{"id":41575,"date":"2017-12-22T11:35:40","date_gmt":"2017-12-22T10:35:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41575"},"modified":"2019-02-06T10:35:40","modified_gmt":"2019-02-06T09:35:40","slug":"der-heilige-abend-an-dem-wir-zwiebeln-klauten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41575","title":{"rendered":"Der Heilige Abend, an dem wir Zwiebeln klauten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine Nachkriegs-Weihnachtsgeschichte<\/strong><br>\n<em>Von Wolfgang Bittner<\/em><\/p><p>Damals, 1945, war ich vier Jahre alt. Der Krieg und die Schrecken der Besetzung lagen hinter uns. Wir hatten Oberschlesien im Herbst auf dem Dach eines Zuges verlassen m&uuml;ssen und f&uuml;r kurze Zeit Unterkunft bei Verwandten in Potsdam gefunden. Von dort kamen wir auf Anordnung irgendeiner Beh&ouml;rde in ein kleines Dorf in der Uckermark. An manches, was sich dort zutrug, kann ich mich noch dunkel erinnern, vieles hat mir meine Mutter im Laufe der Jahre nach und nach erz&auml;hlt.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4615\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-41575-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171222_Der_Heilige_Abend_an_dem_wir_Zwiebeln_klauten_Eine_Weihnachtsgeschichte_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171222_Der_Heilige_Abend_an_dem_wir_Zwiebeln_klauten_Eine_Weihnachtsgeschichte_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171222_Der_Heilige_Abend_an_dem_wir_Zwiebeln_klauten_Eine_Weihnachtsgeschichte_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171222_Der_Heilige_Abend_an_dem_wir_Zwiebeln_klauten_Eine_Weihnachtsgeschichte_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=41575-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171222_Der_Heilige_Abend_an_dem_wir_Zwiebeln_klauten_Eine_Weihnachtsgeschichte_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"171222_Der_Heilige_Abend_an_dem_wir_Zwiebeln_klauten_Eine_Weihnachtsgeschichte_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>In einem ehemaligen Gesindehaus in der N&auml;he eines Bauernhofs erhielten wir ein Zimmer zugewiesen: meine Mutter und ich sowie meine Tante und ihr achtj&auml;hriger Sohn. Zuerst betrat man einen dunklen, muffig riechenden Flur. Rechts wohnten Kapitzkes, ein Ehepaar mit drei Kindern im Alter zwischen acht und zw&ouml;lf Jahren. Ich wei&szlig; noch genau, dass es bei ihnen oft drunter und dr&uuml;ber ging, denn Herr Kapitzke war ein Choleriker. Er litt an einer Kriegsverletzung, schrie bei jeder Gelegenheit und verpr&uuml;gelte nicht nur die Kinder, sondern auch seine Frau. Kopfschuss, hie&szlig; es.<\/p><p>Links wohnten wir, und neben uns, nur getrennt durch eine abgeschlossene Stubent&uuml;r, Frau Reuchel, deren Mann gefallen war. Sie hatte eine Tochter in meinem Alter, ein zartes, etwas kr&auml;nkelndes Kind, das h&auml;ufig weinte.<\/p><p>Unser Zimmer war feucht und unansehnlich. Tisch und St&uuml;hle standen darin, Betten, ein Kleider- und ein K&uuml;chenschrank, ein Herd zum Kochen. Die W&auml;nde waren fleckig, der Fu&szlig;boden morsch. Neben dem zugigen Fenster hingen die zerfaserten Kupferdr&auml;hte einer abgerissenen elektrischen Leitung herunter. Da das Kabel noch Strom f&uuml;hrte, wurde mir und meinem Vetter streng verboten, es zu ber&uuml;hren. <\/p><p>Lebensmittel gab es nur auf Marken. Aber die Abschnitte n&uuml;tzten nicht viel, wenn nichts da war. Der einzige Laden im Dorf geh&ouml;rte Frau Zernick, einer Kriegerwitwe. Sie war beim Einmarsch der Roten Armee vergewaltigt worden, wie hinter vorgehaltener Hand gefl&uuml;stert wurde. Ich wusste damals nat&uuml;rlich nicht, was das war: vergewaltigt. Dem Verhalten und den Andeutungen der Erwachsenen entnahm ich, dass es einerseits etwas Schlimmes sein musste und andererseits etwas Anr&uuml;chiges, wom&ouml;glich Unanst&auml;ndiges. Alle benahmen sich jedenfalls sehr seltsam, wenn die Sprache darauf kam. Offenbar war ihnen selber nicht ganz klar, wie sie damit umgehen sollten. <\/p><p>Frau Zernick war eine harte, unangenehme Frau, die ihre Verletzungen hinter Schroffheit verbarg. Sie mochte meine Mutter und meine Tante nicht. Wahrscheinlich beneidete sie die beiden um ihre paar geretteten modischen Kleidungsst&uuml;cke, vielleicht auch um die Chance, woanders ein besseres Leben beginnen zu k&ouml;nnen. Dazu kam, dass die Einheimischen die Fl&uuml;chtlinge als St&ouml;renfriede ansahen, als Schmarotzer und &bdquo;Rucksackgesindel&ldquo;. Nun gut, man hatte den Krieg verloren; sollte man jetzt von dem Wenigen, was einem geblieben war, etwa noch an die Fremden abgeben? &bdquo;Selbst wenn ich Butter h&auml;tte&ldquo;, sagte Frau Zernick b&ouml;se zu meiner Mutter, &bdquo;selbst wenn ich Butter h&auml;tte, w&uuml;rde ich sie Ihnen nicht verkaufen.&ldquo;<\/p><p>Die Fl&uuml;chtlinge sollten nach Ansicht der eingesessenen Dorfbev&ouml;lkerung gef&auml;lligst dahin zur&uuml;ckgehen, woher sie gekommen waren. Meine Mutter klagte der B&auml;uerin, der das Gesindehaus geh&ouml;rte, ihre Not und erregte Mitleid. Jedenfalls bot ihr die B&auml;uerin an: &bdquo;Holen Sie sich morgen etwas Milch f&uuml;r die Kinder ab.&ldquo; Als meine Mutter tags darauf zur&uuml;ckkam, weinte sie vor Scham und Entt&auml;uschung. Sie hatte n&auml;mlich einen Kochtopf mitgenommen, das einzige Gef&auml;&szlig;, das wir besa&szlig;en. &bdquo;Einen gr&ouml;&szlig;eren Topf haben Sie wohl nicht finden k&ouml;nnen&ldquo;, hatte die B&auml;uerin sie angefahren und ihr gn&auml;dig ein bisschen Magermilch gegeben, die gerade den Boden des Topfes bedeckte.<\/p><p>Auf einmal, ganz unverhofft, war der 24. Dezember gekommen. Wir froren und litten Hunger. Meine Mutter und meine Tante zerbrachen sich den Kopf, wie Abhilfe zu schaffen sei. Als wir eines Tages &uuml;ber die Landstra&szlig;e nach Prenzlau gewandert waren, hatten die Frauen ein Feld mit Zwiebeln entdeckt, das nicht abgeerntet worden war. &bdquo;Besser als gar nichts&ldquo;, sagte meine Mutter. Wir gingen also Zwiebeln stehlen. Der Boden war hartgefroren, und das Lauch riss ab, aber einige Zwiebeln bekamen wir doch heraus. Auch ein paar Kartoffeln waren noch da. Die Frauen kochten eine recht gehaltvolle Suppe, die wir zu Mittag a&szlig;en.<\/p><p>Die Abf&auml;lle, also auch die Zwiebelschalen, warfen wir auf den Misthaufen schr&auml;g gegen&uuml;ber unserer T&uuml;r &ndash; das war unser Gl&uuml;ck. Denn der Bauer, dem das Zwiebelfeld geh&ouml;rte, hatte Anzeige erstattet. Die Teller waren gerade abgesp&uuml;lt, da erschien der Dorfpolizist und durchsuchte die Wohnungen. Bei Kapitzkes wurde er f&uuml;ndig; eine ganze Tasche voll Zwiebeln kam zum Vorschein. Er lie&szlig; sich auch durch das Geschimpfe und Gefluche von Herrn Kapitzke nicht beeindrucken. Das Diebesgut wurde sichergestellt, ein Protokoll aufgenommen und noch eine weitere Anzeige wegen Beamtenbeleidigung geschrieben, der eine Gerichtsverhandlung folgen sollte.<\/p><p>Meine Mutter regte sich zuerst f&uuml;rchterlich auf. Doch allm&auml;hlich verwandelte sich ihre Aufregung in Zorn. &bdquo;So eine Schande&ldquo;, meinte sie. &bdquo;Die Zwiebeln verfaulen auf dem Feld, und wir m&uuml;ssen hungern.&ldquo; Ein eigenartiger Stolz kam hinzu, der sich in den Worten ausdr&uuml;ckte: &bdquo;Diese Kerle&ldquo; &ndash; gemeint waren der Polizist und der Bauer &ndash; &bdquo;haben sich die ganze Zeit zu Hause herumgedr&uuml;ckt, w&auml;hrend unsere M&auml;nner an der Front ihre Knochen hinhalten mussten.&ldquo; Nachdem der Polizist fort war, ging sie kurz entschlossen zusammen mit meiner Tante in den Wald.<\/p><p>Die D&auml;mmerung brach schon herein, da kamen die beiden Frauen mit einem Tannenbaum, Reisig und Holz zur&uuml;ck. Der Herd wurde angeheizt und der Weihnachtsbaum geschm&uuml;ckt. Aus dem Silberpapier einer Zigarettenschachtel lie&szlig; sich Lametta machen, aus Watte Engelshaar. Meine Mutter backte sogar ein Kuchenblech Pl&auml;tzchen aus Maismehl, Gries und ein wenig Zucker. Ein paar von den Pl&auml;tzchen h&auml;ngten wir an den Weihnachtsbaum, der uns wundersch&ouml;n erschien.<\/p><p>Und w&auml;hrend die Frauen noch besch&auml;ftigt waren, spielten mein Vetter und ich Elektriker. Es gelang ihm, mich zu verleiten, das an der Wand h&auml;ngende Stromkabel anzufassen. Ich bekam einen heftigen Schlag, von dem ich beinahe ohnm&auml;chtig wurde. Das wei&szlig; ich noch wie heute. Alle bem&uuml;hten sich um mich, bis es mir wieder besser ging. <\/p><p>Endlich konnte der Heilige Abend beginnen. Bei Kerzenlicht tranken wir hei&szlig;es Wasser mit dem erahnbaren Geschmack von Tee und Zucker. Dazu gab es die ziemlich harten Pl&auml;tzchen, die uns ganz k&ouml;stlich schmeckten und jede Delikatesse ersetzten. Meine Mutter erz&auml;hlte Geschichten von dem R&uuml;bezahl, einem gutm&uuml;tigen Berggeist aus dem Riesengebirge, und von meinem Vater, der schwer verwundet in einem Lazarett im Westen lag. Dorthin wollten wir uns in den n&auml;chsten Tagen auf den Weg machen.<\/p><p>Sp&auml;ter kam der Knecht, der oben im Haus ein Mansardenzimmer bewohnte, zu uns herunter. Er war schon &auml;lter und hinkte, weil ihm in Russland die Zehen abgefroren waren. Offensichtlich hatte er ein Auge auf meine Tante geworfen. Als Geschenk brachte er uns einen Kanten Brot und ein T&ouml;pfchen Griebenschmalz mit. Wir sangen &bdquo;O du fr&ouml;hliche&ldquo;, &bdquo;Stille Nacht, heilige Nacht&ldquo; und schwelgten. Wir feierten Weihnachten.<\/p><p><em><strong>Wolfgang Bittner<\/strong>, Schriftsteller und Jurist, ist Autor zahlreicher B&uuml;cher, darunter der Erz&auml;hlband &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.horlemann.info\/buecher\/belletristik\/buchtitel\/das-andere-leben-64.html\">Das andere Leben<\/a>&ldquo;, Horlemann Verlag 2007<\/em><br>\n<em>Siehe auch <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=sQ94j3TMLAo\">KenFM im Gespr&auml;ch<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Eine Nachkriegs-Weihnachtsgeschichte<\/strong><br \/> <em>Von Wolfgang Bittner<\/em><\/p>\n<p>Damals, 1945, war ich vier Jahre alt. Der Krieg und die Schrecken der Besetzung lagen hinter uns. Wir hatten Oberschlesien im Herbst auf dem Dach eines Zuges verlassen m&uuml;ssen und f&uuml;r kurze Zeit Unterkunft bei Verwandten in Potsdam gefunden. 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