{"id":41252,"date":"2017-11-24T15:10:53","date_gmt":"2017-11-24T14:10:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41252"},"modified":"2017-11-24T16:29:33","modified_gmt":"2017-11-24T15:29:33","slug":"zwei-leser-mails-zum-verhaeltnis-usarussland-und-zu-den-absichten-und-strategien-des-westens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41252","title":{"rendered":"Zwei Leser-Mails zum Verh\u00e4ltnis USA\/Russland und zu den Absichten und Strategien des Westens"},"content":{"rendered":"<p>Wolfgang Bittner, ausgewiesener Fachmann zum Verh&auml;ltnis von USA und Europa beim Blick und beim Umgang mit Russland, hat das Interview bei Sputnik erg&auml;nzt. Dieses war unter diesem Titel <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41224\">Anti-Trump-Buch mit Fernziel Regimechange in Moskau? &bdquo;NachDenkSeiten&ldquo;-Chef<\/a> kl&auml;rt auf gestern erschienen. Ein anderer NachDenkSeiten-Leser, Stefan Herbst, schickte seine Kommentierung eines Spiegel-Online-Artikels &bdquo;Russland emp&ouml;rt sich &uuml;ber Sch&uuml;lerrede im Bundestag&ldquo;. Aus seiner Sicht ist der Spiegel-Online-Artikel eine besonders perfide und feindbilderzeugende Darstellung einer innerrussischen Diskussion. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nBeide Texte enthalten viele n&uuml;tzliche Informationen. Deshalb geben wir diese wieder, unter I. die Mail von Wolfgang Bittner und unter II. einen Auszug aus und den Link auf den Spiegel-Artikel mit Kommentar von Stefan Herbst. Beiden Autoren herzlichen Dank f&uuml;r die weiterf&uuml;hrenden Informationen und die Unterst&uuml;tzung unserer Arbeit:<\/p><ol type=\"I\">\n<li><strong>Die USA wollen Russland besiegen oder es ruinieren<\/strong>\n<p><strong>Erg&auml;nzung zu den Aussagen von Albrecht M&uuml;ller in dem Sputnik-Interview vom 22. November 2017<\/strong><\/p>\n<p>Von <em>Wolfgang Bittner<\/em><\/p>\n<p>Albrecht M&uuml;ller spricht von Kr&auml;ften in den USA, die schon seit Jahren wieder auf eine Konfrontation mit Russland hinarbeiten, und zwar mit dem Fernziel, &bdquo;dass man dieses Russland nicht nur dem&uuml;tigt, sondern es besiegt oder dort einen Regimechange bewirkt&hellip;&ldquo; Daf&uuml;r gibt es zahlreiche Belege.<\/p>\n<p>Zum Beispiel deutete der ehemalige US-Au&szlig;enminister Henry Kissinger am 2. Februar 2014 in einem CNN-Interview an, dass der Regime Change in Kiew sozusagen die Generalprobe f&uuml;r das sei, <em>&bdquo;was wir in Moskau tun m&ouml;chten&ldquo;.(1)<\/em><\/p>\n<p>Besonders aufschlussreich sind die &Auml;u&szlig;erungen des US-Vizepr&auml;sidenten Joe Biden vom 2. Oktober 2014 zu den Wirtschaftssanktionen gegen Russland. An der Harvard Kennedy School in Cambridge\/Massachusetts renommierte er:<\/p>\n<blockquote><p>\n<em>&bdquo;Wir haben Putin vor die einfache Wahl gestellt: Respektieren Sie die Souver&auml;nit&auml;t der Ukraine oder Sie werden sich zunehmenden Konsequenzen gegen&uuml;bersehen. Dadurch waren wir in der Lage, die gr&ouml;&szlig;ten entwickelten Staaten der Welt dazu zu bringen, Russland echte Kosten aufzuerlegen. Es ist wahr, dass sie [die EU] das nicht tun wollten. Aber wiederum war es die F&uuml;hrungsrolle Amerikas und die Tatsache, dass der Pr&auml;sident der Vereinigten Staaten darauf bestanden hat, ja, Europa des &Ouml;fteren in Verlegenheit bringen musste, um es dazu zu zwingen, sich aufzuraffen und wirtschaftliche Nachteile einzustecken, um Kosten [f&uuml;r Russland] verursachen zu k&ouml;nnen. Und die Folgen waren eine massive Kapitalflucht aus Russland, ein regelrechtes Einfrieren von ausl&auml;ndischen Direktinvestitionen, der Rubel auf einem historischen Tiefststand gegen&uuml;ber dem Dollar, und die russische Wirtschaft an der Kippe zu einer Rezession.&ldquo;(2)<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass auch der so nett auf leisen Sohlen daherkommende Ex-Pr&auml;sident Barack Obama die Politik eines hegemonialen Anspruchs rigoros unter Missachtung der Regeln des internationalen Rechts vertrat, zeigt sich in einem Interview, das er am 11. Februar 2016 dem US-Fernsehsender VOX gab:<\/p>\n<blockquote><p>\n<strong>&bdquo;Wir brauchen das st&auml;rkste Milit&auml;r der Welt und m&uuml;ssen gelegentlich den Arm von L&auml;ndern umdrehen, die nicht das tun, was wir von ihnen wollen. Wenn es nicht die verschiedenen wirtschaftlichen oder diplomatischen oder, in einigen F&auml;llen, milit&auml;rischen Druckmittel g&auml;be, die wir haben, wenn wir diese Dosis Realismus nicht h&auml;tten, w&uuml;rden wir auch nichts erledigt bekommen &hellip; die amerikanische F&uuml;hrung kommt teilweise aus unserer Anpackmentalit&auml;t. Wir sind das gr&ouml;&szlig;te, m&auml;chtigste Land der Erde &hellip; wir haben niemanden Ebenb&uuml;rtiges im Sinne von Staaten, die die Vereinigten Staaten angreifen oder provozieren k&ouml;nnten.&ldquo;(3)<\/strong>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>In einer Rede vor der US-Milit&auml;rakademie Westpoint am 28. Mai 2014 sagte Obama:<\/p>\n<blockquote><p>\n&bdquo;Von Europas bis Asien sind wir der Dreh- und Angelpunkt aller Allianzen, un&uuml;bertroffen in der Geschichte der Nationen &hellip; so sind und bleiben die Vereinigten Staaten die einzige unverzichtbare Nation [&sbquo;the one indispensable Nation&lsquo;]. Dies ist f&uuml;r das vergangene Jahrhundert wahr gewesen und das wird f&uuml;r das n&auml;chste Jahrhundert gelten.&ldquo;(4)\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Wenn wir diese Hybris wie auch die Aussagen von Henry Kissinger, Joe Biden oder von Zbigniew Brzezinski (Eurasien als &bdquo;Schachbrett&ldquo; f&uuml;r die USA (5)) zur Kenntnis nehmen, brauchen wir uns &uuml;ber nichts mehr zu wundern. Wie auch Albrecht M&uuml;ller schon gesagt hat, befinden wir uns seit dem Putsch in Kiew und der massiven Aufr&uuml;stung der Anrainerstaaten Russlands in einem Zustand akuter Kriegsgefahr. Die f&uuml;hrenden europ&auml;ischen Politiker machen das zum Nachteil ihrer L&auml;nder und deren Bev&ouml;lkerung mit, unterst&uuml;tzt von den Leitmedien, die schon lange nicht mehr ihrer Aufgabe als &bdquo;Vierte Gewalt im Staate&ldquo; nachkommen. <\/p>\n<p>Demgegen&uuml;ber sagte Donald Trump in einem Interview mit der <em>New York Times<\/em> am 23. November 2016, dass er mit Russland gut auskommen wolle und er den Eindruck habe, dass auch Russland mit den USA gut auskommen wolle: <em>&bdquo;W&auml;re es nicht sch&ouml;n, wenn wir gut mit Russland ausk&auml;men&hellip;&ldquo;(6)<\/em> Das war eine der Kernaussagen Trumps. Aber was ist daraus geworden? Inwieweit konnte sich Trump in dieser Frage bisher gegen die massiven Widerst&auml;nde durchsetzen, inwieweit hat er sich anpassen m&uuml;ssen? Das ist eine entscheidende Frage.<\/p>\n<p>Noch in seiner Antrittsrede am 20. Januar 2017 schrieb Donald Trump den anwesenden und auch den aus Protest nicht zur Vereidigung erschienenen Machteliten ins Stammbuch:<\/p>\n<blockquote><p>\n&bdquo;Zu lange hat eine kleine Gruppe hier, in der Hauptstadt unseres Landes, die Fr&uuml;chte eingefahren, w&auml;hrend die Menschen da drau&szlig;en daf&uuml;r bezahlt haben. Washington ging es gut, aber die Menschen konnten an diesem Wohlstand nicht teilhaben; den Politikern ging es gut, aber die Arbeitspl&auml;tze wanderten ab und die Fabriken wurden geschlossen. Das Establishment hat sich nur selbst gesch&uuml;tzt, aber nicht die B&uuml;rger unseres Landes. Ihre Siege waren nicht die Siege des Volkes, ihre Siege waren nicht eure Siege. W&auml;hrend sie hier gefeiert haben, in der Hauptstadt eures Landes, gab es f&uuml;r ganz viele Familien da drau&szlig;en im ganzen Land wenig zu feiern. Das alles &auml;ndert sich gerade hier und jetzt.&ldquo;(7) Besondere Aufmerksamkeit verdiente Trumps Ank&uuml;ndigung, das &bdquo;amerikanische Massaker&ldquo; zu beenden, und er fuhr fort: &bdquo;Wir werden die Freundschaft und das Wohlwollen aller Nationen auf der Welt suchen&hellip;&ldquo;\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Kein Wunder, dass der US-Pr&auml;sident Donald Trump nach dieser Rede zum Staatsfeind Nr. 1 wurde. Es sieht so aus, dass er verloren hat.<\/p>\n<p><em>Der Schriftsteller und Jurist <strong>Dr. jur. Wolfgang Bittner<\/strong> lebt in G&ouml;ttingen. Im Juni 2017 erschien von ihm im Westend Verlag eine &uuml;berarbeitete und um 111 Seiten erweiterte Neuausgabe seines Buches &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/die-eroberung-europas-durch-die-usa-2\/\">Die Eroberung Europas durch die USA<\/a>&ldquo;.<\/em><\/p>\n<p><strong>Quellenangaben<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Henry Kissinger, zit. n.: Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann, Kiew: <a href=\"http:\/\/www.nrhz.de\/flyer\/beitrag.php?id=20079\">Generalprobe f&uuml;r Moskau<\/a>, (26.02.14). Siehe auch: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=yo5_ct7R6Ng\">Henry Kissinger<\/a>, (17.8.2015).<\/li>\n<li>Joe Biden, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=JLO7uKVarB8\">Zeitdokument: Wir zwangen die EU zu Sanktionen gegen Russland<\/a>, zit. n. (5.1.2015).<\/li>\n<li>Barack Obama, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=eeWlljKoNjk\">Wir m&uuml;ssen L&auml;ndern den Arm umdrehen, wenn sie nicht das machen, was wir wollen<\/a>, YouTube (11.2.2015). Sowie: RT Deutsch, <a href=\"https:\/\/deutsch.rt.com\/11745\/international\/obamas-diplomatie-verstaendnis-wir-muessen-gewalt-anwenden-wenn-laender-nicht-das-machen-was-wir-wollen\/\">Obamas Diplomatie-Verst&auml;ndnis: Wir m&uuml;ssen Gewalt anwenden, wenn andere nicht das machen, was wir wollen<\/a>, 12.2.2015.<\/li>\n<li>Barack Obama, <a href=\"https:\/\/www.whitehouse.gov\/the-press-office\/2014\/05\/28\/remarks-president-united-states-military-academy-commencement-ceremony\">Remarks by the President at the United States Military Academy Commencement Ceremony<\/a>, 28.5.2014, (8.9.2015).<\/li>\n<li>Zbigniew Brzezinski, <em>Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft<\/em>, Frankfurt am Main 2003, S. 15.<\/li>\n<li><em>The New York Times<\/em>, <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2016\/11\/23\/us\/politics\/trump-new-york-times-interview-transcript.html?_r=0\">Donald Trump&rsquo;s New York Times Interview: Full Transcript<\/a>, (23.11.2016).<\/li>\n<li>Donald Trump, zit. n.: YouTube, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=UVelzOWD1bk\">Donald J. Trump als US-Pr&auml;sident vereidigt<\/a>, (21.1.2017).<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<li><strong>Lesermail von Stefan Herbst<\/strong>\n<p>ich sende Ihnen einen soeben (23.11.2017 um 16.30 Uhr) im Spiegel gelesenen Beitrag &ldquo;Russland emp&ouml;rt sich &uuml;ber Sch&uuml;lerrede im Bundestag&rdquo; zu, der &ndash; wie mir scheint &ndash; eine besonders perfide und feindbilderzeugende Darstellung einer innerrussischen Diskussion ist. <\/p>\n<p>Meinen Kommentar zu dieser Meldung habe ich unterhalb der Meldung hinzugef&uuml;gt.<\/p>\n<p>Vielleicht wollen Sie das ja in den Nachdenkseiten aufgreifen? &hellip;<\/p>\n<p>Zun&auml;chst ein Auszug aus dem Spiegel-Online Artikel mit Link am Ende:<\/p>\n<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171125-russland-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div>\n<p><strong>Russland emp&ouml;rt sich &uuml;ber Sch&uuml;lerrede im Bundestag <\/strong><br>\n<strong>Der russische Sch&uuml;ler Nikolaj hat im Bundestag der deutschen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg gedacht. Daheim wird er daf&uuml;r w&uuml;st beschimpft und bedroht. Jetzt mischt sich sogar der Kreml ein.<\/strong><\/p>\n<p>Von <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/lebenundlernen\/schule\/bundestag-nach-rede-hetzwelle-rollt-ueber-russischen-schueler-hinweg-a-1179794.html\">Christina Hebel<\/a>, Moskau<br>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171125-russland-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n<p>Deutscher Bundestag<\/p>\n<p>Nikolaj Desjatnitschenko im Bundestag<\/p>\n<p>Mittwoch, <strong>22.11.2017<\/strong> 16:28 Uhr <\/p>\n<p>Was muss sich Nikolaj Desjatnitschenko alles anh&ouml;ren: &ldquo;Verr&auml;ter&rdquo;, &ldquo;Er leckt den Faschos den Arsch!&rdquo; oder &ldquo;Bleib f&uuml;r immer dort, sonst bekommst du in die Fresse!&rdquo; Mit &ldquo;dort&rdquo; ist Deutschland gemeint. Es sind einige, nicht unbedingt die schlimmsten, Kommentare, die zu Zehntausenden im russischen Netzwerk Vkontakte, in anderen sozialen Medien und Kommentarspalten erschienen sind.<\/p>\n<p>Eine Welle des Hasses und der Emp&ouml;rung hat den 16-j&auml;hrigen Sch&uuml;ler des Gymnasiums Nr. 1 aus dem westsibirischen Nowy Urengoi getroffen. Es war so schlimm, dass er zweitweise die Kontaktm&ouml;glichkeit bei Vkontakte blockierte. Seine Mutter, eine Anw&auml;ltin, geht nicht mehr ans Telefon. Sie sagt, ihr Sohn werde mit den Worten bedroht, man werde &ldquo;ihn finden&rdquo; oder er solle sich doch aufh&auml;ngen. <\/p>\n<p>Desjatnitschenko war am Sonntag mit zwei russischen und drei deutschen Sch&uuml;lern w&auml;hrend der Gedenkstunde <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Volkstrauertag\">zum Volkstrauertag<\/a> im Bundestag aufgetreten. Sie hatten an einem Austauschprojekt des Volksbunds Deutsche Kriegsgr&auml;berf&uuml;rsorge teilgenommen, hatten Biografien gefallener Soldaten des Zweiten Weltkriegs recherchiert: sowjetische, tschechische und deutsche Opfer. Solche Sch&uuml;lerprojekte gab es bereits zu Hunderten, f&uuml;r die deutsch-russische Auss&ouml;hnung leisten sie einen wichtigen Beitrag. Doch nun zeigt sich, wie schwierig die Auss&ouml;hnung und wie aufgeladen die Stimmung in Russland ist.<\/p>\n<p>Desjatnitschenko hatte sich mit dem Wehrmachtsgefreiten Georg Johann Rau besch&auml;ftigt, der im M&auml;rz 1943 in einem Lager f&uuml;r Kriegsgefangene nahe Stalingrad gestorben war. In seiner knapp drei Minuten langen Rede berichtete er von Rau, dessen Grab er in der Uralstadt Kopejsk besucht habe. <\/p>\n<blockquote><p>\n&ldquo;Ich sah die Gr&auml;ber unschuldig ums Leben gekommener Menschen, unter denen viele in Frieden leben und nicht k&auml;mpfen wollten. Sie haben w&auml;hrend des Kriegs unwahrscheinliche M&uuml;hen durchlebt, &uuml;ber die mir auch mein Urgro&szlig;vater erz&auml;hlte, der als Kommandeur einer Sch&uuml;tzenkompanie am Krieg teilnahm.&rdquo;\n<\/p><\/blockquote>\n<p>&ldquo;Unschuldig ums Leben gekommen&rdquo; &ndash; mit diesem Zitat habe der &ldquo;umprogrammierte Schuljunge&rdquo; der Heimat &ldquo;das Messer in den R&uuml;cken gerammt&rdquo;, schrieb das Kreml-nahe Massenblatt &ldquo;Komsomolskaja Prawda&rdquo;. Auch andere interpretierten daraus, dass Desjatnitschenko die Wehrmachtssoldaten, die in der Sowjetunion f&uuml;r unz&auml;hlige Kriegsverbrechen verantwortlich sind, f&uuml;r &ldquo;unschuldig&rdquo; h&auml;lt.<\/p>\n<p>Ein Blogger erstattete Strafanzeige wegen &ldquo;Rehabilitierung des Nazismus&rdquo;. Auch Jelena Kukuschkina, Abgeordnete der Region des Sch&uuml;lers, schaltete auf Berufung dieses Straftatbestandes die Staatsanwaltschaft ein &ndash; nach Artikel 354.1 des Strafgesetzbuches kann das mit bis zu drei Jahren Haft in Russland geahndet werden. Verantwortlich seien die Erwachsenen, die zulie&szlig;en, dass Desjatnitschenko so reden konnte. <\/p>\n<p>Auch in Moskau emp&ouml;rten sich etliche Politiker, darunter der Rechtspopulist Wladimir Schirinowksi, der im Staatsfernsehnen gar mutma&szlig;te, dass in der Schule des jungen Mannes wohl Geschichtsb&uuml;cher von George Soros gelesen w&uuml;rden. Der US-Milliard&auml;r f&ouml;rdert liberale Projekte in Osteuropa, er gilt deshalb auch in konservativen Kreisen Russlands als Feindbild.<\/p>\n<p><strong>Angst in der Schule<\/strong><\/p>\n<p>Inzwischen wird Desjatnitschenkos Schule &uuml;berpr&uuml;ft, der B&uuml;rgermeister der Stadt hatte den Jungen verteidigt, musste sich dem Auftrag eines Ausschusses des F&ouml;derationsrates, dem Oberhaus des Parlaments, beugen.<\/p>\n<p>Im Gymnasium will sich niemand mehr &auml;u&szlig;ern, so gro&szlig; ist die Angst. Einige Lehrer haben russischen Medien berichtet, sie seien bedroht und beschimpft worden: Sie sollten doch ihren Job machen und den Kindern die Bedeutung des Gro&szlig;en Vaterl&auml;ndischen Kriegs erkl&auml;ren, damit ist der Kampf der Sowjetunion gegen Hitler-Deutschland von 1941 bis 1945 gemeint &ndash; der Sieg &uuml;ber den Nationalsozialismus ist bis heute ein Ereignis, das in Russland gro&szlig; inszeniert wird.<\/p>\n<p>Desjatnitschenko steht nun unter Verdacht, mit seinem Mitleid f&uuml;r deutsche Kriegsgefangene, die in sowjetischer Haft starben, dieses Bild zu st&ouml;ren. Da hilft es auch nicht, dass die Sprecherin des Volksbundes Deutsche Kriegsgr&auml;berf&uuml;rsorge auf Anfrage betont, es habe sich um eine &ldquo;falsch vorgenommene Verk&uuml;rzung&rdquo; gehandelt. Es gebe keinerlei Gleichmacherei von Opfern und T&auml;tern. &ldquo;Der Zweite Weltkrieg ist ein verbrecherischer Angriffskrieg des nationalsozialistischen Deutschlands.&rdquo; Auch Desjatnitschenkos Deutschlehrerin Ljudmila Kononenko versuchte, den Sch&uuml;ler zu verteidigen: &ldquo;Er hat die Taten der Faschisten mit keinem Wort entschuldigt.&rdquo; Sie ist ebenfalls nicht mehr erreichbar.<\/p>\n<p><strong>&ldquo;Nationalpatriotische Hysterie&rdquo;<\/strong><\/p>\n<p>&hellip;<\/p>\n<p>Weiterlesen <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/lebenundlernen\/schule\/bundestag-nach-rede-hetzwelle-rollt-ueber-russischen-schueler-hinweg-a-1179794.html\">hier<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Kommentar des NachDenkSeiten Lesers Stefan Herbst:<\/strong><\/p>\n<p>Schon die &Uuml;berschrift f&uuml;hrt in die Irre &ndash; weil sie (wieder) negativ von Ru&szlig;land spricht &ndash; also vorgaukelt, als ob ganz Ru&szlig;land die Sch&uuml;lerrede ablehnen w&uuml;rde. Das wird aber vom Inhalt der Meldung nicht gedeckt &ndash; beispielsweise hat ja die Mutter ebenso wie die Deutschlehrerin und sogar der B&uuml;rgermeister der Stadt den Sch&uuml;ler verteidigt &ndash; und zuletzt auch der Kremlsprecher.<\/p>\n<p>Die Meldung h&auml;tte auch lauten k&ouml;nnen: Kreml wirkt m&auml;&szlig;igend auf nationalpatriotische Wutb&uuml;rger <\/p>\n<p>Oder: Hitzige Diskussion &uuml;ber Sch&uuml;lerrede in Deutschland<\/p>\n<p>Dann h&auml;tte das sofort den ru&szlig;landfeindlichen Unterton verloren, der die ganze Meldung durchzieht. Und wichtig: Es wird gegen die journalistische Regel versto&szlig;en, die eigentlich besagt: Das Wichtigste und Neueste zuerst: N&auml;mlich, dass sich der Kreml Sprecher Dmitrij Peskow zu Wort gemeldet hat.  Dieser wird aber ganz unten also zuletzt und nur noch &bdquo;beil&auml;ufig&ldquo; erw&auml;hnt. Auch wird mit dem Attribut &bdquo;fast v&auml;terlich&ldquo; der Kreml-Sprecher eher negativ konnotiert. Es h&auml;tte beispielsweise hei&szlig;en k&ouml;nnen: Kreml Sprecher stellt sich sch&uuml;tzend vor &bdquo;Schitstorm&ldquo; russischer Nationalisten. <\/p>\n<p>Negativ auch die Rede von &bdquo;den Staatsmedien&ldquo;. Hier werden alle Medien in Ru&szlig;land verunglimpft. Es wird nicht gesagt, wer mit &bdquo;Staatsmedien&ldquo; gemeint ist &ndash; es fehlt der Nachweis. <\/p>\n<p>Wichtig auch: es ist zu fragen, ob die nationalpatriotische Stimmung in Ru&szlig;land wirklich so &bdquo;allt&auml;glich&ldquo; ist, wie das hier kolportiert wird. Richtig ist: Druck von au&szlig;en erzeugt Identit&auml;t nach Innen &ndash; die teils dem&uuml;tigenden Sanktionen auch von Europa (Marieluise Beck, die in deutschem Oberlehrerton ihren russischen Kollegen im Europarat die Verpassung eines Maulkorbs begr&uuml;ndet) dienen sicherlich nicht zu einer Entspannung, sondern sind Teil des Problems.<\/p>\n<p>Die Journalistin schreibt auch nicht von &bdquo;Shitstorm&ldquo; oder f&uuml;hrt die Diskussion nicht auf das zur&uuml;ck, was man heute ganz allgemein als &bdquo;Rudeljournalismus&ldquo; oder Sensationsjournalismus bezeichnet &ndash; n&auml;mlich, dass Medien (im Internetzeitalter) sehr schnell Themen aufgreifen und sich an Menschen vergreifen &ndash; das gilt auch f&uuml;r deutsche Medien &ndash; etwa wenn man heute mit Abstand die Berichterstattung &uuml;ber den damaligen Bundespr&auml;sidenten Wulf nachliest. <\/p>\n<p>Insgesamt wird hier das Bild bzw. Narrativ von einer &bdquo;Diktatur&ldquo; unterschwellig vorausgesetzt und bedient &ndash; das ja in deutschen Medien mittlerweile gang und g&auml;be ist und damit eine angemessene Auseinandersetzung mit  Ru&szlig;land und seinen (kulturellen) Entwicklungen unter den Putin- und Dmitri Medwedew Regierungen verunm&ouml;glicht.  Die Inhalte der Meldung anders dargestellt w&uuml;rden ein v&ouml;llig anderes Bild &uuml;ber eine offen diskutierende Gesellschaft zeigen &ndash; immerhin &auml;u&szlig;ert sich der Sch&uuml;ler ja auch in einem &bdquo;Sender Swesda&ldquo;.  Die &bdquo;sogenannten&ldquo; Staatsmedien scheinen ja nun auch unterschiedlich Stimmen zu Wort kommen zu lassen bzw. sich von fr&uuml;heren Darstellungen zu distanzieren. Man w&uuml;sste gerne mehr &ndash; traut aber der Spiegel-Journalistin nicht &uuml;ber den Weg.<\/p>\n<p>Diese Erzeugung eines russischen Feindbildes im Online-Spiegel ist journalistisch fragw&uuml;rdig, politisch-ethisch schlimm und unanst&auml;ndig, wenn es um den deutschen Volkstrauertag geht , der ja ein Friedensgedenken ist und der V&ouml;lkerauss&ouml;hnung  und V&ouml;lkerverst&auml;ndigung dienen soll.  <\/p>\n<p>Bonn 23.11.2017<br>\nP.S. Ich bin Menschenrechtler und habe als ehemaliger Pastoralassistent selbst schon eine kirchliche-&ouml;ffentliche Veranstaltung zum Volkstrauertag in einer mir damals zugewiesenen Gemeinde als Bezugsperson geleitet.<\/p>\n<p><strong>Schlussbemerkung Albrecht M&uuml;ller:<\/strong><\/p>\n<p>Die von Spiegel Online wiedergegebenen &Auml;u&szlig;erungen von emp&ouml;rten Russen zeigt im &Uuml;brigen auch, wie aufgehetzt die Stimmung schon ist. Das ist die Eskalation, gegen die wir auf den NachDenkSeiten von Beginn an angeschrieben haben.<\/p>\n<p>Ich verweise auch noch auf den Zusammenhang zwischen diesem hier erkennbaren und &bdquo;erfolgreichen&ldquo; Feindbild-Aufbau in beiden Lagern und dem, was Wolfgang Bittner in I. an Absichten und Strategien des Westens beschrieben hat.<\/p>\n<p>Die beiden Beitr&auml;ge sind wichtige Elemente einer Friedensbewegung, wie sie sein m&uuml;sste.\n<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Bittner, ausgewiesener Fachmann zum Verh&auml;ltnis von USA und Europa beim Blick und beim Umgang mit Russland, hat das Interview bei Sputnik erg&auml;nzt. Dieses war unter diesem Titel <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41224\">Anti-Trump-Buch mit Fernziel Regimechange in Moskau? &bdquo;NachDenkSeiten&ldquo;-Chef<\/a> kl&auml;rt auf gestern erschienen. Ein anderer NachDenkSeiten-Leser, Stefan Herbst, schickte seine Kommentierung eines Spiegel-Online-Artikels &bdquo;Russland emp&ouml;rt sich &uuml;ber Sch&uuml;lerrede<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41252\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,103,183,11],"tags":[1460,797,1206,1426,1544,1345,2104,366,1418,259,420,1800,260,1556,966,1019],"class_list":["post-41252","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-leserbriefe","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-biden-joe","tag-bittner-wolfgang","tag-brzezinski-zbigniew","tag-hegemonie","tag-kampagnenjournalismus","tag-kissinger-henry","tag-kriegsopfer","tag-obama-barack","tag-regime-change","tag-russland","tag-spiegel","tag-trump-donald","tag-ukraine","tag-usa","tag-weltkrieg","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41252","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=41252"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41252\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":41272,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41252\/revisions\/41272"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=41252"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=41252"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=41252"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}