{"id":41793,"date":"2018-01-07T12:00:43","date_gmt":"2018-01-07T11:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41793"},"modified":"2018-12-30T16:07:11","modified_gmt":"2018-12-30T15:07:11","slug":"pablo-nerudas-fahrer-annaeherungen-an-manuel-araya-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41793","title":{"rendered":"Pablo Nerudas Fahrer &#8211; Ann\u00e4herungen an Manuel Araya, Teil 2"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171029-Nerudas-01.jpg\" title=\"\" alt=\"\"><\/div><p>Ende 1972 bewohnte Manuel Araya bereits ein Zimmer in Nerudas Strandresidenz auf Isla Negra. Da sei er eines Morgens um vier Uhr von Do&ntilde;a Matilde aus dem Bett gejagt worden, weil Neruda pl&ouml;tzlich Hei&szlig;hunger auf Auberginen hatte. Er musste sich hinters Steuer des &ldquo;Froschs&rdquo; klemmen &ndash; das war jener bleifarbene Citroen DS21, den der Dichter 1972 aus Frankreich mitgebracht hatte &ndash; und die ersten Marktbuden abklappern, die um die gottverdammte Uhrzeit immer noch oder schon ge&ouml;ffnet waren. Mit zwei j&auml;mmerlichen Auberginen sei er zur&uuml;ckgekehrt. Die waren Neruda erwartungsgem&auml;&szlig; zu wenig &ndash; er jammerte &bdquo;wie ein verw&ouml;hnter Kindskopf&ldquo;. Es blieb Araya nichts anderes &uuml;brig, als nochmal loszufahren und bei Tagesanbruch ergatterte er schlie&szlig;lich einen Korb Auberginen auf dem Gro&szlig;markt. Ein Essay von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Den ersten Teil k&ouml;nnen Sie <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40804\">hier<\/a> lesen.<\/em><\/p><p>Araya beschwerte sich bei der Partei, doch die Genossen wiegelten ab: &bdquo;Sie haben f&uuml;r seine lukullischen Gen&uuml;sse zu sorgen &ndash; Ende der Aussprache!&rdquo;. Ger&ouml;stete Auberginen morgens um f&uuml;nf &ndash; da h&auml;tte er fast seine Sachen gepackt!<\/p><p>Schlecht geh&uuml;tete Geheimnisse hatte der Dichter auch. Zum Beispiel sein bewegtes Liebesleben, dessen Erw&auml;hnung &ouml;ffentlichen Personen in ihren Biografien nicht erspart blieb.<\/p><p>Seine letzte leidenschaftliche Aff&auml;re verband ihn mit Matilde Urrutias vierzig Jahre j&uuml;ngerer Nichte Alicia, die seit geraumer Zeit bei dem Ehepaar zu Gast wohnte, von ihrer Tante gleichwohl als minderwertige Domestike behandelt wurde, meint der Fahrer beobachtet zu haben. Eines ungeahnten Nachmittags erwischte Matilde den unverbesserlichen Galan und sein Herzblatt in ihrem Ehebett: Alicia wurde samt ihrer sieben Sachen aus dem Anwesen gejagt.<\/p><p>Doch Matilde traute dem Frieden nicht und heuerte einen Privatdetektiv an. Das Paar traf sich trotzdem heimlich weiter, auch noch als Manuel Araya zwei Jahre sp&auml;ter zu Neruda stie&szlig;. Der eingeschworene Fahrer pflegte das Paar zu einem von Neruda angemieteten Haus neben der Feuerwehr von Isla Negra zu kutschieren. <\/p><p>Das Schicksal schien sich an Matilde zu r&auml;chen, hatte doch ihre in Capri begonnene und in den sozialistischen Staaten, darunter der DDR, fortgesetzte Romanze eine derart scharfe Abschirmung auf den Plan gerufen, dass der lange Arm der Stasi im Spiel gewesen sei, meint Neruda-Biograf Hern&aacute;n Loyola zu wissen.<\/p><p>Ende 1970 sprach die verzweifelte Frau Neruda beim Staatspr&auml;sidenten vor. Allende und den Dichter verband eine enge Freundschaft. Von der KP 1970 zum Pr&auml;sidentschafts-Kandidaten gek&uuml;rt, trat Neruda zugunsten Allendes von seiner Bewerbung zur&uuml;ck. Der siegreiche Pr&auml;sident f&uuml;hlte sich ihm verpflichtet und tat Matilde einen gro&szlig;en Gefallen: &bdquo;Er schickte Neruda wegen einer Bettgeschichte als Botschafter nach Paris&ldquo;, &uuml;berliefert der Fahrer mit dem Gesichtsausdruck des Bedauerns.<\/p><p>Doch Nerudas und unser Team-Fahrer schmunzelt und im Toyota bricht lautes Gewieher aus.<\/p><p><strong>Vom Stadion in die Wiege der Bestie<\/strong><\/p><p>Arayas leibhaftige Verbindung mit seinem Dienstherrn stellt die liebensw&uuml;rdige Fiktion des chilenischen Romanautors und einstweiligen Botschafters in Berlin, Antonio Sk&aacute;rmeta, elegant in den Schatten. Vierzig Jahre nach Nerudas Tod plagt ihn immer noch ein schlechtes Gewissen: Er wirft sich vor, den Dichter am besagten fr&uuml;hen Abend des 23.September 1973 ungesch&uuml;tzt in der Klinik verlassen zu haben, als der wachhabende Arzt ihn in eine Apotheke schickte und er spurlos verschwand.<\/p><p>Er krempelt sein linkes Hosenbein hoch und zeigt uns vor laufender Kamera die h&auml;ssliche Narbe am kaputten Kn&ouml;chel: &bdquo;Karabiner-Geschoss! Ich lag schon am Boden, unter Kolbenschl&auml;gen und Fu&szlig;tritten hatten sie mich bereits aus dem Wagen gezerrt, mich gr&ouml;lend beschimpft, da schoss einer der Typen in Zivil mir ins Bein&hellip;&rdquo;. <\/p><p>Wenige H&auml;userblocks von der Klinik entfernt war er auf der Fahrt zur Apotheke von zwei Zivilstreifen abgefangen, misshandelt, in ein Polizeirevier gezerrt, anschlie&szlig;end ins &bdquo;Estadio Nacional&rdquo; verschleppt und dort wochenlang unter Foltern verh&ouml;rt worden &ndash; Pablo Nerudas wegen, er war ja im ZK der KP. Seine Peiniger wollten seine politischen Kontakte erfahren, doch Araya erinnerte sich an eine Warnung Nerudas: &bdquo;Eines Tages werden sie Dich wegen mir vornehmen und Du wirst leiden!&ldquo; Er aber hielt dicht!<\/p><p>Als er auf Einwirken Kardinal R&aacute;ul Silva Enr&iacute;quez&acute; befreit wurde, wog er gerade noch 70 Pfund, sein K&ouml;rper war von blutigen Striemen &uuml;bers&auml;t, die Schlagwunde am Kopf und der Einschuss am Kn&ouml;chel infiziert. Die erste Nacht lie&szlig; ihn ein Soldat im Freien vor dem Stadion schlafen. Am darauffolgenden Morgen durfte er ohne Fahrschein in den Bus nach San Antonio steigen, der befreundete Busfahrer setzte ihn behutsam vor dem Haus seiner Eltern ab.<\/p><p>Eingesch&uuml;chtert, isoliert, arbeitslos und beschattet versuchte Araya Mitte der 1970-er Jahre ein neues Leben anzufangen. Was er nicht wusste: Ausgerechnet seine Heimatstadt San Antonio war das Hauptquartier der &bdquo;Bestie&ldquo;. <\/p><p>Auf Befehl Augusto Pinochets installierte Oberst Manuel Contreras Sep&uacute;lveda in San Antonios Ingenieurs-Regiment Tejas Verdes das erste Schlupfloch der geheimen Staatspolizei DINA. Die Direktive lautete &bdquo;Vernichtungskrieg&ldquo;. Als Vorbild dienten Hitlers &bdquo;Einsatzgruppen&ldquo; von SD und Gestapo. Besonders einflussreich wirkte die sogenannte &bdquo;franz&ouml;sische Doktrin&ldquo;, die Oberst Roger Trinquier, ihr notorischer Theoretiker, in den 1970-er Jahren im Auftrag der argentinischen Streitkr&auml;fte in Buenos Aires popularisierte, und im Algerien-Krieg erprobte Methoden der schmutzigen Kriegsf&uuml;hrung, die massenhafte Verhaftungen, systematische Folter, illegale T&ouml;tung von Verd&auml;chtigen und ihr &bdquo;Verschwindenlassen&ldquo; empfahl.<\/p><p>Die im Souterrain des Offizierskasinos von Tejas Verdes rund um die Uhr operierenden Folterkammern dienten als &bdquo;Pilotprojekt&ldquo; des Staatsterrors und die dort praktizierten Bestialit&auml;ten stellten bald die &bdquo;franz&ouml;sische Doktrin&ldquo; in den Schatten: Contreras&acute; Agenten folterten mit Elektroschocks, rissen H&auml;ftlingen Finger- und Fu&szlig;n&auml;gel mit Zangen aus, vergewaltigten Frauen und M&auml;nner. <\/p><p>Zur sadistischen Vorliebe geh&ouml;rte, Frauen lebende Ratten in die Vagina zu jagen oder H&auml;ftlingen die H&auml;nde mit L&ouml;ffeln &bdquo;auszuschaben&ldquo; und danach mit einem gl&uuml;henden B&uuml;geleisen zu &bdquo;beizen&ldquo;, wie der chilenische Journalist Javier Rebolledo in seinem 2013 erschienenen Schreckens-Report &bdquo;Es despertar de los cuervos (Das Erwachen der Kr&auml;hen) ermittelte. <\/p><p>Die meisten H&auml;ftlinge wurden erschossen, ihre Leichen zerst&uuml;ckelt, in Plastiks&auml;cken verpackt und vor San Antonio aus Hubschraubern in den Pazifik gest&uuml;rzt; Eisenbahnschienenteile mit Draht an den Kn&ouml;cheln befestigt, damit sie rasch versanken. Auf diese Weise richteten Pinochets B&uuml;ttel 2.500 Regimegegner hin und ver&uuml;bten Mordanschl&auml;ge gegen exilierte Allende-Anh&auml;nger im Ausland. <\/p><p>Vierzig Jahre nach dem Milit&auml;rputsch ermittelt die Justiz noch immer &uuml;ber das Schicksal von weiteren 2.000 sogenannten &bdquo;Desaparecidos&rdquo; &ndash; die Verschollenen. Klagen wurden gegen 1.200 Milit&auml;rs und Zivilisten erhoben. Das Strafma&szlig; von DINA-Chef Contreras summierte sich auf dreihundert Jahre Haft, 2016 starb er reuelos hinter Gittern.<\/p><p><strong>&bdquo;Ode an die Beharrlichkeit&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die Pablo-Neruda-Stiftung behauptete, wegen seiner Mordthese sei Manuel Araya ein Mythomane. Anwalt Eduardo Contreras schaute sich jedoch den Fahrer zweimal genauer an, lie&szlig; heimlich sein Vorleben auskundschaften und kam zur &Uuml;berzeugung, &bdquo;der Mann ist weder besoffen, noch ist er irre!&ldquo;. Contreras &uuml;berlegte nicht lange und erhob Mordanklage im Fall Neruda. Des Dichters Neffe und Familiensprecher, Anwalt Rodolfo Reyes, schloss sich der Klage an, auch er ist von Arayas Mordthese &uuml;berzeugt. <\/p><p>Warum, fragen sich dennoch die skeptischen Geister, wartete Araya vierzig Jahre mit seinen Enth&uuml;llungen &uuml;ber die letzten Stunden in der Klinik Santa Maria?<\/p><p>Nerudas Fahrer kontert. Bereits 1974 habe er Nerudas Witwe, Matilde Urrutia, auf den Mordverdacht angesprochen. Auch sie vermutete, Neruda sei einem Giftanschlag zum Opfer gefallen, ihren Verdacht hatte sie der chilenischen Hebamme Rosita N&uacute;&ntilde;ez und dem spanischen Journalisten Luis Mar&iacute;a Ans&oacute;n mitgeteilt.<\/p><p>&bdquo;Das sagte sie aber nur hinter vorgehaltener Hand&ldquo;, bemerkt Araya. In ihren Memoiren, &bdquo;Mein Leben mit Pablo Neruda&ldquo;, schrieb sie vielmehr, Neruda sei in ein tiefes Koma gefallen. Die von ihr ins Leben gerufene Neruda-Stiftung machte sich die Version zu eigen und behauptete jedoch bald, der Dichter sei am Krebs gestorben &ndash; das war der Beginn der Fehde mit Manuel Araya, der bald mit Hausverbot belegt wurde.<\/p><p>In Wahrheit f&uuml;rchtete sie freilich um ihr Leben und ihr Erbe, betont Araya. Deshalb schlug sie seine Attentats-These in den Wind. Sie wurde boshaft, k&uuml;ndigte sein Arbeitsverh&auml;ltnis, schenkte ihm Nerudas Citroen, von ihm &bdquo;Frosch&ldquo; getauft, und sagte: &bdquo;Auf, dass Sie nie wieder behaupten, Pablo sei ermordet worden!&rdquo;. Araya nahm den &bdquo;Frosch&rdquo; nicht an. Er rostete vierzig Jahre vor sich hin, bis er auseinanderfiel. <\/p><p>Dennoch, als sich der Staatsterror &uuml;ber Chile ausbreitete und Pablo Nerudas gesamten Mitarbeiterkreis &uuml;berfiel, hielt er sich erschrocken mit der Mordthese zur&uuml;ck. Jaime Maturana, Schreiner und Nerudas Restaurateur, wurde 1974 verhaftet und monatelang im Geheimkerker Villa Grimaldi gefoltert. Ein Irrtum verschaffte ihm die Freiheit und 1975 floh Maturana ins mexikanische Exil.<\/p><p>Am 12. M&auml;rz 1976 wurde Arayas Bruder Patricio am Busbahnhof von Santiago verhaftet und ist seitdem verschollen. Seine Mutter wollte ihm nie daf&uuml;r vergeben, sie behauptete jahrelang, die DINA habe Patricio mit ihm verwechselt. <\/p><p>Am 6. Februar 1977 wurde Nerudas Lektor, Homero Arce, beim Verlassen einer Bank am helllichten Tag entf&uuml;hrt und Stunden sp&auml;ter mit Sch&auml;delbruch blut&uuml;berstr&ouml;mt auf der Stra&szlig;e aufgefunden. Er starb im Hospital Barros Luco &ndash; Arce. Er war Mitte 70 und bekanntlich kein Untergrundk&auml;mpfer.<\/p><p>Monate sp&auml;ter wurde Nerudas Freund und Arzt, Francisco Velasco, entf&uuml;hrt und brutal auf dem Kriegsschiff El Leb&uacute; in Valpara&iacute;so gefoltert. Die Folterer am&uuml;sierten sich: Ihre Behandlung sei eine &bdquo;Ehrung&ldquo; seiner Freundschaft mit dem Dichter! <\/p><p>F&uuml;nfzehn Jahre waren ins Land gegangen, als Manuel Araya um eine Audienz beim sozialistischen Staatspr&auml;sidenten Ricardo Lagos bat. Er wollte ihm seine Mordthese vortragen. Dessen Au&szlig;enminister Jos&eacute; Miguel Insulza intervenierte jedoch gerade in London gegen eine Auslieferung Pinochets an Spanien. Die neuen Sozialisten wollten einen &bdquo;glatten&ldquo; &Uuml;bergang zur formellen Demokratie. &bdquo;Termin-Schwierigkeiten!&ldquo;, lie&szlig; Pr&auml;sident Lagos&acute; Vorzimmer Araya ausrichten, zur Audienz kam es niemals.<\/p><p>Es war 2004, als die &Ouml;ffentlichkeit mit einer Meldung des Regionalblatts El L&iacute;der in San Antonio zum ersten Mal von Arayas Klage erfuhr, doch die Justiz reagierte nicht darauf. Es dauerte wieder gute sieben Jahre, bis er seine Geschichte seinem Nachbarn, dem Fischer Cosme Caracciolo, erz&auml;hlte. Da kam, wie gesagt, der Stein ins Rollen. W&auml;re Neruda am Leben, h&auml;tte er sicherlich Manuel Araya eine &bdquo;Ode an die Beharrlichkeit&ldquo; gewidmet.<\/p><p><strong>Arayas id&eacute;e fixe<\/strong> <\/p><p>Das Schwarz-Wei&szlig;-Foto mit dem &bdquo;Frosch&rdquo; ist Manuel Arayas einziges Zeugnis von seiner Zeit in Pablo Nerudas Diensten. Die Akkreditierung als Fahrer der Allende-Regierung, der <em>laissez-passer<\/em>-Wisch an der Scheibe seines Dienstwagens, so allerlei Andenken und Gesammeltes wurde w&auml;hrend der vielfachen Hausdurchsuchungen in San Antonio von Pinochets Henkern vernichtet. Dennoch sagt der Siebzigj&auml;hrige: &bdquo;Soy heredero de una historia &ndash; Ich bin Erbe einer Geschichte&ldquo;. Eine Geschichte, die bald ein Ende nehmen sollte.<\/p><p>Vor vier Jahren wirkte er bitter entt&auml;uscht. Als Dr. Patricio Bustos, Leiter des gerichtsmedizinischen Instituts in Santiago, im Auftrag des Richters Mario Carroza am 8. November 2013 die Familienangeh&ouml;rigen Nerudas, Anw&auml;lte und die Presse davon in Kenntnis setzte, dass die sechs Monate langen forensischen Untersuchungen der sterblichen Reste des Nobelpreistr&auml;gers in Santiago, im spanischen Murcia und in North Carolina Krebs und kein fremdes Einwirken als Todesursache attestierten, reagierte Manuel Araya distanziert und spr&ouml;de: &bdquo;Dieser Befund l&auml;sst mich kalt, er besitzt &uuml;berhaupt keine Glaubw&uuml;rdigkeit &ndash; Pablo Neruda wurde ermordet. Punkt!&rdquo;. <\/p><p>Die Anw&auml;lte Contreras und Reyes schlossen sich seiner Skepsis an. Richter Carroza gab sich gelassen: &bdquo;Solange es Zweifel gibt, gehen die Ermittlungen weiter!&rdquo;. <\/p><p>Verschiedentlich wurde im Fall Neruda angemerkt, jene mysteri&ouml;se Spritze h&auml;tte auch eine &Uuml;berdosis des trivialen, schmerzlindernden Mittels Dipirona gewesen sein k&ouml;nnen. Doch Araya l&auml;sst sich von Spekulationen nicht beirren. Er unterstellt dem wachhabenden Arzt, dessen Name er nie wusste, den die Klinik jedoch &uuml;ber 40 Jahre hinweg verheimlichte, heuchlerische Absichten. Er habe ihn nur in die Apotheke geschickt, um sein Mordhandwerk zu vervollst&auml;ndigen. Auch bringt ihn der Hinweis nicht in Verlegenheit, die zahlreichen Umbettungen des Dichters und die Aussetzung seiner Gebeine an die feucht-salzige Luft an der K&uuml;ste von Isla Negra k&ouml;nnten den Nachweis eines t&ouml;dlichen Giftes wissenschaftlich zunichtegemacht haben.<\/p><p>Im Mai 2015 trat eine neue Wende in Richter Carrozas &bdquo;Causa Neruda&ldquo; ein. Nach zweij&auml;hrigen Laboruntersuchungen gab eine zweite internationale Forensiker-Gruppe bekannt, im Knochengewebe des Poeten sei die <em>Staphylococcus aureus<\/em> (&bdquo;Goldene Trauben&ldquo;)-Bakterie gefunden worden, die mit seinem Prostata-Krebs nichts zu tun hatte. Es k&ouml;nne nicht ausgeschlossen werden, so die Wissenschaftler, dass die Bakterie durch &auml;u&szlig;ere Einwirkung Zugang zu Nerudas K&ouml;rper gefunden habe, doch m&uuml;sse deren DNA nachgezeichnet werden.<\/p><p>Wie einst im April 2013, als Richter Carroza den Nobelpreistr&auml;ger wegen der sturen Mordhypothese seines Fahrers exhumieren lie&szlig;, strahlte Manuel Araya zum zweiten Mal, bekr&auml;ftigte doch der Bakterienfund seine These vom Dichtermord.<\/p><p><strong>Der vertagte Epilog<\/strong><\/p><p>Zweieinhalb Jahre sp&auml;ter traf am 16. Oktober 2017 eine Abordnung der 2015 beauftragten, renommierten ausl&auml;ndischen Forensiker aus D&auml;nemark, den USA, Spanien und Kanada mit chilenischen Experten in Santiago zusammen, um Richter Carroza und der &Ouml;ffentlichkeit die langersehnten, definitiven, wissenschaftlichen Erkenntnisse &uuml;ber die Todesursache des gro&szlig;en chilenischen Dichters vorzutragen.<\/p><p>Mit Manuel Araya fieberten die Medien dem 20. Oktober entgegen, an dem von den Wissenschaftlern ein Schlussbericht erwartet wurde, der die Mordthese Arayas, der Familienangeh&ouml;rigen Nerudas und der Kommunistischen Partei best&auml;tigen sollte &ndash; &bdquo;reine Formsache!&ldquo;, feierte bereits Nerudas Fahrer. Doch es kam anders.<\/p><p>Allerdings, so der Bericht Professor Aurelio Lunas, forensischer Experte an der spanischen Universit&auml;t Murcia, konnte zwar nachgewiesen werden, dass Nerudas urspr&uuml;nglicher Totenschein medizinischer Genauigkeit entbehre &ndash; der Dichter sei nicht an den Folgen eines Krebses gestorben. Rodolfo Reyes, Nerudas Neffe und Anwalt, nannte die Todesurkunde vom September 1973 einen &bdquo;Betrug&ldquo; und feierte den Forensiker-Befund als &bdquo;Neuschreibung der Geschichte&ldquo;.<\/p><p>Dann trat jedoch Richter Carroza vor den Mikrofon-Dschungel dutzender, im Nobelhotel San Francisco eingetroffener Reporter und bat um Verst&auml;ndnis f&uuml;r eine weitere Vertagung der Ermittlungsergebnisse und seines l&auml;ngst erwarteten Urteilsspruchs. In einem Zahn der Dichterleiche sei ein neuer Giftstoff entdeckt worden, erkl&auml;rte der von den Wissenschaftlern gewarnte Magistrat. &bdquo;Diese Toxine erfordern neue, akribische Laboruntersuchungen. Erst deren Ergebnisse werden uns den endg&uuml;ltigen Aufschluss &uuml;ber Pablo Nerudas Todesursache liefern.&rdquo; <\/p><p>Damit ordnete der Richter zum dritten Mal die Fortsetzung der &bdquo;Causa Neruda&ldquo; an und vertr&ouml;stete das Publikum auf ein weiteres Jahr Wartezeit. Es war noch nicht Manuel Arayas langersehnter Tag der Offenbarung. Noch nicht, doch umso spannender wird er sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171029-Nerudas-01.jpg\" title=\"\" alt=\"\"\/><\/div>\n<p>Ende 1972 bewohnte Manuel Araya bereits ein Zimmer in Nerudas Strandresidenz auf Isla Negra. Da sei er eines Morgens um vier Uhr von Do&ntilde;a Matilde aus dem Bett gejagt worden, weil Neruda pl&ouml;tzlich Hei&szlig;hunger auf Auberginen hatte. Er musste sich hinters Steuer des &ldquo;Froschs&rdquo;<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41793\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,20],"tags":[1344,1276,2156,669,927,901,1409,2177,2192,1963],"class_list":["post-41793","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-landerberichte","tag-allende-salvador","tag-attentat","tag-biographie","tag-chile","tag-folter","tag-geheimdienste","tag-gifteinsatz","tag-militaerdiktatur","tag-neruda-pablo","tag-pinochet-augusto"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41793","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=41793"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41793\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48105,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41793\/revisions\/48105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=41793"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=41793"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=41793"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}