{"id":41819,"date":"2018-01-08T09:28:09","date_gmt":"2018-01-08T08:28:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41819"},"modified":"2018-12-30T13:49:26","modified_gmt":"2018-12-30T12:49:26","slug":"korea-nun-also-reden-sie-wieder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41819","title":{"rendered":"Korea: Nun also reden sie wieder"},"content":{"rendered":"<p>Im folgenden Beitrag gibt der Politikwissenschaftler und Publizist Dr. <strong>Rainer Werning<\/strong> aus aktuellem Anlass einen &Uuml;berblick &uuml;ber den Konflikt zwischen S&uuml;dkorea und Nordkorea und die seltsame Begleitung des Geschehens durch den Westen, insbesondere den aktuellen Pr&auml;sidenten der USA. Interessant, selbst wenn Sie nur die Zeit zum &Uuml;berfliegen haben sollten. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Korea: Nun also reden sie wieder<\/strong><br>\n<em>Von Rainer Werning<\/em><\/p><p>Nordkorea setzt inmitten des Atomstreits mit Washington auf die Wiederbelebung des Dialogs mit dem S&uuml;den &ndash; ein solcher innerkoreanischer Ann&auml;herungsprozess war trotz erbitterter gegenseitiger Anfeindungen auch in der Vergangenheit m&ouml;glich<\/p><p>W&auml;re die aktuelle Sicherheitslage in Nordostasien im Allgemeinen und auf der Koreanischen Halbinsel im Besonderen nicht so prek&auml;r, k&ouml;nnte man meinen, der seit Beginn dieses Jahres erfolgte Schlagabtausch zwischen Mister Trump und Genossen Kim gleiche einer Rivalit&auml;t zweier aufgedrehter Steiff-Teddyb&auml;ren dar&uuml;ber, wer denn nun den gr&ouml;&szlig;eren Knopf im Ohr hat. Hatte der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-Un in seiner Neujahrsansprache darauf hingewiesen, dass &laquo;sein Atomwaffenknopf immer auf seinem Schreibtisch&raquo; sei, twitterte der Mann im Wei&szlig;en Haus flugs retour: &laquo;W&uuml;rde jemand aus seinem verarmten und ausgehungertem Regime ihn bitte dar&uuml;ber informieren&raquo;, so US-Pr&auml;sident Donald Trump, &laquo;dass auch ich einen Atomwaffenknopf habe. Der ist nicht nur gr&ouml;&szlig;er, sondern funktioniert auch&raquo;.<\/p><p>W&auml;hrend in den sogenannten Leitmedien im Westen hervorgehoben wurde, Kim Jong-Un halte unerbittlich an seiner atomaren Bedrohungsstrategie fest, fiel die Interpretation seiner Neujahrsansprache vor allem in beiden Korea g&auml;nzlich anders aus. Kim feierte darin zwar sein Land und die Fortschritte, die es in seinem Atomprogramm als angemessenen Schutz vor einem US-Angriff gemacht habe. Bedeutsamer indes war die an die Moon Jae-In-Regierung in Seoul adressierte Botschaft, nach &uuml;ber zweij&auml;hriger Pause wieder bilaterale Gespr&auml;che auf hochrangiger Ebene zu f&uuml;hren. Wenn sich also nun ab dem 9. Januar die Chefunterh&auml;ndler Pj&ouml;ngjangs und Seouls wieder im Grenzort Panmunjom treffen, stehen nicht nur die Teilnahme Nordkoreas an den Olympischen Winterspielen im n&auml;chsten Monat und die Verbesserung der beidseitigen Beziehungen auf der Agenda.<\/p><p>Es geht vielmehr darum, jene Entspannungssignale weiterzuverfolgen, die bis dato dreimal ausgesandt worden waren. Da sind notwendige Blicke in die Vergangenheit angesagt, um die Dynamik eines m&ouml;glicherweise erneuten weitreichenden innerkoreanischen Ann&auml;herungsprozesses im internationalen Kontext zu verstehen. Nach dem Koreakrieg (1950-53) gab es von Seiten Seouls und Pj&ouml;ngjangs drei historisch bedeutsame Anl&auml;ufe, das beidseitig von exzessiven Feindbildern gepr&auml;gte innerkoreanische Verh&auml;ltnis zu entkrampfen. Jedes Mal jedoch waren au&szlig;enpolitische Faktoren mitverantwortlich daf&uuml;r, dass die Friedenssuche in neuerliche Konfrontation m&uuml;ndete.<\/p><p><strong>Drei gro&szlig;e Anl&auml;ufe zur Entspannung auf der Halbinsel<\/strong><\/p><p>Der erste Anlauf geschah im Sommer 1972. Am 4. Juli desselben Jahres schlug die in beiden Hauptst&auml;dten gleichzeitig bekannt gegebene <em>Gemeinsame S&uuml;d-Nord-Erkl&auml;rung &uuml;ber die friedliche nationale Wiedervereinigung<\/em> wie eine Bombe ein. Darin hie&szlig; es:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Beide Seiten einigten sich &uuml;ber folgende Prinzipien der Wiedervereinigung des Vaterlandes:<\/em><\/p>\n<p><em>Erstens: Die Wiedervereinigung soll unabh&auml;ngig, das hei&szlig;t ohne sich auf eine fremde Macht zu st&uuml;tzen, noch mit deren Einmischung erreicht werden.<\/em><\/p>\n<p><em>Zweitens: Die Wiedervereinigung soll mit friedlichen Mitteln, das hei&szlig;t ohne Waffeneinsatz der einen Seite gegen die andere verwirklicht werden.<\/em><\/p>\n<p><em>Drittens: Die gro&szlig;e nationale Einheit soll vor allem durch ein gemeinsames Nationalgef&uuml;hl  gef&ouml;rdert werden, ungeachtet der Unterschiede der Ideologien, Ideale und Systeme.<\/em><\/p>\n<p>Beide Seiten halten sich von der Verleumdung der anderen Seite und von bewaffneten Provokationen, kleinen oder gro&szlig;en, zur&uuml;ck und wirken darauf hin, Zwischenf&auml;lle durch unerwartete milit&auml;rische Konflikte zu vermeiden, damit die Spannung zwischen dem Norden und dem S&uuml;den &uuml;berwunden und eine vertrauensvolle Atmosph&auml;re geschaffen werden kann.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Zugleich wurde vereinbart, die Zusammenarbeit auf den verschiedensten Ebenen, vorrangig im Rahmen von Rote-Kreuz-Gespr&auml;chen, zu f&ouml;rdern. Au&szlig;erdem sollte zwischen beiden Hauptst&auml;dten ein &bdquo;hei&szlig;er Draht&ldquo; hergestellt und darauf hingewirkt werden, dass ein noch zu schaffendes <em>Nord-S&uuml;d-Koordinationskomitee<\/em> die drei gemeinsamen Prinzipien realisiert. Der in Seoul v&ouml;llig unerwartete Besuch des damaligen US-Pr&auml;sidenten Richard M. Nixon in der Volksrepublik China und die Verh&auml;ngung des Kriegsrechts in S&uuml;dkorea im Jahre 1972 machten die hehre <em>Gemeinsame S&uuml;d-Nord-Erkl&auml;rung<\/em> auf Jahre zur Makulatur.<\/p><p>Um die Jahreswende 1990\/1991 handelten Nord- und S&uuml;dkorea einen <em>Auss&ouml;hnungs- und Normalisierungsvertrag<\/em> aus, der den beiderseitigen Austausch in den Bereichen Kultur, Wirtschaft und Politik vorsah und gemeinsame Besuchsprogramme erm&ouml;glichen sollte. Auch das h&ouml;rte sich gut an. Doch die Vertragsunterzeichnung fiel in eine f&uuml;r Nordkorea &uuml;beraus bedeutsame Umbruchphase. In Berlin war die Mauer gefallen, der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Erosion anderer realsozialistischer Regime in Osteuropa stand bevor. F&uuml;r Pj&ouml;ngjang bedeutete die Politik von <em>Glasnost<\/em> und <em>Perestrojka<\/em> in der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow nichts Gutes. &Ouml;ffnung und Transparenz &ndash; das ging der nordkoreanischen Nomenklatur entschieden zu weit. Die Regierung in Pj&ouml;ngjang witterte darin eine &ndash; so w&ouml;rtlich &ndash; &bdquo;ideologische Kontaminierung&ldquo; und zog kurzerhand ihre im Ausland stationierten beziehungsweise dorthin entsandten Kader und Techniker ab und orderte sie wieder zur&uuml;ck nach Hause.<\/p><p>Auf die Umbruchphase in Osteuropa reagierte Pj&ouml;ngjang auf seine Weise; es schottete sich gegen&uuml;ber der (westlichen) Au&szlig;enwelt ab, setzte st&auml;rker als zuvor auf ideologische Erziehung und Kampagnen, entwarf das Konzept des &bdquo;Sozialismus in den eigenen Farben&ldquo; und propagierte einen &bdquo;starken und gedeihenden Staat&rdquo; sowie die Politik des &bdquo;Das Milit&auml;r zuerst!&ldquo; Diesmal war es der Norden, der den innerkoreanischen Ann&auml;herungsprozess aush&ouml;hlte. Neben den Entwicklungen in der Sowjetunion und in Osteuropa waren daf&uuml;r auch schwerwiegende binnenwirtschaftliche Probleme nach dem Tod des Staatsgr&uuml;nders Kim Il-Sungs im Sommer 1994 ausschlaggebend. Mitte der 1990er Jahre erlebte Nordkorea in Folge verheerender Naturkatastrophen (D&uuml;rreperioden und &Uuml;berschwemmungen) komplette Ernteausf&auml;lle und in einigen Regionen des Landes akute Hungersnot, worunter beispielsweise 1995 5,7 Millionen Menschen litten, etwa ein Viertel der Gesamtbev&ouml;lkerung.<\/p><p>Von dieser Katastrophe hat sich das Land bis heute nicht vollst&auml;ndig erholt, wenngleich sich seitdem die Lebensbedingungen der Menschen nach Ansicht internationaler Hilfsorganisationen sp&uuml;rbar verbesserten. Am H&auml;rtesten traf es Kleinkinder in abgelegenen, schwer zug&auml;nglichen Gebieten, wo sie nicht angemessen mit Nahrungsmitteln und medizinisch versorgt werden konnten. Eine wirtschaftlich au&szlig;erordentlich angespannte Situation, die Pj&ouml;ngjangs <em>Dschutsche<\/em>-Konzept, seine Variante einer autozentrierten Entwicklung, in Frage stellte. Kathi Zellweger, die damalige Direktorin f&uuml;r Internationale Zusammenarbeit und Leiterin von <em>Caritas-Hong Kong<\/em>, schrieb nach zahlreichen Nordkorea-Besuchen: &bdquo;Nordkorea verf&uuml;gt nur &uuml;ber 18 bis 20 Prozent gutes, zur Nahrungsproduktion geeignetes Land. Nordkorea ist kein Agrarland, sondern ein Industrieland mit einer stagnierenden, spiralf&ouml;rmig nach unten tendierenden Wirtschaft. (&hellip;) Obwohl sich die Situation seit dem H&ouml;hepunkt der Krise (1995-97) verbessert hat, ist die Stabilisierung noch sehr fragil und haupts&auml;chlich der internationalen Hilfe zu verdanken. Akute F&auml;lle von Unterern&auml;hrung haben abgenommen, doch sind die Auswirkungen mehrj&auml;hriger chronischer Mangelern&auml;hrung &uuml;berall sichtbar. Ein eindrucksvoller Vergleich zwischen einem siebenj&auml;hrigen Jungen in S&uuml;dkorea und in Nordkorea verdeutlicht dies: Der Junge in S&uuml;dkorea ist 125 Zentimeter gro&szlig; und wiegt 26 Kilogramm, sein Bruder im Norden ist 20 Zentimeter kleiner und 10 Kilogramm leichter.&ldquo; <\/p><p>Die dritte Ann&auml;herung zwischen Nord- und S&uuml;dkorea geschah Mitte Juni 2000. Am 13. Juni genoss die nordkoreanische F&uuml;hrung sogar als Gastgeber des ersten innerkoreanischen Gipfeltreffens den geschichtstr&auml;chtigen Moment, dass die Staatschefs beider Teilstaaten, Kim Dae-Jung und Kim Jong-Il (der zwischenzeitlich verstorbene Vater von Kim Jong-Un) &ndash; offiziell zwar noch im Kriegszustand &ndash;, Freundlichkeiten per Handschlag austauschten. Zwei Tage sp&auml;ter, am 15. Juni 2000, vereinbarten beide Staatsm&auml;nner die <em>Nord-S&uuml;d-Deklaration<\/em>. &Uuml;ber Familienzusammenf&uuml;hrung und gegenseitige Besuchsprogramme hinaus sah diese eine enge und regelm&auml;&szlig;ige Kooperation in den Bereichen Kultur, Handel und Wirtschaft vor. Ja, sogar die gemeinsame Teilnahme der Sportteams beider L&auml;nder an den bevorstehenden Olympischen Sommerspielen im australischen Sydney war vereinbart worden. Ein pikantes &bdquo;Nebenprodukt&ldquo; dieses wahrlich historischen Nord-S&uuml;d-Gipfels war der noch im selben Jahr in S&uuml;dkorea produzierte 110-min&uuml;tige, teils nachdenkliche, teils komische Film <em>Joint Security Area &ndash; JSA<\/em> (Originaltitel: Gong dong gyeongbi guyeok jsa &ndash; Regie: Park Chan-Wook) &uuml;ber die geheime Freundschaft von vier Wachposten beider koreanischen Staaten entlang der sie trennenden &bdquo;Demilitarisierten Zone&ldquo;. Im Sommer 2002 wurde JSA erstmalig auch in deutschsprachigen Kinos gezeigt.<\/p><p><strong>Eine Dekade &bdquo;Sonnenscheinpolitik&ldquo;<\/strong><\/p><p>M&ouml;glich geworden war diese erste Zusammenkunft der beiden m&auml;chtigsten Politiker in Seoul und Pj&ouml;ngjang nach dem Amtsantritt Kim Dae-Jungs im Februar 1998. Der einst prominenteste politische Gefangene und Staatsfeind Nummer Eins war damals siegreich ins Blaue Haus, dem Sitz des s&uuml;dkoreanischen Pr&auml;sidenten, eingezogen und verk&uuml;ndete fortan eine &Ouml;ffnung gegen&uuml;ber dem Norden, die er als &bdquo;Sonnenscheinpolitik&rdquo; deklarierte. Dies erfolgte gewiss auch aus pragmatischen und finanziellen Erw&auml;gungen. Seitdem n&auml;mlich klar wurde, welch exorbitante Kosten S&uuml;dkorea aufgeb&uuml;rdet w&uuml;rden, verfolgte es eine (Wieder-)Vereinigungspolitik analog dem deutschen Beispiel, schwand die fr&uuml;here Euphorie der politischen Eliten in Seoul, man k&ouml;nne sich den Norden aufgrund der eigenen haushohen wirtschaftlichen &Uuml;berlegenheit relativ problemlos einverleiben. (Tats&auml;chlich &uuml;bertraf Mitte der 1990er Jahre das Bruttoinlandsprodukt S&uuml;dkoreas dasjenige des Nordens um etwa das 20-fache, w&auml;hrend dieses Verh&auml;ltnis in Deutschland zum Zeitpunkt der Vereinigung nur etwa acht im Westen zu eins im Osten betragen hatte.)<\/p><p>Da S&uuml;dkorea sp&auml;testens seit der tiefen Finanz- und Wirtschaftskrise 1997 (der sogenannten <em>Asienkrise<\/em>) selbst in Schwierigkeiten geriet und die &ouml;konomischen Erfolge der vergangenen Jahrzehnte nicht gef&auml;hrden wollte, erwiesen sich der seinerseits gebeutelte Norden mitsamt den mit einer raschen Vereinigung verbundenen unkalkulierbaren sozialen Konsequenzen auf einmal als eine Kr&ouml;te, die jetzt niemand schlucken mochte. Wenn die Vereinigung als gro&szlig;e Herausforderung der Schaffung einer neuen Nation begriffen wird, in der sich die Menschen zweier langj&auml;hrig feindlicher Lager vers&ouml;hnen, dann ist die alleinige Logik des Kapitals nicht ausreichend. So wurde und wird denn gerade in Korea sehr aufmerksam verfolgt, wie schwierig sich im Prozess der deutschen Vereinigung ein echtes Verst&auml;ndnis zwischen Menschen mit h&ouml;chst unterschiedlichen Biographien herstellt.<\/p><p><strong>Silberstreif am Horizont<\/strong><\/p><p>Wandel durch Handel, Ann&auml;herung statt Destabilisierung &ndash; lautete fortan die Devise in Seoul. Dabei bezog sich Kim Dae-Jung ausdr&uuml;cklich auf Willy Brandts fr&uuml;here &bdquo;Ostpolitik&ldquo;, wenngleich er die Situation beider L&auml;nder nie f&uuml;r vergleichbar hielt. Dieser dritte Anlauf einer Nord-S&uuml;d-Verst&auml;ndigung auf der Koreanischen Halbinsel schien &auml;u&szlig;erst vielversprechend zu verlaufen, zumal dieser Prozess im Ausland breite Unterst&uuml;tzung fand. (<em>Unterst&uuml;tzung von allen Seiten f&uuml;r Kim Dae-jung<\/em>, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Oktober 2000) F&uuml;r seine &bdquo;Sonnenscheinpolitik&ldquo; erhielt der s&uuml;dkoreanische Pr&auml;sident im Jahre 2000 den Friedensnobelpreis. Eine h&ouml;chst zweifelhafte Entscheidung in Oslo, da zu einer Friedensregelung nun mal mindestens zwei Parteien geh&ouml;ren.<\/p><p>William J. Perry, von 1994 bis 1997 US-Verteidigungsminister und einer der Architekten des im Oktober 1994 in Genf ausgehandelten <em>Rahmenabkommens<\/em> <em>(Agreed Framework)<\/em> zur Beilegung des ersten Atomstreits mit Nordkorea, unternahm als Sonderemiss&auml;r des damaligen US-P&auml;sidenten Bill Clinton eine Shuttle-Diplomatie, um eine mittelfristige, konsistente Nordkoreapolitik zu formulieren. Im Oktober 1999 ver&ouml;ffentlichte Perry seinen Bericht &ndash; mit dem Ergebnis, an dem Rahmenabkommen unbedingt festzuhalten und S&uuml;dkoreas &bdquo;Sonnenscheinpolitik&ldquo; zu unterst&uuml;tzen. In dreierlei Hinsicht jedenfalls war der Perry-Report bedeutsam: Beide Protagonisten wahrten ihr Gesicht; die in Washington angenommene Pr&auml;misse, Nordkorea werde alsbald kollabieren, wurde revidiert, und schlie&szlig;lich ward die vom s&uuml;dkoreanischen Pr&auml;sidenten Kim Dae-Jung verfolgte &bdquo;Sonnenscheinpolitik&ldquo; ausdr&uuml;cklich bef&uuml;rwortet.<\/p><p>Der US-amerikanische Historiker und Koreaexperte Bruce Cumings (2001) konstatierte in diesem Zusammenhang: &bdquo;Die sechsmonatige Arbeit (Perrys und seiner Kollegen &ndash; <em>RW<\/em>) schloss mit der Empfehlung, die Verhandlungen mit Pj&ouml;ngjang zu intensivieren. Der Neuansatz m&uuml;ndete in ein vorl&auml;ufiges Abkommen &uuml;ber die nordkoreanischen Raketen, das den Vereinigten Staaten wie der gesamten asiatisch-pazifischen Region gro&szlig;e Vorteile brachte. Damals schien Nordkorea bereit, die Produktion, Stationierung und Ausfuhr aller Raketen mit einer Reichweite von &uuml;ber 500 Kilometern einzustellen. In beiden strategischen Fragen &ndash; in der Atompolitik und bei den ballistischen Raketen &ndash; schien man einer Vereinbarung n&auml;her zu kommen.&ldquo;<\/p><p>Im Gegenzug lockerte Washington einige seiner Wirtschaftssanktionen und setzte sich f&uuml;r die Fortf&uuml;hrung und Aufstockung von Hilfslieferungen an die Volksrepublik ein. Das Agreed Framework sah zudem vor, in Washington und Pj&ouml;ngjang jeweils Liaison-B&uuml;ros einzurichten und gemeinsam nach &Uuml;berresten der im Koreakrieg gefallenen US-amerikanischen Soldaten zu suchen. Und das Bedeutsamste: Pj&ouml;ngjang erhielt in einem Zusatzprotokoll eine Sicherheitsgarantie. Mit der Umsetzung der technischen und finanziellen Hilfslieferung wurde das eigens zu diesem Zweck gegr&uuml;ndete Nuklearkonsortium <em>Korean Peninsula Energy Development Organization (KEDO)<\/em> betraut, dem die USA, Japan und S&uuml;dkorea als Gr&uuml;ndungsmitglieder und Hauptfinanziers angeh&ouml;rten.<\/p><p>Den H&ouml;hepunkt Pj&ouml;ngjanger Au&szlig;enpolitik und einen diplomatischen Coup im Sog der &bdquo;Sonnenscheinpolitik&ldquo; bildete der Besuch von US-Au&szlig;enministerin Madeleine K. Albright am 23. und 24. Oktober 2000. Damit weilte erstmalig in der Geschichte beider L&auml;nder ein derart hochrangiger Repr&auml;sentant der US-Regierung in der Volksrepublik. W&auml;re US-Pr&auml;sident Bill Clinton in den letzten Tagen seiner Amtszeit nicht angesichts von Bem&uuml;hungen um Deeskalation des pal&auml;stinensisch-israelischen Konflikts und durch die sich im Bundesstaat Florida qu&auml;lend hinziehende Ausz&auml;hlung von W&auml;hlerstimmen auf dem falschen Fu&szlig; erwischt worden, h&auml;tte ihn wom&ouml;glich seine letzte Auslandsreise Anfang 2001 nach Pj&ouml;ngjang gef&uuml;hrt. Dort waren bereits entsprechende Vorbereitungen im Anschluss an den Albright-Besuch getroffen worden. Ja, Clinton hatte laut Frau Albright sogar zum Jahresende 2000 den nordkoreanischen F&uuml;hrer zu einem Staatsbesuch in die USA eingeladen, was dieser aber ausschlug. <em>(Albright 2003)<\/em><\/p><p><strong>Vielseitige Unterst&uuml;tzung seitens der EU<\/strong><\/p><p>Die Europ&auml;ische Union unterst&uuml;tzte von Beginn an die &bdquo;Sonnenscheinpolitik&ldquo; Kim Dae-Jungs und engagierte sich auch im Rahmen des Agreed Framework. 1997 trat die Europ&auml;ische Union immerhin KEDOs <em>Executive Board<\/em> bei und leistete zwischen 1996 und 2000 j&auml;hrlich 15 Mio. ECU an nichtr&uuml;ckzahlbaren Zusch&uuml;ssen. Die ebenfalls 1997 durch ein Assoziierungsabkommen Mitglied der KEDO gewordene EURATOM stellte dem Konsortium bis 2001 zus&auml;tzlich 75 Mio. ECU an Beitragsgeldern zur Verf&uuml;gung. &Uuml;ber diese Beteiligung an KEDO hinaus lieferte die EU Nahrungsmittel- und humanit&auml;re Hilfe nach Nordkorea, deren Umfang allein im Zeitraum von 1995 bis 2002 umgerechnet rund 180 Mio. Euro betrug. Au&szlig;erdem vertiefte die EU den politischen Dialog mit Pj&ouml;ngjang, f&ouml;rderte die Vertrauensbildung und Zusammenarbeit im Rahmen des <em>ASEAN Regional Forum (ARF)<\/em> sowie Ma&szlig;nahmen bez&uuml;glich mittelfristiger technischer Hilfe und avisierte schlie&szlig;lich M&ouml;glichkeiten eines erleichterten Marktzugangs f&uuml;r nordkoreanische Produkte in die EU.<\/p><p>Auch Mitte der 1990-er Jahre, als Nordkorea in Folge von Naturkatastrophen bitter zu leiden hatte und Hungersnot grassierte, leistete die EU der Volksrepublik in dieser &uuml;beraus prek&auml;ren Situation aktive Nothilfe. Zwar war dieser Beistand h&ouml;chst willkommen, wenngleich das vor Ort t&auml;tige Personal staatlicher sowie nichtstaatlicher Hilfswerke &ndash; vorsichtig formuliert &ndash; mit Argwohn bedacht und in seiner Bewegungsfreiheit stark eingeschr&auml;nkt blieb. Die Hilfsma&szlig;nahmen betrafen sowohl staatliche und nichtstaatliche Nahrungsmittellieferungen sowie bilaterale Hilfen in den Bereichen technische Zusammenarbeit und Management.<\/p><p>Allein im Rahmen ihres Nahrungsmittelhilfs- und Nahrungsmittelsicherungsprogramms (das auch landwirtschaftliche Inputs und verbesserte Methoden bei der Bodenbewirtschaftung vorsahen) stellte die EU-Kommission der Volksrepublik in den vier Jahren von 1997 bis 2000 umgerechnet insgesamt 168 Mio. Euro &uuml;ber drei Kan&auml;le zur Verf&uuml;gung: direkte bilaterale Hilfe in H&ouml;he von 106,7 Mio. Euro; Bereitstellung von 50 Mio. Euro f&uuml;r das Weltern&auml;hrungsprogramm der Vereinten Nationen sowie 11 Mio. Euro f&uuml;r die Operationen von anf&auml;nglich sechs gr&ouml;&szlig;eren europ&auml;ischen Nichtregierungsorganisationen (NGO), zu denen neben <em>CESVI, Concern, Children&rsquo;s Aid Direct, Action Contre La Faim und M&eacute;decins Sans Fronti&egrave;res<\/em> auch die <em>Deutsche Welthungerhilfe<\/em> z&auml;hlte. Deren Aktivit&auml;ten konzentrierten sich vorrangig auf die Verpflegung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen, &auml;lteren Menschen und auf den Ausbau beziehungsweise die angemessene Ausstattung von Gesundheitszentren.<\/p><p>Im Februar 2002 erarbeitete die EU-Kommission eigens ein sogenanntes <em>Country Strategy Paper (CSP)<\/em> f&uuml;r die Demokratische Volksrepublik Korea (DVRK &ndash; Nordkorea), in dem die Rahmenbedingungen der technischen Zusammenarbeit mit Pj&ouml;ngjang bis zum Jahr 2004 skizziert wurden. Als Eckpunkte der Kooperation wurden folgende Ma&szlig;nahmen avisiert: Unterst&uuml;tzung des innerkoreanischen Dialogs, Hilfe beim Prozess der nordkoreanischen Markt&ouml;ffnung und Modernisierung der Wirtschaft, erleichterter Zugang nordkoreanischer Produkte auf dem EU-Markt (vor allem erh&ouml;hte Importquoten bei Textilien), verst&auml;rkte Investitionen, eine Erweiterung des EU-DVRK-Au&szlig;enhandels, der im Jahre 2000 umgerechnet gerade mal zirka 319 Mio. US-Dollar ausmachte, sowie die Aufnahme von Gespr&auml;chen &uuml;ber die Lage der Menschenrechte in der Volksrepublik. Die erste Gespr&auml;chsrunde dieser Art fand am 13. Juni 2001 statt, w&auml;hrend im Gegenzug Pj&ouml;ngjang im M&auml;rz 2002 eine Delegation nach Europa entsandte, um sich vor Ort ein Bild &uuml;ber die wirtschaftspolitischen Ma&szlig;nahmen der EU zu verschaffen.<\/p><p>Zwischen 1998 und Juni 2002 hielten Vertreter der EU und der DVRK &uuml;berdies f&uuml;nf politische Gespr&auml;chsrunden auf h&ouml;herer Beamtenebene (<em>Regional Directors<\/em>) ab, die letzte davon in der nordkoreanischen Hauptstadt, in denen auch Fragen des nordkoreanischen Atomprogramms und wirtschaftlicher Reformen zur Sprache kamen. Bereits im Juli 1999 hatte die EU mit der Ausarbeitung einer sogenannten &bdquo;koh&auml;renten Roadmap&ldquo; begonnen, um k&uuml;nftige Beziehungen mit der DVRK im Rahmen ihrer Ratsbeschl&uuml;sse &uuml;ber die koreanische Halbinsel zu formulieren. Der seit Sommer 2000 in Schwung geratene innerkoreanische Entspannungsprozess wurde auf dem dritten, vom Thema Nordkorea beherrschten <em>Europa-Asien-Gipfel (ASEM)<\/em> der Staats- und Regierungschefs der 15 EU-L&auml;nder und zehn Staaten Ost- und S&uuml;dostasiens in Seoul Mitte Oktober 2000 gew&uuml;rdigt, was seinerzeit nicht nur in beiden koreanischen Hauptst&auml;dten, sondern auch in Beijing ausdr&uuml;cklich begr&uuml;&szlig;t wurde.<\/p><p>W&auml;hrend des Seouler ASEM-Gipfels waren innerhalb der EU zwar unterschwellig Differenzen vernehmbar: Der Pr&auml;sident der Europ&auml;ischen Kommission, Romano Prodi, kritisierte die unterschiedlichen Geschwindigkeiten, mit denen EU-Staaten an Pj&ouml;ngjang herantraten und mit der DVRK volle diplomatische Beziehungen vereinbarten. Gemeint waren damit vor allem Gro&szlig;britannien und Deutschland (die Bundesrepublik er&ouml;ffnete am 1. M&auml;rz 2001 ihre Botschaft in Pj&ouml;ngjang). Im Gegensatz zu Tony Blair und Gerhard Schr&ouml;der hatte sich der franz&ouml;sische Pr&auml;sident Jacques Chirac eher reserviert gezeigt. Doch sp&auml;testens der Anfang Mai 2001 erfolgte Besuch einer hochrangigen EU-Delegation unter Leitung des damaligen schwedischen Ministerpr&auml;sidenten und EU-Ratsvorsitzenden G&ouml;ran Persson in Nord- und S&uuml;dkorea war dort wie in der gesamten Region als Goodwill-Geste willkommen gehei&szlig;en und von Pj&ouml;ngjang genutzt worden, nochmalig seine weitere Kooperationsbereitschaft zu signalisieren. (<em>EU-Delegation in Korea belebt Friedensprozess<\/em>, in: Financial Times Deutschland, 3. Mai 2001) Begleitet wurde Persson vom EU-Au&szlig;enkommissar Chris Patten und dem EU-Beauftragten f&uuml;r Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik Javier Solana. Solche Avancen nutzten der chinesische Pr&auml;sident Jiang Zemin und sein Au&szlig;enminister Tang Jiaxuan wenig sp&auml;ter auf dem ASEM-Treffen in Beijing Ende Mai 2001, explizit eine engere Kooperation mit Europa anzumahnen. Dabei bem&uuml;hten sie das Bild einer &bdquo;neuen Seidenstra&szlig;e&ldquo;, was gleichzeitig als Kontrapunkt zur Politik der Supermacht USA gemeint war.<\/p><p><strong>Backlash unter Bush<\/strong><\/p><p>Was zu Beginn des Jahres 2001 vielversprechend auf Entspannung in Korea hindeutete, geriet nach dem Amtsantritt von George W. Bush vollends aus den Fugen. Selten d&uuml;rfte im Wei&szlig;en Haus ein Staatsgast, dazu noch ein gerade erst mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnetes Staatsoberhaupt, derma&szlig;en br&uuml;skiert worden sein, wie das Anfang M&auml;rz 2001 dem s&uuml;dkoreanischen Pr&auml;sidenten Kim Dae-Jung widerfuhr. Anl&auml;sslich dieses ersten Staatsbesuchs eines asiatischen Regierungschefs beim neuen Chef im Wei&szlig;en Haus nannte Pr&auml;sident Bush Nordkorea am 7. M&auml;rz 2001 unvermittelt und unverbl&uuml;mt einen &bdquo;Bedrohungsfaktor in Ostasien&ldquo;, mit dem Gespr&auml;che ausgesetzt und erst nach einer kompletten Neubestimmung der US-Asienpolitik wieder aufgenommen w&uuml;rden. Als er auch noch den innerkoreanischen Dialog in Zweifel zog, diesen sogar als &bdquo;naiv&ldquo; abstempelte, standen Kim Dae-Jung samt Entourage wie begossene Pudel da. (<em>Bush Tells Korean He Distrusts North<\/em>, in: International Herald Tribune, 8. M&auml;rz 2001) Einen Tag zuvor, am 6. M&auml;rz 2001, hatte Au&szlig;enminister Colin Powell den noch zuversichtlich gestimmten G&auml;sten aus Seoul versichert, er werde &bdquo;die vielversprechenden Elemente der Nordkorea-Politik seiner Vorg&auml;ngerin weiterentwickeln.&ldquo;<\/p><p>Peinlich f&uuml;r die s&uuml;dkoreanische Delegation war &uuml;berdies, dass sie in die Debatte um das von Pr&auml;sident Bush propagierte Raketenabwehrsystem (NMD) als Kern einer neuen US-amerikanischen Verteidigungsstrategie hineingezogen wurde und Bushs nationale Sicherheitsberaterin, Condoleezza Rice, die Wiederaufnahme von Gespr&auml;chen &uuml;ber nordkoreanische Raketentests trotz des 1999 von Pj&ouml;ngjang zugesagten Moratoriums schlichtweg f&uuml;r &bdquo;kontraproduktiv&ldquo; hielt. Pj&ouml;ngjang sah sich herausgefordert und bangte um das &Uuml;berleben seines Regimes, als im M&auml;rz 2003 US-Streitkr&auml;fte in den Irak einmarschierten. Seitdem beharrt es &ndash; so w&ouml;rtlich: &bdquo;auf das Recht, ein gr&ouml;&szlig;tm&ouml;gliches Abschreckungspotenzial zum Selbstschutz zu unterhalten.&ldquo; &bdquo;Der trotz des Widerstandes der internationalen Gemeinschaft gef&uuml;hrte Krieg in Irak hat gelehrt&ldquo;, meldete die staatliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA, &bdquo;dass eine Nation &uuml;ber eine angemessene milit&auml;rische St&auml;rke verf&uuml;gen sollte, um ihre Souver&auml;nit&auml;t zu verteidigen.&ldquo;<\/p><p>Vor allem die in Washington vor und nach der Irak-Invasion wiederholt &ouml;ffentlich benutzte Formel eines notwendigen &bdquo;Regimewechsels&ldquo; im Falle unilateral ausgemachter &bdquo;Schurkenstaaten&ldquo; lie&szlig; in Pj&ouml;ngjang die Alarmglocken schrillen. Unverz&uuml;glich brachen alte (Kriegs-)Wunden wieder auf. Pj&ouml;ngjang brandmarkte im Staatsrundfunk und in der <em>Rodong Shinmun<\/em>, dem Zentralorgan der herrschenden Partei der Arbeit Koreas (PdAK), die USA als eine &bdquo;Nation von Kannibalen&ldquo; und warnte Washington vor provokativen Aktionen: &bdquo;Sollten die US-Imperialisten die Konfrontation wagen, wird ihnen tausendfach Rache zuteil.&ldquo; Pj&ouml;ngjang reagierte auch deshalb so harsch, weil sich seit dem Amtsantritt von Bush Junior die US-amerikanisch-chinesischen Beziehungen sp&uuml;rbar abgek&uuml;hlt hatten.<\/p><p>Anfang April 2001 war auf der chinesischen Insel Hainan ein US-Spionageflugzeug zur Landung gezwungen und dessen Besatzung eine Zeitlang festgehalten worden. Pr&auml;sident Bush und seine damalige Sicherheitsberaterin und sp&auml;tere Au&szlig;enministerin Condoleezza Rice schalten China als &bdquo;aufstrebende Macht und strategischen Gegner&ldquo;, als einen Rivalen also, der den USA &ndash; langfristig gesehen &ndash; am ehesten politisch, milit&auml;risch und wirtschaftlich Paroli bieten k&ouml;nnte. Chinas Pr&auml;sident Jiang Zemin fuhr eine Retourkutsche. Anfang Mai 2001 charakterisierte er seinen Kollegen im Wei&szlig;en Haus w&auml;hrend eines Sondertreffens von Mitgliedern des Politb&uuml;ros der Kommunistischen Partei Chinas und au&szlig;enpolitischen Experten als &ndash; so w&ouml;rtlich: &bdquo;logisch unbedarft, konfus und prinzipienlos.&ldquo;<\/p><p>Nachdem Pr&auml;sident Bush im Januar 2002 die &bdquo;Achse des B&ouml;sen&rdquo; mit ihren Hauptspeichen Iran-Irak-Nordkorea erfunden hatte, ersetzte er im September 2002 die traditionelle Politik der Eind&auml;mmung durch eine neue Strategie pr&auml;ventiver Milit&auml;rschl&auml;ge, das hie&szlig; eines Pr&auml;ventivkriegs, wonach ein Land anzugreifen sei, von dem die USA glaubten, es k&ouml;nnte zuerst angreifen. In seinem Buch &bdquo;<em>Bush at War<\/em>&ldquo; &ndash; &bdquo;<em>Bush im Krieg<\/em>&ldquo; &ndash; zitiert der Journalist Bob Woodward den US-Pr&auml;sidenten mit den Worten: &bdquo;Ich hasse Kim Jong-Il!&ldquo; Und er f&uuml;gte hinzu, am liebsten w&uuml;rde er das Regime in Pj&ouml;ngjang st&uuml;rzen. Die Regierung Nordkoreas reagierte prompt, verwies die Inspektoren der Internationalen Atomenergie-Beh&ouml;rde des Landes, lie&szlig; den Atomreaktor in Yongbyon mit neuen Brennst&auml;ben beladen und erkl&auml;rte den Austritt aus dem Atomwaffensperrvertrag.<\/p><p>Neben der US-Regierung meldete sich auch die EU zu Wort, deren Position sich nach einer drastisch vollzogenen Kehrtwende nunmehr auff&auml;llig mit jener Washingtons deckte. Am 18. Oktober 2002 wurde die nachstehende Erkl&auml;rung im Namen der Europ&auml;ischen Union in Br&uuml;ssel und Kopenhagen ver&ouml;ffentlicht: &bdquo;Die EU bringt ihre tiefe Besorgnis zum Ausdruck &uuml;ber Berichte im Anschluss an den Besuch des Sondergesandten der USA in der Demokratischen Volksrepublik Korea, demzufolge dieses Land zugegeben hat, ein geheimes Atomwaffenprogramm durchzuf&uuml;hren. Die Europ&auml;ische Union ersucht Nordkorea eindringlich, diese Angelegenheit unverz&uuml;glich klarzustellen. Ein derartiges Programm stellt eine ernste Verletzung der Verpflichtungen dar, die Nordkorea im Rahmen des Nichtverbreitungsvertrags, des &Uuml;bereinkommens der Internationalen Atomenergie-Organisation betreffend die Anwendung von Sicherungsma&szlig;nahmen sowie der von Nord- und S&uuml;dkorea abgegebenen gemeinsamen Erkl&auml;rung &uuml;ber die Schaffung einer kernwaffenfreien Koreanischen Halbinsel und der vereinbarten Rahmenregelung eingegangen ist.&rdquo;<\/p><p>&bdquo;So trafen Anfang 2003 die vorhersehbaren Provokationen und T&auml;uschungsversuche Nordkoreas auf die seit langem vorliegenden Pl&auml;ne der USA, die schon in der Anfangsphase eines neuen koreanischen Krieges den Einsatz von Atomwaffen vorsehen&ldquo;, schrieb der US-amerikanische Historiker und Korea-Experte Bruce Cumings (2003): &bdquo;Das Prinzip des Atomwaffensperrvertrags lautet&ldquo;, so Cumings weiter, &bdquo;dass Staaten ohne Nuklearwaffen nicht von denen bedroht werden d&uuml;rfen, die Atomwaffen besitzen. 1996 erkl&auml;rte der Internationale Gerichtshof in Den Haag, jeglicher Einsatz von oder die Bedrohung durch Atomwaffen sei als das &sbquo;mal ultime&rsquo; zu verurteilen. Dennoch k&ouml;nnte der Einsatz von Atomwaffen gerechtfertigt sein &ndash; dann n&auml;mlich, wenn das &Uuml;berleben eines ganzen Staates auf dem Spiel st&uuml;nde [zit. nach: <em>The New York Times<\/em>, 9. Juli 1996]. Demnach jedenfalls ist es eher gerechtfertigt, dass Nordkorea Atomwaffen produziert, als dass die USA dem &sbquo;nichtnuklearen Staat&rsquo; Nordkorea die Vernichtung androhen.&ldquo; Washington war davon &uuml;berzeugt, dass Pj&ouml;ngjang tats&auml;chlich &uuml;ber ein Atomwaffenarsenal inklusive Tr&auml;gersysteme verf&uuml;gt. Dort erwog man deshalb, so der ehemalige NATO-Oberbefehlshaber Wesley Clark Ende Mai 2005 gegen&uuml;ber dem Fernsehsender <em>CNN<\/em>, diese notfalls gem&auml;&szlig; dem damaligen Planungskonzept <em>CONPLAN 8022<\/em> durch &bdquo;zielgenaue Nuklearschl&auml;ge auszuschalten&ldquo;.<\/p><p>Fast zeitgleich, anl&auml;sslich des f&uuml;nften Jahrestages des ersten koreanischen Gipfeltreffens und der Unterzeichnung der <em>Nord-S&uuml;d-Deklaration<\/em>, reisten Mitte Juni 2005 &uuml;ber 300 s&uuml;dkoreanische G&auml;ste nach Pj&ouml;ngjang, um dort mehrere Tage lang gemeinsam dieses Ereignisses zu gedenken. Es herrschte eine ausgelassene Atmosph&auml;re, die einmal mehr demonstrierte, dass Nord und S&uuml;d einander begegnen, voneinander lernen und miteinander feiern k&ouml;nnen, solange Einmischungen von au&szlig;en unterbleiben. &bdquo;Von nun an sollten S&uuml;d- und Nordkorea all ihre Kr&auml;fte b&uuml;ndeln, um einen tragf&auml;higen Friedensmechanismus zu schaffen und die Gefahr eines Atomkrieges auf der Halbinsel zu bannen&ldquo;, erkl&auml;rte S&uuml;dkoreas Vereinigungsminister Chung Dong-Young in Pj&ouml;ngjang nach einem Treffen mit Staatschef Kim Jong-Il. Die nordkoreanische Seite reagierte prompt: &bdquo;Wir sollten nicht unt&auml;tig herumsitzen und auf Frieden warten, wir sollten lieber unserer Nation voll vertrauen und mit vereinter Kraft den Frieden sichern&ldquo;, erwiderte der nordkoreanische Sprecher Ahn Kyong-Ho.<\/p><p><strong>Schrille Kriegstrommler<\/strong><\/p><p>S&uuml;dkoreas damaliger Au&szlig;enminister (und sp&auml;terer UN-Generalsekret&auml;r) Ban Ki-Moon und andere hochrangige Diplomaten in Seoul zeigten sich ma&szlig;los entt&auml;uscht, als bereits wenige Tage nach diesen Feierlichkeiten Paula Dobriansky, Unterstaatssekret&auml;rin im US-State Department, Nordkorea &ouml;ffentlich als einen von vier &bdquo;Au&szlig;enposten der Tyrannei&rdquo; brandmarkte &ndash; gemeinsam mit Myanmar (das fr&uuml;here Birma), Simbabwe und Kuba. Ban verwahrte sich gegen solch provokative &Auml;u&szlig;erungen aus Washington und erkl&auml;rte: &bdquo;Nordkorea stets mit negativen, respektlosen Etiketten zu belegen, ist kontraproduktiv&ldquo;. Wodurch de facto die schizophrene Situation ein Ende fand, dass S&uuml;dkorea damals engere Kontakte zum Norden w&uuml;nschte, diesen aber gleichzeitig in seinem seit der Staatsgr&uuml;ndung 1948 bestehenden Nationalen Sicherheitsgesetz als &bdquo;staatsfeindliche Organisation&ldquo; bezeichnet.<\/p><p>Eigentlich war man gegen Ende der in Seoul verfolgten &bdquo;Sonnenscheinpolitik&ldquo; im Jahre 2008 wieder dort angelangt, wo man bereits 14 Jahre zuvor im Rahmen des <em>Agreed Framework<\/em> gestanden hatte. Eine groteske Situation, die wesentlich durch die aggressive Falken-Diplomatie der US-amerikanischen Verhandlungsf&uuml;hrer James A. Kelly (von 2001 bis 2005 verantwortlich im US-Au&szlig;enministerium f&uuml;r Ostasiatische und Pazifische Angelegenheiten) und John R. Bolton heraufbeschworen und vom Zickzack-Kurs Pj&ouml;ngjangs vertrackt wurde. Vor allem war es Bolton, der antagonisierte. Bevor er von 2005 bis 2006 als US-Botschafter bei den Vereinten Nationen diente, war er als Staatssekret&auml;r f&uuml;r R&uuml;stungskontrolle und Internationale Sicherheit auch Delegationsmitglied der Sechsparteiengespr&auml;che zur Beilegung des Atomstreits mit Nordkorea in Beijing. (Der unter &Auml;gide der VR China von 2003 bis 2009 durchgef&uuml;hrten, letztlich erfolglos verlaufenenen Gespr&auml;chsrunde geh&ouml;rten au&szlig;erdem die USA, Russland, Japan sowie Nord- und S&uuml;dkorea an.) Diesen Job musste er jedoch quittieren, nachdem er Kim Jong-Il &ouml;ffentlich einen &bdquo;tyrannischen Diktator&rdquo; eines Landes gescholten hatte, in dem f&uuml;r viele Menschen &bdquo;das Leben ein h&ouml;llischer Albtraum&rdquo; sei. Unverz&uuml;glich lie&szlig; das nordkoreanische Au&szlig;enministerium &uuml;ber die amtliche Nachrichtenagentur KCNA vermelden, Bolton sei ein &bdquo;menschlicher Abschaum (scum) und Blutsauger, der f&uuml;r die Teilnahme an diesen Gespr&auml;chen ungeeignet ist.&rdquo; (<em>The Washington Times<\/em>, 4. August 2003)<\/p><p>Bolton h&auml;tte es am Liebsten gesehen, w&auml;re Washington gegen Nordkorea milit&auml;risch vorgegangen, was er u.a. anl&auml;sslich seiner Teilnahme am Parteitag der britischen Tories in Blackpool im Oktober 2007 ungeniert so formulierte: &bdquo;Die USA hatten einst die F&auml;higkeit, in verdeckter Weise einen Sturz von Regierungen einzuf&auml;deln. Ich w&uuml;nschte, wir k&ouml;nnten dies wieder haben.&rdquo; (<em>Bolton wirbt bei Tories f&uuml;r Angriff auf Iran, in: Der Standard [Wien]<\/em>, 6. Oktober 2007)&#65279; Bis heute ist sich dieser Mann, der mittlerweile wieder f&uuml;r das stockkonservative American Enterprise Institute t&auml;tig ist, treu geblieben. Zusammen mit US-Senator Lindsey Graham (South Carolina), Trumps Nationalen Sicherheitsberater H. R. McMaster und Verteidigungsminister James Mattis z&auml;hlt Bolton zu den eingefleischten &bdquo;Falken&ldquo;, die lautstark die Kriegstrommel gegen Nordkorea schlagen. Man darf gespannt sein, welche Gesch&uuml;tze Washington gegen den neuerlich reaktivierten innerkoreanischen Dialog auff&auml;hrt. Im Augenblick jedenfalls sitzt Genosse Kim &ndash; bildlich gesprochen &ndash; am gr&ouml;&szlig;eren Knopf.<\/p><p><strong>Dr. Rainer Werning<\/strong>, Politikwissenschaftler und Publizist mit den Schwerpunkten Ost- und S&uuml;dostasien, ist u.a. Koautor des im Februar in der Edition Berolina (Berlin) erscheinenden Buches <em>Brennpunkt Nordkorea<\/em>.<\/p><p><strong>Quellen<\/strong><\/p><ul>\n<li>Albright, Madeleine (2003): <em>Madam Secretary: A Memoir.<\/em> New York. (Die dtsch. Ausg. erschien 2005 unter dem Titel &bdquo;Madam Secretary: Die Autobiographie&ldquo; im Goldmann Verlag, M&uuml;nchen.)<\/li>\n<li>Cumings, Bruce (2001): <em>Kehrtwende in den USA: Washingtons Spannungspolitik in Ostasien<\/em>, in: Le Monde diplomatique (dtsch. Ausg.). Berlin\/Z&uuml;rich, Mai, S. 5.<\/li>\n<li>&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;- (2003): <em>Nordkorea und USA im atomaren Gleichgewicht. Pj&ouml;ngjang liegt nicht am Tigris<\/em>, in: Le Monde diplomatique (dtsch. Ausg.). Berlin\/Z&uuml;rich: Februar<\/li>\n<li>Europ&auml;ische Union (EU) (2002): <em>Bulletin EU 10-2002, Gemeinsame Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik (13\/32), Nordkorea<\/em> (Erkl&auml;rung des Vorsitzes im Namen der Europ&auml;ischen Union am 18. Oktober zum Atomwaffenprogramm Nordkoreas). Br&uuml;ssel\/Kopenhagen<\/li>\n<li>International Crisis Group (ICG\/ed.) (2006): <em>China and North Korea: Comrades Forever?<\/em>, Asia Report No 112. Seoul\/Brussels, February 1.<\/li>\n<li>Patten, Chris\/Solana, Javier (2001): <em>EU Policy on the Democratic People&rsquo;s Republic of Korea (DPRK) &ndash; Supporting International Efforts to Reduce Tensions on the Korean Peninsula<\/em>, European Union, Delegation of the European Commission to the United States. 2300 M Street, NW, Washington, DC 20037, No. 33\/01, May 1.<\/li>\n<li>Song, Du-Yul\/Werning, Rainer (2012): <em>Korea: Von der Kolonie zum geteilten Land<\/em>. Wien.<\/li>\n<li>Zellweger, Kathi (2004): <em>Caritas in Nordkorea &ndash; f&uuml;r menschliche W&uuml;rde und Gerechtigkeit: Erfahrungen humanit&auml;rer Hilfsorganisationen mit den Menschen in Nordkorea<\/em>, in: Choe, Hyondok\/Song, Du-Yul\/Werning, Rainer (Hg.): Wohin steuert Nordkorea? Soziale Verh&auml;ltnisse &ndash; Entwicklungstendenzen &ndash; Perspektiven. K&ouml;ln.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im folgenden Beitrag gibt der Politikwissenschaftler und Publizist Dr. <strong>Rainer Werning<\/strong> aus aktuellem Anlass einen &Uuml;berblick &uuml;ber den Konflikt zwischen S&uuml;dkorea und Nordkorea und die seltsame Begleitung des Geschehens durch den Westen, insbesondere den aktuellen Pr&auml;sidenten der USA. 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