{"id":41673,"date":"2017-12-21T09:19:02","date_gmt":"2017-12-21T08:19:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41673"},"modified":"2026-01-27T11:06:51","modified_gmt":"2026-01-27T10:06:51","slug":"political-correctness-der-angeklagte-ist-zugleich-der-verurteilte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41673","title":{"rendered":"Political Correctness: \u201eDer Angeklagte ist zugleich der Verurteilte\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171221_stegemann.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>&bdquo;Die Political Correctness ist die feudale Sprache unserer Zeit&ldquo;, sagt der Dramaturg <strong>Bernd Stegemann<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. Es sind Aussagen wie diese, die schnell verdeutlichen: Stegemann versteht, dass sich in unserer Gesellschaft ein komplexes Herrschaftssystem entwickelt hat, das unter anderem tief in unsere Sprache und damit auch in unser Denken eingedrungen ist. Im Interview legt der Autor, der Anfang des Jahres ein kluges Buch zum Thema Populismus verfasst hat, dar, wie die Political Correctness im Laufe der Zeit in ihr Gegenteil verkehrt wurde und erkl&auml;rt, wie sich auch in ihr der Geist des Neoliberalismus entfaltet. Ein Interview &uuml;ber die Pervertierung der politisch korrekten Sprache sowie den rechten, linken und liberalen Populismus.<br>\nDas Interview f&uuml;hrte <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5497\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-41673-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171221_Political_Correctness_Der_Angeklagte_ist_zugleich_der_Verurteilte_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171221_Political_Correctness_Der_Angeklagte_ist_zugleich_der_Verurteilte_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171221_Political_Correctness_Der_Angeklagte_ist_zugleich_der_Verurteilte_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171221_Political_Correctness_Der_Angeklagte_ist_zugleich_der_Verurteilte_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=41673-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171221_Political_Correctness_Der_Angeklagte_ist_zugleich_der_Verurteilte_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"171221_Political_Correctness_Der_Angeklagte_ist_zugleich_der_Verurteilte_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Stegemann, in Ihrem Buch zum Thema Populismus zeichnen Sie ein geradezu katastrophales Bild unserer Gesellschaft. Sie schreiben: &bdquo;Wir alle sind gerade Zeugen, wie die offene Gesellschaft sich mit ihren paradoxen Sprachspielen, hyperkritischen Diskursen und gut verschleierten Privilegien selbst zerst&ouml;rt und wie die Rechtspopulisten hierbei gewaltig mithelfen.&ldquo; <\/strong><br>\n<strong>Die offene Gesellschaft zerst&ouml;rt sich gerade? Was passiert hier?<\/strong><\/p><p>Schaut man auf die gr&ouml;&szlig;eren historischen Entwicklungen des Liberalismus, so ist zu erkennen, dass seine fortschrittlichen Gedanken inzwischen immer deutlicher in ihr Gegenteil umschlagen. Im Kern k&auml;mpfte der Liberalismus f&uuml;r die Freiheit des Einzelnen und f&uuml;r das Recht auf Privateigentum. Damit stellte er sich gegen die Herrschaft des Adels und k&auml;mpfte f&uuml;r die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen, deren Endspiel wir heute in Europa und Nordamerika vorfinden. Die Kombination aus individueller Freiheit und Eigentum ist inzwischen in eine kritische Phase eingetreten. Kurz gesagt: der Neoliberalismus hat aus Freiheit, Gleichheit, Br&uuml;derlichkeit die Forderung abgeleitet, dass jeder Mensch ein Unternehmer seiner selbst werden solle. Die Folgen sind immer deutlicher erkennbar: Menschen wie Natur sind in einen globalen Stress versetzt. Das Problem f&uuml;r die politische Auseinandersetzung besteht heute vor allem darin, dass einstmals positiv besetzte Begriffe wie Freiheit und Individualismus zu Befehlen im neuen Arbeitsregime geworden sind: Sei flexibel und f&uuml;gsam, denn du stehst in einem unendlichen Wettbewerb.<\/p><p><strong>Wo f&auml;ngt denn Ihrer Meinung das Problem an? Offensichtlich ist etwas gewaltig aus dem Ruder gelaufen.<\/strong><\/p><p>Dieser Umbau von einst fortschrittlichen, emanzipatorischen Begriffen zu Befehlen im Neoliberalismus durchzieht die gesamte &ouml;ffentliche Sprache. Die notwendige Kritik an dieser Umdrehung des einstigen Inhalts sieht sich dabei vor fast unl&ouml;sbare Probleme gestellt. Denn indem der Neoliberalismus alle die Worte verwendet, die als positive Eigenschaften unserer offenen Gesellschaft gelten, kann jede Kritik als r&uuml;ckw&auml;rtsgewandte Gefahr diffamiert werden. Zum Beispiel sind die offenen Grenzen von TTIP und vom Winter 2016 von sehr unterschiedlicher Qualit&auml;t, und ebenso kam der Protest dagegen aus unterschiedlichen Richtungen, doch die Verteidiger der jeweiligen Offenheit bedienten sich der gleichen Argumente: der ungehinderte Warenverkehr ist ebenso alternativlos wie der ungehinderte Zustrom von Fl&uuml;chtlingen. Die Formel der Alternativlosigkeit bedient sich dabei des gro&szlig;en Resonanzraumes, in dem die Begriffe der Freiheit und des Privateigentums mit der Vernunft und der moralisch guten Position verkn&uuml;pft sind. Dieses moralisch-intellektuelle Cluster gilt noch immer als eine unhinterfragbare Letztbegr&uuml;ndung von richtigen Handlungen, und solange das so bleibt, kann in dessen Schutz der neoliberale Umbau weitergehen. <\/p><p><strong>Welche Fehler wurden vonseiten der politisch Verantwortlichen begangen?<\/strong><\/p><p>Ich w&uuml;rde das nicht als Fehler bezeichnen, sondern als besonders raffinierte Taktik bei der Durchsetzung der eigenen Klasseninteressen. Nat&uuml;rlich w&auml;re es deutlich weniger erfolgreich, wenn f&uuml;r offene Grenzen damit geworben w&uuml;rde, dass damit die Reichen noch reicher w&uuml;rden und zugleich die Unsicherheit der Arbeitspl&auml;tze ebenfalls zunehmen w&uuml;rde. <\/p><p><strong>Sie unterscheiden in Ihrem Buch zwischen dem Rechtspopulismus sowie dem liberalen und linken Populismus. Was macht den Rechtspopulismus aus?<\/strong><\/p><p>Der Rechtspopulismus geh&ouml;rt zu den altmodischen Formen des Populismus. Er bedient sich der einfachen Entgegensetzungen von einem Wir und einer davon unterschiedenen fremden Gruppe. Zugleich nimmt der rechtspopulistische Politiker f&uuml;r sich in Anspruch, die wahren Interessen des Wir zu vertreten und f&uuml;r dessen Probleme einfache L&ouml;sungen parat zu haben. Der Rechtspopulismus kehrt jedoch die Wir\/Sie-Unterscheidung am deutlichsten hervor. Man k&ouml;nnte auch sagen, dass er die Frage nach der Grenze zur entscheidenden politischen Frage stilisiert. Damit findet er Zugang zu einem anderen gro&szlig;en Resonanzraum politischer Kommunikation, denn jeder Mensch hat ein unmittelbares Empfinden seiner pers&ouml;nlichen Grenze und ihrer m&ouml;glichen Verletzungen. Wer zum Beispiel U-Bahn f&auml;hrt, kennt den Stress, den viele Menschen auf engem Raum ausl&ouml;sen. Und jeder ist im Alltag bem&uuml;ht, seinen privaten Lebensbereich vor der Au&szlig;enwelt abzuschirmen. So hat die Betonung der Grenze, die gesch&uuml;tzt werden muss, eine unmittelbare Plausibilit&auml;t. Daraus, dass der Rechtspopulismus die Grenzfrage zur zentralen Problematik stilisiert, folgen jedoch zwei gef&auml;hrliche Entwicklungen: Zum einen wird das Wir zu einer naturhaften Instanz, die ohne kulturellen Austausch in die Sackgasse ger&auml;t. Und zum anderen verdr&auml;ngt die Grenzfrage alle anderen gesellschaftlichen Probleme. Wenn aus Menschen ein Volk geformt werden soll, ist am Ende immer der Einzelne das Opfer. <\/p><p><strong>Und den liberalen Populismus?<\/strong><\/p><p>Der liberale Populismus scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch in sich zu sein. Doch in der Phase des Neoliberalismus wurde eine eigene, postmoderne Variante des Populismus geboren. Hier wird die Wir\/Sie-Unterscheidung in eine paradoxe Form gebracht. Denn nun steht jeder Einzelne vor der selbstgezogenen Grenze, die ihn vom erfolgreichen Marktzugang abh&auml;lt. Wer es schafft, seinen inneren Schweinehund der Faulheit zu &uuml;berwinden, der hat Erfolg, wer an sich selbst scheitert, der bleibt eben drau&szlig;en. Die Grenze wird damit in jeden Einzelnen verlegt, was zu Folge hat, dass es keine &auml;u&szlig;eren Gr&uuml;nde mehr f&uuml;rs Scheitern gibt. Um diese eigentlich absurde Behauptung zum allgemeinen Glauben zu machen, hat der liberale Populismus die beiden anderen Eigenschaften des alten Populismus f&uuml;r sich genutzt. Er behauptet ebenso eine Wahrheit, die nur er kennt und seine L&ouml;sungen sind ebenfalls sehr einfach: Seine Wahrheit ist der Markt und die L&ouml;sung aller Gerechtigkeitsprobleme findet sich nur auf dem Markt.<\/p><p>Als bestes Beispiel f&uuml;r den liberalen Populismus kann das Sprechen von Angela Merkel gelten. Ihre Verteidiger betonen gerne, dass ihre technokratische Ausdruckweise und ihr Talent, Widerspr&uuml;che durch Moderation einzuschl&auml;fern, das st&auml;rkste Bollwerk gegen den Populismus seien. Das Gegenteil ist richtig: Sie wiederholt quasi in jedem Satz die vollst&auml;ndige Abwesenheit von politischer Entscheidung und stellt damit alles dem Markt zur Verf&uuml;gung, der dann als h&ouml;here Form der Vernunft entscheidet. Die von ihr geforderte marktf&ouml;rmige Demokratie ist in ihrer Person l&auml;ngst real geworden und alles was sie tut, ist von daher alternativlos. Denn im Weltbild des Neoliberalismus gibt es keine Alternative zur Wahrheit des Marktes. Der liberale Populismus ist also die zeitgem&auml;&szlig;e Form, wie die Klasseninteressen des Kapitals so in der &Ouml;ffentlichkeit kommuniziert werden, dass niemand bemerkt, wie hier Klasseninteressen durchgesetzt werden. Der liberale Populismus wirkt also gerade dadurch, dass er jede politische Wirkung vermeidet. Denn er wei&szlig;, dass nur dann die Kr&auml;fte des Marktes, bei denen immer der St&auml;rkere gewinnt, am besten zum Tragen kommen.<\/p><p><strong>Dann noch zum Linkspopulismus.<\/strong><\/p><p>Der Linkspopulismus hat leider keine entsprechende Form gefunden, um dem raffinierten liberalen Populismus etwas entgegensetzen zu k&ouml;nnen. Alle erfolgreichen Versuche des Linkspopulismus haben in s&uuml;damerikanischen Staaten stattgefunden, die deutlich einfacher strukturiert waren. Von daher ist eine Kopie dieser Methoden, wie sie zum Beispiel Syriza in Griechenland versucht hat, f&uuml;r die deutsche Gesellschaft unbrauchbar. Bevor nicht eine linke Theorie und Erz&auml;hlung entwickelt worden ist, die es an Komplexit&auml;t mit dem Neoliberalismus aufnehmen kann, ist der Linkspopulismus in unserer Gesellschaft zum Scheitern verurteilt. Denn seine Leitunterscheidung zwischen Proletariat und Kapitalisten hat keinen Resonanzraum mehr, wenn sich alle einer breiten Mittelschicht zugeh&ouml;rig f&uuml;hlen wollen und die tats&auml;chlich prek&auml;r Besch&auml;ftigten entweder resigniert haben oder ihren Job als vor&uuml;bergehendes Erlebnis begreifen. <\/p><p><strong>Sie widmen sich in Ihrem Buch auch der Political Correctness. Was ist Ihnen aufgefallen?<\/strong><\/p><p>Die Political Correctness ist, vergleichbar wie die anderen einst positiven Begriffe des Liberalismus, inzwischen in ihr Gegenteil verkehrt worden. Sie ging von der zutreffenden Beobachtung aus, dass Sprache auch Handeln bedeutet und darum mit Worten Verletzungen zugef&uuml;gt werden k&ouml;nnen. Der reaktion&auml;re Dreh ist in dem Moment in die Zivilisierung des Sprechens gekommen, als die Beurteilung einer sprachlichen Verletzung allein dem Opfer zugesprochen wurde. Heute ist es so, dass allein die Opfer dar&uuml;ber befinden, ob eine sprachliche Wendung sie verletzt hat oder nicht. Und darum haben allein die Opfer die Berechtigung, eine Bestrafung des Spracht&auml;ters oder eine Verbannung bestimmter Formulierungen und Worte zu verlangen. Diese Verbindung von Opfer und Richter stellt gegen&uuml;ber den Fortschritten des Rechts eine be&auml;ngstigende Regression dar. Denn als erstes folgt daraus, dass auch der Angeklagte zugleich der Verurteilte ist. Wie in allen Kampagnen der letzten Jahre zu beobachten war, nimmt die Emp&ouml;rungswelle aufgrund eines &bdquo;PC-Vergehens&ldquo; schnell Fahrt auf und die Gier der &Ouml;ffentlichkeit nach m&ouml;glichst vielen Schuldigen lockt immer mehr Anschuldigungen hervor. Wenn dann zum Beispiel bei der Metoo-Kampagne ein Kommentator auf SPIEGEL-Online fordert, dass es v&ouml;llig richtig sei, wenn dabei auch unschuldige M&auml;nner &ouml;ffentlich unter die R&auml;der k&auml;men, da es sich eben um eine Revolution handele, wird offenkundig, wie sehr die Lust an der allgemeinen Emp&ouml;rung zum archaischen Opferrausch f&uuml;hrt. Denn erstens sind unschuldige Opfer nicht mit dem Hinweis darauf zu entschuldigen, dass das schon immer so gewesen sei. Zweitens handelt es sich bei einer medialen Emp&ouml;rungswelle nicht um eine Revolution, und drittens wird dabei die regressive Energie hinter der medialen Hetze verkannt. Man stelle sich nur einmal vor, was passieren w&uuml;rde, wenn eine Spielart der Political Correctness die Opfer-Richter-Verbindung f&uuml;r andere Zwecke nutzen w&uuml;rde. Dann hie&szlig;e es pl&ouml;tzlich, wenn ein Deutscher zum Beispiel Opfer von einem Taschendiebstahl wird, darf nur er dar&uuml;ber befinden, was mit dem T&auml;ter geschehen solle. <\/p><p><strong>Ich m&ouml;chte nochmal eine Stelle aus Ihrem Buch zitieren. Sie schreiben: &bdquo;Ungestraft macht heute niemand mehr einen Witz, der sexistische oder rassistische Anteile hat. &Uuml;ber Arbeiter, prek&auml;re Existenzen und Forderungen nach Gleichheit kann gefahrlos gelacht werden. Das liberale Milieu, das bei jedem Anschein eines rassistischen Satzes Alarm schl&auml;gt, hat selbst keinerlei Hemmungen, &uuml;ber die &bdquo;dummen&ldquo; W&auml;hler, die f&uuml;r die AfD, Donald Trump oder den Brexit stimmen, zu schimpfen. Und das Bild der champagnertrinkenden Broker auf der Frankfurter B&ouml;rse, die den Demonstranten von Occupy h&ouml;hnisch zuprosteten, hat nicht ansatzweise die Emp&ouml;rung hervorgerufen, die ein d&uuml;mmlicher Kommentar eines alternden Berufspolitikers &uuml;ber das Dekollet&eacute; einer Journalistin provoziert hat.&ldquo;<\/strong><br>\n<strong>Was l&auml;uft hier falsch? <\/strong><\/p><p>Das Beispiel zeigt, wie einseitig der gesamte PC-Komplex auf die Fragen der Identit&auml;t fixiert ist. Gilt eine Aussage als rassistisch oder sexistisch, so wird sie mit der gr&ouml;&szlig;ten &ouml;ffentlichen Emp&ouml;rung &uuml;berzogen. Wird hingegen in den raffinierten Sprachspielen des neoliberalen Populismus &uuml;ber die nat&uuml;rlichen Ungleichheiten schwadroniert, so gilt das als vern&uuml;nftige politische Meinung. Mir will nicht einleuchten, warum ein Kommentar, der jemanden aufgrund seiner ethnischen oder sexuellen Identit&auml;t beleidigt, eine gr&ouml;&szlig;ere Verletzung darstellen soll, als die t&auml;gliche Dem&uuml;tigung, die jemand im Job ertragen muss, und die jemand mit wenig Geld auf dem Wohnungsmarkt oder beim Einkaufen erlebt. In allen F&auml;llen gibt es eine strukturelle Gewalt, die sich gegen ein einzelnes Schicksal wendet. Es scheint hier wieder das neoliberale Regime zu greifen, nachdem jeder f&uuml;r seinen Erfolg selber verantwortlich ist. Die Fokussierung auf die identit&auml;tspolitischen Fragen wirkt dann fast wie ein Ausweg, um noch einen Punkt in der eigenen Biographie nutzen zu k&ouml;nnen, f&uuml;r den man nicht selbst verantwortlich zu machen ist. Und aus diesem Punkt heraus wird dann der gesamte politische Protest formuliert. Das mag individuell verst&auml;ndlich sein, gesamtgesellschaftlich entsteht daraus ein Ablenkungsfeuerwerk immer neuer Emp&ouml;rungswellen, hinter denen die Ausbeutung ungest&ouml;rt weiterl&auml;uft. <\/p><p><strong>Hat sich unter der Political Correctness also eine Form der Herrschaft eingeschlichen, die in der <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40414\">Sprache ihre Macht entfaltet<\/a>?<\/strong><\/p><p>Auf jeden Fall. Das besondere an der PC-Sprache ist, dass sie ziemlich voraussetzungsvoll ist. Man muss schon einige Zeit in den entsprechenden Seminaren zugebracht haben, damit das Geh&ouml;r soweit geschult ist, um die feinsten Rassismen und Sexismen heraush&ouml;ren zu k&ouml;nnen. Ich w&uuml;rde sogar sagen, dass die Political Correctness die feudale Sprache unserer Zeit ist. Es braucht lange, um sie zu erlernen, sie hat ein fein differenziertes Vokabular f&uuml;r die gr&ouml;&szlig;ten Grausamkeiten und sie dient immer demjenigen, der sie am besten beherrscht. <\/p><p>Ein Beispiel aus dem US-amerikanischen Campusalltag ist hier sehr entlarvend. Eine besondere Spielart der PC ist die kulturelle Aneignung. Wer zum Beispiel als wei&szlig;er Student Rastaz&ouml;pfe tr&auml;gt, eignet sich ein kulturelles Merkmal an, das ihm nicht zusteht. Schon hier k&ouml;nnte man einwerfen, dass mit genau diesem Argument auch die rechte Identit&auml;re Bewegung gegen jede Form der kulturellen Vermischung auftritt und die Frauenemanzipation einst einen gro&szlig;en Erfolg darin gesehen hat, dass Frauen auch Hosen tragen d&uuml;rfen. Aber die eigentliche Pointe liegt bei diesem Beispiel noch woanders. Hier war es so, dass die Mensa auf dem Campus mexikanische Tortillas angeboten hat. Das emp&ouml;rte eine Studentengruppe so sehr, dass die Mensabesch&auml;ftigten in einer hitzigen Veranstaltung dazu gen&ouml;tigt wurden, sich &ouml;ffentlich f&uuml;r diese aggressive kulturelle Aneignung zu entschuldigen. Es hatte sich also folgende Situation ergeben: Studierende, die entweder aus der privilegierten Klasse stammen oder durch ihr Studium dahin aufsteigen wollen, erniedrigen einfache Angestellte, weil sie sie eines Vergehens gegen die PC-Regeln &uuml;berf&uuml;hren konnten, von denen die Mensamitarbeiter noch nie geh&ouml;rt hatten. Die besondere Brutalit&auml;t liegt hier nicht nur darin, dass Menschen &ouml;ffentlich f&uuml;r etwas gedem&uuml;tigt werden, von dessen Existenz sie gar nichts wussten, sondern sie liegt vor allem darin, dass Mitglieder einer privilegierten Klasse f&uuml;r sich das moralische Recht in Anspruch nehmen, so etwas tun zu d&uuml;rfen. <\/p><p><strong>Was bedeutete diese &bdquo;Sprachherrschaft&ldquo; denn f&uuml;r die &ouml;ffentliche Kommunikation?<\/strong><\/p><p>Heute arbeiten der liberale Populismus und die Political Correctness wirkungsvoll zusammen, um die Menschen im Sinne der Kapitalinteressen zu regieren. Der liberale Populismus findet immer neue vern&uuml;nftige Alternativlosigkeiten, die die Handlungsr&auml;ume f&uuml;r alle, die anderer Meinung sind, sehr eng machen. Das letzte Beispiel hierf&uuml;r war der von Angela Merkel gleich nach der Bundestagswahl ausgegebene Begriff der &bdquo;staatspolitischen Verantwortung&ldquo;, der sich nun alle Parteien zu stellen h&auml;tten. Mich erinnert das sehr an einen Satz von Wilhelm II. zu Beginn des 1. Weltkriegs, als er meinte, nun g&auml;be es keine Parteien mehr, sondern nur mehr ein deutsches Volk. Denn staatspolitische Verantwortung bedeutet doch nichts anderes, als dass die Parteien nun ihre Differenzen einpacken k&ouml;nnen, um alle gemeinsam mit der CDU-Kanzlerin den Weg der Vernunft einzuschlagen. <\/p><p>Die Political Correctness &uuml;bernimmt in dieser Sprachherrschaft den Part der moralischen &Uuml;berwachung. Denn nicht alle Lebensbereiche lassen sich gleich gut mit dem neoliberalen Dogma der Marktlogik regieren. Die Fragen der Identit&auml;tspolitik versuchen sich gerade dieser Logik zu entziehen und ben&ouml;tigen daher eine besondere Aufmerksamkeit. Deren &Uuml;berwachung &uuml;bernimmt dann die feinere Technik der PC. Zugleich stellt sie die Waffe der Emp&ouml;rung bereit, mit der jede Kritik an der alternativlosen Vernunft als reaktion&auml;r oder rassistisch aus dem &ouml;ffentlichen Raum verbannt werden kann. <\/p><p><strong>Wie k&ouml;nnen sich Menschen gegen diese Form der sprachlichen Unterdr&uuml;ckung wehren?<\/strong><br>\n<strong>Das scheint ja alles andere als einfach. <\/strong><\/p><p>Es braucht vergleichbar der liberalen Aufkl&auml;rung eine neue Aufkl&auml;rung, die die Machtverh&auml;ltnisse im Neoliberalismus und seine Machttechniken offenlegt. Das ist eine Herkulesaufgabe, da heute sowohl die materiellen Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse immer ungleicher geworden sind. Nach einer j&uuml;ngsten Untersuchung der Gruppe um Piketty ist in Deutschland die Ungleichverteilung der Verm&ouml;gen wieder so gro&szlig; wie 1913. Und zum anderen ist die Technik der kommunikativen Macht ungleich h&ouml;her entwickelt als wohl jemals zuvor. Es muss eine zweite Aufkl&auml;rung kommen, doch woher sie dieses Mal kommt, kann ich noch nicht erkennen.<\/p><p><em>Lesetipp: Stegemann, Bernd: Das Gespenst des Populismus: Ein Essay zur politischen Dramaturgie. Verlag Theater der Zeit. Januar 2017.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171221_stegemann.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>&bdquo;Die Political Correctness ist die feudale Sprache unserer Zeit&ldquo;, sagt der Dramaturg <strong>Bernd Stegemann<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. Es sind Aussagen wie diese, die schnell verdeutlichen: Stegemann versteht, dass sich in unserer Gesellschaft ein komplexes Herrschaftssystem entwickelt hat, das unter anderem tief in<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41673\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,209,123,205],"tags":[442,441,866,1185,233,315,2247,1191,2248,389,2553,1254,687],"class_list":["post-41673","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-interviews","category-kampagnentarnworteneusprech","category-neoliberalismus-und-monetarismus","tag-eigenverantwortung","tag-freiheit","tag-konkurrenzdenken","tag-marktkonforme-demokratie","tag-marktliberalismus","tag-merkel-angela","tag-political-correctness","tag-populismus","tag-sexismus","tag-sozialrassismus","tag-stegemann-bernd","tag-tina","tag-ungleichheit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41673","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=41673"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41673\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":89394,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41673\/revisions\/89394"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=41673"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=41673"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=41673"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}