{"id":415,"date":"2004-12-06T16:24:14","date_gmt":"2004-12-06T15:24:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=415"},"modified":"2016-03-22T10:25:20","modified_gmt":"2016-03-22T09:25:20","slug":"eichel-ist-ein-opfer-seiner-unsinnigen-steuerreform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=415","title":{"rendered":"&#8220;Eichel ist ein Opfer seiner unsinnigen Steuerreform&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Das ist eine Quintessenz eines Tagesschau-Interviews mit Prof. Lorenz Jarass zur Steuerpolitik und den Folgen f&uuml;r Staatshaushalte und Schulden. Ich werde erst jetzt auf dieses Interview vom 18.11.04 aufmerksam. Da es aber noch seinen vollen Informationswert f&uuml;r alle hat, die in einschl&auml;gigen Diskussionen stecken, im folgenden Link und Text. Die Hinweise von L. Jarass sind interessant, und gro&szlig;enteils auch nachvollziehbar. Mit einer seiner Aussagen habe ich allerdings sehr gro&szlig;e Probleme: &bdquo;Wir haben in diesem Jahr ein Wachstum von rund zwei Prozent und im kommenden Jahr von vielleicht 1,5 Prozent. An diese vergleichsweise niedrigen Raten m&uuml;ssen wir uns gew&ouml;hnen und k&ouml;nnen froh sein, wenn wir im Durchschnitt ein Wachstum von 1,5 Prozent haben. Daran m&uuml;ssen sich alle Ma&szlig;nahmen orientieren.&ldquo; Diese Einsch&auml;tzung d&uuml;rfte auch die Leser\/innen der NachDenkSeiten spalten. Deshalb komme ich darauf bei n&auml;chster Gelegenheit im Kritischen Tagebuch zur&uuml;ck.<br>\n<!--more--><br>\nDie f&uuml;nf Wirtschaftsweisen fordern in ihrem Jahresgutachten massive Einsparungen von Bund, L&auml;ndern und Gemeinden. Anderfalls werde Deutschland weiter gegen das Defizitkriterium der EU versto&szlig;en. Wie k&ouml;nnte Finanzminister Hans Eichel also die Staatsausgaben senken und die Einnahmen erh&ouml;hen? tagesschau.de sprach dar&uuml;ber mit dem Wirtschaftswissenschaftler Professor Lorenz Jarass.<\/p><p><strong>tagesschau.de:<\/strong> Die Konjunktur bleibt nach der Vorhersage der Wirtschaftsweisen schwach, die Steuereinnahmen gehen weiter zur&uuml;ck, die Verschuldung wird abermals gegen den EU-Stabilit&auml;tspakt versto&szlig;en. Der Finanzminister will deshalb mit einigen komplizierten B&ouml;rsengesch&auml;ften die Einnahmen erh&ouml;hen und zugleich weitere Steuerverg&uuml;nstigungen wie etwa Pendlerpauschale abschaffen. Ist er damit auf dem richtigen Weg?<\/p><p><strong>Lorenz Jarass:<\/strong> Wir haben in diesem Jahr ein Wachstum von rund zwei Prozent und im kommenden Jahr von vielleicht 1,5 Prozent. An diese vergleichsweise niedrigen Raten m&uuml;ssen wir uns gew&ouml;hnen und k&ouml;nnen froh sein, wenn wir im Durchschnitt ein Wachstum von 1,5 Prozent haben. Daran m&uuml;ssen sich alle Ma&szlig;nahmen orientieren. Was Eichel jetzt macht, sind Ma&szlig;nahmen eines Ertrinkenden. Irgendwelche Forderungen zu verkaufen, f&uuml;hrt dazu, dass die Banken sich eine goldene Nase verdienen. Der Steuerzahler aber muss noch mehr Steuern und Zinsen bezahlen, weil diese ganzen Gesch&auml;fte ja nur deshalb gemacht werden, um formaljuristisch das Defizitkriterium der EU einzuhalten. Weder werden dadurch die Ausgaben verringert, noch die Einnahmen erh&ouml;ht.<\/p><p><strong>tagesschau.de:<\/strong> Ist deshalb die Streichung von Verg&uuml;nstigungen nicht dringend geboten?<\/p><p><strong>Jarass:<\/strong> Es ist interessant, dass man mittlerweile unter Subventionsabbau versteht, dass der normale Arbeitnehmer mehr Steuern zahlen soll. Bis vor kurzem hat man darunter verstanden, dass man die irrsinnigen Subventionen f&uuml;r die Landwirtschaft, f&uuml;r die Steinkohle oder f&uuml;r gro&szlig;e Konzerne reduziert. Nicht gemeint war, dass man denjenigen, die der Staat ohnehin schon auspl&uuml;ndert, auch noch die wenigen Verg&uuml;nstigungen, die er noch haben mag, wegnimmt. Der Staat nimmt ja dem normalen Arbeitnehmer die H&auml;lfte im Durchschnitt und zwei Drittel von Lohnerh&ouml;hungen weg.<\/p><p><strong>tagesschau.de:<\/strong> Auff&auml;llig ist, dass die Einkommen aus Unternehmert&auml;tigkeit und Verm&ouml;gen steigen, aber die Steuereinnahmen hieraus sinken. Wie ist das zu erkl&auml;ren?<\/p><p><strong>Jarass:<\/strong> Der Finanzminister will einfach nicht zur Kenntnis nehmen, dass Deutschland nach neuen EU-Statistiken mit weitem Abstand die effektiv niedrigste Steuerbelastung auf Unternehmert&auml;tigkeit und Verm&ouml;gen hat. In allen anderen alten EU-L&auml;ndern liegt die Belastung durchschnittlich bei 30 Prozent, in Deutschland nur bei 21 Prozent. Wenn man von international konkurrenzf&auml;higen Steuersystem spricht, m&uuml;sste man hier die tats&auml;chlich bezahlte Belastung anheben<\/p><p><strong>tagesschau.de:<\/strong> Nominal liegen die Steuers&auml;tze gerade f&uuml;r Kapitalgesellschaften aber deutlich h&ouml;her.<\/p><p><strong>Jarass:<\/strong> Das Problem ist, dass die nominalen Steuers&auml;tze gerade f&uuml;r Kapitalgesellschaften mit 40 Prozent die h&ouml;chsten in der alten EU sind, und die tats&auml;chlich bezahlten Belastung nach unseren Berechnung seit der Unternehmenssteuerreform nur bei rund zehn Prozent liegen. Ich selbst war Mitglied der Unternehmenssteuerreform-Kommission. Wir haben immer dazu geraten, zun&auml;chst die systematischen Steuerschlupfl&ouml;cher zu schlie&szlig;en und danach erst die Steuers&auml;tze zu senken. Die Bundesregierung hat aber 1999 die Steuers&auml;tze dramatisch gesenkt, und danach gab es keine M&ouml;glichkeit mehr, die Vielzahl der Schlupfl&ouml;cher zu stopfen.<\/p><p><strong>tagesschau.de:<\/strong> Wieviel Geld entgeht dem Fiskus dadurch?<\/p><p><strong>Jarass:<\/strong> Nehmen wir an, Deutschland h&auml;tte die ohnehin extrem niedrige Steuerquote des Jahres 2000 beibehalten, die bereits damals die niedrigste in der EU war. Dann h&auml;tten wir im Jahr 2001 30 Milliarden und im Jahr 2003 50 Milliarden mehr Steuereinnahmen gehabt, in diesem Jahr 60 Milliarden und 2005 66 Milliarden. Es ist also nicht die angeblich lahmende Konjunktur und auch nicht die angeblich zur&uuml;ckgehenden Gewinne, die den Finanzminister in Schwierigkeiten bringen. Vielmehr ist es die selbstverschuldete, unsinnige und in vielen F&auml;llen auch wirtschaftsfeindliche Steuersenkungspolitik der Bundesregierung &ndash; nat&uuml;rlich auch auf massiven Druck der Arbeitgeberverb&auml;nde und der Opposition.<\/p><p><strong>tagesschau.de:<\/strong> Was kann Hans Eichel von seinen europ&auml;ischen Nachbarn lernen?<\/p><p><strong>Jarass:<\/strong> Deutschland ist das einzige Land der alten EU-L&auml;nder, das zwischen 1995 und 2002 die tats&auml;chlich bezahlte Abgabenlast f&uuml;r Einkommen und Steuerlast aus Unternehmert&auml;tigkeit und Verm&ouml;gen deutlich veringert hat &ndash; Irland zum Beispiel hat sie dramatisch erh&ouml;ht.<\/p><p><strong>tagesschau.de:<\/strong> &hellip; und Irland gilt ja als wirtschaftspolitischer Musterknabe der EU.<\/p><p><strong>Jarass:<\/strong> Irland macht ein vom Prinzip her richtiges Steuerverfahren. Es gibt relativ niedrige Steuers&auml;tze vor und setzt diese dann durch. In der Schweiz gibt es einen durchschnittlichen nominalen Steuersatz von 30 Prozent, davon werden 28 durchgesetzt. Die tats&auml;chlich bezahlten Steuern sind also fast entsprechend der nominalen Steuers&auml;tze &ndash; im Gegensatz zu Deutschland. Die zehn Prozent tats&auml;chlich bezahlter Steuersatz hierzulande werden &uuml;brigens im Wesentlichen von kleineren und mittleren Kapitalgesellschaften aufgebracht. Die gro&szlig;en Kapitalgesellschaften haben in den vergangenen Jahren praktisch &uuml;berhaupt keine Steuern bezahlt, vielfach sogar Steuern netto zur&uuml;ck erhalten, obwohl ihre Gewinne jedes Jahr im Durchschnitt gestiegen sind.<\/p><p><strong>tagesschau.de:<\/strong> Welche Steuerl&ouml;cher m&uuml;ssten rasch geschlossen werden?<\/p><p><strong>Jarass:<\/strong> Zun&auml;chst m&uuml;sste sichergestellt werden, dass auf die Einkommen aus Unternehmert&auml;tigkeit und Verm&ouml;gen tats&auml;chlich so viele Steuern gezahlt werden wie in allen anderen EU-L&auml;ndern auch. Wenn wir also die Belastung von im Durchschnitt 21 Prozent auf die untere Grenze von 28 Prozent anheben w&uuml;rden, h&auml;tten wir etwa 30 Milliarden Euro Steuern-Mehreinnahmen. Und dann g&auml;be es &uuml;berhaupt kein Problem mit dem EU-Defizitkriterium mehr. Vielmehr k&ouml;nnte man in Zukunftsbereiche wie Forschung und Bildung investieren &ndash; und nat&uuml;rlich in ein sehr bescheidenes Professorengehalt (lacht). <\/p><p><strong>tagesschau.de:<\/strong> Bei welchen Posten k&ouml;nnte der Finanzminister noch &ldquo;zulangen&rdquo;?<\/p><p><strong>Jarass:<\/strong> Ich will Ihnen ein Beispiel geben. Das jetzige Steuersystem f&uuml;hrt systematisch dazu, dass der Steuerzahler den Export seines eigenen Arbeitsplatzes subventioniert. Die gro&szlig;en Konzerne und Kapitalgesellschaften k&ouml;nnen legal und dauerhaft einen gro&szlig;en Teil ihrer Auslandsinvestitionen &ndash; also vor allem die Schuldzinsen f&uuml;r diese Investitionen &ndash; in Deutschland steuerlich geltend machen. Die Ertr&auml;ge aus diesen Auslandsinvestitionen, die nach Deutschland flie&szlig;en, sind aber fast steuerfrei. Wenn ein Unternehmen 10 Millionen Euro Schuldzinsen bezahlt, spart es dadurch 40 Prozent, also vier Millionen Euro. Wenn es im Gegenzug aus diesen Investitionen 10 Millionen Euro Dividenden zur&uuml;ck bekommt, muss es darauf nur 200.000 Euro Steuern bezahlen. Bei dieser Rechnung verliert Eichel also j&auml;hrlich 3,8 Millionen Euro Steuern. Auslandsinvestitionen werden gegen&uuml;ber Inlandsinvestitionen systematisch beg&uuml;nstigt.<\/p><p><em>Lorenz Jarass ist Professor f&uuml;r Wirtschaftswissenschaften an der FH Wiesbaden. und war 1998\/99 Mitglied der Kommission zur Reform der Unternehmensbesteuerung. Die Fragen stellte Eckart Aretz, tagesschau.de.<\/em><\/p><p>Stand: 18.11.2004 09:44 Uhr<\/p><p>Quelle:  &copy; <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/aktuell\/meldungen\/0,1185,OID3803282,00.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.tagesschau.de\/aktuell\/meldungen\/0,1185,OID3803282,00.html\">tagesschau.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist eine Quintessenz eines Tagesschau-Interviews mit Prof. Lorenz Jarass zur Steuerpolitik und den Folgen f&uuml;r Staatshaushalte und Schulden. Ich werde erst jetzt auf dieses Interview vom 18.11.04 aufmerksam. Da es aber noch seinen vollen Informationswert f&uuml;r alle hat, die in einschl&auml;gigen Diskussionen stecken, im folgenden Link und Text. Die Hinweise von L. 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