{"id":41774,"date":"2018-01-04T09:16:42","date_gmt":"2018-01-04T08:16:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41774"},"modified":"2020-09-14T12:22:09","modified_gmt":"2020-09-14T10:22:09","slug":"trumps-forderungen-an-nato-buendnispartner-muss-deutschland-den-ruestungshaushalt-auf-2-des-bruttoinlandsprodukts-erhoehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41774","title":{"rendered":"Trumps Forderungen an Nato-B\u00fcndnispartner &#8211; Muss Deutschland den R\u00fcstungshaushalt auf 2 % des Bruttoinlandsprodukts erh\u00f6hen?"},"content":{"rendered":"<p>In der &ouml;ffentlichen Debatte wird die Forderung, die R&uuml;stungs- und Milit&auml;rausgaben auf einen Betrag zu erh&ouml;hen, der zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht, in den allermeisten F&auml;llen schlicht als gegeben dargestellt. Aber hat diese Forderung &uuml;berhaupt eine v&ouml;lkerrechtliche Basis? Ist sie gar verpflichtend, wie beispielsweise die im Grundgesetz verankerte &bdquo;Schuldenbremse&ldquo;? Der ehemalige Richter am Bayerischen Verwaltungsgerichtshof <strong>Peter Vonnahme<\/strong> ist diesen Fragen f&uuml;r die NachDenkSeiten einmal nachgegangen und kommt zu einem interessanten Ergebnis &ndash; die Zwei-Prozent-Forderung basiert keinesfalls auf verbindlichen Vertr&auml;gen oder Absprachen, sondern ist vielmehr eine blo&szlig;e Absichtserkl&auml;rung. Das ist vor allem vor dem Hintergrund interessant, da andere Absichtserkl&auml;rungen, wie beispielsweise die gescheiterten Millenniums-Entwicklungsziele, die eine Erh&ouml;hung der Entwicklungshilfeausgaben auf 0,7% des Bruttoinlandsprodukts vorsahen, wie selbstverst&auml;ndlich politisch und medial ignoriert wurden und niemand sich Sorgen machte, dass man damit &bdquo;vertragsbr&uuml;chig&ldquo; wird. <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1517\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-41774-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180104_Trumps_Forderungen_an_Nato_Buendnispartner_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180104_Trumps_Forderungen_an_Nato_Buendnispartner_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180104_Trumps_Forderungen_an_Nato_Buendnispartner_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180104_Trumps_Forderungen_an_Nato_Buendnispartner_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=41774-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180104_Trumps_Forderungen_an_Nato_Buendnispartner_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180104_Trumps_Forderungen_an_Nato_Buendnispartner_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Staats- und Regierungschefs der Nato-Staaten haben bei ihrem Treffen im September 2014 in Wales Ziele f&uuml;r die k&uuml;nftige Milit&auml;rpolitik formuliert. Hierbei wurden sie von folgenden &Uuml;berlegungen geleitet (&bdquo;&hellip; we are guided by the following considerations&ldquo;):<\/p><p>B&uuml;ndnispartner, deren Milit&auml;rausgaben unter 2 % ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegen, werden<\/p><ul>\n<li>die Verteidigungsausgaben nicht weiter k&uuml;rzen;<\/li>\n<li>darauf abzielen, die realen Verteidigungsausgaben im Rahmen des BIP-Wachstums zu erh&ouml;hen;<\/li>\n<li>darauf abzielen, sich innerhalb von zehn Jahren auf den Richtwert von 2 % zuzubewegen (&bdquo;&hellip; aim to move towards the 2 % guideline within a decade&ldquo;).<\/li>\n<\/ul><p>Die schrittweise Erh&ouml;hung der Milit&auml;rausgaben wurde unter dem Eindruck der Ukrainekrise &ndash; gewisserma&szlig;en als Mahnung an Russland &ndash; beschlossen. An den tats&auml;chlichen Milit&auml;rausgaben &auml;nderte sich in der Folgezeit jedoch nichts Wesentliches. Erst als der neue US-Pr&auml;sident Trump die weitere B&uuml;ndnistreue der USA mit dem Zwei-Prozent-Ziel von Wales verkn&uuml;pfte, erh&ouml;hte sich der Druck auf die Verb&uuml;ndeten, die Zusage einzuhalten. Die US-Administration ist der Auffassung, dass alle Nato-L&auml;nder die zwei Prozent wirklich erreichen m&uuml;ssen. <\/p><p>In Deutschland sind die Meinungen geteilt. Es droht deshalb Streit &uuml;ber die Ausrichtung der Milit&auml;rpolitik f&uuml;r die n&auml;chsten Jahre. &bdquo;Wir m&uuml;ssen einen vern&uuml;nftigen qualitativen Beitrag leisten, damit andere &ndash; jenseits des Atlantiks &ndash; bereit sind, sich zu engagieren&ldquo;, zitierten Teilnehmer einer Verteidigungsausschusssitzung die Kanzlerin (<em>Bild<\/em>, 14.1.16). Verteidigungsministerin von der Leyen wies k&uuml;rzlich Kritik aus der SPD-Spitze an der geplanten massiven Erh&ouml;hung der deutschen Milit&auml;rausgaben zur&uuml;ck. Alice Weidel, Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, unterst&uuml;tzt das Zwei-Prozent-Ziel: &ldquo;Deutschland muss deutlich mehr investieren in die Landesverteidigung. Und wir m&uuml;ssen unseren internationalen Verpflichtungen nachkommen&ldquo; (<em>FAZ<\/em>, 7.8. 2017). FDP und Gr&uuml;ne verweisen auf die internationale Verantwortung Deutschlands, legen sich aber mit Blick auf die 2 % nicht detailliert fest. Dietmar Bartsch, Co-Vorsitzender der Linksfraktion, sagt: &ldquo;Wir finden dieses Zwei-Prozent-Ziel v&ouml;llig inakzeptabel (<em>mdr aktuell<\/em>, 5.9.2017). <\/p><p>Deutschland liegt trotz steigender Verteidigungsausgaben (2017: 37 Mrd. &euro;) derzeit bei etwa 1,23 % des BIP. Nach <em>ZEIT ONLINE<\/em> vom 18.2.2017 m&uuml;sste Deutschland bei einem angenommenen j&auml;hrlichen Wirtschaftswachstum von 2 % im Jahr 2024 mehr als 75 Mrd. &euro; f&uuml;r Verteidigung ausgeben, um das Ziel zu erreichen. Das liegt daran, dass eine Ausgabenerh&ouml;hung nur dann den Prozentsatz erh&ouml;ht, wenn sie das Wirtschaftswachstum &uuml;bertrifft. Im &Uuml;brigen verkennt die Fixierung auf eine Prozentzahl f&uuml;r Milit&auml;rausgaben die Bausteine einer friedensorientierten Sicherheitspolitik. Eine solche ersch&ouml;pft sich n&auml;mlich nicht in Ausgaben f&uuml;r R&uuml;stung. Vielmehr verlangt sie Entwicklungszusammenarbeit, Verst&auml;ndigungswillen, internationale Dialogbereitschaft und Beachtung des V&ouml;lkerrechts.<\/p><p>Interessant an den &Uuml;berlegungen der politischen Parteien ist, dass nur &uuml;ber Notwendigkeit, Zweckm&auml;&szlig;igkeit, Umfang und Finanzierbarkeit des Nato-Aufr&uuml;stungsplans gestritten wird. Die vorrangige Frage, ob Deutschland durch die Zielsetzung von Wales &uuml;berhaupt verpflichtet ist, das Zwei-Prozent-Ziel anzustreben, bleibt uner&ouml;rtert.<\/p><p><strong>Rechtliche Bewertung<\/strong><\/p><p>Politik- und Rechtswissenschaftler sind sich einig, dass die Zwei-Prozent-Zielvorgabe der Nato <strong>keine rechtliche Bindungswirkung<\/strong> entfaltet. Begr&uuml;ndet wird dies vor allem mit der Entwicklungsgeschichte der Nato und mit Aussagen ma&szlig;geblicher Politiker. Prozentvorgaben wie in der Abschlusserkl&auml;rung von Wales seien eine politische Willensbekundung (&bdquo;non-binding requirement&ldquo;, &bdquo;gentlemen&rsquo;s agreement&ldquo;, &bdquo;informal benchmark&ldquo;). Sie enthielten jedoch keine bindende Verpflichtung der Mitgliedstaaten (vgl. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, WD 2 &ndash; 3000 &ndash; 034\/17 vom 21. M&auml;rz 2017).<\/p><ul>\n<li>Diese Bewertung wird durch den Wortlaut der Waliser Erkl&auml;rung gest&uuml;tzt. Dort ist n&auml;mlich nur von &Uuml;berlegungen (considerations) die Rede und davon, dass die B&uuml;ndnispartner auf einen bestimmten &bdquo;Richtwert&hellip;  abzielen&ldquo;  (aim to &hellip; guideline). Eine Textform wie sie f&uuml;r bindende Vertr&auml;ge &uuml;blich ist (z.B. &bdquo;Die Parteien verpflichten sich&ldquo;) fehlt vollkommen. Au&szlig;erdem fehlen jegliche Regeln f&uuml;r den Fall der Nichteinhaltung von Abreden. Die Gipfelerkl&auml;rung hat somit schon von der Sprachform her den Charakter einer blo&szlig;en Absichtserkl&auml;rung.<\/li>\n<li>Eine solche Auslegung entspricht auch dem Geist des Nato-Vertrags. Nach dessen Artikel 5 werden die Mitgliedstaaten nicht verpflichtet, einen bestimmten Anteil ihres BIP f&uuml;r Verteidigung aufzuwenden. Vielmehr leistet jeder B&uuml;ndnispartner im Falle eines bewaffneten Angriffs &bdquo;Beistand&ldquo; durch Ma&szlig;nahmen, die er f&uuml;r erforderlich h&auml;lt. Konkrete Milit&auml;rbeitr&auml;ge oder gar Verpflichtungen zur Aufr&uuml;stung sind nicht vereinbart.<\/li>\n<li>Auch im Innenverh&auml;ltnis ist der Beschluss von Wales f&uuml;r Deutschland nicht bindend. Die Unterschriften von Merkel und Steinmeier auf dem Dokument von Wales zielen auf wesentliche  Festlegungen f&uuml;r die deutsche Milit&auml;rpolitik ab und greifen zudem tief in die Haushaltspolitik des Bundes f&uuml;r die kommenden Jahre ein. Solche Entscheidungen fallen in die Zust&auml;ndigkeit des Parlaments. Solange der Bundestag den Selbstverpflichtungen nicht zustimmt, sind sie unwirksam.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Sicherheitspolitische Betrachtung<\/strong><\/p><p>Eine Verpflichtung von B&uuml;ndnispartnern zur Erh&ouml;hung der Milit&auml;rausgaben ist &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; nur dann nachvollziehbar, wenn das B&uuml;ndnis seinen vermeintlichen Gegnern milit&auml;risch unterlegen ist. Das ist aber nicht der Fall. Denn die Milit&auml;rausgaben der USA f&uuml;r 2016 (611 Mrd. $) sind fast neunmal h&ouml;her als die Russlands (69 Mrd. $). Die Gesamtaufwendungen aller 28 Nato-Staaten belaufen sich auf 918 Mrd. $; hieraus errechnet sich im Vergleich zu Russland sogar eine 13-fache &Uuml;berlegenheit des Nato-Milit&auml;rbudgets. Auch die Milit&auml;raufwendungen der zweitgr&ouml;&szlig;ten Milit&auml;rmacht China (gesch&auml;tzte 215 Mrd. $) liegen um den Faktor 3 unter denen der USA.<\/p><p>Wenngleich Geldeinsatz nicht mit milit&auml;rischer Effizienz gleichzusetzen ist, lassen die Zahlen dennoch unschwer erkennen, dass die von Trump geforderten Steigerungsraten nicht plausibel sind. Der Umstand, dass die USA wegen ihrer gr&ouml;&szlig;tenteils v&ouml;lkerrechtswidrigen Kriege seit Jahren sehr hohe R&uuml;stungsausgaben leisten m&uuml;ssen (aktuell 3,3 % des BIP), ist kein hinreichender Grund, von anderen Staaten &Auml;hnliches zu fordern. Sinnvoll w&auml;re vielmehr, durch eine auf Verst&auml;ndigung und Ausgleich bedachte Politik die Notwendigkeit &uuml;berh&ouml;hter R&uuml;stungs&shy;anstrengungen zu vermindern.<br>\nSoweit erkennbar, spielten diese &Uuml;berlegungen bei den &bdquo;Jamaica&ldquo;- Sondierungsgespr&auml;chen zur Bildung einer Bundesregierung keine nennenswerte Rolle. Deshalb ist es jetzt im Vorfeld neuer Verhandlungsrunden notwendig, dass eine breite &ouml;ffentliche Diskussion &uuml;ber diese Problematik die Verhandlungsparteien CDU\/CSU und SPD zu einer klaren inhaltlichen Positionierung zwingt. Die einsparbaren Haushaltsmittel lassen sich an anderer Stelle zur Sicherung des inneren und &auml;u&szlig;eren Friedens sinnvoller einsetzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der &ouml;ffentlichen Debatte wird die Forderung, die R&uuml;stungs- und Milit&auml;rausgaben auf einen Betrag zu erh&ouml;hen, der zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht, in den allermeisten F&auml;llen schlicht als gegeben dargestellt. Aber hat diese Forderung &uuml;berhaupt eine v&ouml;lkerrechtliche Basis? Ist sie gar verpflichtend, wie beispielsweise die im Grundgesetz verankerte &bdquo;Schuldenbremse&ldquo;? Der ehemalige Richter am Bayerischen Verwaltungsgerichtshof<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41774\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,172,11],"tags":[466,1367,259,1800,1556,1703],"class_list":["post-41774","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-aufruestung","category-strategien-der-meinungsmache","tag-nato","tag-ruestungsausgaben","tag-russland","tag-trump-donald","tag-usa","tag-voelkerrecht"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41774","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=41774"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41774\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":64789,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41774\/revisions\/64789"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=41774"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=41774"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=41774"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}