{"id":4160,"date":"2009-08-31T08:56:28","date_gmt":"2009-08-31T06:56:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4160"},"modified":"2014-01-23T13:22:44","modified_gmt":"2014-01-23T12:22:44","slug":"nur-wo-ein-wechsel-moeglich-erscheint-kann-es-ihn-geben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4160","title":{"rendered":"Nur wo ein Wechsel m\u00f6glich erscheint, kann es ihn geben"},"content":{"rendered":"<p>Dramatische Verluste der Union in Th&uuml;ringen und im Saarland. Keine Trendwende f&uuml;r die SPD.<br>\nSelbst wenn es in Th&uuml;ringen und im Saarland zu einem Politikwechsel zu Rot-Rot-Gr&uuml;n k&auml;me, w&auml;re das kein Signal f&uuml;r die Bundestagswahl, weil die SPD diese Option gerade ausgeschlossen hat. Damit hat Steinmeier keine realistische Perspektive Kanzler zu werden. Dabei zeigt die Landtagswahl, dass es dort, wo eine realistische Alternative zu Schwarz-Gelb besteht, auch eine Wechselstimmung und eine Mehrheit f&uuml;r einen Politikwechsel geben kann &ndash; und zwar, weil wieder mehr Menschen zur Wahl gehen. W&uuml;rden SPD oder Gr&uuml;ne im Saarland und in Th&uuml;ringen mit der CDU zusammengehen, dann w&auml;re den W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern die letzte Hoffnung genommen, dass sie durch ihre Stimmabgabe noch wirklich &uuml;ber politische Alternativen abstimmen k&ouml;nnen. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nDie CDU erlitt in allen drei L&auml;ndern Einbu&szlig;en: Dramatische Verluste mit einem Minus von 11,8 %  in Th&uuml;ringen und 13% im Saarland. Nur in Sachsen hielt sich der Schwund mit einem Minus von 0,9% in Grenzen, dennoch erzielte die Union auch dort ihr bisher schlechtestes Ergebnis. Der Trend der letzten Wahlen, bei denen die Union &uuml;berall deutliche Verluste einstecken musste, setzte sich fort. <\/p><p>Das gilt &uuml;brigens auch f&uuml;r die Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen, wo die CDU 4,3% verlor, aber auch bei diesen Wahlen mit 39 % st&auml;rkste Kraft blieb. <\/p><p>Die letzten beiden Alleinregierungen der CDU sind gekippt. Weder Dieter Althaus noch Peter M&uuml;ller k&ouml;nnen eine schwarz-gelbe Regierung bilden. Die Zeiten absoluter Mehrheiten scheinen endg&uuml;ltig vor&uuml;ber. <\/p><p>Die CDU leidet zwar unter der geringen Zustimmung zur Politik der Gro&szlig;en Koalition, aber sie kann ihren Machtanspruch als st&auml;rkste Partei aufrechterhalten, weil die SPD durch ihren Aderlass an die Linke (und schon in den 80er Jahren an die Gr&uuml;nen) kein Gegengewicht mehr darstellt.<\/p><p>Die SPD hat zwar in Th&uuml;ringen rd. 4% auf m&auml;&szlig;ige 18,5% zugelegt, im Saarland jedoch 6,3% verloren und mit 24,5% das schlechteste Ergebnis seit 1960 eingefahren. In Sachsen liegt sie mit etwas &uuml;ber 10% gerade noch auf Augenh&ouml;he mit der Klientelpartei FDP. <strong>Auch bei den Kommunalwahlen in NRW schnitt die SPD mit rd. 30% nochmals schlechter ab (-1,7%) als bei der schlimmen Niederlage vor f&uuml;nf Jahren.<\/strong> (Die R&uuml;ckeroberung einiger Oberb&uuml;rgermeisterposten in K&ouml;ln, Essen, Dortmund und Bielefeld durch SPD-Kandidaten kann dar&uuml;ber nicht hinwegtr&ouml;sten.) Eine Trendwende oder gar ein Aufbruch f&uuml;r die SPD ist jedenfalls nicht erkennbar.<\/p><p>Die Besch&ouml;nigung von Wahlergebnissen durch M&uuml;ntefering und Steinmeier ist man seit der endlosen Kette von Wahlniederlagen inzwischen gew&ouml;hnt, <strong>der Jubel in der SPD-Parteizentrale &uuml;ber den gestrigen Wahlausgang kann angesichts der Fakten nur noch aus Wahnvorstellungen gespeist sein. Man feiert die Verluste der Union so, als habe man davon profitiert, und man verdr&auml;ngt offenbar, dass man selbst nicht aus dem Tief herauskommt.<\/strong> Wer die Einbu&szlig;en von Althaus und M&uuml;ller auf den Bund &uuml;bertr&auml;gt, sollte aber nicht &uuml;bersehen, dass diese beiden erheblich an Ansehen eingeb&uuml;&szlig;t hatten, w&auml;hrend Angela Merkel trotz oder gerade wegen ihres Wegtauchens im Wahlkampf gegen&uuml;ber Steinmeier einen riesigen Vertrauensvorsprung hat. Wie in der schwarz-roten Koalition in Sachsen mit Stanislaw Tillich an der Spitze geht der Amtsbonus auch in Berlin an die Kanzlerin. <\/p><p>Selbst wenn es im Saarland zu Rot-Rot-Gr&uuml;n k&auml;me, so w&auml;re das kein R&uuml;ckenwind f&uuml;r die Bundestagswahl, weil in Berlin ja jede Zusammenarbeit mit der Linken ausgeschlossen wird. Offenbar ist das einzige Wahlziel der SPD nur noch die Verhinderung von Schwarz-Gelb. &bdquo;Schwarz-Gelb ist in Deutschland nicht gewollt&ldquo; posaunt Steinmeier hinaus und will daraus Honig saugen. Er unterschl&auml;gt dabei allerdings, dass eine Gro&szlig;e Koalition aus CDU und SPD nach allen Umfragen noch viel weniger gewollt ist.<br>\nIn der Parteispitze freut man sich dar&uuml;ber, dass die knappe Mehrheit f&uuml;r Schwarz-Gelb (36 von 69 Stimmen) im Bundesrat verloren ist, ohne allerdings hinzuzuf&uuml;gen, dass eine f&uuml;r Sozialdemokraten erfreulichere <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/deutschland\/wahlen2009\/Landtagswahlen-Thueringen-Sachsen-Saarland;art20195,2887530\">Mehrheit nicht in Sicht ist<\/a>. <\/p><p>Die Linke hat in Th&uuml;ringen mit 1,3% ein wenig auf 27,4% zugelegt, im Saarland mit +19% den h&ouml;chsten Zugewinn einer Partei in der Geschichte von Landtagswahlen (vor allem aus dem Lager bisheriger Nichtw&auml;hler) erzielt und ist aus dem Stand (und nat&uuml;rlich Dank Oskar Lafontaine) auf 21,3% gelandet. Nur 3 Prozent hinter den Sozialdemokraten. Aus der ostdeutschen Volkspartei wurde eine gesamtdeutsche Partei. Die Umfragen vor der Wahl (mit 16%) lagen erheblich daneben. In Sachsen hat die Linke mit 20,6% um 3% verloren. Auch deshalb, weil es dort eben keine Aussicht auf einen Wechsel gab und Rot-Rot-Gr&uuml;n dank der Schw&auml;che der SPD nicht in Reichweite war.<\/p><p>Die FDP hat &uuml;berall deutlich zugelegt, in allen drei L&auml;ndern um rd. 4%. In Th&uuml;ringen hat sie den Einzug in den Landtag nach 15 Jahren wieder geschafft. In Sachsen ist sie mit rd. 10% so stark wie die SPD. <strong>Dennoch hat wegen der hohen Verluste der CDU Schwarz-Gelb zusammen weder im Saarland noch in Th&uuml;ringen eine Mehrheit.<\/strong> Es gab also nicht nur einen Austausch innerhalb des selbsternannten &bdquo;b&uuml;rgerlichen Lagers&ldquo;. Nur in Sachsen kann es reichen. Westerwelle k&ouml;nnte aber dennoch in die R&ouml;hre schauen, wenn sich in Sachsen oder im Saarland die Schwarzen mit den Roten zusammentun.<\/p><p>Die Gr&uuml;nen haben in allen drei L&auml;ndern ein wenig zugelegt. Sie blieben allerdings nur viertst&auml;rkste Partei und sie gewinnen weder von den Verlusten der Union noch der SPD.<br>\nSie sind kein echter Machtfaktor mehr und prostituieren sich wie im Saarland gegen&uuml;ber der Union.<\/p><p>Die NPD blieb in Th&uuml;ringen und im Saarland unter der 5%-H&uuml;rde, in Sachsen hat sie zwar 3,6% verloren, sie ist jedoch mit 5,6% fl&auml;chendeckend im Lande vertreten und hat zum ersten Mal einen Wiedereinzug in einen Landtag geschafft. Ihre Sprecher konnten sich vor laufender Kamera in offen neonazistischer Manier als &bdquo;nationale Opposition&ldquo; gegen &bdquo;antideutsche Volksbetr&uuml;ger&ldquo; aufspielen, ohne dass ihnen jemand in die Parade gefahren w&auml;re. <\/p><p><strong>Im Saarland und in Th&uuml;ringen gibt es eine Mehrheit jenseits von Schwarz-gelb.<\/strong> Ob die bisherigen Ministerpr&auml;sidenten Peter M&uuml;ller und Dieter Althaus aber abgew&auml;hlt werden, ist ungewiss. Im Saarland ist &bdquo;Jamaika&ldquo; oder eine gro&szlig;e Koalition m&ouml;glich und, wie sich das gestern anh&ouml;rte, nicht unwahrscheinlich. Mit der von Heiko Maas immer wieder ins Spiel gebrachten &bdquo;Ampel&ldquo; wird es jedenfalls nichts.<\/p><p>In Th&uuml;ringen wollen die Gr&uuml;nen und die SPD den Kandidaten der Linken Bodo Ramelow nicht zum Ministerpr&auml;sidenten w&auml;hlen. Sie haben sich damit wieder einmal in ein Wortbruch-Dilemma verrannt. Es bliebe also nur ein Kotau der Linken als st&auml;rkste Partei im &bdquo;linken&ldquo; Lager, indem sie Ramelow als Ministerpr&auml;sidentenkandidat zur&uuml;ckz&ouml;ge.<br>\nAlthaus favorisiert offenbar ohnehin eine Koalition mit der SPD.<\/p><p><strong>Welche Lehren lassen sich aus den gestrigen Landtagswahlen ziehen?<\/strong><\/p><p>Bei allen Besonderheiten, die Landtagswahlen pr&auml;gen, kann man jedoch eine allgemeine Lehre aus diesem Wahlsonntag ziehen:<br>\n<strong>Dort, wo eine realistische Alternative zu Schwarz-Gelb besteht, kann Rot-Rot-Gr&uuml;n eine Mehrheit erringen.<\/strong> Im Saarland wie in Th&uuml;ringen gab es eine Art &bdquo;Lagerwahlkampf&ldquo;. <strong>Dort, wo ein Wechsel m&ouml;glich erscheint, steigt prompt auch wieder die Wahlbeteiligung.<\/strong> Im Saarland, wo der Politikwechsel am wahrscheinlichsten war, stieg die Wahlbeteiligung um &uuml;ber 12% auf &uuml;ber 67,6%, und auch in Th&uuml;ringen, wo ein Wechsel durch die Ablehnung des Spitzenkandidaten der Linken durch SPD und Gr&uuml;ne allerdings unsicherer ist, stieg sie immerhin auch noch um gut zwei Prozent auf 56,2%. Immerhin zeigte die W&auml;hlerwanderung, wie sie in der ARD pr&auml;sentiert wurde, dass auch dort die Mehrheit der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler einen Wechsel wollten. <\/p><p>In Sachsen, wo aufgrund der Schw&auml;che der SPD in der Regierungskoalition eine Abwahl von Stanislaw Tillich (trotz seiner verheimlichten Verstrickung mit dem SED-Regime und trotz des Skandals um die Sachsen-LB) unwahrscheinlich war, sackte die Wahlbeteiligung um &uuml;ber 7% auf 52,2% ab, die geringste Beteiligung bei einer Landtagswahl &uuml;berhaupt in diesem Lande. Was wiederum entscheidend daf&uuml;r war, dass die NPD wieder in den Landtag einzog.<\/p><p><strong>Die unterschiedlichen Wahlbeteiligungen sind ein Beleg f&uuml;r die These, dass die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler sich &uuml;berall dort, wo sie eine realistische Chance f&uuml;r einen Politikwechsel sehen, mobilisieren lassen und vermehrt zur Wahlurne gehen.<\/strong><\/p><p>&Uuml;bertr&auml;gt man diese These auf die Bundestagswahl, d&uuml;rfte die st&auml;ndig wiederholte Hoffnung der SPD, f&uuml;r den 27. September noch (Nicht-)W&auml;hler f&uuml;r sich mobilisieren zu k&ouml;nnen, vergeblich sein. Denn das Abschneiden der SPD bei diesen drei Landtagswahlen hat die niedrigen Umfragewerte auf Bundesebene weitgehend best&auml;tigt: Die SPD lag bei diesen Wahlen zwischen 10 und 20% hinter der Union. Steinmeier hat durch die Absage an die Linke keine realistische Perspektive, im Bundestag eine Mehrheit f&uuml;r eine Kanzlerschaft zu erreichen. Franz M&uuml;ntefering und Hubertus Heil haben sich am Wahlabend auch ziemlich deutlich erkennbar f&uuml;r eine Fortsetzung der Gro&szlig;en Koalition eingesetzt, und FDP-Generalsekret&auml;r Dirk Niebel hat die &bdquo;Ampel&ldquo; klar ausgeschlossen. <\/p><p><strong>Eine &bdquo;Wechselstimmung&ldquo; auf Bundesebene kann so bis zum 27. September nicht aufkommen, und wie in Sachsen ist damit Schwarz-Gelb das wahrscheinlichste Ergebnis.<\/strong> Zumal, wenn nun vielleicht in Th&uuml;ringen oder auch im Saarland mit einer Gro&szlig;en Koalition gelieb&auml;ugelt wird. Auch Thomas Jurk buhlt in Sachsen geradezu darum; Christoph Matschie in Th&uuml;ringen pokert damit, indem er f&uuml;r die SPD als drittst&auml;rkste Partei in jedem Falle eine Regierungsbeteiligung reklamiert, und Althaus biedert sich geradezu an. Die SPD ist von einer linken Volkspartei zu einer nur noch machtpolitisch agierenden &bdquo;Z&uuml;nglein-an-der-Waage&ldquo;-Partei herabgesunken. Es geht ihr nur noch um eine &bdquo;strategische Stelle&ldquo; (M&uuml;ntefering), um mit in einer Regierung zu sein. <\/p><p>Die Zweideutigkeit der Gr&uuml;nen im Saarland und der SPD in Th&uuml;ringen im Hinblick auf eine rot-rot-gr&uuml;ne Zusammenarbeit (wo es eine deutliche Abgeordnetenmehrheit von 50 gegen&uuml;ber 38 Parlamentsmandaten g&auml;be) liefert der CDU eine willkommene Wahlkampfmunition, n&auml;mlich dass nur mit der CDU klare Verh&auml;ltnisse m&ouml;glich seien. Die Union wird auskosten, dass es f&uuml;r Rot-Gr&uuml;n keine &bdquo;Machtperspektive&ldquo; (Pofalla) gibt. Koalitionsgespr&auml;che zwischen SPD, Gr&uuml;nen und der Linken werden vor allem der FDP ganz offen und der CDU unter der Decke Stoff f&uuml;r ihre &bdquo;rote-Socken&ldquo;-Kampagne gegen die &bdquo;Kommunisten&ldquo; (Niebel) liefern.<\/p><p>Angesichts einer schw&auml;chelnden Union und deren erkl&auml;rtem Willen f&uuml;r ein schwarz-gelbes B&uuml;ndnis wird die FDP mit der Parole hausieren gehen, &bdquo;wer Schwarz-Gelb will, muss die FDP stark machen&ldquo; (Niebel). <\/p><p>Bis auf Sachsen, wo Tillich im Sinne eines Signals f&uuml;r Schwarz-Gelb von Berlin aus zu einer Koalition mit der FDP gedr&auml;ngt werden d&uuml;rfte (obwohl er mit der SPD einen gefolgsamen Koalitionspartner hatte und h&auml;tte), kann man wohl davon ausgehen, dass es, um keine Irritationen wegen Rot-Rot auszul&ouml;sen und um nicht ein weiteres Zeichen f&uuml;r Gro&szlig;e Koalitionen zu setzen, weder im Saarland noch in Th&uuml;ringen vor der Bundestagswahl zu einer Regierungsbildung kommen wird. <\/p><p>Sollte es jedoch in diesen beiden L&auml;ndern dazu kommen, dass Althaus und M&uuml;ller mit Hilfe der SPD oder der Gr&uuml;nen im Amt bleiben, dann w&uuml;rde den W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern die letzte Hoffnung genommen, dass sie durch ihre Stimmabgabe noch wirklich &uuml;ber politische Alternativen abstimmen k&ouml;nnen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dramatische Verluste der Union in Th&uuml;ringen und im Saarland. 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