{"id":418,"date":"2004-12-19T16:39:05","date_gmt":"2004-12-19T15:39:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=418"},"modified":"2016-03-22T10:16:55","modified_gmt":"2016-03-22T09:16:55","slug":"das-scheitern-der-foderalismuskommission-scheitern-ist-besser-als-eine-verschlimmbesserung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=418","title":{"rendered":"Das Scheitern der F\u00f6deralismuskommission: Scheitern ist besser als eine Verschlimmbesserung"},"content":{"rendered":"<p>Die ein Jahr andauernden Verhandlungen zwischen Bund und L&auml;ndern &uuml;ber die Reform des deutschen F&ouml;deralismus sind (vorl&auml;ufig) ohne ein Ergebnis zu Ende gegangen. Ist das gut oder schlecht?<br>\nMan wei&szlig; es nicht, denn au&szlig;er den &Uuml;berschriften &uuml;ber die Themenkomplexe sind ziemlich wenige Details nach au&szlig;en gedrungen und schon gar nicht gab es dar&uuml;ber eine inhaltliche und breit gef&uuml;hrte &ouml;ffentliche Debatte: Bei einer so grundlegende Ver&auml;nderung unseres Verfassungsgef&uuml;ges ein Armutszeugnis f&uuml;r die &ouml;ffentliche Meinungsbildung in unserem Lande.<br>\nZum Gl&uuml;ck hat der Bund der Kleinstaaterei in der Bildungs- und Wissenschaftspolitik nicht weiter Vorschub geleistet und seine ohnehin schwache (Rahmen-)Zust&auml;ndigkeit nicht vollends aufgegeben. Wir w&auml;ren im (Wettbewerbs-) Chaos gelandet.<br>\n<!--more--><br>\nPr&uuml;fen Sie sich einmal selbst: Welche Themen und vor allem welche Details wurden in der F&ouml;deralismuskommission verhandelt und wor&uuml;ber wurde gestritten? Welche unterschiedlichen Vorstellungen &uuml;ber die &bdquo;Statik&ldquo; unseres Staatsaufbaus standen sich gegen&uuml;ber? Welche Vor- und Nachteile hat eine L&auml;nderzust&auml;ndigkeit etwa in der Bildung? Haben Sie dazu Textentw&uuml;rfe oder Positionspapiere gelesen? Hat es dar&uuml;ber eine breite Diskussion gegeben? Wurden Argumente &ouml;ffentlich ausgetauscht? Hat sich der CDU-Parteitag wenige Tage vor dem festgelegten Entscheidungstermin damit befasst?<br>\nVergleichen Sie doch einfach einmal Inhalt und Ausf&uuml;hrlichkeit des Diskurses um die hier anstehende grundlegende Reform des Grundgesetzes etwa mit der Debatte um das Dosenpfand, um die Rechtschreibreform oder um die Zuwanderung, ganz zu schweigen mit dem Streit um die Hartz-Gesetze oder der Gesundheitsreform. Ich will die Bedeutung dieser Gesetze gar nicht klein schreiben, sie waren tiefgreifend genug, aber es ging dabei um &bdquo;Petitessen&ldquo; gemessen an der Reform der Verfassung unseres Staatsaufbaus, der gr&ouml;&szlig;ten Grundgesetz&auml;nderung seit Jahrzehnten. Nun scheint es in Deutschland eine ganz besondere Scheu unserer Politiker vor dem Volk zu geben, zumal wenn es um Verfassungen geht: Das hat sich nach der Wiedervereinigung gezeigt, als die Chance bestand, das vereinigte Volk in einem symbolischen Akt &uuml;ber die gemeinsame Verfassung abstimmen zu lassen. Das zeigt sich bei der Zur&uuml;ckhaltung vor einer Volksabstimmung &uuml;ber die Europ&auml;ische Verfassung. <\/p><p>So sehr wie bei der F&ouml;deralismuskommission, war das Volk aber noch nie au&szlig;en vor, wenn es um eine Verfassungs&auml;nderung ging. <\/p><p>Trotz intensiver Bem&uuml;hungen ist es mir nicht gelungen, irgendeinen Text oder wenigstens ein Versatzst&uuml;ck ausfindig zu machen, wor&uuml;ber man sich bei der k&uuml;nftigen Bildungsverfassung im Detail gestritten hat. Gab es &uuml;berhaupt einen Text? Jedenfalls bis kurz vor dem Scheitern offenbar nicht.<\/p><p><strong>Erkl&auml;rungsversuche f&uuml;r das Scheitern:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Die F&ouml;deralismuskommission ist ein Reflex auf die g&auml;ngige Behauptung, wir h&auml;tten eine &bdquo;blockierte Republik&ldquo;. Viele werden nach dem Scheitern jetzt um so nachdr&uuml;cklicher polemisieren, die politischen Kr&auml;fte und die verschiedenen staatlichen Ebenen blockierten sich gegenseitig. Die Schuldzuweisungen lassen B&ouml;ses bef&uuml;rchten. Den Gegnern des Politischen ganz allgemein und unserer demokratischen Ordnung im Besonderen wird in die H&auml;nde gespielt.<br>\nWird aber vielleicht nicht anders herum ein Schuh draus? K&ouml;nnte das Scheitern nicht auch Ausdruck daf&uuml;r sein, dass der Leidens- und Problemdruck f&uuml;r Ver&auml;nderung gar nicht so hoch ist, wie immer wieder behauptet wird. Hielt die behauptete &bdquo;Blockade&ldquo; einer kritischen &Uuml;berpr&uuml;fung der hundertk&ouml;pfigen Kommission, darunter viele wirkliche (unbezahlte) Experten, vielleicht gar nicht stand? Sonst w&auml;re der Einigungsdruck doch gr&ouml;&szlig;er gewesen! Die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler konnten ohnehin keinen Druck machen, sie waren gar nicht beteiligt.<\/li>\n<li>Bei der F&ouml;deralismuskommission ging es weniger um die Sache als um die Verteilung von Macht zwischen Bund und L&auml;ndern. Wenn man manche Beispiele gelesen hat, was da an Zust&auml;ndigkeiten zwischen Bund und L&auml;ndern hin- und hergefeilscht wurde, so erschien doch Vieles ziemlich banal. Keine Katastrophe w&uuml;rde vermutlich besser oder schlechter bew&auml;ltigt werden, wenn der Katastrophenschutz nun beim Bund oder bei den L&auml;ndern angesiedelt wird. Welchen wirklichen Fortschritt es br&auml;chte, wenn Bund und L&auml;nder k&uuml;nftig mit ihren jeweiligen Beamten nach eigenem Gusto umspringen k&ouml;nnten, ist auch noch nicht ausgemacht. Und ob es ganz so sinnvoll ist, dass die L&auml;nder in Sachen Europa gar nichts mehr zu sagen haben sollen, wo doch sonst &uuml;berall das Subsidiarit&auml;tsprinzip gelobt und Au&szlig;enminister Fischer gar den deutschen F&ouml;deralismus als Modell f&uuml;r eine politische Union propagierte, ist auch nicht offen auf der Hand liegend.<br>\nK&ouml;nnte es vielleicht auch so sein, dass die Aufteilung und Verschr&auml;nkung von Kompetenzen, wie sie im Grundgesetzt bisher niedergelegt ist, jedenfalls im Gro&szlig;en und Ganzen so unsinnig gar nicht ist? K&ouml;nnte es vielleicht so sein, dass die Kompetenzverteilung jedenfalls nicht der entscheidende Grund f&uuml;r so manches Defizit im Lande ist? K&ouml;nnte es vielleicht sogar so sein, dass die B&uuml;rokratie und der Regelungswirrwarr zwischen Bund und L&auml;ndern vielleicht gar nicht so dramatisch sind, wie immer getan wird &ndash; jedenfalls durch eine Reform von Zust&auml;ndigkeiten zwischen Bund und L&auml;ndern nicht beseitigt w&uuml;rden?<\/li>\n<li>Die Nagelprobe aller Zust&auml;ndigkeitsverteilung in der F&ouml;deralismuskommission war die Neuaufteilung der Finanzierung, d.h. die Neuverteilung von Steuern und Einnahmen zwischen Bund und L&auml;ndern. K&ouml;nnte das Scheitern vielleicht auch ein Eingest&auml;ndnis daf&uuml;r sein, dass die (inzwischen allseits sp&uuml;rbare) Unterfinanzierung staatlicher Aufgaben nicht dadurch gelindert wird, dass man Not und Mangel unter den staatlichen Ebenen einfach umverteilt? Und dass es deshalb vielleicht ein ern&uuml;chterndes Erwachen aus manchen Bl&uuml;tentr&auml;umen unter den Ministerpr&auml;sidenten gab?<\/li>\n<\/ul><p><strong>Nehmen wir doch einmal die Hochschulpolitik: <\/strong><\/p><p>Dort war die Zust&auml;ndigkeit des Bundes, wie man etwa an dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur bundesweiten Einf&uuml;hrung der sog. Juniorprofessur &ndash; also zur Personalstruktur an den Hochschulen &ndash; ablesen kann, ohnehin nicht sehr stark.<br>\nW&uuml;rde man aber noch die Fragen der Berechtigung zum Hochschulzugang oder der Qualit&auml;t von Hochschulabschl&uuml;ssen den L&auml;ndern alleine &uuml;berlassen, so h&auml;tten wir in absehbarer Zeit das gleiche Chaos, wie wir das bei der Oberstufenreform an den Gymnasien oder bei der recht unterschiedlichen Qualit&auml;t des Abiturs quer durch die Republik erleben. (Bei der Sicherung der Qualit&auml;t von schulischen Leistungen wird nach Jahrzehnten der Beliebigkeit m&uuml;hselig wieder versucht, vergleichbare Qualit&auml;tsstandards einzuf&uuml;hren.) Kleinstaaterei in einer Zeit, wo man die Internationalisierung des Studiums und im sog. Bologna-Prozess die europ&auml;ische Angleichung und die gegenseitige Anrechenbarkeit der Studienabschl&uuml;sse anstrebt.<br>\nOder wenn sich der Bund aus der Hochschul- und Ger&auml;tefinanzierung g&auml;nzlich zur&uuml;ck ziehen m&uuml;sste, dann &ouml;ffnete das Doppel- und Mehrfachinvestitionen T&uuml;r und Tor und das bei ohnehin viel zu knappen Wissenschaftsetats. Und was noch schlimmer w&auml;re: Das Gef&auml;lle zwischen reichen und armen L&auml;ndern bei der Hochschul- und Forschungsentwicklung w&uuml;rde noch st&auml;rker. Arme L&auml;nder k&ouml;nnten sich alleine kaum mehr Forschungsgro&szlig;ger&auml;te leisten oder einen notwendigen Ausbau ihrer Hochschulen vorantreiben &ndash; gleichg&uuml;ltig ob sie exzellente Qualit&auml;t bieten oder nicht. Der Wettbewerbsf&ouml;deralismus h&auml;tte &uuml;ber einen kooperativen F&ouml;deralismus vollends gesiegt. Siegen w&uuml;rde aber nicht unbedingt Qualit&auml;t, sondern in jedem Falle das Geld &ndash; eben das wichtigste Steuerungsinstrument im Wettbewerb. Auch bei Hochschulen oder in der Wissenschaft hie&szlig;e dann der Wettbewerb: FC Bayern M&uuml;nchen gegen FC Cottbus. Dass die Bayern die teuersten Spieler der Welt kaufen k&ouml;nnen, hilft vielleicht dem Unternehmen FC Bayern, aber nicht der deutschen Nationalmannschaft.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ein Jahr andauernden Verhandlungen zwischen Bund und L&auml;ndern &uuml;ber die Reform des deutschen F&ouml;deralismus sind (vorl&auml;ufig) ohne ein Ergebnis zu Ende gegangen. 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