{"id":41787,"date":"2018-01-05T13:08:07","date_gmt":"2018-01-05T12:08:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41787"},"modified":"2018-01-19T10:37:25","modified_gmt":"2018-01-19T09:37:25","slug":"das-grundeinkommen-ist-kein-no-brainer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41787","title":{"rendered":"Das Grundeinkommen ist kein \u201eNo-Brainer\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ich sch&auml;tze ja sowohl <a href=\"http:\/\/jungundnaiv.de\">Tilo Jung<\/a> als auch <a href=\"http:\/\/blog.fefe.de\">Fefe<\/a> ungemein. Umso mehr war ich dann doch verwundert, dass beide in einem ansonsten auch sehr interessanten <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=jROuVtMcHas&amp;t=4234s\">Interview<\/a> am Rande des letzten CCC in Leipzig das bedingungslose Grundeinkommen derart unkritisch betrachteten. Fefe rang sich sogar zu der Aussage durch, das Grundeinkommen sei doch eigentlich ein &bdquo;No-Brainer&ldquo;. Nun besch&auml;ftigen wir von den NachDenkSeiten uns ja schon <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=31\">l&auml;nger kritisch mit dem Thema<\/a> und wissen, dass dies keineswegs der Fall ist und auch prominente &Ouml;konomen wie <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Das-Grundeinkommen-ist-ein-Irrweg-3396465.html\">Heiner Flassbeck<\/a> oder der Politikwissenschaftler und Armutsforscher Christoph Butterwegge <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26307\">lehnen<\/a> ein Grundeinkommen kategorisch ab. Thilo und Fefe sind ja auch keine Einzelf&auml;lle. Immer wieder trifft man auf j&uuml;ngere, meist technikaffine Menschen, die &auml;hnlich denken und das Grundeinkommen als alternativlos betrachten. Vielleicht ist es Zeit, die Debatte kritisch neu zu beleben? Denn ein &bdquo;No-Brainer&ldquo; ist das Grundeinkommen ganz sicher nicht. Von <strong>Jens Berger<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6717\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-41787-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180105_Das_Grundeinkommen_ist_kein_No_Brainer_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180105_Das_Grundeinkommen_ist_kein_No_Brainer_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180105_Das_Grundeinkommen_ist_kein_No_Brainer_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180105_Das_Grundeinkommen_ist_kein_No_Brainer_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=41787-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180105_Das_Grundeinkommen_ist_kein_No_Brainer_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180105_Das_Grundeinkommen_ist_kein_No_Brainer_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Die &bdquo;Modellfrage&ldquo; &ndash; mehr als eine Petitesse<\/strong><\/p><p>Wenn zwei Experten &uuml;ber das Grundeinkommen sprechen, meinen sie oft drei verschiedene <a href=\"https:\/\/www.grundeinkommen.de\/die-idee\/finanzierungsmodelle\">Modelle<\/a>. Dabei ist Grundeinkommen beileibe nicht gleich Grundeinkommen. Das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liberales_B%C3%BCrgergeld\">&bdquo;Liberale B&uuml;rgergeld&ldquo;<\/a> der FDP ist beispielsweise nicht bedingungslos, da es sich nur an Bed&uuml;rftige richtet, das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Solidarisches_B%C3%BCrgergeld\">&bdquo;Solidarische B&uuml;rgergeld&ldquo;<\/a>, das u.a. vom &Ouml;konomen Straubhaar und vom CDU-Politiker Althaus vertreten wird, ist eher die maskierte Einf&uuml;hrung des Kombilohn-Modells, bei dem Arbeitgeber Lohnzusch&uuml;sse f&uuml;r Angestellte im Niedriglohnbereich bekommen sollen. Von den bekannteren Modellen erf&uuml;llen vor allem <a href=\"http:\/\/www.unternimm-die-zukunft.de\/de\/zum-grundeinkommen\/\">das Modell des Drogerie-Unternehmers G&ouml;tz Werner<\/a> und das Modell des <a href=\"https:\/\/www.die-linke-grundeinkommen.de\/fileadmin\/lcmsbaggrundeinkommen\/Konzepte\/2014-Sozialdividende-inklusive-NES-BAG-Konzept.pdf\">&bdquo;emanzipatorischen Grundeinkommens&ldquo;<\/a>, das in Teilen der Linkspartei Freunde hat [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>], die gesetzten Definitionen. Danach muss ein bedingungsloses Grundeinkommen allgemein und bedingungslos sein, also jedermann ohne Beleg der Bed&uuml;rftigkeit zustehen, und dabei eine H&ouml;he haben, die ausreicht, um die grunds&auml;tzlichen Lebenshaltungskosten ohne zus&auml;tzliche Einkommen zu bestreiten. <\/p><p>Gro&szlig;e Unterschiede gibt es vor allem bei der Finanzierung. Das Werner-Modell setzt beispielsweise auf eine komplette Umgestaltung des Steuersystems hin zu einer massiv erh&ouml;hten Konsumsteuer und das emanzipatorische Grundeinkommen soll sich vor allem &uuml;ber h&ouml;here Einkommenssteuern tragen. Nicht minder klein sind die Differenzen bei der Frage, welche Sozialsysteme wie durch ein Grundeinkommen ersetzt werden sollen. Das Werner-Modell will s&auml;mtliche Sozialsysteme bis hin zur Rentenversicherung und Krankenversicherung abschaffen, w&auml;hrend das emanzipatorische Grundeinkommen eine solidarische B&uuml;rgerversicherung vorsieht, die neben dem Grundeinkommen existieren soll und zumindest gedanklich die alten Sozialsysteme weiterf&uuml;hrt. Klar, dass sich hier vor allem die Finanzierungsfrage stellt.<\/p><p>Und als sei dies noch nicht kompliziert genug, gibt es auch innerhalb der jeweiligen Modelle noch teils diametrale Unterschiede. Sollen nur Erwachsene ein Grundeinkommen beziehen? Bekommen es nur deutsche Staatsb&uuml;rger oder alle Bewohner Deutschlands? Und wie vertr&auml;gt sich dies mit der Forderung nach offenen Grenzen? Ist ein Grundeinkommen regional, national oder nur global umsetzbar? Und auch bei grunds&auml;tzlichen Fragen der Besteuerung und des Umgangs mit grenz&uuml;berschreitendem Handel gibt es einen ganzen Strau&szlig; an Positionen. Es gibt also nicht &bdquo;das Grundeinkommen&ldquo;, sondern unz&auml;hlige Ans&auml;tze, die teils grundverschieden sind. Allein daher kann &bdquo;das Grundeinkommen&ldquo; schon kein &bdquo;No-Brainer&ldquo; sein. <\/p><p><strong>Das Robin-Hood-Prinzip<\/strong><\/p><p>Traditionell kommt die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens aus der neoliberalen Ecke. So war es Milton Friedman, der in den 1960ern mit seiner <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/blob\/426626\/dc78194456a469dd4d3064a804619069\/wd-5-184-08-pdf-data.pdf\">&bdquo;negativen Einkommenssteuer&ldquo;<\/a> das Grundeinkommen popul&auml;r machte &ndash; &bdquo;erfunden&ldquo; wurde dieses Konzept zwei Jahrzehnte vorher von der nationalliberalen Politikerin Juliet Rhys-Williams, die damit die Sozialversicherung der Labour Partei torpedieren wollte. Damals wie heute ist das BGE vor allem ein Konzept der wirtschaftsliberalen Kreise. Dass das BGE &uuml;berhaupt einige Anh&auml;nger aus dem linken Lager hat, ist wohl der Vorstellung zu verdanken, dass das BGE von &bdquo;denen da oben&ldquo; finanziert werden k&ouml;nnte. Doch so einfach ist das nicht. Laut Einkommensteuerstatistik gibt es in Deutschland 1,27 Mio. Haushalte mit Brutto-Eink&uuml;nften von mehr als 100.000 Euro pro Jahr. Zusammengenommen erzielen diese Haushalte Eink&uuml;nfte in H&ouml;he von 270 Mrd. Euro pro Jahr. Selbst wenn man diesen Haushalten jeden Euro, der &uuml;ber ein Haushaltsnettoeinkommen von 70.000 Euro hinausgeht, mit 100% besteuern w&uuml;rde, k&auml;me man &bdquo;lediglich&ldquo; auf 181 Mrd. Euro Steuereinnahmen &ndash; 127 Mrd. Euro mehr als heute. Wenn man nicht ganz so radikal vorgeht und durch Steuererh&ouml;hungen die Einkommensteuerbelastung dieser Besserverdiener verdoppeln w&uuml;rde, k&auml;me man auf Zusatzeinnahmen in H&ouml;he von 54 Mrd. Euro. Eine st&auml;rkere Besteuerung von Verm&ouml;gen w&uuml;rden zus&auml;tzlich je nach Sch&auml;tzung zwischen 10 und 25 Mrd. Euro in die Kassen sp&uuml;len.<\/p><p>Selbst bei einer kr&auml;ftigen Mehrbelastung der einkommens- und finanzstarken Haushalte k&auml;me man demnach &bdquo;nur&ldquo; auf m&ouml;gliche Mehreinnahmen im Bereich von rund 100 Mrd. Euro. Das ist sehr viel Geld, aber nur &ndash; je nach Modell &ndash; ein Siebentel bis ein Zehntel des Finanzierungsbedarfs eines bedingungslosen Grundeinkommens.  Die Vorstellung, man k&ouml;nnte ein BGE ausschlie&szlig;lich &bdquo;von denen da oben&ldquo; finanzieren lassen, ist nicht haltbar. Bei der gesamten Debatte sollte man sich also dar&uuml;ber im Klaren sein, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen haupts&auml;chlich von der normalen Bev&ouml;lkerung finanziert werden muss. Kein Robin Hood, so sch&ouml;n das auch w&auml;re.<\/p><p><strong>Die Idee ist ja sympathisch<\/strong><\/p><p>Dass vor allem j&uuml;ngere Freiberufler von der Idee eines Grundeinkommens begeistert sind, ist ja durchaus verst&auml;ndlich. Gerade im kreativen Bereich reichen die mageren Honorare kaum zum &Uuml;berleben, die Auftragssituation ist eher bescheiden und der &bdquo;Luxus&ldquo; der gesetzlichen Sozialsysteme ist vielen Kleinunternehmern und Freiberuflern ohnehin fremd. &Uuml;ber das &bdquo;Hartz-IV-System&ldquo; ist es zwar m&ouml;glich, als sogenannter Aufstocker Zusch&uuml;sse zu bekommen. Aber dann muss man sich auch komplett blank machen, die &Auml;mter pausen- und l&uuml;ckenlos &uuml;ber jeden Zuverdienst und jede kleine &Auml;nderung informieren und ist zudem einem System ausgesetzt, das Sanktionen verh&auml;ngt, wenn man unsinnige Arbeitsangebote ablehnt. Die Vorstellung, alternativ ohne Stress und ohne Rennerei zu den verschiedenen &Auml;mtern einen ordentlichen Sockelbetrag &uuml;berwiesen zu bekommen, den man dann durch die freiberufliche T&auml;tigkeit ausbauen kann, ist verst&auml;ndlicherweise verlockend.<\/p><p>Aber das ist doch einfacher zu haben. Wenn es durch mein Dach tropft, dann rufe ich doch auch erst einmal den Dachdecker und plane nicht gleich den Komplettabriss. Ein simpler Wegfall der Sanktionen des SGB II, eine B&uuml;rgerversicherung mit Steuersubventionen f&uuml;r Geringverdiener und eine Neuregelung der Aufstockerpraxis w&uuml;rde f&uuml;r die gestressten prek&auml;ren Kreativen doch genau die gleichen Effekte haben. Warum sollte man eine gigantische Umverteilungsmaschinerie in Gang setzen, wenn es kleine, &uuml;berlegte Eingriffe in ein sehr gut funktionierendes System auch tun? Das sind doch die sprichw&ouml;rtlichen Kanonen, mit denen man auf Spatzen schie&szlig;t. Aber was genau spricht eigentlich gegen ein Grundeinkommen?<\/p><p><strong>Eine &Uuml;berschlagsrechnung und die gerne vergessenen &bdquo;Zweitrundeneffekte&ldquo;<\/strong><\/p><p>Abseits der soziologischen Betrachtungen stellt die Finanzierbarkeit eines bedingungslosen Grundeinkommens allen Modelldebatten zum Trotz den Knackpunkt bei der Frage der Realisierbarkeit eines Grundeinkommens dar. Hier zeigt bereits eine simple &Uuml;berschlagsrechnung, bei der die Quelle und Art und Weise der Besteuerung erst einmal herausgelassen wird, von welchen Gr&ouml;&szlig;enordnungen wir &uuml;berhaupt sprechen. Deutschland hat etwas &uuml;ber 82 Millionen Einwohner, davon rund 69 Millionen Erwachsene. Wollte man jedem Erwachsenen ein niedrig bemessenes Grundeinkommen von 1.000 Euro pro Monat auszahlen, m&uuml;ssten j&auml;hrlich 828 Milliarden Euro umverteilt werden. Das entspricht mehr als der H&auml;lfte des Arbeitnehmerentgelts, also der Summe der gesamten Bruttolohneink&uuml;nfte plus Sozialabgaben. Nun sagen Bef&uuml;rworter des Grundeinkommens, dass ein normaler Arbeitnehmer ja auch heute schon inklusive der Sozialabgaben die H&auml;lfte seines Bruttoeinkommens in ein Umverteilungssystem einzahlt und man die Bez&uuml;ge aus dem Grundeinkommen dem gegen&uuml;berstellen m&uuml;sse. Das ist jedoch bereits im Kern falsch, da nur Vollzeitbesch&auml;ftigte mit einem akzeptablen Lohn derartige Abz&uuml;ge haben. Beim einem Durchschnittshaushalt betr&auml;gt die Differenz zwischen Brutto und Netto vielmehr weniger als ein Viertel. <\/p><p>Anh&auml;nger des BGE erz&auml;hlen auch gerne, dass bereits heute rund ein Drittel der Wirtschaftsleistung <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2017-08\/sozialbericht-sozialausgaben-andrea-nahles\">in Sozialtransfers geht<\/a> und diese Summe in toto dem Finanzierungsbedarf entspricht. Doch das ist nur eine sehr oberfl&auml;chliche Betrachtung, die unterschl&auml;gt, f&uuml;r was die heutigen &bdquo;Sozialausgaben&ldquo; konkret ausgegeben werden. Bei fast allen BGE-Modellen wird vorausgesetzt, dass die BGE-Leistungen selbst nicht mehr versteuert werden m&uuml;ssen oder durch massiv erh&ouml;hte indirekte Steuern die Kaufkraft nennenswert geschm&auml;lert wird. <\/p><p>Wie ist es heute? Lehrer, die mit Steuergeldern bezahlt werden, zahlen Steuern. Renten sind steuerpflichtig. Ausgaben f&uuml;r Kinderg&auml;rten, Schulen, Fortbildung, Alten- und Krankenpflege und das gesamte Gesundheitssystem produzieren direkt oder indirekt Steuereinnahmen. So flie&szlig;t ein geh&ouml;riger Teil der &bdquo;Sozialausgaben&ldquo; wieder direkt und indirekt in den Staatshaushalt zur&uuml;ck. Will man die BGE-Leistungen komplett steuerfrei stellen, entsteht dadurch auf der Einnahmenseite eine ganz erhebliche L&uuml;cke, die durch h&ouml;here Steuern und Abgaben geschlossen werden m&uuml;sste. Es ist also nicht richtig, dass eine simple Umverteilung der Zahlungsstr&ouml;me keine Auswirkungen auf die Finanzierbarkeit h&auml;tte. &Ouml;konomen sprechen hier gerne von &bdquo;Zweitrundeneffekten&ldquo;. <\/p><p><strong>Prognosen, Rechenmodelle und seri&ouml;se Zahlen sind kaum m&ouml;glich<\/strong><\/p><p>Die Minderung der Steuereinnahmen ist dabei jedoch auch nur ein Faktor von vielen. Wie entwickeln sich beispielsweise die L&ouml;hne? Wie die Preise? Angebot und Nachfrage geraten ja sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auch auf den M&auml;rkten f&uuml;r G&uuml;ter und Dienstleistungen kr&auml;ftig durcheinander. Wenn die Menschen pl&ouml;tzlich mehr Geld in der Tasche haben, steigen selbstverst&auml;ndlich auch die Preise. Auf der anderen Seite hat die Finanzierungsl&uuml;cke einen weiteren Einfluss auf diese Mechanismen. Schlie&szlig;t man sie durch Steuern auf Einkommen, sinkt die Kaufkraft, besteuert man (Stichwort &bdquo;Maschinensteuer&ldquo;) die Produktion, steigen die Kosten und damit die Preise, was zu sinkender Kaufkraft f&uuml;hrt und erh&ouml;ht man last but not least die indirekten, also die Konsumsteuern, sinkt nat&uuml;rlich ebenfalls die Kaufkraft. 1.000 Euro BGE sind also nicht vergleichbar mit 1.000 Euro Kaufkraft vor Einf&uuml;hrung des BGE. <\/p><p>Fefe weist im Interview mit Tilo Jung darauf hin, dass er gerne mal Untersuchungen und Studien sehen w&uuml;rde, die schwarz auf wei&szlig; wissenschaftlich haltbare Prognosen liefern, welche Folgen die Einf&uuml;hrung eines BGE h&auml;tte. Nun ist es aber leider so, dass &ouml;konomische Prognosen hochkomplexe Modellrechnungen sind, die selbst unter konstanten Rahmenbedingungen h&ouml;chst ungenau sind, wie die stets danebenliegenden Wachstumsprognosen des Sachverst&auml;ndigenrates der Bundesregierung ja hervorragend belegen. Prognosen, die derart massive &Auml;nderungen an den Rahmenbedingungen und komplexe Zweitrundeneffekte verarbeiten m&uuml;ssen, sind wohl schlicht nicht m&ouml;glich. Und die Realit&auml;t ist ja noch viel komplizierter. Welchen Einfluss haben h&ouml;here Einkommenssteuern? Was w&uuml;rde eine &bdquo;Maschinensteuer&ldquo; ausl&ouml;sen? Welchen Einfluss haben h&ouml;here Konsumsteuern? Vor allem das Werner-Modell mit seiner 50%-Mehrwertsteuer w&auml;re beispielsweise de facto ein sehr massiver Eingriff in das Wirtschaftssystem, der unter anderem die Kaufkraft radikal senken w&uuml;rde. Was nutzen Ihnen 1.000 Euro, wenn alle G&uuml;ter 50% teurer werden und Sie dazu auch noch rund 200 Euro in eine Krankenversicherung einzahlen m&uuml;ssen? Welchen Effekt hat eine derart hohe Konsumbesteuerung auf unser Wirtschaftssystem? Wie entwickelt sich die Besch&auml;ftigung? All dies seri&ouml;s zu projizieren ist wohl unm&ouml;glich.<\/p><p>Nur werden einige Anh&auml;nger des BGE sagen, es g&auml;be doch regionale Feldversuche, mit denen Forscher die Folgen eines Grundeinkommens empirisch &uuml;berpr&uuml;fen. Ja und nein. Es gibt zahlreiche Feldversuche, aber deren Aussagekraft ist eher bescheiden. Was man mit solchen Versuchen testen kann, sind Teilaspekte. In Finnland hat man beispielsweise in einem regionalen Feldversuch &uuml;berpr&uuml;ft, wie sich ein Grundeinkommen f&uuml;r Langzeitarbeitslose auf deren Vermittlungsquote im Arbeitsmarkt auswirkt. Dies ist sicher f&uuml;r die Forscher interessant, hat aber gar nichts mit einem Grundeinkommen zu tun, da nur eine bestimmte Probandengruppe diese Leistungen bekommt, die &uuml;brigen Sozialsysteme weitergef&uuml;hrt werden und eine derart kleine regionale Stichprobe nat&uuml;rlich keine Zweitrundeneffekte ausl&ouml;st. Selbstverst&auml;ndlich hat man keinem finnischen Probanden die Krankenversicherung gestrichen und seine Kinder aus der Kita oder der Schule geschmissen. Und die BGE-Empf&auml;nger mussten im Supermarkt auch keine h&ouml;here Mehrwertsteuer zahlen. Dass ein Feldversuch, bei dem nur die Schokoladenseite des BGE untersucht wird, auch s&uuml;&szlig;e Ergebnisse liefert, ist klar. <\/p><p><strong>Der Wegfall der alten Sozialsysteme ist definitiv ein &bdquo;Brainer&ldquo;<\/strong><\/p><p>Aber auch abseits der rein fiskalischen Argumente ist der Gedanke falsch, man lenke hier im Endeffekt nur einige Finanzstr&ouml;me um und es g&auml;be keine Verlierer. Denn unter die heutigen Sozialausgaben fallen ja auch Leistungen, die kaum ein BGE-Anh&auml;nger streichen will, wie z.B. die Kosten f&uuml;r Kinderbetreuung, die Schulen und Universit&auml;ten, aber auch einige Zusch&uuml;sse und Subventionen, die gerne bei solchen Gedankenspielen vergessen werden. <\/p><p>Wie sieht es beispielsweise mit der Krankenversicherung aus? Gerade die j&uuml;ngeren urbanen und technikaffinen Freunde eines Grundeinkommens geh&ouml;ren ja oft zu den Profiteuren der Steuerzusch&uuml;sse f&uuml;r die Krankenversicherung, die sich auch in den &bdquo;monet&auml;ren Sozialleistungen&ldquo; verbergen. W&uuml;rde man diese Mittel streichen, m&uuml;ssten auch junge Kreative sich selbst krankenversichern. Und da ja durch Umstellung der Sozialsysteme auf ein einziges BGE dann auch s&auml;mtliche Zusch&uuml;sse zur Krankenversicherung wegfallen, kann man hier schon einen realistischen Betrag von 200 Euro pro Monat als Zusatzkosten verbuchen. Die 1.000 Euro BGE schrumpfen also schon einmal auf 800 Euro. Und wenn man das nun einmal b&ouml;se zu Ende denkt, kann man zugespitzt auch die gr&ouml;&szlig;te denkbare Verliererin eines BGE  pr&auml;sentieren: Eine alleinerziehende Studentin, die f&uuml;r sich und ihr Kind nun volle Krankenversicherungsbeitr&auml;ge, die immensen Kosten f&uuml;r eine unsubventionierte Kita und die Kosten f&uuml;r eine komplett private, staatlich nicht mehr bezuschusste Hochschule bezahlen muss. Ach ja &ndash; Baf&ouml;g-Leistungen, Kinder- und Wohngeld fallen nat&uuml;rlich auch weg, da die ja durch das BGE ersetzt wurden. <strong>Es sind paradoxerweise genau diejenigen, die vordergr&uuml;ndig stets als Musterexemplare f&uuml;r die Einf&uuml;hrung eines BGE herausgesucht werden, die de facto die eigentlichen Verlierer einer solchen Reform w&auml;ren.<\/strong><\/p><p>Gerade das von BGE-Anh&auml;ngern immer gerne als progressiv bezeichnete Finnland bietet hier ein informatives Gegenbeispiel. Bekanntlich haben die Finnen ein sehr vorbildliches Kita- und Schulsystem, das jedoch aufgrund der gebotenen Qualit&auml;t auch ungemein teuer ist. So kostet ein normaler Kita-Platz in Helsinki schon mal 1.300 Euro pro Monat, wobei dank sozialstaatlicher Regulierung die Obergrenze f&uuml;r private Zuzahlungen bei 283 Euro pro Monat liegt. Bei den Schulen sieht es vergleichbar aus. Hinzu kommt, dass sowohl Arbeitslose als auch Haushalte mit niedrigen Einkommen in den Metropolregionen, in denen jeder dritte Finne lebt, ein Anrecht auf Wohngeld haben. Da ist es durchaus verst&auml;ndlich, dass sehr viele Finnen sich kein BGE herbeisehnen, bei dem all diese Leistungen und Zusch&uuml;sse wegfallen w&uuml;rden. <\/p><p><strong>Auch hier gilt, dass nur Reiche von einer Abschaffung des Sozialstaates profitieren.<\/strong> Wer heute schon privat versichert ist, f&uuml;r seine Altersvorsorge nicht auf das gesetzliche Rentensystem angewiesen ist, f&uuml;r seine Kinder ein eigenes Kinderm&auml;dchen hat und sie sp&auml;ter auf eine Privatschule und dann auf eine Privat-Uni schickt, hat durch den Wegfall der Sozialsysteme keine direkten Nachteile. Diese B&uuml;rger k&ouml;nnen sich dann sogar ehrlich &uuml;ber die Leistungen aus dem BGE freuen. Doch gerade sie haben diese Zusch&uuml;sse doch eigentlich gar nicht n&ouml;tig. Diejenigen, die sie n&ouml;tig haben, geh&ouml;ren jedoch zu den gro&szlig;en Verlierern, da sie am st&auml;rksten unter den Streichungen des Sozialsystems leiden. Unser Sozialsystem ist ja eben keine Gie&szlig;kanne, sondern verteilt nach Bedarf um. Klar, dass die Bed&uuml;rftigen unter den Streichungen leiden. Man ersetzt also de facto das Bedarfsprinzip durch eine Gie&szlig;kanne. <\/p><p>Abgesehen davon m&uuml;sste man wohl das Grundgesetz und dabei sogar den Artikel 20 mit Ewigkeitsgarantie abschaffen. Denn eine Abschaffung des Sozialstaates ist mit der Feststellung, dass &bdquo;die Bundesrepublik Deutschland ein demokratischer und sozialer Bundesstaat [ist]&ldquo;, schlicht unvereinbar. Und es geht ja noch weiter. Mit welcher juristischen Begr&uuml;ndung will man dem Menschen die erworbenen Anwartschaften im Rentensystem einfach streichen? Ein Verbleib in der EU ist dann &uuml;brigens auch nicht mehr m&ouml;glich, da es nur sehr schwer vorstellbar ist, dass man die Arbeitnehmerfreiz&uuml;gigkeit, die Niederlassungsfreiheit und den freien Warenverkehr unter diesen Bedingungen aufrechterhalten kann. <\/p><p><strong>Der feuchte Traum des Neoliberalismus<\/strong><\/p><p>Der massive Eingriff und modellbedingt sogar die Abschaffung der Sozialsysteme sind nat&uuml;rlich keine sozialdemokratischen oder gar linken, sondern origin&auml;r neoliberale Forderungen. Mich erstaunt es daher auch, mit welcher Arglosigkeit einige linke Politiker dieses Danaergeschenk in die linke Politik schieben. Denn schlussendlich erf&uuml;llt das BGE doch die Anforderungen, die man von progressiver Seite aus formulieren k&ouml;nnte, doch nicht einmal im Ansatz. Entweder es ist zu niedrig, um trotz Wegfalls der Sozialsysteme und der staatlichen Subventionen ein menschenw&uuml;rdiges Leben zu gew&auml;hrleisten, oder man setzt die H&ouml;he des BGE-Satzes derart absurd hoch an, dass die Sache komplett unfinanzierbar ist. Das hat auch nichts mit Produktivit&auml;t oder Digitalisierungs- bzw. Rationalisierungsdividende zu tun, sondern der Knackpunkt ist ein ganz anderer: Ein Grundeinkommen, das sowohl allgemein als auch bedingungslos, also wirklich f&uuml;r jedermann ist, ist kontraproduktiv, da die allermeisten Menschen bei einem Ersatz des heutigen Sozialsystems durch einen Pauschbetrag nicht besser, sondern viel schlechter gestellt werden. Und dies um so st&auml;rker, je &ouml;konomisch schw&auml;cher sie sind. Und das ist doch ganz sicher kein &bdquo;No-Brainer&ldquo;. Oder?<\/p><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <em>Der wohl bekannteste deutsche Aktivist in Sachen Grundeinkommen ist Ronald Blaschke, der seit 2005 als wissenschaftlicher Mitarbeiter von der Linken-Parteichefin Katja Kipping besch&auml;ftigt wird, die ebenfalls als Anh&auml;ngerin eines Grundeinkommens bekannt ist.<\/em><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/d16c341f885f40fab1fc336abcaa2e22\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sch&auml;tze ja sowohl <a href=\"http:\/\/jungundnaiv.de\">Tilo Jung<\/a> als auch <a href=\"http:\/\/blog.fefe.de\">Fefe<\/a> ungemein. Umso mehr war ich dann doch verwundert, dass beide in einem ansonsten auch sehr interessanten <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=jROuVtMcHas&amp;t=4234s\">Interview<\/a> am Rande des letzten CCC in Leipzig das bedingungslose Grundeinkommen derart unkritisch betrachteten. Fefe rang sich sogar zu der Aussage durch, das Grundeinkommen sei doch eigentlich<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41787\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,31,145,132],"tags":[513,1658,427,308,1096,1033,418,1343,288,307,1591,394,449,655],"class_list":["post-41787","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-grundeinkommen","category-sozialstaat","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-althaus-dieter","tag-buergerversicherung","tag-einkommensteuer","tag-existenzminimum","tag-finnland","tag-friedman-milton","tag-grundgesetz","tag-kipping-katja","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-sanktionen","tag-straubhaar-thomas","tag-subventionen","tag-umsatzsteuer","tag-werner-goetz"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41787","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=41787"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41787\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":41848,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41787\/revisions\/41848"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=41787"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=41787"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=41787"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}