{"id":4163,"date":"2009-09-01T07:22:16","date_gmt":"2009-09-01T05:22:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4163"},"modified":"2014-01-23T13:01:22","modified_gmt":"2014-01-23T12:01:22","slug":"die-krise-der-spd-ist-die-krise-des-sozialstaats-warum-die-volkspartei-ihren-rueckhalt-in-der-bevoelkerung-verloren-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4163","title":{"rendered":"\u201eDie Krise der SPD ist die Krise des Sozialstaats. Warum die Volkspartei ihren R\u00fcckhalt in der Bev\u00f6lkerung verloren hat.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Unter diesem und einem &auml;hnlichen Titel (&bdquo;SPD &ndash; Ohne Sozialstaatsreform stirbt die Partei&ldquo;) erschien am 29.8. im <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/Sozialstaat-SPD;art772,2885673\">Berliner Tagesspiegel<\/a> und bei <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2009\/36\/deutschland-transfer\">Zeit online<\/a> ein Artikel von Klaus Hartung. Er ist vermutlich als Meinungsmache-Leitfaden f&uuml;r Berliner Journalisten und f&uuml;r das Bildungsb&uuml;rgertum gedacht. Sie sollen erstens lernen, dass die SPD nicht wegen der Agenda 2010 und Hartz IV an Zustimmung verliert, sondern weil sie nicht weitermacht mit dieser Art von Reformen. Sie sollen zweitens lernen, dass die Sozialstaatlichkeit schuld an der allgemeinen Misere ist und deshalb der Sozialstaat der permanenten Reform bedarf. Der Artikel ist eing&auml;ngig und einschleichend geschrieben, aber voller Widerspr&uuml;che, unbelegter und falscher Behauptungen &ndash; gewisserma&szlig;en typisch f&uuml;r die so genannten Intellektuellen vom Schlage Hartung. &ndash; Kai Ruhsert hat sich dar&uuml;ber &auml;hnlich gewundert wie ich und eine Gegenpolemik verfasst. <a href=\"upload\/pdf\/Hartung-kr_mit_Tabelle_polemisch.pdf\">Hier ist sie [PDF &ndash; 48 KB].<\/a> Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nF&uuml;r mich ist es ziemlich schleierhaft, warum eine Zeitung wie der Tagesspiegel und gleichzeitig ein renommiertes Onlineportal wie Zeit.de ein derartiges St&uuml;ck bringen. Vielleicht sind sie dazu vom konservativen Fl&uuml;gel der SPD, von Verfechtern neoliberaler Reformen im Hintergrund oder auch nur von den Herausgebern animiert worden. Der fr&uuml;here Pressechef von Bundeskanzler Helmut Schmidt, der mir freundschaftlich verbundene Kollege bei der morgendlichen Lagerunde im Bundeskanzleramt, Klaus B&ouml;lling, hat sich im Deutschlandradio Kultur am 26. August in Teilen <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dkultur\/sendungen\/politischesfeuilleton\/1023114\/\">&auml;hnlich wie Hartung ge&auml;u&szlig;ert<\/a>. Dieser Fl&uuml;gel der SPD versucht auf Biegen und Brechen, jede Kurskorrektur zu verhindern, und hat deshalb ein Interesse an der Verbreitung von Hartungs Thesen.<\/p><p><strong>Dazu nun einige Anmerkungen:<\/strong><\/p><p><strong>1. Unwahre und schr&auml;ge Behauptungen von Gewicht:<\/strong><\/p><p>Hartung behauptet, der Sozialstaat werde immer teurer. Das ist schlichtweg falsch. Seit 1975 liegt die Sozialleistungsquote zwischen 27 und 30%. Seit 2003 ist sie sogar wieder um 3 Prozentpunkte gefallen. Und das trotz Wiedervereinigung und Massenarbeitslosigkeit!!!<\/p><p>Hartung behauptet, &bdquo;zwanzig Prozent der so genannten Besserverdienenden tragen zwei Drittel des Haushalts&ldquo;. Das ist schon deshalb falsch, weil der Anteil der direkten Steuern am gesamten Steueraufkommen (und damit auch am Haushalt) 2008 51,8% und der Anteil der indirekten Steuern 48,2% betr&auml;gt (<a href=\"http:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/nn_53848\/DE\/BMF__Startseite\/Service\/Broschueren__Bestellservice\/Steuern\/20220__Datensammlung__zur__Steuerpolitik__08,property=publicationFile.pdf\">siehe Daten des Bundesfinanzministeriums [PDF &ndash; 1.88 MB]<\/a>). Die indirekten Steuern (z.B. die Mehrwertsteuer) treffen alle gleich. Dass die indirekten Steuern rund die H&auml;lfte des Steueraufkommens ausmachen, wird schlicht ignoriert. Autor Hartung vernachl&auml;ssigt auch die Tatsache, dass die Spitzenverdiener vor allem bei Gewinn- und Verm&ouml;genseinkommen sehr viel gr&ouml;&szlig;ere Chancen als die Normalverdiener haben, ihre Einkommen der Besteuerung zu entziehen. Darauf haben die beiden Autoren Adamek und Otto mit Recht hingewiesen, siehe <a href=\"?p=4110#more-4110\">&bdquo;Sch&ouml;n Reich. Steuern zahlen die anderen. Wie eine ungerechte Politik den Verm&ouml;genden das Leben vers&uuml;&szlig;t.&ldquo;<\/a>.<\/p><p>Hartung behauptet, &bdquo;bildungsferne Schichten&ldquo; w&uuml;rden &bdquo;in einer Weise finanziert, die die Motivation f&uuml;r all die neuen Bildungsangebote unterminiert, deren Kosten der Sozialstaat ebenfalls tr&auml;gt.&ldquo; &ndash; Da stimmt schon der Ansatz nicht. Bildungsferne Schichten werden nicht in besonderer Weise finanziert. Siehe dazu: <a href=\"?p=4064\">&bdquo;Der Staat f&ouml;rdert Studierende aus armen und reichen Haushalten fast gleich&ldquo;<\/a>.<\/p><p><strong>2. Die falsche Analyse des Niedergangs der SPD<\/strong><\/p><p>J&ouml;rg Sch&ouml;nenborn hat am Wahlabend des 30. August sch&ouml;n gezeigt, dass eine &uuml;berw&auml;ltigende Mehrheit die Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre f&uuml;r falsch h&auml;lt. Dies war aber gerade eine der &bdquo;Spitzenleistungen&ldquo; des heutigen SPD-Vorsitzenden M&uuml;ntefering. Diese Tat ist ein Symbol daf&uuml;r, wie die SPD mit ihren Reformen die Lebenslage der Mehrheit der Menschen und insbesondere ihrer eigenen W&auml;hlerschaft verschlechtert hat. Und dies, obwohl heute 50j&auml;hrige nur noch schwer einen Arbeitsplatz bekommen und die heute formal gesetzte Altersgrenze von 65 Jahren von der Mehrheit der Menschen gar nicht erreicht wird. Die SPD hat mit der Agenda 2010 und mit den Hartz-Gesetzen ihre eigenen Prinzipien und Zielvorstellungen verraten. Dies ist eine der wesentlichen Ursachen f&uuml;r den Niedergang. Ohne Kurskorrektur wird sie sich nicht erholen. Die von B&ouml;lling und Hartung geforderte Fortsetzung der neoliberalen Reformen wird die SPD aller Voraussicht nach noch weiter in den Keller treiben.<br>\nHinzu kommen eine ganze Reihe weiterer Ursachen f&uuml;r den Vertrauens- und W&auml;hlerverlust der SPD, die im Artikel von Hartung ausgeblendet sind: fehlende Machtoptionen; einseitige konservative Ausrichtung, also fehlende Pluralit&auml;t; Spitzenpersonal, das beim W&auml;hler nicht ankommt; massenweise Wahlkampffehler.<\/p><p><strong>3. Die obskure Vorstellung, der Sozialstaat sei unser Problem<\/strong><\/p><p>Wir haben viele Probleme: Wir zahlen Milliarden f&uuml;r gescheiterte Spekulanten; die von diesen und unseren Politikern mitverursachte Finanzkrise versch&auml;rft das Problem der Arbeitslosigkeit und des Staatshaushalts. Wir haben ein Besch&auml;ftigungsproblem. Immer mehr junge Menschen sehen f&uuml;r sich keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt. Viele junge Menschen haben nicht einmal die M&ouml;glichkeit zur Ausbildung. So entsteht in der Tat eine neue Unterschicht.<br>\nAber dies ist die Folge mangelhafter Politik. Nicht der als zu gro&szlig;z&uuml;gig denunzierte Sozialstaat, sondern die verfehlte Wirtschafts- und Besch&auml;ftigungspolitik nimmt den Menschen die Perspektive.<\/p><p><strong>4. Die falsche Analyse der Probleme des Sozialstaats<\/strong><\/p><p>Autor Hartung macht sich zum Sprecher des &bdquo;gew&ouml;hnlich intellektuell untersch&auml;tzten Stammtischs&ldquo; und fragt, &bdquo;wie der Sozialstaat in Zukunft finanziert werden soll. Er kennt die Demografie und wei&szlig; dass die Staatsverschuldung wachsen muss, sollen die Sozialstandards erhalten werden.&ldquo; &ndash;<br>\nDas ist die g&auml;ngige Denkweise. Sie ist in den letzten zwei Jahrzehnten einge&uuml;bt worden und zeichnet gerade jene Medien aus, die man eigentlich zu den besser unterrichteten z&auml;hlen sollte: Zeit, Tagesspiegel, Spiegel, S&uuml;ddeutsche Zeitung und so weiter. Dieses Denken l&auml;sst au&szlig;er acht, dass die so genannte &bdquo;Demografie&ldquo;, genauer gesagt: der demographische Wandel, nachweisbar kein Problem ist, wenn es gelingt, mehr Menschen in Arbeit zu bringen, Arbeitslosigkeit abzubauen und die Erwerbsquote zu erh&ouml;hen  &ndash; und wenn gleichzeitig die Produktivit&auml;t der Arbeit &auml;hnlich steigt wie in der Vergangenheit.<br>\nDieses Denken l&auml;sst au&szlig;erdem au&szlig;er acht, dass die Fixierung des Beitragssatzes zum Beispiel in der Rentenversicherung auf unter 20 % eine k&uuml;nstliche Fixierung war und ist. Auch hier gibt es Handlungsm&ouml;glichkeiten. Das glauben viele nur darum nicht, weil im entscheidenden Moment immer die Warnung vor dem Gespenst des Anstiegs der Lohnnebenkosten ins Spiel gebracht wurde und wird.<\/p><p><strong>5. Die absurde Vorstellung vom &bdquo;lernenden flexiblen Sozialsystem&ldquo;<\/strong><\/p><p>Hartung bietet als seine L&ouml;sung ein lernendes flexibles Sozialsystem an. Sozialleistungen sollen grunds&auml;tzlich auf ihre gesellschaftlichen Folgen &uuml;berpr&uuml;ft und Sozialstandards immer wieder infrage gestellt werden. Soziale Leistungsgesetze sollen mit einem Verfallsdatum versehen und in jeder Legislaturperiode im Parlament neu debattiert werden. &ndash;<br>\nDer Mann hat keine Ahnung von der Lebenslage der Mehrheit der Menschen und keine Ahnung von Gesetzgebungsm&ouml;glichkeiten. Nur die Verl&auml;sslichkeit der Rente erlaubt eine Lebensplanung und das Eingehen von Risiken. Nur die Verl&auml;sslichkeit einer Krankenversicherung erlaubt eine gewisse Freiheit und sch&ouml;pferische Kraft.<br>\nVom Parlament zu erwarten, ja &uuml;berhaupt daran zu denken, in jeder Legislaturperiode neu &uuml;ber die Rentenversicherung, die Krankenversicherung, die Pflegeversicherung, das Kindergeld, die Kindersteuerfreibetrag, das Elterngeld oder das Erziehungsgeld zu beraten und zu beschlie&szlig;en, zeigt, dass dieser Autor nichts ist als ein Spieler. Seine Vorstellung ist entweder nicht ernst gemeint oder grenzenlos einf&auml;ltig.<\/p><p><strong>Zum Schluss: Verfassungsfeindliche Umtriebe<\/strong><\/p><p>Es geht hier nicht um den Autor Hartung, es geht um seinen Versuch, eine alte Legende neu zu beleben: Die Reformpolitik sei nicht gescheitert, sie sei nur noch nicht konsequent genug betrieben worden, man m&uuml;sse weiter an der Sozialstaatlichkeit unserer Republik kratzen.<\/p><p>Die Freunde unseres Grundgesetzes sollten an dieser Stelle auch sehen: Wer so argumentiert und agitiert wie Klaus Hartung, stellt sich au&szlig;erhalb des Grundgesetzes. Dort ist in den Artikeln 1-20 die Sozialstaatlichkeit versprochen. Wer dagegen angeht, den sollte man auch nennen, was er ist: ein Verfassungsfeind. Diese gibt es offensichtlich nicht nur am offiziell markierten rechten Rand wie in Sachsen. Diese gibt es mitten unter den Meinungsf&uuml;hrern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter diesem und einem &auml;hnlichen Titel (&bdquo;SPD &ndash; Ohne Sozialstaatsreform stirbt die Partei&ldquo;) erschien am 29.8. im <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/Sozialstaat-SPD;art772,2885673\">Berliner Tagesspiegel<\/a> und bei <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2009\/36\/deutschland-transfer\">Zeit online<\/a> ein Artikel von Klaus Hartung. Er ist vermutlich als Meinungsmache-Leitfaden f&uuml;r Berliner Journalisten und f&uuml;r das Bildungsb&uuml;rgertum gedacht. Sie sollen erstens lernen, dass die SPD nicht wegen der Agenda 2010<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4163\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[145,191,11],"tags":[413],"class_list":["post-4163","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sozialstaat","category-spd","category-strategien-der-meinungsmache","tag-schlanker-staat"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4163","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4163"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4163\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20210,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4163\/revisions\/20210"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4163"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4163"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4163"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}