{"id":41491,"date":"2017-12-09T11:00:05","date_gmt":"2017-12-09T10:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41491"},"modified":"2026-01-27T11:13:09","modified_gmt":"2026-01-27T10:13:09","slug":"die-meisten-menschen-haben-auch-frueher-nicht-begriffen-was-es-heisst-unter-der-bombe-zu-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41491","title":{"rendered":"\u201eDie meisten Menschen haben auch fr\u00fcher nicht begriffen, was es hei\u00dft, unter der Bombe zu leben\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171209_minde.jpg\" alt=\"Matthias van der Minde\" title=\"Matthias van der Minde\"><\/div><p>Viele Menschen erkennen die atomare Gefahr nicht &ndash; dabei ist sie real. Das sagt <strong>Matthias van der Minde<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. Van der Minde, der als Lehrer Englisch, Politik und Wirtschaft an den beruflichen Schulen Korbach und Bad Arolsen unterrichtet, setzt sich seit vielen Jahren mit der atomaren Bedrohung auseinander und verweist darauf, dass die Existenz von Atombomben auch die Wahrscheinlichkeit ihres Einsatzes beinhaltet.  Ein Interview &uuml;ber Auf- und Abr&uuml;stung und die, wie van der Minde es nennt, &bdquo;drei Haken des Atomzeitalters&ldquo;. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3357\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-41491-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171211_Unter_der_Bombe_leben_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171211_Unter_der_Bombe_leben_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171211_Unter_der_Bombe_leben_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171211_Unter_der_Bombe_leben_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=41491-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171211_Unter_der_Bombe_leben_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"171211_Unter_der_Bombe_leben_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr van der Minde, es gab eine Zeit, da hat die Atombombe in der &ouml;ffentlichen Wahrnehmung eine gro&szlig;e Rolle gespielt. Heute scheint das ganz anders zu sein &ndash; obwohl die nukleare Gefahr alles andere als gebannt ist. Wie sehen Sie das? <\/strong><\/p><p>Da stimme ich zu, die nukleare Gefahr ist ganz und gar nicht gebannt, im Gegenteil. Zahlenm&auml;&szlig;ig schrumpfen die atomaren Arsenale zwar, zumindest in den USA und Russland, doch gleichzeitig modernisieren diese und andere Atomwaffenstaaten ihre Raketen und Sprengk&ouml;pfe.<\/p><p>Was die &ouml;ffentliche Wahrnehmung betrifft, so klagen heute viele &ndash; ich auch &ndash; dass die Leute fr&uuml;her f&uuml;r Abr&uuml;stung auf die Stra&szlig;e gegangen sind, sich sogar auf die Stra&szlig;e gelegt haben vor amerikanischen Pershing-2-Transportern, wir heute aber Trumps und Kims Gebaren achselzuckend zur Kenntnis nehmen. Mehr und mehr aber glaube ich, dass die meisten Menschen auch fr&uuml;her nicht wirklich begriffen haben, was es hei&szlig;t, unter der Bombe zu leben. Es mag etwas anders ausgesehen haben, 1958, als Adenauer Atomwaffen f&uuml;r Deutschland wollte, oder Anfang der 1980er, als sich auf deutschem Boden Pershing 2 und SS-22 gegen&uuml;berstanden. Doch in beiden F&auml;llen verebbte der Protest schnell wieder, hatte insofern viel mit der konkreten Situation vor Ort zu tun, weniger mit der abstrahierten globalen und permanenten Bedrohung durch Atomwaffen. Abstrahiert dahingehend, dass wir die US-amerikanischen und russischen U-Boote und Raketensilos damals nicht sahen und heute nicht sehen, die Tag und Nacht unter Wasser und unterirdisch auf ihren Einsatzbefehl warten. Sie sind immer da, haben insofern keinen Nachrichtenwert, wir haben uns an sie gew&ouml;hnt. Schlimmer noch, uns allen wurde in Elternhaus, Schule und Gesellschaft beigebracht oder durch Nichtansprechen unbewusst vermittelt, dass eine Welt voller apokalyptischer Waffen irgendwie der Normalzustand sei, der dem w&ouml;lfischen Wesen des Menschen nun mal am ehesten entspreche. Darum sehe ich keinen Bruch zwischen fr&uuml;her aktiver und heute passiver Zivilgesellschaft, sondern eher eine Kontinuit&auml;t von kleiner, engagierter Friedensbewegung und gro&szlig;er, langfristig wenig handlungsbereiter Masse. <\/p><p><strong>Sie schreiben in Ihrem <a href=\"http:\/\/www.vsa-verlag.de\/nc\/detail\/artikel\/dialektik-der-bombe\/\">Buch<\/a>, dass die Bombe &bdquo;die gr&ouml;&szlig;te Bedrohung f&uuml;r die Fortexistenz der Menschheit&ldquo; darstelle. Wie meinen Sie das? <\/strong><\/p><p>Jacqueline Cabasso von den <em>Mayors for Peace<\/em>, den <em>B&uuml;rgermeistern f&uuml;r den Frieden<\/em>, schreibt, eine Atomwaffe sei wie ein Holocaust. Explodierte sie &uuml;ber einer Stadt wie Mumbai, k&ouml;nne sie acht Millionen Menschen t&ouml;ten. Auf der Internetseite des US-Historikers <a href=\"http:\/\/www.nuclearsecrecy.com\/nukemap\/\">Alex Wellerstein<\/a> k&ouml;nnen wir den Vernichtungsradius heutiger Atombomben &uuml;ber Berlin, London oder New York legen und ansatzweise begreifen, dass nichts von solchen St&auml;dten &uuml;brigbliebe. Und als ob das nicht schon genug w&auml;re: Eine Atombombe kommt wom&ouml;glich nicht allein. Auch &bdquo;nur&ldquo; ein sogenannter begrenzter Atomkrieg, etwa zwischen Indien und Pakistan, in dem einige Dutzend Atomwaffen auf dem Subkontinent explodierten, w&uuml;rde durch Staubaufwirbelungen das Weltklima massiv beeinflussen, sicherlich mit hochgradig negativen Konsequenzen f&uuml;r uns alle. Davor warnen amerikanische, aber auch deutsche Wissenschaftler seit Jahren. Bedenken Sie, was 1816 passierte, als der Tambora in Indonesien ausbrach: Ernteausf&auml;lle, Hungersn&ouml;te, auch in Europa. Und ein heutiger Atomkrieg w&uuml;rde mehr als nur ein bis zwei Jahre ohne Sommer nach sich ziehen.<\/p><p><strong>Sie spielen auf einen andauernden nuklearen Winter an.<\/strong><\/p><p>Ja, ein rapide abgek&uuml;hltes Weltklima, Hungerkatastrophen von nicht gekannten Ausma&szlig;en, Migrationsbewegungen, die wir uns nicht mehr vorstellen k&ouml;nnen, Folgekriege, Massensterben, alle zivilisatorischen Schranken w&uuml;rden fallen. Und was ist, wenn es nicht &bdquo;nur&ldquo; um Indien und Pakistan ginge, sondern um NATO gegen Russland? Beide Seiten haben jeweils mehrere Tausend Atomsprengk&ouml;pfe, von denen pro Seite &uuml;ber Tausend jederzeit einsatzbereit sind. Und sie alle sind um ein Vielfaches gewaltiger als die Hiroshimabombe.<br>\nNoch ein Wort zur Frage, inwiefern dies nun die gr&ouml;&szlig;te Bedrohung sei, noch vor allen anderen: Wenn wir unsere heutige Art zu leben linear in die Zukunft ausdehnen und davon ausgehen, es gebe keine eruptiven Entwicklungen wie einen Atomkrieg, dann &ndash; so schreibt etwa der US-Politikwissenschaftler Ted Daley &ndash; sei die gr&ouml;&szlig;te Menschheitsbedrohung sicherlich der selbstverschuldete Klimawandel. Ein Atomkrieg hingegen w&auml;re allerdings diejenige Bedrohung, die, wenn sie eintritt, zu einer <em>unmittelbaren<\/em>, pl&ouml;tzlichen und unumkehrbaren Gefahr f&uuml;r die Fortexistenz der Menschheit werden w&uuml;rde.<\/p><p><strong>Wir wissen, was Atombomben in Hiroshima und Nagasaki angerichtet haben. Aber das ist alles lange her. Kann es sein, dass den heutigen Generationen einfach ein grundlegendes Bewusstsein f&uuml;r die Gefahren der atomaren Bedrohung fehlt?<\/strong><\/p><p>Ja. Ich selbst kann es mir ja kaum vorstellen, wie hoch das Risiko einer Atombombenexplosion oder eines Atomkrieges ist, geschweige denn, wie sich die Konsequenzen davon anf&uuml;hlen w&uuml;rden. Wie jedoch bereits angedeutet, denke ich mittlerweile, dass es weniger eine Generationenfrage, sondern vielmehr eine grunds&auml;tzliche Menschheitsfrage ist, inwiefern wir uns dieser Gefahr &uuml;berhaupt bewusst werden k&ouml;nnen. Der Science-Fiction-Autor Robert Heinlein &auml;u&szlig;erte einmal &uuml;ber die unmittelbare Zeit nach Hiroshima 1945, dass 99,9 Prozent der US-Amerikaner &uuml;berhaupt keine Einstellung dazu gehabt h&auml;tten. Robert Jungk wertete Umfragen unter Amerikaners aus und kam zu &auml;hnlichen Ergebnissen: Die Leute n&auml;hmen die Bombe hin, so wie sie die Gefahr von Erdbeben hinn&auml;hmen. G&uuml;nther Anders spricht von menschlicher &bdquo;Apokalypse-Blindheit&ldquo;, wir seien ja kaum in der Lage, zehn Ermordete zu denken und zu beklagen. Wenn es um mehr gehe, streike die menschliche Seele. Oder wie der Hiroshima-&Uuml;berlebende seiner franz&ouml;sischen Geliebten im Film &bdquo;Hiroshima Mon Amour&ldquo; (1959) entgegnet: &bdquo;Du hast nichts gesehen in Hiroshima.&ldquo; Du kannst es nicht verstehen, auch wenn Du hier vor Ort bist und die Geschichte seiner Verw&uuml;stung studieren willst.<br>\nHeute st&ouml;&szlig;t der Umstand hinzu, dass kaum noch jemand einen Atompilz mit eigenen Augen gesehen und seine Gewalt gesp&uuml;rt hat. Der letzte stieg 1980 in China auf. Immerhin k&ouml;nnen wir seit diesem Jahr ein paar US-Atompilze auf dem YouTube-Kanal des <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/results?search_query=lawrence+livermore+national+laboratory\">Lawrence Livermore National Laboratorys<\/a> <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/playlist?list=PLvGO_dWo8VfcmG166wKRy5z-GlJ_OQND5\">anschauen<\/a>, was allerdings anstatt zur Aufkl&auml;rung auch zur Mystifizierung der Bombe beitragen kann. Positiv f&auml;llt mir in den letzten Jahren jedoch auf, dass ich immer wieder auf einzelne Sch&uuml;ler treffe &ndash; es sind h&auml;ufiger Jungs &ndash;, die sich f&uuml;r diese Thematik interessieren und auch relativ gut informiert sind. Allerdings (noch) nicht dahingehend, was wir gegen den atomaren Status Quo unternehmen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>In Ihrem Buch sprechen Sie von mindestens &bdquo;drei Haken&ldquo; des Atomaren Zeitalters. Was ist denn der erste Haken?<\/strong><\/p><p>F&uuml;r mich ist der erste Haken, dass wir die atomare Gefahr nicht erkennen. Bemerkenswert ist zwar, dass laut Forsa-Umfrage von 2016 &uuml;ber 90 Prozent der Deutschen f&uuml;r ein allgemeines Atomwaffenverbot sind, wie es der in diesem Jahr fertig verhandelte Atomwaffenverbotsvertrag ja auch vorsehen w&uuml;rde. Doch kommt dieses Ergebnis auch dadurch zustande, dass die Befragten bewusst mit diesem Thema konfrontiert worden und um eine Entscheidung gebeten worden sind. Wer sagt bei solchen Ja-Nein-Fragen schon, dass sie oder er f&uuml;r Atomwaffen sei? Wenn wir hingegen offen fragen, welche Gefahren und Risiken unser Leben bestimmen, dann r&uuml;ckt die Bombe wieder ganz weit nach hinten, zumindest ist das meine subjektive Erfahrung.<\/p><p><strong>Der Zweite?<\/strong><\/p><p>Der zweite Haken ist die Gefahr selbst. Die gewaltigen Arsenale der Amerikaner und Russen habe ich erw&auml;hnt. Hinzu kommen andere atomare Akteure wie China, Indien, Pakistan oder Nordkorea, denen ich zwar, das mag bemerkenswert klingen, grunds&auml;tzlich keine irrationale oder messianische Politik unterstelle, die sich aber in zahlreiche lokale, regionale und globale Konflikte verstrickt haben, die blitzschnell eskalieren, sich hochschaukeln und &ndash; so w&uuml;rde Robert Jungk es ausdr&uuml;cken &ndash; zu Akten &bdquo;kollektiver Gewissenlosigkeit&ldquo; f&uuml;hren k&ouml;nnen, mit Konsequenzen f&uuml;r uns alle. Auch Gro&szlig;britannien, Frankreich und Israel sind nicht frei davon, Fehleinsch&auml;tzungen abzugeben, Fehlentscheidungen zu treffen, in einen Strudel aus un&uuml;berschaubaren Fehlurteilen zu geraten &ndash; oder einfach Pech zu haben. 2009 stie&szlig;en ein britisches und ein franz&ouml;sisches U-Boot im &Auml;rmelkanal zusammen, beide wahrscheinlich atomar best&uuml;ckt. So etwas passiert. Was ich noch nicht erw&auml;hnt habe, ist die Gefahr, die von sogenannten nichtstaatlichen Akteuren ausgeht, von Terrorgruppen, die sich wom&ouml;glich eines Tages eines Atomsprengkopfes oder zumindest einer sogenannten &bdquo;schmutzigen&ldquo; Bombe bem&auml;chtigen k&ouml;nnten, die durch ihre Radioaktivit&auml;t zwar keine Stadt verw&uuml;sten, wohl aber Tausende von Menschen sch&auml;digen und weltweit Chaos verursachen k&ouml;nnte. Doch, so zynisch es klingt, ich muss hier anf&uuml;gen, dass eine solche terroristische Bombe, sollte sie keinen unbeabsichtigten Atomkrieg nach sich ziehen, verblassen w&uuml;rde gegen&uuml;ber der weltzerst&ouml;rerischen Wucht, die ein Atomkrieg zwischen zwei oder mehreren Atomm&auml;chten verursachen w&uuml;rde.<\/p><p><strong>Und der Dritte?<\/strong><\/p><p>Der dritte Haken des atomaren Zeitalters ist, zumindest in meiner Einteilung, dass wir nicht wirklich wissen, was zu tun ist. Ich habe den Atomwaffenverbotsvertrag von 2017 erw&auml;hnt, f&uuml;r dessen Mit-Aushandlung das gro&szlig;e Netzwerk <em>ican<\/em> ja den Friedensnobelpreis erh&auml;lt. Offen ist jedoch, inwiefern die Bewegung es schafft, die global seit Nagasaki eingehaltene Norm des Nichteinsatzes von Atomwaffen zu transformieren in eine Norm der vollst&auml;ndigen atomaren Abstinenz: Es m&uuml;sste also allgemein akzeptierter und praktizierter Standard werden, Atomwaffen nicht besitzen zu wollen. Ich bin da im Moment jedoch sehr skeptisch, denn alle Atomwaffen- und auch fast alle NATO-Staaten, auch Deutschland, haben angek&uuml;ndigt, den neuen Vertrag nicht unterschreiben, schon gar nicht ratifizieren zu wollen &ndash; sie haben ja noch nicht einmal an den Verhandlungen dazu teilgenommen. Ich erkenne keine auf gegenseitiges Verstehen abzielende Dialogversuche zwischen Atomwaffenstaaten und deren Unterst&uuml;tzern auf der einen und Friedens- und Abr&uuml;stungsbewegungen auf der anderen Seite. Tragisch verk&ouml;rpert diesen Bruch etwa Justin Trudeau, der sich sonst progressiv gibt, wo immer es geht, der es aber noch nicht einmal schafft, <em>ican<\/em> zum Friedensnobelpreis zu gratulieren, und nur nichtssagende Worte zum atomaren Zustand der Welt findet. Allerdings gibt es auch auf Seiten der Friedensbewegung viele, die sich nicht in atomare Abschreckungstheorien hineindenken wollen und nicht erkennen, dass f&uuml;r NATO, Russland, China und andere das, was sie unter Sicherheit verstehen, und Atomwaffen untrennbar miteinander verbunden sind.<\/p><p><strong>Lassen Sie uns noch weiter auf die Gefahren der Atombomben eingehen. Sie sprechen in Ihrem Buch immer wieder an, dass zwar die Gefahr eines Atomkrieges nicht unbedingt so gro&szlig; sei, aber die Gefahr liege auch alles andere als bei null und damit sei sie zu hoch.<\/strong><\/p><p><strong>Wo genau liegen denn die Gefahren?<\/strong><\/p><p>Die Wahrscheinlichkeit, dass wir Menschen einen Atomkrieg ausl&ouml;sen und durch ihn vernichtet werden, ist meines Erachtens in der Tat nicht hoch. Denn gegen einen solchen Krieg sprechen die bisherigen Praktiken der Atomwaffenstaaten, die ihren Waffen zwar eine elementare Abschreckungsleistung zumessen, in ihnen aber gleichzeitig keine einsetzbare Kriegswaffe sehen. Die gegenw&auml;rtigen Arsenalmodernisierungen vor allem der USA zur Verbesserung der Treffergenauigkeit laufen letzterer Einsch&auml;tzung allerdings zuwider. Doch auch wenn die Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe gering ist, hei&szlig;t dies ja nicht, dass sie nicht auftreten kann. J&uuml;rgen Todenh&ouml;fer hat 2005 geschrieben, wir lebten gerade mal ein paar Jahrzehnte im atomaren Zeitalter &ndash; und seien dabei schon mehrfach an den Rand eines Atomkrieges geschlittert. In der Zukunft m&uuml;ssten ausnahmslos alle amerikanischen, russischen, chinesischen und weiteren Staatschefs so rational und besonnen sein, ihre Atomwaffen niemals einzusetzen. Wenn wir also &uuml;ber die n&auml;chsten hundert, zweihundert oder f&uuml;nfhundert Jahre sprechen, so birgt auch eine geringe Katastrophenwahrscheinlichkeit auf einmal ein immenses Risiko f&uuml;r das Leben auf dem Planeten. Es muss nur einmal irgendetwas schiefgehen. Insofern sage ich: Das Risiko muss auf null reduziert werden, alles andere ist zu hoch.<\/p><p><strong>Wor&uuml;ber sollte man sich im Hinblick auf die Gefahren noch im Klaren sein?<\/strong><\/p><p>Ich habe mein Buch &bdquo;Dialektik der Bombe&ldquo; genannt, weil ich durchaus meine zu erkennen, dass atomare Abschreckung funktionieren kann, wenn die entscheidenden Akteure daran glauben und rational handeln, also in gesellschaftlicher, politischer und territorialer Unversehrtheit weiterleben wollen. Allerdings stabilisiert die Bombe die internationalen Beziehungen nicht nur, sondern bedroht gleichzeitig und unumst&ouml;&szlig;lich eben diese Stabilit&auml;t, die sie selbst geschaffen hat. Denn wenn etwas schiefgeht in diesem labilen Weltgef&uuml;ge, sei es durch Absicht oder Zufall, dann ist genau diese Bombe mit all ihren Konsequenzen am Ende die gr&ouml;&szlig;te Bedrohung f&uuml;r uns alle. Der Stabilit&auml;tsfaktor Bombe birgt also, unter Ber&uuml;cksichtigung der erw&auml;hnten Wahrscheinlichkeit, den Kern seiner eigenen Aufhebung notwendigerweise zu jeder Zeit in sich selbst.<\/p><p><strong>Was kann denn gegen die atomare Aufr&uuml;stung und f&uuml;r Abr&uuml;stung vonseiten der Politik, aber auch vonseiten der Zivilgesellschaft getan werden?<\/strong><\/p><p>Da sind wir wieder bei Haken Drei &ndash; die Antwort hier ist schwierig, denn leicht verlieren wir uns in Ersatzhandlungen, die lediglich suggerieren, wir h&auml;tten etwas getan &ndash; um dann letztendlich daf&uuml;r zu sorgen, dass wir eigentlich nichts tun, au&szlig;er ein einzelnes gutes Gewissen aufflackern zu lassen in einer dunklen zynischen Welt drumherum. Bei Online-Unterschriftenkampagnen bequem vom Schreibtisch aus mitzumachen, kann etwas bewirken, nicht aber, wenn eigentlich bekannt ist, dass Adressaten wie Trump &amp; Co. f&uuml;r so etwas v&ouml;llig unempf&auml;nglich sind, sich bei solch geballter und wenig dialogischer Kritik sofort einkapseln. Ich will meine eigenen T&auml;tigkeiten &ndash; Unterrichten, Schreiben &ndash; da gar nicht aus der eigenen Kritik herausnehmen. Statements wie diese hier oder mein Buch k&ouml;nnen direkt keinen einzigen atomaren Sprengkopf abschaffen, worum es mir doch eigentlich geht.<br>\nWas wir aber tun k&ouml;nnen, ist, den thematischen Horizont zu erweitern, und uns mit Akteuren und Bewegungen zusammenzuschlie&szlig;en, die an anderen Fronten f&uuml;r eine andere Welt k&auml;mpfen: mit der Umweltbewegung, der LGBT-Bewegung, mit den Gewerkschaften, den Kirchen, mit ungez&auml;hlten zivilgesellschaftlichen Gruppen, aber genauso mit denjenigen Politikerinnen und Politikern, die diese Ziele mitverfolgen. Zahlreiche Intellektuelle haben in den letzten Jahren angemahnt, solche &uuml;berwiegend linken Bewegungen m&uuml;ssten gemeinsam gegen materielle Ausbeutung und politische Unterdr&uuml;ckung k&auml;mpfen &ndash; und eben, so f&uuml;ge ich hinzu, gegen die Bevormundung, von irgendwelchen Machthabern atomar umgebracht werden zu k&ouml;nnen. Zu nennen seien hier Aufrufe von Alain Badiou, Didier Eribon, Chantal Mouffe oder Hans-J&uuml;rgen Urban, der von einer &bdquo;Mosaik-Linken&ldquo; spricht, einem Zusammenschluss, dessen Einzelakteure ihre Eigenst&auml;ndigkeit nicht aufgeben m&uuml;ssen.<br>\nSo sollten wir den Kampf gegen die Bombe zum einen als Teil eines gro&szlig;en und permanenten Auftrages sehen, gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt zu k&auml;mpfen; zum anderen sollten wir die Spezifika des Engagements gegen die Bombe aber auch gesondert weiterf&uuml;hren. Denn sich gegen die Bombe zu engagieren hei&szlig;t, diejenigen verstehen zu lernen, die an ihr festhalten. Es hei&szlig;t, sich auf Diktatoren und Unterdr&uuml;cker einzulassen, mit denen wir eigentlich nichts zu tun haben wollen. Es hei&szlig;t, Kompromisse zu schlie&szlig;en, die auf den ersten Blick das Ziel einer globalen Null an Atomwaffen verraten.<\/p><p><strong>K&ouml;nnten Sie etwas konkreter werden. Was w&auml;ren denn solche Kompromisse?<\/strong><\/p><p>Atomwaffen nicht mehr in unmittelbarer Einsatzbereitschaft zu stationieren. Solange US-Amerikaner, Russen und weitere einige Atomwaffen auf ihren U-Booten lie&szlig;en, welche so gut wie nicht zu orten sind, solange w&auml;re die gegenseitige Abschreckung in Kraft. Da spielte es keine Rolle mehr, in wie vielen Minuten der jeweils andere zur&uuml;ckschlagen k&ouml;nnte, denn er k&ouml;nnte es, auch wenn das eigene Mutterland schon vernichtet w&auml;re. Doch durchaus eine Rolle f&uuml;r die globale Sicherheit spielte, diese Atomwaffen m&ouml;glichst so unsch&auml;dlich mitzuf&uuml;hren, dass Unf&auml;lle oder Missbrauch ausgeschlossen werden k&ouml;nnen. Weitere Kompromisse w&auml;ren, vorerst auf bew&auml;hrte R&uuml;stungskontrollvertr&auml;ge zu setzen, was momentan zwischen den USA und Russland keinesfalls als gegeben gelten kann. Vertr&auml;ge, informelle Absprachen, Verhandlungen, gegenseitige Besuche und Inspektionen &ndash; all das schafft Vertrauen und etablierte partnerschaftliche Strukturen, ohne die keinerlei gemeinsame Abr&uuml;stung und gegenseitige Vertragsverifikation m&ouml;glich w&auml;re. Dies alles ist jedoch, ich sprach von Verrat, noch lange nicht in Reichweite desjenigen, was der Atomwaffenverbotsvertrag fordert, n&auml;mlich, dass sich die Atomwaffenstaaten eines Tages diesem Vertrag unterwerfen. Doch k&ouml;nnten solche Schritte, zusammen mit zahlenm&auml;&szlig;iger Reduzierung der atomaren Arsenale, daf&uuml;r sorgen, dass die Atomwaffenstaaten einmal eine Schwelle erreichten, an der sie feststellen k&ouml;nnten: Wir haben noch genug Atomwaffen, um uns gegenseitig von einem Angriff abzuschrecken. Doch k&ouml;nnen diese Waffen keinen atomaren Weltenbrand mehr ausl&ouml;sen. Und dann k&ouml;nnten die entsprechenden Akteure, die bis dahin notwendigerweise einiges an Vertrauen aufgebaut haben m&uuml;ssten, auch feststellen, dass sie ihre Abschreckungswirkung auch durch nicht-atomare Waffen erzeugen k&ouml;nnten.<\/p><p><strong>Was kann noch getan werden?<\/strong><\/p><p>Meine linke Bewegungsargumentation soll nicht den Blick ablenken von jeder und jedem Einzelnen von uns. Wer wei&szlig;, ob es nicht irgendwann wichtig ist, dass dieser oder jener Mensch wei&szlig; und sp&uuml;rt, dass diese atomare Welt eine zu &auml;ndernde und eine &auml;nderbare ist. Deshalb ist jeder Dialog &uuml;ber dieses Thema wichtig, jede Unterrichtsstunde dazu, jeder Film und jedes Buch, das den Intellekt anregt. Das soll &uuml;berhaupt meine Empfehlung sein, mit Bildern und Geschichten anzufangen, das atomare Zeitalter zu begreifen. Es gibt zahlreiche B&uuml;cher und Filme, Serien, Videospiele und so weiter, die sich mehr oder weniger direkt damit auseinandersetzen, was es hei&szlig;t, unter der Bombe zu leben oder von ihr vernichtet zu werden. Bei all meinen d&uuml;steren Informationen und Einsch&auml;tzungen sollten wir nicht au&szlig;er Acht lassen, dass es dank Bildern und Geschichten und dank anderer Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten, auch Spa&szlig; machen sollte, etwas gegen die Bombe und damit etwas Gutes f&uuml;r diese Welt zu tun.<\/p><p><em>Leseempfehlung: Matthias van der Minde. <a href=\"http:\/\/www.vsa-verlag.de\/nc\/detail\/artikel\/dialektik-der-bombe\/\">Dialektik der Bombe. Chronologie und Kritik des atomaren Zeitalters.<\/a> VSA Verlag.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171209_minde.jpg\" alt=\"Matthias van der Minde\" title=\"Matthias van der Minde\"\/><\/div>\n<p>Viele Menschen erkennen die atomare Gefahr nicht &ndash; dabei ist sie real. Das sagt <strong>Matthias van der Minde<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. Van der Minde, der als Lehrer Englisch, Politik und Wirtschaft an den beruflichen Schulen Korbach<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41491\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,35,172,170,209],"tags":[1572,2035,1519,379,1043,1120,469,2008,1557,1485,1359,259,1556],"class_list":["post-41491","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-aufruestung","category-friedenspolitik","category-interviews","tag-abruestung","tag-abschreckungsstrategie","tag-atomwaffen","tag-china","tag-frankreich","tag-friedensbewegung","tag-grossbritannien","tag-indien","tag-israel","tag-nordkorea","tag-pakistan","tag-russland","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41491","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=41491"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41491\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":89398,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41491\/revisions\/89398"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=41491"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=41491"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=41491"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}