{"id":41443,"date":"2017-12-06T13:15:18","date_gmt":"2017-12-06T12:15:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41443"},"modified":"2017-12-06T15:22:31","modified_gmt":"2017-12-06T14:22:31","slug":"die-buergerversicherung-ist-alternativlos-da-das-pkv-system-keine-zukunft-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41443","title":{"rendered":"Die B\u00fcrgerversicherung ist alternativlos, da das PKV-System keine Zukunft hat"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150520_berger.jpg\" alt=\"Jens Berger\" title=\"Jens Berger\"><\/div><p>Die SPD denkt offenbar <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article171241852\/Buergerversicherung-Familiennachzug-SPD-zieht-rote-Linien.html\">dar&uuml;ber nach<\/a>, die B&uuml;rgerversicherung als &bdquo;rote Linie&ldquo; f&uuml;r die kommenden Sondierungsgespr&auml;che mit der Union zu setzen. Auch wenn es eher unwahrscheinlich ist, dass die Union dies so akzeptiert, ist dies doch ein wichtiger und richtiger Schritt. Das duale System der Krankenversicherung, bei dem die gesetzliche und die private Krankenversicherung nebeneinander existieren, ist n&auml;mlich nicht nur ineffizient, sondern beinhaltet eine tickende Zeitbombe. Das Modell der privaten Krankenversicherung ist schlichtweg nicht kompatibel mit einer andauernden Niedrigzinsphase. Eine B&uuml;rgerversicherung w&auml;re daher auch der Rettungsanker f&uuml;r Millionen Privatversicherte, denen horrende Beitragssteigerungen drohen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9683\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-41443-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171206_Die_Buergerversicherung_ist_alternativlos_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171206_Die_Buergerversicherung_ist_alternativlos_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171206_Die_Buergerversicherung_ist_alternativlos_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171206_Die_Buergerversicherung_ist_alternativlos_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=41443-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171206_Die_Buergerversicherung_ist_alternativlos_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"171206_Die_Buergerversicherung_ist_alternativlos_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wer das Gesch&auml;ftsmodell der privaten Krankenversicherungen (PKV) verstehen will, muss zun&auml;chst wissen, was sich hinter dem f&uuml;rchterlichen Begriff &bdquo;<strong>Kopfschadenprofil<\/strong>&ldquo; verbirgt. So bezeichnen Versicherer die Summe, die ihre Kunden pro Jahr im Schnitt als Leistung in Anspruch nehmen. Nun verh&auml;lt es sich im Gesundheitssystem nat&uuml;rlich so, dass das Kopfschadenprofil stark vom Alter des Versicherten abh&auml;ngt. W&auml;hrend ein j&uuml;ngerer Versicherter relativ selten Leistungen der Krankenversicherung in Anspruch nehmen muss, steigen die zu erbringenden Leistungen mit dem Alter. Vor allem die letzten vier Monate vor dem Tod machen (fast unabh&auml;ngig vom Lebensalter) einen Gro&szlig;teil der insgesamt anfallenden Leistungen aus der Krankenversicherung aus. Und da es in der PKV &ndash; anders als im gesetzlichen Krankenversicherungssystem (GKV) &ndash; keine Umlage gibt, ist das System darauf aufgebaut, dass jeder Versicherte sich zumindest rechnerisch selbst versichert.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171206-Buergerversicherung-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Und das funktioniert folgenderma&szlig;en: In den j&uuml;ngeren Lebensjahren, in denen die Leistungen naturgem&auml;&szlig; im Schnitt deutlich niedriger als die Beitr&auml;ge ausfallen, flie&szlig;t die Differenz aus Beitr&auml;gen und Leistungen in den <strong>Kapitalstock<\/strong> der Versicherung ein. Sie k&ouml;nnen das mit einer klassischen Lebensversicherung vergleichen. Dieser Kapitalstock wird am Finanzmarkt angelegt und vergr&ouml;&szlig;ert sich durch Zinsgewinne. Und wenn im Alter die individuell in Anspruch genommenen Leistungen naturgem&auml;&szlig; gr&ouml;&szlig;er als die Beitr&auml;ge sind, wird die Differenz aus diesem Kapitalstock ausbezahlt, der im idealen Kalkulationsfall am Todestag aufgebraucht ist. Die &uuml;ppigen Renditen der Versicherungsgesellschaften sollte man freilich auch nicht vergessen. Aber das soll hier und jetzt nicht das Thema sein. Auch das auf den NachDenkSeiten schon h&auml;ufig thematisierte <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2798\">Mackenroth-Theorem<\/a>, das dem privaten Versicherungsmodell auch noch die theoretische Basis entzieht, soll hier und heute nicht im Mittelpunkt stehen. <\/p><p>Die Kalkulationen der privaten Krankenversicherungen haben nat&uuml;rlich stets viele Unbekannte. Wie hoch werden die Zinsen sein, die der Kapitalstock abwirft? Wie entwickeln sich die Kopfschadenprofile, also wie hoch werden die kommenden Leistungen sein? Dabei muss man auch noch bedenken, dass private Krankenversicherungen &auml;hnlich wie Lebensversicherungen einer besonderen Finanzregulierung  unterliegen und gezwungen sind, einen Gro&szlig;teil des Kapitalstocks in besonders sichere Anlageformen ohne W&auml;hrungsrisiko zu investieren &ndash; und da kommen nur die besonders niedrig verzinsten Staatsanleihen aus dem Euroraum in Frage. <\/p><p>Soll die Kalkulation der Kopfschadenprofile aufgehen, muss erst einmal der einkalkulierte Zinssatz erzielt werden. Dieser &bdquo;<strong>Kalkulationszins<\/strong>&ldquo; deckt wohlgemerkt nur die im Rechenmodell einbezogenen Risiken ab &ndash; m&ouml;gliche Mehrkosten durch den technischen Fortschritt und h&ouml;here Lebenserwartung durch den medizinischen Fortschritt sowie m&ouml;gliche systembedingte Mehrkosten (z.B. neue medizinische Methoden, neue Arzneimittel) sind dadurch nicht abgedeckt. Diese Kosten werden aus den <strong>Altersr&uuml;ckstellungen<\/strong> gedeckt, in die jedoch nur die &Uuml;bersch&uuml;sse flie&szlig;en, also die Zinseinnahmen, die &uuml;ber dem &bdquo;Kalkulationszins&ldquo; liegen. Vor der Finanzkrise lag dieser Kalkulationszins bei 3,5%, heute liegt er im Schnitt bei 2,75%. Der aktuell durchschnittlich erzielte Zinsgewinn auf den Kapitalstock im PKV-System liegt bei 3,07%. Somit sind die reinen Kopfschadenprofile nach gegenw&auml;rtigen Kosten zwar noch mit Ach und Krach abgedeckt. Das Polster f&uuml;r k&uuml;nftige Kostenentwicklungen ist jedoch bereits heute fast komplett aufgezehrt und dies ist besonders dramatisch, wenn man bedenkt, dass diese Zahlen ja die Kostensteigerungen nicht beinhalten.<\/p><p>Das hei&szlig;t konkret: Wenn sich die Kosten im Gesundheitssystem &bdquo;nur&ldquo; im Rahmen der allgemeinen Inflation entsprechend der EZB-Zielgr&ouml;&szlig;e von 2,0% pro Jahr bewegen w&uuml;rden, m&uuml;ssten das PKV-System nicht den Kalkulationszins von 2,75%, sondern ganze 4,75% Zinsgewinne erzielen, um pro Jahr 2,0% Inflationsausgleich in die Altersr&uuml;ckstellungen zu &uuml;berweisen. Das passiert zur Zeit nicht und wenn sich keine &uuml;berraschende nach &ouml;konomischen Prognosen unwahrscheinliche Wende am Zinsmarkt ereignen sollte, droht dem PKV-System schon bald das Geld auszugehen. Denn wenn das System keine ausreichenden Altersr&uuml;ckstellungen aufbaut, gibt es k&uuml;nftig exakt zwei Szenarien: Entweder schr&auml;nken die privaten Krankenversicherungen ihre Leistungen dramatisch ein und fahren damit die Kostenseite herunter. Oder aber sie schrauben die <strong>Beitragss&auml;tze<\/strong> noch weiter in die H&ouml;he, um auf der Einnahmenseite die Defizite auszugleichen.<\/p><p>Genau dies war schon in Zeiten mit einem normalen Zinsumfeld der Fall. Im Schnitt stiegen die Beitr&auml;ge der PKV zwischen 2000 und 2015 um <a href=\"http:\/\/www.finanztip.de\/beitragssteigerung\/\">3,5% pro Jahr<\/a>. Aktuell liegen die &bdquo;Beitragsanpassungen&ldquo;, wie sie die Versicherer euphemistisch nennen, bei <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/finanzen\/meine-finanzen\/versichern-und-schuetzen\/beitraege-in-der-privaten-krankenversicherung-steigen-stark-14073694.html\">durchschnittlich 4,1%<\/a>, wobei in Einzelf&auml;llen Erh&ouml;hungen &uuml;ber 15% f&uuml;r Bestandskunden keine Seltenheit sind. Wir haben zwar keine Kostenexplosion im Gesundheitssystem, aber dennoch solide <strong>Kostensteigerungen<\/strong>, die im PKV-Bereich bei <a href=\"http:\/\/www.sozialpolitik-aktuell.de\/tl_files\/sozialpolitik-aktuell\/_Politikfelder\/Gesundheitswesen\/Datensammlung\/PDF-Dateien\/abbVI30.pdf\">rund 5% pro Jahr liegen<\/a>. <strong>Alleine um diese Steigerungen abzufangen, m&uuml;ssten die Versicherer also 7,75% Zinsgewinne (2,75% Kalkulationszins plus 5% Kostensteigerungen) erzielen, um langfristig beitragsneutral zu bleiben. Man ist sicherlich nicht gleich ein Untergangsprophet, wenn man klipp und klar sagt, dass dies nicht m&ouml;glich sein wird.<\/strong><\/p><p>Es ist sogar wahrscheinlich, dass schon bald die ersten privaten Krankenversicherungen ihre Zahlungsunf&auml;higkeit erkl&auml;ren. Denn ein permanentes Ausgleichen der Defizite &uuml;ber eine Anpassung der Beitr&auml;ge f&uuml;hrt nat&uuml;rlich dazu, dass man kaum noch Neukunden gewinnen kann und &uuml;ber eine erh&ouml;hte Altersstruktur dann erst Recht in die Kostenfalle ger&auml;t. Somit ist es auch nur eine Frage der Zeit, bis der Steuerzahler mit Rettungsschirmen und &auml;hnlichen kostspieligen L&ouml;sungen die Suppe ausl&ouml;ffeln darf. Die eigentlichen Opfer dieses Systemfehlers sind freilich die Versicherten. Und da es sehr schwer ist, vom PKV- ins GKV-System zu wechseln, droht einer ganzen Reihe von Privatversicherten vor allem im Alter ein echter Beitragsschock. Schon heute sind mehr als Einhunderttausend PKV-Kunden nur noch &bdquo;notversichert&ldquo;, da sie ihre regelm&auml;&szlig;igen Beitr&auml;ge nicht mehr bezahlen k&ouml;nnen und so mancher ehemalige Besserverdiener muss im Alter den G&uuml;rtel merklich enger schnallen, da monatliche Beitr&auml;ge von 1.500 Euro aufw&auml;rts auch bei ihm an die Substanz gehen. Von prek&auml;ren Selbstst&auml;ndigen, die sich privat versichern, um Kosten zu sparen, brauchen wir gar nicht anzufangen &ndash; hier wird die &bdquo;Notversicherung&ldquo; wohl der einzige Ausweg sein, wenn man nicht &uuml;ber Hartz IV oder eine R&uuml;ckkehr in eine sozialpflichtige Anstellung zur&uuml;ck ins GKV-System findet. So seltsam es klingt: <strong>Die gr&ouml;&szlig;ten Gewinner einer B&uuml;rgerversicherung w&auml;ren die Privatversicherten, die nicht zur Klasse der wirklich Reichen geh&ouml;ren.<\/strong> Und eigentlich geh&ouml;ren diese Personen ja auch in ein GKV-System bzw. eine B&uuml;rgerversicherung. <\/p><p>Sinn und Zweck der &bdquo;<strong>Beitragsbemessungsgrenze<\/strong>&ldquo;, die im Krankenversicherungssystem eigentlich mal &bdquo;<strong>Versicherungspflichtgrenze<\/strong>&ldquo; hie&szlig;, war es, dass man davon ausging, dass wohlhabende B&uuml;rger keine Pflichtversicherung brauchen, da sie ihre Gesundheitskosten auch ohne Versicherung tragen k&ouml;nnen. Und genau das war fr&uuml;her ja auch der Fall. Wer in den 1950ern in ein Krankenhaus eingewiesen wurde, verlie&szlig; es sp&auml;testens eine Woche danach entweder gesund oder tot. Die Behandlungs- und Medizinkosten waren &uuml;berschaubar und f&uuml;r das gehobene B&uuml;rgertum auch ohne Versicherungsschutz zu stemmen. Heute verl&auml;sst ein Gro&szlig;teil das Krankenhaus aber weder gesund noch tot, sondern krank. Und selbst f&uuml;r Besserverdiener stellen die Gesundheitskosten heute einen Risikofaktor dar, der eben nicht durch die &uuml;blichen R&uuml;cklagen problemlos abgedeckt werden kann. Die Grundlage der &bdquo;Versicherungspflichtgrenze&ldquo; ist heutzutage nicht mehr vorhanden und da es seit 2009 ja ohnehin eine Versicherungspflicht gibt, ist auch das alte duale System &uuml;berfl&uuml;ssig. <\/p><p>Eine B&uuml;rgerversicherung mit einem Umlagesystem bei parit&auml;tischer Finanzierung, deren Beitragsbasis nicht die Arbeitseink&uuml;nfte, sondern die gesamten Eink&uuml;nfte eines Haushaltes sind, ist eigentlich so naheliegend, dass es ein Wunder ist, dass die Lobbyisten der Versicherungswirtschaft und die &Auml;rzteverb&auml;nde, in denen einige wenige Profiteure dieses Systems das Sagen haben, ein solches System bis dato verhindern konnten. Sowohl die SPD, als auch die Gr&uuml;nen und nat&uuml;rlich die Linkspartei haben die B&uuml;rgerversicherung schon lange in ihren Wahlprogrammen. Ob die Union diese &bdquo;rote Linie&ldquo; der SPD akzeptiert und ob die SPD es mit ihren &bdquo;roten Linien&ldquo; tats&auml;chlich ernst meint, ist eine andere Frage. Das &auml;ndert jedoch nichts daran, dass die B&uuml;rgerversicherung ein gutes Modell und das duale System wegen der Systemfehler im PKV-System ein Auslaufmodell ist.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/4037cfb8c5c440cf8aa6145b81655437\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150520_berger.jpg\" alt=\"Jens Berger\" title=\"Jens Berger\"\/><\/div>\n<p>Die SPD denkt offenbar <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article171241852\/Buergerversicherung-Familiennachzug-SPD-zieht-rote-Linien.html\">dar&uuml;ber nach<\/a>, die B&uuml;rgerversicherung als &bdquo;rote Linie&ldquo; f&uuml;r die kommenden Sondierungsgespr&auml;che mit der Union zu setzen. Auch wenn es eher unwahrscheinlich ist, dass die Union dies so akzeptiert, ist dies doch ein wichtiger und richtiger Schritt. 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