{"id":4174,"date":"2009-09-07T10:55:28","date_gmt":"2009-09-07T08:55:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4174"},"modified":"2014-11-25T11:24:54","modified_gmt":"2014-11-25T10:24:54","slug":"nochmals-zur-rheinischen-post-so-viel-kosten-die-plaene-der-linken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4174","title":{"rendered":"Nochmals zur Rheinischen Post: \u201eSo viel kosten die Pl\u00e4ne der Linken\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Viele unserer Leserinnen und Leser haben uns gebeten, der Polemik in der Rheinischen Post unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.rp-online.de\/public\/article\/politik\/deutschland\/752725\/So-viel-kosten-die-Plaene-der-Linken.html\">&bdquo;So viel kosten die Pl&auml;ne der Linken&ldquo;<\/a> einmal etwas genauer nachzugehen. Darin wird behauptet, die Vorschl&auml;ge der Partei Die Linke seien finanzpolitisch unseri&ouml;s oder unbezahlbar. Damit wird &ndash; wie &uuml;blich &ndash;  der Vorwurf der Unseriosit&auml;t und des &bdquo;Populismus&ldquo; dieser Partei begr&uuml;ndet. Man muss kein Anh&auml;nger der Linkspartei sein und man muss z.B. ihre steuerpolitischen Vorschl&auml;ge nicht als den Stein der Weisen betrachten, aber die Horrorgem&auml;lde, die da von konservativer Seite gemalt werden, dienen zu nichts anderem, als die Politik des &bdquo;Weiter-so&ldquo; als alternativlos darzustellen.<br>\nGehen wir deshalb einmal der Kritik der Rheinischen Post im Einzelnen etwas genauer nach. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\n<strong>1. &bdquo;Zehn Euro Mindestlohn&ldquo;<\/strong><\/p><p>Da wird gegen das &bdquo;Lohndiktat&ldquo; von 10 Euro Mindestlohn eingewandt, damit w&uuml;rden hunderttausende von Arbeitspl&auml;tzen abgebaut. <\/p><p>Dieser Behauptung ist Folgendes entgegen zu halten:<br>\nDie Gegner eines Mindestlohns betrachten den Arbeitsmarkt, wie einen Kartoffelmarkt. Die Logik lautet: Preis (= Lohn) runter, Angebot (= Arbeit) auf dem Markt (=Arbeitsmarkt) ger&auml;umt und damit Arbeitslosigkeit beseitigt. So das schlichte gedankliche Konstrukt. Dieser &bdquo;Preismechanismus&ldquo; trifft jedoch noch nicht einmal f&uuml;r den &bdquo;G&uuml;termarkt&ldquo; zu, denn dieser besteht aus einer riesigen Vielzahl von M&auml;rkten mit ganz unterschiedlichen Produkten, vom Br&ouml;tchen bis zum Rolls Royce. Noch weniger passt dieses gedankliche Konstrukt f&uuml;r den Arbeitsmarkt, wo ja auch ganz unterschiedliche F&auml;higkeiten nachgefragt werden.<br>\nKeiner der neoklassisch inspirierten &Ouml;konomen hat au&szlig;er in der Welt ihrer Grenzprodukt-Modelle jemals auch nur n&auml;herungsweise ausrechnen k&ouml;nnen, was jeder einzelne im jeweiligen Produktionsprozess erwirtschaftet. Die Anh&auml;nger solcher Denkmodelle m&uuml;ssten ja sonst auch ausrechnen k&ouml;nnen, wie viel mehr der millionenschwere Manager gegen&uuml;ber dem Portier &bdquo;im Wettbewerb&ldquo; (Grenzprodukt) &bdquo;erwirtschaftet&ldquo;. Lohnverhandlungen oder Aufsichtsratsbeschl&uuml;sse &uuml;ber Managerbez&uuml;ge k&ouml;nnte man sich ersparen. Vom Fegen des Hofes, bis zur Entwicklung eines Designs f&uuml;r ein Produkt, ja sogar der strategische Meinungsfindungsprozess des Topmanagers m&uuml;sste danach n&auml;mlich exakt ausgerechnet werden k&ouml;nnen, was ihre letzte im Produktionsprozess eingesetzte &bdquo;Arbeitseinheit&ldquo; erwirtschaftet (Grenzprodukt).<\/p><p>Die Anh&auml;nger des neoliberalen Angebotsansatzes starren lediglich auf die Angebotsbedingungen f&uuml;r die Unternehmen, die Nachfragebedingungen bleiben hingegen nahezu v&ouml;llig au&szlig;er Acht. Ob die Produkte auf eine kaufkr&auml;ftige Nachfrage sto&szlig;en ist f&uuml;r diese Lehre vernachl&auml;ssigbar, denn f&uuml;r sie gilt ein vor 300 Jahren aufgestelltes Gesetz von Jean-Baptist Say. Say`s Law lautet: Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage.<\/p><p>Dass ein Anbieter auf seinem Angebot sitzen bleibt, muss aber keineswegs an fehlenden Konsumw&uuml;nschen der Konsumenten liegen, sondern schlicht daran, dass mangels Einkommen der Konsumenten sie sich das Angebot einfach nicht leisten k&ouml;nnen.<\/p><p>Der schlichte Zusammenhang &bdquo;L&ouml;hne runter &ndash; Besch&auml;ftigung rauf&ldquo; mag das Denken eines einzelnen Unternehmers bestimmen und einzelwirtschaftlich tendenziell vielleicht eine gewisse Plausibilit&auml;t haben, in einer gesamten Wirtschaft h&auml;ngen jedoch Angebot und Nachfrage insgesamt voneinander ab. Die Zusammenh&auml;nge sind also etwas komplizierter als uns vorgegaukelt wird, und deswegen ist es ziemlich einf&auml;ltig, den Arbeitsmarkt mit dem Kartoffelmarkt gleichzusetzen.<\/p><p>Ein Unternehmer stellt doch nicht allein deshalb einen Mitarbeiter ein, weil er billig ist, sondern weil er, um mehr Produkte auf dem Markt absetzen zu k&ouml;nnen, dessen Arbeitskraft zur Herstellung der Produkte braucht &ndash; sofern er sie auf dem G&uuml;termarkt absetzen kann, weil eine entsprechende Nachfrage danach besteht und der Unternehmer durch den Absatz einen entsprechenden Gewinn erwarten darf.<\/p><p>In ihrer eindimensionalen &ouml;konomischen Welt verweigern die Angebotstheoretiker die Tatsache,  dass L&ouml;hne nicht allein der Preis f&uuml;r das Gut Arbeit sind, sondern in der Summe das Einkommen der abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten, die immerhin die H&auml;lfte das gesamten Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Sicher nimmt mit steigendem (gesamtwirtschaftlichen) Lohn die Kostenbelastung der Unternehmen zu, und das mag ihre (gesamtwirtschaftliche) Nachfrage nach Arbeitskr&auml;ften d&auml;mpfen, aber andererseits nimmt mit steigenden L&ouml;hnen die (gesamtwirtschaftliche) G&uuml;ternachfrage zu, was wiederum die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskr&auml;ften steigert. Diese Zusammenh&auml;nge sind jedenfalls erheblich komplexer als sie durch die eindimensionale Angebots- und Nachfragekurve des g&auml;ngigen Marktschemas erfasst werden k&ouml;nnten.<\/p><p>Die Nachfrage nach Produkten findet f&uuml;r die herrschende Lehre vom Mindestlohn offenbar allenfalls im Export, aber nicht auf dem Binnenmarkt aufgrund der Kaufkraft auch der Arbeitnehmer statt. Sie meinen wohl, dass der mehrj&auml;hrige &bdquo;Exportweltmeister&ldquo; Deutschland zur weiteren Verbesserung seiner Wettbewerbsf&auml;higkeit die L&ouml;hne so weit senken m&uuml;sse, dass sie billiger sind, als der Einsatz des Produktionsfaktors Kapital. Deutsche Autos kaufen eben dann die Ausl&auml;nder (und vielleicht noch die Besserverdienenden im Inland).<\/p><p>Diese &ouml;konomische Lehre, weist letztlich den Weg zur&uuml;ck in die Steinzeit. Sie unterstellt n&auml;mlich die sog. Substitutionsthese. Will sagen: je billiger der Faktor Arbeit im Verh&auml;ltnis zum eingesetzten Faktor Kapitel (Investitionen) wird, desto mehr Arbeit wird eingesetzt und desto weniger Anreiz besteht f&uuml;r den Unternehmer Kapital zu investieren, will hei&szlig;en, kapitalintensiver zu produzieren. Denkt man diesen Weg zu Ende, dann gelangt man ins vorindustrielle Zeitalter, denn billige Arbeit lohnt die Investitionen in Maschinen ja nicht mehr. D.h. es besteht kein Anreiz mehr zu Steigerung der Produktivit&auml;t.<\/p><p>Dementsprechend lautet ja auch das neoklassische Rezept zur Bek&auml;mpfung der Arbeitslosigkeit, die Reallohnsteigerungen m&ouml;glichst gering zu halten. Nach dem Motto, wenn die Produktivit&auml;t langsamer zunimmt, werden auch weniger Arbeitspl&auml;tze wegrationalisiert. Wettbewerb findet nicht &uuml;ber innovative Produkte und &uuml;ber die Steigerung der Produktivit&auml;t statt, sondern vor allem &uuml;ber die Angleichung der L&ouml;hne an die Wettbewerber in Asien.<br>\nHeiner Flassbeck und Friedericke Spieker haben in ihrem Buch &bdquo;Das Ende der Massenarbeitslosigkeit&ldquo; empirisch genau das Gegenteil nachgewiesen: Die L&auml;nder mit vergleichsweise guter Reallohnentwicklung (z.B. USA oder Gro&szlig;britannien) haben eine vergleichsweise bessere Besch&auml;ftigungslage, als diejenigen mit stagnierenden L&ouml;hnen, also z.B. Deutschland und Japan. Und ganz anders als die Neoklassiker in ihrem Denkmodell annehmen, hat z.B. Japan mit der schlechtesten Besch&auml;ftigungsentwicklung gleichzeitig die niedrigste Produktivit&auml;tsrate. Nach Flassbeck\/Spiecker belegt die Erfahrung der letzen zehn Jahre: &bdquo;Hohes Reallohnwachstum geht einher mit einem hohen Produktivit&auml;tszuwachs und guter Besch&auml;ftigungsentwicklung.&ldquo;<\/p><p>Die Gegner von Mindestl&ouml;hnen ignorieren aber nicht nur theoretische Einw&auml;nde gegen ihr schlichtes Denkmodell, sie sind auch resistent gegen die Empirie. F&uuml;r sie gilt das Motto: Umso schlimmer f&uuml;r die Wirklichkeit, wenn sie mit unserer Theorie nicht &uuml;bereinstimmt. In 20 von 27 L&auml;ndern gibt es gesetzliche Mindestl&ouml;hne und wo es &ndash; wie etwa in Schweden &ndash; keinen gibt, ist die Gewerkschaftsmacht so gro&szlig;, dass man gar keine braucht.<\/p><p>Nun mag man zehn Euro Mindestlohn f&uuml;r zu hoch angesetzt halten, aber immerhin hat Luxemburg zum 1. Januar 2009 den Mindestlohn auf 9,49 Euro erh&ouml;ht. In Frankreich liegt er bei 8,71 Euro, in Irland bei 8,65 Euro, in den Niederlanden bei 8,47 Euro und in <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/wsimit_2009_03_schulten.pdf\">Belgien bei 8,41 Euro [PDF &ndash; 190 KB]<\/a>. Mit 10 Euro in die politischen &bdquo;Tarifverhandlungen&ldquo; zu gehen ist also keine Forderung, die man im Vergleich zu dem schon Erreichten bei unseren unmittelbaren Nachbarl&auml;ndern, als abwegig betrachten m&uuml;sste.<\/p><p><strong>2. Rente mit 67 abschaffen<\/strong><\/p><p>Einmal davon abgesehen, dass es bis hinein in die FDP inzwischen &bdquo;Lockerungs&uuml;bungen&ldquo; gegen&uuml;ber der Rente mit 67 gibt. Z.B. auch Seehofer (CSU) gestern in der <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/BILD\/politik\/2009\/09\/06\/bams-waehlerforum-horst-seehofer\/csu-chef-traeumt-vom-kanzler-sein.html\">Bild am Sonntag<\/a>: <em>&bdquo;Wir haben gesetzlich festgelegt, dass die Bundesregierung im Jahr 2010 dem Bundestag einen Bericht vorlegt &uuml;ber die tats&auml;chliche Besch&auml;ftigung der Arbeitnehmer &uuml;ber 50 Lebensjahre. Die Verl&auml;ngerung der Lebensarbeitszeit auf 67 Lebensjahre ist nur vertretbar, wenn die Besch&auml;ftigungsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r die &auml;lteren Arbeitnehmer auch real verbessert werden. Erh&ouml;ht man das Rentenalter, ohne dass die Besch&auml;ftigungsm&ouml;glichkeiten verbessert werden, betreibt man in Wahrheit Rentenk&uuml;rzung.&ldquo;<\/em> <\/p><p>Heute liegt das tats&auml;chliche Renteneintrittsalter bei 63 Jahren. Nur eine kleine Minderheit geht mit 65 Jahren direkt aus einer Besch&auml;ftigung in den Ruhestand. Wer vor 65 in Rente gehen muss, erh&auml;lt f&uuml;r jedes vorzeitige Jahr 3,6 Prozent Abschlag auf die Rente. Mehr als die H&auml;lfte der Besch&auml;ftigten hat daher bereits heute eine gek&uuml;rzte Rente. Die Rente ab 67 versch&auml;rft das Problem. Wer vorgezogen in Rente gehen muss, erh&auml;lt dann Abschl&auml;ge von bis zu 14,4 Prozent.<\/p><p>Die Rheinische Post schreibt nun: <em>&bdquo;Nach Berechnungen der Bundesregierung w&uuml;rde eine Beibehaltung der Rente mit 65 und eine Abschaffung aller D&auml;mpfungsfaktoren im Jahr 2030 Mehrkosten von &uuml;ber 60 Milliarden Euro verursachen. Das entspricht sechs bis sieben Beitragspunkten&hellip;Zahlen m&uuml;ssen die Arbeitnehmer.&ldquo;<\/em> <\/p><p>Solche Rentenberechnungen bis ins Jahr 2030 sind kompletter Unsinn. Die Bundesregierung wei&szlig; noch nicht einmal, wie viel Arbeitslose und wie viel Wachstum wir im n&auml;chsten Jahr haben werden, geschweige denn wie hoch die Werte in zwanzig Jahren sein werden.<br>\nDass die derzeitige Bundesregierung, die die Rente mit 67 vehement verteidigt, solche Berechnungen anstellt, kann man verstehen. Damit werden sie aber nicht plausibler. Die entscheidende Frage f&uuml;r das demografische Problem ist, ob wir in Zukunft so &bdquo;reich&ldquo; sind, dass k&uuml;nftig Unternehmen und Arbeitnehmer h&ouml;here Rentenbeitr&auml;ge verkraften k&ouml;nnen. Das h&auml;ngt vom Wachstum der Wirtschaft, von der tats&auml;chlichen Erwerbsquote und von der Steigerung der Produktivit&auml;t ab. <\/p><p>Aber selbst wenn man dieser unsinnige Rechnung der Bundesregierung folgt, was w&uuml;rde eine Steigerung von 6 bis 7 Beitragspunkten bedeuten? <\/p><p>Wenn das allein die Arbeitnehmer bezahlen m&uuml;ssten, wird offenbar davon ausgegangen, dass der Arbeitgeberbeitrag zur gesetzlichen Rente dauerhaft auf dem derzeitigen Wert &bdquo;gedeckelt&ldquo; bleiben soll. Unterstellt man aber einmal die Beibehaltung der parit&auml;tischen Finanzierung, so w&auml;ren das f&uuml;r die Arbeitnehmer- und die Arbeitgeberseite jeweils 3 bis 3,5 Prozent mehr, f&uuml;r die Arbeitnehmer also statt 19,9% etwa 24 %. Das ist genau der Betrag, der heute schon von den Arbeitnehmern aufgebracht werden muss, wenn sie eine Riesterrente, die zur&uuml;ckliegenden Rentenk&uuml;rzungen ja ausgleichen wollen, abschlie&szlig;en: n&auml;mlich 19,9% plus 4% vom Bruttolohn.<\/p><p><strong>3. Hartz-IV-Satz auf 500 Euro<\/strong><\/p><p>Nebenbei: Auch die Gr&uuml;nen fordern eine Erh&ouml;hung auf 450 Euro, ohne dass ein Aufschrei durch die Republik ginge. Wie das Bundesverfassungsgericht den Regelsatz beurteilen wird, ist eine offene Frage. Die SPD verspricht schon seit langer Zeit eine &Uuml;berpr&uuml;fung der H&ouml;he des Regelsatzes.<\/p><p>Die Rheinische Post behauptet nun, dass die Anhebung des Regelsatzes auf 500 Euro pro Jahr 10 Milliarden Euro kosten w&uuml;rde und bezieht sich dabei auf eine <a href=\"http:\/\/doku.iab.de\/kurzber\/2008\/kb1108.pdf\">IAB-Studie [PDF &ndash; 758 KB]<\/a>. Die Argumentationskette ist: Die Erh&ouml;hung des Regelsatzes w&uuml;rde 200.000 Menschen zur Nichtarbeit &bdquo;anreizen&ldquo;, weil der &bdquo;Soziallohn&ldquo; h&ouml;her w&auml;re als der Arbeitslohn.<\/p><p>Dieses IAB-Rechenmodell bezieht aber die M&ouml;glichkeit, etwa den Abstand zu den niedrigsten L&ouml;hnen mit einem Mindestlohn zu stabilisieren, nicht mit ein. Keine Rede ist dort auch davon, dass nur Erwerbst&auml;tigkeit die eventuelle Chance bietet, wieder in h&ouml;here Einkommensgruppen aufzusteigen, und auch dies eine Motivation f&uuml;r Arbeit sein kann. Das IAB-Mikrosimulationsmodell basiert auf dem neoliberalen Menschenbild des homo oeconomicus. Mit der Wirklichkeit hat es kaum etwas zu tun. <\/p><p><strong>4. Steuern rauf<\/strong><\/p><p>Bevor man sich von den Zerrbildern, die &uuml;ber die Steuerpl&auml;ne der Linkspartei verbreitet werden, in einen &bdquo;kollektiven Schockzustand&ldquo; versetzen l&auml;sst, sollte man deren <a href=\"http:\/\/die-linke.de\/fileadmin\/download\/parteivorstand\/2008\/beschluss_42-2008_msteuerkonzept.pdf\">Steuerkonzept [PDF &ndash; 68 KB]<\/a> einfach einmal &uuml;berfliegen.<\/p><p>Selbst das von der Rheinischen Post zitierte Deutsche Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung (DIW) spricht sich f&uuml;r eine Wiederbelebung der Verm&ouml;genssteuer aus. Bei einer Belastung auf der H&ouml;he des Durchschnittsniveaus anderer europ&auml;ischer L&auml;nder k&ouml;nnte nach Berechnungen dieses Instituts die Finanzverwaltung dadurch <a href=\"?p=4084\">25 Milliarden mehr einnehmen<\/a>. Dabei wurde allerdings nur die abgeschaffte allgemeine pers&ouml;nliche Verm&ouml;genssteuer diskutiert und nicht das betriebliche Verm&ouml;gen.  <\/p><p>Eine Anhebung der Verm&ouml;genssteuer w&auml;re alles andere als eine Umverteilung sondern allenfalls eine R&uuml;ckverteilung, denn das gleiche Institut hat n&auml;mlich unl&auml;ngst auch die Verm&ouml;gensumverteilung von 2002 bis 2007 ermittelt. Danach entfallen vom deutschen Netto-Gesamtverm&ouml;gen in H&ouml;he von 6,6 Billionen Euro<\/p><ul>\n<li>auf die obersten 20% der Bev&ouml;lkerung in 2007 80,1% (2002: 77,8%)<\/li>\n<li>auf die unteren 60% der Bev&ouml;lkerung in 2007 2,8% (2002: 3,3%)<\/li>\n<li>auf die unteren 10% der Bev&ouml;lkerung in 2007 -1,6% (2002: -1,2%).<\/li>\n<\/ul><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.fr-online.de\/_em_daten\/_hermes\/2009\/01\/21\/090121_1700_wirnettovermoeg2.jpg\" alt=\"Nettoverm&ouml;gen\" title=\"\"><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/fr\/top_news\/?em_cnt=1663126&amp;em_src=637818&amp;em_ivw=fr_topnews\">FR<\/a> <\/p><p>Ob es nun richtig ist, dass eine Erhebung der Verm&ouml;genssteuer wie in Gro&szlig;britannien im Jahr 90 Milliarden (und nicht 100 Milliarden wie die RP schreibt) mehr ins Staatss&auml;ckel br&auml;chte, kann ich nicht nachrechnen. Nach Angaben der gewiss wirtschaftsfreundlichen OECD gilt Folgendes:<\/p><p>Die Einnahmen aus Substanzsteuern (Grund-, Verm&ouml;gens-, Schenkungs- und Erbschaftssteuer) lagen in Deutschland stabil bei 0,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und damit bei weniger als bei der H&auml;lfte des OECD-Schnitts von zwei Prozent (2006). Von den untersuchten Staaten nehmen nur Mexiko, Tschechien, Ungarn und die Slowakei weniger aus diesen Steuern auf Verm&ouml;gen ein. Dies seien aber alles L&auml;nder mit einem deutlich geringeren Verm&ouml;gensbestand als Deutschland, betont die OECD. Weit mehr verlangen vergleichbare Nationen wie Gro&szlig;britannien, die USA, Japan oder die Schweiz von ihren Reichen. Zum gesamten Steueraufkommen tragen Verm&ouml;genssteuern beispielsweise in den Vereinigten Staaten mehr als viermal so viel bei wie hier zu Lande. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.fr-online.de\/_em_daten\/_hermes\/2008\/10\/15\/081015_1616_wirsteuern.jpg\" alt=\"Steuern auf Verm&ouml;gen\" title=\"\"><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/fr\/in_und_ausland\/wirtschaft\/aktuell\/?em_cnt=1613962&amp;em_src=601458&amp;em_ivw=fr_wirstart\">FR<\/a> <\/p><p>&Auml;hnliches wie f&uuml;r die Verm&ouml;genssteuer gilt in Deutschland auch f&uuml;r die Erbschaftssteuer: Vererbtes Verm&ouml;gen gab es 2005 (gesch&auml;tzt) rund 150 Mrd. &euro;. Davon betrug die Abgabenquote 2,5 %. Der Staat nahm 3,8 Mrd. &euro; Erbschaftssteuer ein. Nur in der Schweiz, &Ouml;sterreich und D&auml;nemark ist unter den Industriel&auml;ndern der Steuersatz niedriger als in Deutschland. In den USA ist sie drei Mal h&ouml;her als bei uns, dort betr&auml;gt der Anteil der Erbschaftssteuern immerhin 1,3 Prozent des Steueraufkommens, in Deutschland 0,4 Prozent.<\/p><p>Das gleiche gilt f&uuml;r die Polemik gegen eine Erh&ouml;hung des Spitzensteuersatzes:<br>\nW&auml;hrend der Regentschaft von Helmut Kohl lag der Spitzensteuersatz bei 53%. Diesen m&ouml;chte die Linkspartei nun wieder einf&uuml;hren. Allerdings m&uuml;ssten die Betroffenen erst ab einem Einkommen von 65.000 Euro den H&ouml;chstsatz zahlen, zu Kohls Zeiten langte der Fiskus schon deutlich fr&uuml;her zu.<\/p><p>Es ist interessant dagegen einmal das Modell der FDP zu stellen: Die Partei, die mit dem Motto &bdquo;Leistung muss sich wieder lohnen&ldquo; antritt schl&auml;gt einen Steuersatz von zehn Prozent bis zu einem Einkommen von 20.000 Euro vor. Bis 50.000 Euro sollen es 25 Prozent sein. Dar&uuml;ber greift der Spitzensteuersatz von 35 Prozent. Die S&auml;tze gelten aber stets nur f&uuml;r den entsprechenden Teil des Einkommens. Wer zum Beispiel 70.000 Euro im Jahr verdient, zahlt f&uuml;r die ersten 20.000 Euro seines Einkommens nur zehn Prozent, f&uuml;r die n&auml;chsten 30.000 Euro 25 Prozent und nur f&uuml;r die obersten 20.000 Euro 35 Prozent.<br>\nWie viel dieses Steuermodell kostet hat die Rheinische Post bisher leider nicht nachgerechnet.<\/p><p>Weiter wird in der Rheinischen Post geschrieben, die Abgabenlast l&auml;ge laut EU-Kommission bei knapp 40%. Allerdings gibt die Bundesregierung selbst nur 35,7% an, gegen&uuml;ber 44,5 in Frankreich, 42,7% in Italien, 43,6% in Norwegen oder gar 50,1% in Schweden. Selbst das wirtschaftsliberale <a href=\"upload\/pdf\/090525_Kindereit_Steuerdschungel.pdf\">Gro&szlig;britannien liegt mit 35,7% &uuml;ber Deutschland [PDF \/ S. 16 \/ 550 KB]<\/a>. <\/p><p>Wenn die Rheinische Post Lafontaine vorh&auml;lt, er zitiere eine OECD-Statistik, die die neuen EU-Mitglieder im Osten nicht ber&uuml;cksichtige, so h&auml;tte sie hinzuf&uuml;gen sollen, dass einige dieser L&auml;nder &ndash; auch dank des Steuerdumpings &ndash; inzwischen vor dem Staatsbankrot stehen.<\/p><p>Typischerweise zitiert die Rheinische Post die <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/320_91457.html\">Mittelstands- und Unternehmerlobbytruppe<\/a> des sog. Bundes der Steuerzahler, wonach ein normaler Familienvater (Bruttoverdienst: 4000 Euro) schon heute laut Steuerzahlerbund von jedem Einkommens-Euro 53 Cent beim Fiskus und den Sozialkassen abgebe. Mit dieser Meldung kommt diese Lobbyorganisation jedes Jahr zum sog. &bdquo;Steuerzahlergedenktag&ldquo;. Da werden dann munter alle Steuerarten von der Lohn-, &uuml;ber die Mehrwert- und sonstige Steuern mit den Sozialabgaben addiert und auch noch die Beitr&auml;ge der Arbeitnehmer an die gesetzlichen Renten-, Kranken-, Pflege und Arbeitslosenversicherung &bdquo;dem Staat&ldquo; zugeschlagen.<\/p><p>Die Arbeitnehmer m&uuml;ssten aber eher erheblich mehr bezahlen, wenn sie sich gegen Krankheit und f&uuml;r das Alter privat absichern m&uuml;ssten. Den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern blieben also erheblich weniger &bdquo;netto &uuml;brig&ldquo;.<\/p><p>In der Rheinischenpost wird behauptet: <em>&bdquo;Schon heute flie&szlig;t jeder dritte erwirtschaftete Euro in soziale Leistungen, von Hartz-IV &uuml;ber Baf&ouml;g bis zum Elterngeld. Insgesamt 754 Milliarden Euro. Zum Vergleich: 1990 waren es noch 338 Milliarden Euro.&ldquo;<\/em><br>\nDabei wird allerdings verschwiegen, dass die Sozialausgaben im Verh&auml;ltnis zur Wirtschaftsleistung im Jahr 2008 mit 29 Prozent sogar die niedrigsten seit 1991 waren. Seit 2003 wurden sie um &uuml;ber <a href=\"?p=4092\">drei Prozentpunkte gedr&uuml;ckt<\/a>.<\/p><p>Was dabei gleichfalls unterschlagen wird, ist die Tatsache, dass der Staatsanteil an den Sozialausgaben nur bei 37,9% liegt, der Arbeitnehmeranteil auf 26,9% gestiegen und der Arbeitgeberanteil auf 33,3% gesunken ist. Es wird immer wieder so getan, als ob die Leistungen aus der gesetzlichen (und eben nicht staatlichen) Arbeitslosenversicherung und der gesetzlichen (und eben nicht staatlichen) Rentenversicherung (finanziert mit 74% aus Beitr&auml;gen und zu 26% aus staatlichen Zusch&uuml;ssen) vom Staat finanziert w&uuml;rden.  <\/p><p>Im &Uuml;brigen liegt die Sozialleistungsquote am BIP nur knapp &uuml;ber dem Durchschnitt der EU-15.<\/p><p>Die Behauptung der Rheinischen Post, dass das Aufbl&auml;hen des Sozialstaats &bdquo;immer eine Negativ-Spirale&ldquo; ausl&ouml;se, weil die Kaufkraft der B&uuml;rger sinke, ist volkwirtschaftlich v&ouml;lliger Bl&ouml;dsinn: Die sozialen Umverteilungsmechanismen pumpen n&auml;mlich zuverl&auml;ssig Tag f&uuml;r Tag Milliarden in den Wirtschaftskreislauf und tragen so erheblich zur St&auml;rkung der Binnennachfrage bei. Sie sorgen daf&uuml;r, dass Hartz-IV-Empf&auml;nger, Kurzarbeiter und Rentner einkaufen gehen k&ouml;nnen, sie machen z.B. das Gesundheitssystem mit 4,4 Millionen Besch&auml;ftigten zum krisenfesten Jobmotor.<\/p><p>Die Rheinische Post behauptet das Programm der Linkspartei w&uuml;rde j&auml;hrliche Mehrausgaben von 300 Milliarden Euro nach sich ziehen. Minister Gabriel sprach unl&auml;ngst von 220 Milliarden. Belegt wird diese Behauptung eigentlich nie. Aber welcher Betrag auch immer genannt wird, der Zweck ist immer der gleiche: Man verteidigt, das Weiter-so und verweist jede Alternative als Weg in den Untergang. Vor zwei Jahren hat die SPD-Bundestagsfraktion sich wenigstens einmal der M&uuml;he unterzogen die Forderungen der Fraktion der Linken einmal zu berechnen, sie kam damals auf Kosten von 154,7 Milliarden Euro. Ich habe damals die Plausibilit&auml;t dieser Angaben einmal &uuml;berpr&uuml;ft und kam zu dem Ergebnis, dass die Hochrechnung der SPD alles andere als seri&ouml;s ist. F&uuml;r diejenigen, die sich daf&uuml;r im Detail interessieren nochmals der Hinweis: <a href=\"?p=2588\">&bdquo;Die Linkspartei und das Geld&ldquo; &ndash; Anmerkungen zu einem Argumentationspapier der SPD-Bundestagsfraktion.<\/a> <\/p><p><strong>Mein Fazit:<\/strong> Die Rheinische Post (und sie ist nur ein Medium unter Vielen) betreibt eine Kampagne gegen alle politischen Kr&auml;fte, die eine Alternative zum Weiter-so anstreben. Alle Angaben in diesem Beitrag sind aus ideologisch einseitigen Quellen. Eine solche Kampagne betrifft keineswegs nur die Partei Die Linke, sondern auch die SPD und die Gr&uuml;nen. Der Beitrag &bdquo;So viel kosten die Pl&auml;ne der Linken&ldquo; ist ein typisches Beispiel daf&uuml;r, was Albrecht M&uuml;ller eine Steuerung der Parteien von au&szlig;en nennt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele unserer Leserinnen und Leser haben uns gebeten, der Polemik in der Rheinischen Post unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.rp-online.de\/public\/article\/politik\/deutschland\/752725\/So-viel-kosten-die-Plaene-der-Linken.html\">&bdquo;So viel kosten die Pl&auml;ne der Linken&ldquo;<\/a> einmal etwas genauer nachzugehen. Darin wird behauptet, die Vorschl&auml;ge der Partei Die Linke seien finanzpolitisch unseri&ouml;s oder unbezahlbar. Damit wird &ndash; wie &uuml;blich &ndash; der Vorwurf der Unseriosit&auml;t und des<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4174\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,1,195,137],"tags":[290,317,487,214,301,1038,488],"class_list":["post-4174","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-das-kritische-tagebuch","category-die-linke","category-steuern-und-abgaben","tag-binnennachfrage","tag-mindestlohn","tag-produktivitaet","tag-regelsatz","tag-rentenalter","tag-rheinische-post","tag-steuererhoehungen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4174","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4174"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4174\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20204,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4174\/revisions\/20204"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4174"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4174"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4174"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}