaganda wird das Bestehen von Hierarchie und Macht verneint: auf dem Markt seien alle gleichberechtigt. Niemand kann einen anderen zu etwas zwingen, alle sind &bdquo;frei&ldquo;. In der Theorie der Propaganda hingegen wird die Gesellschaft hierarchisch gedacht: eine elit&auml;re Schicht von Wissenden erhebt sich &uuml;ber &bdquo;die Masse&ldquo;. Diese ist zum richtigen Denken unf&auml;hig und muss gezielt manipuliert werden.&ldquo;<\/em> (S. 83)<\/p><p>Soweit die historische Betrachtung im Buch &bdquo;Mythos Markt&ldquo; von Walter Otto &Ouml;tsch. <\/p><p>Man mag einwenden, dass die Wirkungsmacht der neoliberalen Bewegung &uuml;berzeichnet ist und viele sehen in solchen Beschreibungen wohl sogar verschw&ouml;rungstheoretische Konstrukte. Unbestreitbar ist allerdings, dass sich das neoliberale Denken durchgesetzt hat. Zun&auml;chst &uuml;ber die genannten Think-Tanks und wissenschaftlichen Schulen, danach auch in der Politik in ihren radikalsten Formen etwa unter Ronald Reagan und Margret Thatcher. Auch in Deutschland gewann sp&auml;testens mit dem <a href=\"?p=346\">Scheidebrief von Graf Lambsdorff<\/a> an die sozial-liberale Koalition, diese Bewegung an Dominanz. Auch bei uns schossen wirtschaftsliberale Think-Tanks wie Pilze aus dem Boden: neben der Mont-P&egrave;lerin-Gesellschaft etwa die Hayek Gesellschaft oder die Hayek Stiftung, das Institut der deutschen Wirtschaft (IW), der Kronberger Kreis, die Stiftung Marktwirtschaft oder die Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft. Hinzu kamen die Stiftungen wie etwa die Bertelsmann Stiftung, die Heinz Nixdorf Stiftung, die Robert Bosch Stiftung, die Ludwig-Erhard-Stiftung und viele andere Unternehmensstiftungen mehr. <\/p><p>Auch die f&uuml;hrenden Wirtschaftsinstitute vom Ifo-Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung an der Universit&auml;t M&uuml;nchen (Hans-Werner Sinn), das Institut f&uuml;r Weltwirtschaft an der Universit&auml;t Kiel, das Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung Halle, das Rheinisch-Westf&auml;lische Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung, zuletzt auch noch das Deutsche Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung (DIW), das Zentrum f&uuml;r Europ&auml;ische Wirtschaftsforschung (ZEW), das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA), das Institut f&uuml;r Wirtschaft und Gesellschaft (Leiter: Meinrad Miegel) oder das Mannheimer Forschungsinstitut &Ouml;konomie und demografischer Wandel (MEA) und eine ganze Reihe weiterer Institute vertreten &ndash; bei aller Unterschiedlichkeit &ndash; durchg&auml;ngig wirtschaftsliberale Grundpositionen.  <\/p><p>Auch an Deutschlands wirtschaftswissenschaftlichen Fakult&auml;ten kam es durch eine entsprechende Berufungspolitik zu einem Bedeutungsverlust der Makro&ouml;konomie zugunsten der Betriebswirtschaftslehre, zu einer nahezu kompletten Verdr&auml;ngung der Neokeynesianer durch angebotsorientierte Neoklassiker und auch zu einem R&uuml;ckgang der empirisch arbeitenden Wirtschaftswissenschaften. <\/p><p>In den Beratungsgremien der Bundesregierung, wie etwa dem &bdquo;Sachverst&auml;ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage&ldquo; oder in den Beratungsgremien des Bundeswirtschaftsministeriums sitzen ganz &uuml;berwiegend Vertreter angebotsorientierter Schulen. <\/p><p>Zu diesen wissenschaftlichen Schreibtischen gesellten sich eine ganze Latte von wirtschaftsfinanzierten Interessengruppen wie der &bdquo;B&uuml;rgerKonvent&ldquo;, &bdquo;Deutschland packt`s an&ldquo;, &bdquo;Konvent f&uuml;r Deutschland&ldquo;, &bdquo;Initiative Klarheit in der Politik&ldquo;, &bdquo;Team-Arbeit f&uuml;r Deutschland&ldquo;, &bdquo;Marke Deutschland&ldquo;, &bdquo;Du bist Deutschland&ldquo; oder die &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; (INSM) die als PR- und Lobbyorganisationen f&uuml;r mehr &bdquo;Freiheit&ldquo; f&uuml;r den Markt ihre <a href=\"?p=130\">Propagandabotschaften vertreiben<\/a>.<\/p><p>Die Gr&uuml;nde f&uuml;r die Gr&uuml;ndungen lesen sich ganz &auml;hnlich, wie sie aus den Propaganda-Konzepten von Walter Lippmann und Friedrich August von Hayek abzulesen sind: &ldquo;Das, was die Bev&ouml;lkerung will, und das, was die F&uuml;hrungskr&auml;fte in der Wirtschaft f&uuml;r notwendig hielten, klaffte himmelweit auseinander&rdquo;, so begr&uuml;ndete Arbeitgeberpr&auml;sident Kannegiesser die Notwendigkeit f&uuml;r die Gr&uuml;ndung der INSM. Es ging darum das Meinungsklima in Deutschland zugunsten von mehr marktorientierten &bdquo;Reformen&ldquo; zu ver&auml;ndern. Einer der einflussreichsten M&auml;nner der deutschen Wirtschaft Dieter R&uuml;ckert erkl&auml;rte das damals so: &ldquo;Das Problem sind aber nicht die Politiker, die wissen n&auml;mlich, was man machen muss. Sie trauen sich nur nicht, weil sie Angst vor den W&auml;hlern haben, die keine Reformen wollen.&rdquo; Deshalb wollte auch Rickert die Bev&ouml;lkerung &ldquo;aufkl&auml;ren&rdquo;. &ldquo;Die W&auml;hler haben ja letztlich keine Ahnung, was in der Republik passiert, die benehmen sich wie ein Fanclub, nicht wie ein verst&auml;ndiges Wahlpublikum.&rdquo; (zitiert nach Markus Grill, stern vom 17. Dezember 2003).<\/p><p>Die &Auml;hnlichkeiten mit Lippmanns Konzept einer gelenkten Demokratie sind eklatant. Auch die Strukturen des Propaganda-Apparates mit dem Aufbau von Think-Tanks und Elite-Netzwerken &auml;hneln sich stark. <\/p><p>Auch die von Hayek damals so bezeichneten intellektuellen &bdquo;Altwarenh&auml;ndler&ldquo; (Second-hand Dealers in Ideas) (&Ouml;tsch, S. 81), also Journalisten, Publizisten und sonstige Multiplikatoren, die die Ideen der Think-Tanks und der meinungsf&uuml;hrenden Eliten dem &bdquo;normalen Menschen&ldquo; vermitteln und dar&uuml;ber entscheiden sollen, welche Ideen und Meinungen &bdquo;uns&ldquo; erreichen, funktionierten wie das Lippmann und Hayek beschrieben und erhofft haben. Es gab und gibt bis auf einzelne Ausnahmen kaum noch eine Wirtschaftsredaktion, in der nicht der wirtschaftspolitische Mainstream einer angebotsorientierten und marktliberalen Lehre vertreten wurde und wird.<\/p><p>Das Parlament als demokratische Repr&auml;sentanz der Interessen der Bev&ouml;lkerung und der Einfluss der Parteien wurden in den letzten Jahren in ihren Funktionen massiv eingeschr&auml;nkt. Gesetzesvorschl&auml;ge wurden nicht mehr aus den Ministerien oder aus der Mitte der Parlamente heraus entwickelt und vorgeschlagen, sondern von Experten oder Expertenkommissionen erarbeitet. Schr&ouml;ders Agenda 2010 Projekt wurde au&szlig;erhalb des ministeriellen Apparats entwickelt und mit Brachialgewalt bis hin zur Vertrauensfrage durch das Parlament gedr&uuml;ckt. Wie dieser Tage bekannt wurde, lie&szlig; der Bundeswirtschaftsminister einen kompletten Gesetzentwurf durch eine gro&szlig;e <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/996\/483443\/text\/\">Rechtsanwaltspraxis erarbeiten<\/a>.<\/p><p>Nat&uuml;rlich gab und gibt es Gegenmeinungen und abweichende wissenschaftliche Positionen zum &ouml;konomischen Mainstream, doch sie kommen in der ver&ouml;ffentlichten Meinung kaum noch vor. Der sog. &bdquo;Hamburger Appell&ldquo; <a href=\"?p=1676\">wirtschaftsliberaler Professoren<\/a> vor der Bundestagswahl 2005 ging z.B. durch alle Medien, Aufrufe von Wissenschaftlern mit anderen Positionen schafften es allenfalls mit selbst bezahlten Anzeigen in die Zeitungen. Die j&auml;hrlichen dickleibigen Gutachten linker (keynesianischer) &Ouml;konomen wie etwa der Memorandum Gruppe, finden in den Mainstream-Medien kaum ein Echo.<\/p><p>Wir haben einen Zustand, der dem, was Lippmann und Hayek in ihren Konzepten einer gelenkten Demokratie beschrieben haben, ziemlich nahe kommt. Und auch heute sind es die Verfechter des Neoliberalismus, die sich des von ihnen vorgeschlagenen Propaganda-Instrumentariums zur Durchsetzung ihrer Konzepte geradezu lehrbuchm&auml;&szlig;ig bedienen. <\/p><p>Der durch diese Steuerung &bdquo;der Masse&ldquo; hergestellte &bdquo;&ouml;ffentliche Wille&ldquo; blendet die Analyse der Ursachen f&uuml;r die derzeitige Krise aus, schiebt die Schuld auf andere &ndash; auf die Hypotheken- und Geldpolitik der USA oder auf das Versagen staatlicher Bankenaufsicht &ndash; und blendet das Versagen der zugrunde liegenden Ideologie nahezu komplett aus.<br>\nDie herrschende Lehre machte aus gr&ouml;&szlig;ter Not eine Tugend und &uuml;berlie&szlig; dem Staat die &bdquo;Rettungsaktionen&ldquo; zur Vermeidung von &bdquo;systemischen Risiken&ldquo;, um m&ouml;glichst rasch wieder weiter machen zu k&ouml;nnen, wie vor der Krise.<br>\nEine grundlegende Debatte &uuml;ber eine wirtschaftspolitische Wende oder gar einen Neubeginn findet nicht statt.<br>\nDie gesellschaftlichen Kr&auml;fte, die eine Alternative zum neoliberalen Dogma vorschlagen haben weder eine durchdringende Stimme, geschweige denn, dass sie dem bestehenden Propagandaapparat etwas entgegen setzen k&ouml;nnten.<\/p><p>In einer so gelenkten Demokratie ist es m&ouml;glich, dass diejenigen politischen Repr&auml;sentanten, die durch ihre Politik in die Krise gef&uuml;hrt oder sie zumindest nicht abgewendet haben, eine Mehrheit erlangen k&ouml;nnen und weiter machen k&ouml;nnen wie zuvor. <\/p><p><em>Quelle: Walter Otto &Ouml;tsch, Mythos Markt, Marktradikale Propaganda und &ouml;konomische Theorie, Metropolis-Verlag, Marburg 2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir erleben derzeit das katastrophale Scheitern des Marktradikalismus und der Deregulierungsideologie. Es ist jetzt schon erkennbar, wer die Opfer f&uuml;r die ungeheuren Schulden tragen soll, die der Staat zur Rettung der Banken aber auch zur Stabilisierung der Wirtschaft aufbringen muss. Es werden die kleinen Steuerzahler und die staatlichen Transferempf&auml;nger sein.<br \/> Eigentlich m&uuml;ssten jetzt die politischen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4121\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[1,50,129,205],"tags":[241,284,296,233,413,382],"class_list":["post-4121","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-das-kritische-tagebuch","category-finanzkrise","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-neoliberalismus-und-monetarismus","tag-bankenrettung","tag-deregulierung","tag-lambsdorff-otto-graf","tag-marktliberalismus","tag-schlanker-staat","tag-think-tanks"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4121","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4121"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4121\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20235,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4121\/revisions\/20235"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4121"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4121"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4121"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}