{"id":41789,"date":"2018-01-06T12:00:53","date_gmt":"2018-01-06T11:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41789"},"modified":"2019-04-30T11:56:01","modified_gmt":"2019-04-30T09:56:01","slug":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten-schafft-sich-ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41789","title":{"rendered":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten schafft sich ab"},"content":{"rendered":"<p>Die Pioniere des Zionismus tr&auml;umten davon, den Juden einen eigenen Staat zu errichten, und das ist ihnen auch gelungen. Das andere Ziel des Zionismus war es, eine neue, demokratische, freie und gerechte Gesellschaft aufzubauen, die den moralischen und ethischen Werten des Judentums entsprechen und in der Gerechtigkeit im Sinne der biblischen Propheten herrschen sollte. Von diesem Ziel ist Israel heute weiter entfernt denn je, zeigt <strong>Abraham Melzer<\/strong> in seinem Buch <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/die-antisemitenmacher\/\">&bdquo;Die Antisemitenmacher&ldquo;<\/a>, aus dem auch dieser Text stammt.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_714\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-41789-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180108_Die_einzige_Demokratie_im_Nahen_Osten_schafft_sich_ab_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180108_Die_einzige_Demokratie_im_Nahen_Osten_schafft_sich_ab_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180108_Die_einzige_Demokratie_im_Nahen_Osten_schafft_sich_ab_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180108_Die_einzige_Demokratie_im_Nahen_Osten_schafft_sich_ab_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=41789-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180108_Die_einzige_Demokratie_im_Nahen_Osten_schafft_sich_ab_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180108_Die_einzige_Demokratie_im_Nahen_Osten_schafft_sich_ab_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Theodor Herzl tr&auml;umte einst von &raquo;moralischer und geistiger Einheit&laquo;, die sich in Israel erf&uuml;llen sollte. In seinem Roman <em>Altneuland<\/em> beschreibt er die Utopie eines Staates, in dem Juden und Nichtjuden nebeneinander in Frieden leben, obwohl er noch kurz davor von einem Staat nur f&uuml;r Juden getr&auml;umt hat. Und Vladimir Jabotinsky, ein russischer Zionist und Schriftsteller aschkenasischer Abstammung und der Begr&uuml;nder des nationalistischen und revisionistischen Fl&uuml;gels des Zionismus, tr&auml;umte von einem &raquo;erhabenen Zionismus&laquo;, was immer er darunter verstand. David Ben-Gurion, der Gr&uuml;nder des Staates Israel, wollte eine &raquo;Muster-Gesellschaft&laquo; erschaffen, die als &raquo;Licht f&uuml;r die V&ouml;lker&laquo; dienen sollte. Das alles ist gescheitert. <\/p><p>Israel ist auf dem besten Weg, sich von der Demokratie zu verabschieden. Viele der Gesetze, die in den letzten Jahren und Monaten verabschiedet wurden, sind antidemokratisch. Die Regierung besteht aus rassistischen, antiarabischen Ministern, die offen sagen, dass es f&uuml;r sie wichtiger ist, dass Israel &raquo;j&uuml;disch&laquo; wird, als dass es &raquo;demokratisch&laquo; bleibt. Viele Entscheidungen versto&szlig;en nicht nur gegen die israelische Verfassung, sie verh&ouml;hnen auch die universellen Prinzipien von Recht und Demokratie.<br>\nIm November 2014 brachte die rechte Siedlerpartei Das j&uuml;dische Heim von Naftali Bennet, dem Koalitionspartner von Ministerpr&auml;sident Benjamin Netanjahu, im israelischen Parlament ein Gesetz ein, nach dem in der Knesset bereits eine einfache Mehrheit von 61 der 120&nbsp;Abgeordneten dazu ausreichen sollte, um Urteile des Obersten Verfassungsgerichts des Landes zu &uuml;berstimmen und damit zu annullieren. Anlass f&uuml;r diesen Vorsto&szlig; war der Unmut &uuml;ber ein Urteil des Verfassungsgerichts, das ein geplantes Gesetz gegen illegale Einwanderer zum zweiten Mal hatte durchfallen lassen. Die Regierung hatte geplant, illegale Einwanderer aus Afrika f&uuml;r bis zu einem Jahr ohne Gerichtsverfahren oder eine Anh&ouml;rung in Auffanglagern zu kasernieren, doch das oberste Gericht hatte das als menschenunw&uuml;rdig angesehen. <\/p><p>Ein anderer Antrag zielte darauf ab, eine einfache Mehrheit von 61&nbsp;Abgeordneten in die Lage zu versetzen, ein anderes Mitglied des Hauses aus der Knesset zu entfernen, wenn es dieser Mehrheit nicht passt. Ein Staat, in dem die Regierung die Entscheidungen des Obersten Verfassungsgerichts aushebeln kann, ist nur noch eine Scheindemokratie. Die Regierung stellt sich damit &uuml;ber das Gesetz, es herrscht die Tyrannei der Mehrheit. Dieser Gesetzentwurf fand zum Gl&uuml;ck keine Mehrheit. Aber er passt zu einer ganzen Reihe von Gesetzen, mit denen Netanjahus rechter Koalitionspartner Naftali Bennet den Premier vor sich hertreibt. Dazu geh&ouml;rt das Naqba-Gesetz, mit dem der israelische Finanzminister staatliche Zuwendungen an Institutionen, die an Israels Unabh&auml;ngigkeitstag der Vertreibung der Pal&auml;stinenser gedenken, kappen kann. Ein anderes Gesetz gestattet es kleineren Ortschaften in Israel, bei Wahlen bestimmte Kandidaten aus verschiedenen Gr&uuml;nden abzulehnen. All diese Gesetze richten sich gegen die arabische und muslimische Minderheit im Land, die immer weiter ausgegrenzt wird. <\/p><p>Wie weit Israel nach rechts ger&uuml;ckt ist, zeigte auch die Debatte um das Nationalstaatsgesetz, mit dem Israel als j&uuml;discher Staat und &raquo;Heimstatt des j&uuml;dischen Volkes&laquo; deklariert werden sollte. Schon im ersten Absatz hei&szlig;t es: &raquo;Das Recht auf nationale Selbstbestimmung im Staat Israel ist allein dem j&uuml;dischen Volk vorbehalten&laquo;. Andere Glaubensgemeinschaften wie Christen, Muslime und Drusen w&auml;ren dadurch auch offiziell zu B&uuml;rgern zweiter Klasse gemacht worden. The Israel Democracy Institute kommentierte das Vorhaben wie folgt: &raquo;Es handelt sich um einen &uuml;berfl&uuml;ssigen und gef&auml;hrlichen Vorschlag, der in der Lage ist, das Gleichgewicht zwischen den beiden grunds&auml;tzlichen Wesen des Staates zu zerst&ouml;ren&nbsp;&ndash; j&uuml;disch und demokratisch.&laquo; Erst in allerletzter Minute verhinderte Ministerpr&auml;sident Benjamin Netanjahu Anfang Oktober 2015 das Gesetz, das Israels nichtj&uuml;dische B&uuml;rger diskriminiert h&auml;tte.<\/p><p>Im Juli 2016 kritisierte die Zeitung <em>Ha&rsquo;aretz<\/em> die Entscheidung des Erziehungsministeriums, arabischen Studenten, die auf Lehramt studieren, die finanzielle Unterst&uuml;tzung um die H&auml;lfte zu streichen, den j&uuml;dischen aber nicht, obwohl beide Gruppen israelische Staatsb&uuml;rger sind. Die sogenannte Staatsb&uuml;rgerschaft in Israel ist ein ganz eigenes Thema. In den Papieren steht bei Nationalit&auml;t: <em>JUDE<\/em>. Bei den arabischen Israelis steht <em>ARABER<\/em> und bei den <em>DRUSEN<\/em> steht <em>DRUSE<\/em>. Man macht &uuml;brigens keinen Unterschied zwischen christlichen oder muslimischen Arabern.<\/p><p>Begr&uuml;ndet wird die Ma&szlig;nahme damit, dass die Zahl arabischer Lehrer in j&uuml;dischen Schulen stark zugenommen habe, obwohl viele von ihnen nur Arabisch lehren. Hier wird wieder offensichtlich, dass arabische Israelis nicht die gleichen Rechte haben wie j&uuml;dische B&uuml;rger. Diese Entscheidung befeuert den v&ouml;lkischen Rassismus, der in Israel herrscht. Selbst Berlin zeigt sich inzwischen besorgt &uuml;ber das &raquo;innenpolitische Klima&laquo; im Land, wie man neulich in <em>SPIEGEL-ONLINE<\/em> lesen konnte. Israel will auch die Arbeit von regierungskritischen Organisationen per Gesetz weiter einschr&auml;nken, wovon viele deutsche Stiftungen betroffen w&auml;ren. Bundesregierung und Bundestag kritisieren ungew&ouml;hnlich scharf.<\/p><p>Der Journalist Gideon Levy schrieb im August 2016 in <em>Ha&rsquo;aretz<\/em>, dass die Demokratie in Israel in einer tiefen Krise sei. T&auml;glich werden bizarre Gesetzesvorlagen eingebracht und auch verabschiedet. Im Februar 2017 wurde zum Beispiel ein Gesetz verabschiedet, das es den Moscheen im Land verbieten soll, den Muezzinruf per Lautsprecher zu verst&auml;rken, obwohl es &uuml;ber 20 Prozent Muslime in Israel gibt und 70 Jahre lang kein Problem darstellte. Und es gibt ein Gesetz, das es Israelis bei Strafe verbietet, sich f&uuml;r einen Boykott Israels auszusprechen. Ministerpr&auml;sident Benjamin Netanjahu und seine Spie&szlig;gesellen verwandeln Israel in ein autorit&auml;res Regime, das man kaum noch als Demokratie bezeichnen kann.<br>\nIm Februar 2017 stimmte Israels Parlament mit einer knappen Mehrheit au&szlig;erdem f&uuml;r ein umstrittenes Gesetz, mit dem die Besatzung und Besiedlung des Westjordanlands f&uuml;r alle Zeiten zementiert und eine Zwei-Staaten-L&ouml;sung unm&ouml;glich gemacht werden soll. Die Regierung will Tausende von Siedlerwohnungen auf pal&auml;stinensischem Privatland nach israelischem Recht &raquo;legalisieren&laquo;. Rund 4000&nbsp;Wohnungen israelischer Siedler im besetzten Westjordanland wurden damit r&uuml;ckwirkend genehmigt, obwohl sie widerrechtlich auf privaten Grundst&uuml;cken von Pal&auml;stinensern gebaut wurden. 60 der 120&nbsp;Abgeordneten stimmten in dritter und letzter Lesung f&uuml;r das Gesetz; 52&nbsp;Abgeordnete der Opposition und acht arabische Abgeordnete votierten dagegen. Nur das h&ouml;chste Gericht Israels k&ouml;nnte es noch kippen.<br>\nUltrarechte Politiker wollten mit dem Gesetz die weiteren R&auml;umungen wilder Siedlungen verhindern, wie sie kurz zuvor in der umstrittenen Siedlung Amona n&ouml;rdlich von Ramallah stattgefunden hatten. Die Siedlung war auf pal&auml;stinensischem Privatland errichtet worden. Bereits 2014 hatte ein Gericht die R&auml;umung der Siedlung angeordnet, doch die Regierung scheute den Konflikt mit den Siedlern. Zum Ausgleich f&uuml;r die R&auml;umung k&uuml;ndigte sie im Februar 2017 an, 3000 neue Wohnungen f&uuml;r Siedler zu errichten, davon 2000 sofort. Inzwischen ist mit dem Bau einer neuen Siedlung als Ersatz f&uuml;r Amona begonnen worden.<br>\nDabei leben in mehr als 200&nbsp;Siedlungen im Westjordanland und Ost-Jerusalem inzwischen rund 600000&nbsp;Israelis, fast ein Zehntel seiner Bev&ouml;lkerung. Israel unterscheidet bisher noch formal zwischen Siedlungen, die mit offizieller Genehmigung der Regierung entstanden, und wilden Siedlungen, die durch das neue Gesetz r&uuml;ckwirkend &raquo;legalisiert&laquo; werden sollen. Aus internationaler Sicht gibt es keinen Unterschied: Nach dem V&ouml;lkerrecht sind alle Siedlungen auf unrechtm&auml;&szlig;ig besetztem Gebiet illegal.<\/p><p>Oft wird gesagt, Israel sei die einzige Demokratie im Nahen Osten. Man muss sich fragen&nbsp;&ndash; wie lange noch? Viele Israelis sind selbst der Meinung, dass Israel auf seinen Untergang hinsteuert. Und wenn der Staat auch noch f&uuml;r einige Jahrzehnte &uuml;berleben sollte, dann bleibt immer noch die Frage, als was f&uuml;r ein Staat? In einem Interview mit der israelischen Zeitung <em>Maariv<\/em> sagte Amos Oz, der bekannteste israelische Autor, der in Deutschland mit dem angesehenen Goethepreis geehrt wurde: &raquo;Wenn wir weiter &uuml;ber ein anderes Volk herrschen werden, wird es hier entweder einen arabischen Staat geben, oder es wird hier eine j&uuml;dische Diktatur geben, die mit eiserner Hand die Araber, aber auch die Juden unterdr&uuml;cken wird, die anderer Meinung sein werden. Es gibt keinen dritten Weg.&laquo;<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Abraham Melzer: <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/die-antisemitenmacher\/\">&ldquo;Die Antisemitenmacher. Wie die neue Rechte Kritik an der Politik Israels verhindert&rdquo;<\/a>, 288 Seiten, Westend Verlag 2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Pioniere des Zionismus tr&auml;umten davon, den Juden einen eigenen Staat zu errichten, und das ist ihnen auch gelungen. Das andere Ziel des Zionismus war es, eine neue, demokratische, freie und gerechte Gesellschaft aufzubauen, die den moralischen und ethischen Werten des Judentums entsprechen und in der Gerechtigkeit im Sinne der biblischen Propheten herrschen sollte. 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