{"id":4189,"date":"2009-09-12T20:09:01","date_gmt":"2009-09-12T18:09:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4189"},"modified":"2014-01-23T12:50:22","modified_gmt":"2014-01-23T11:50:22","slug":"linksschwenk-beim-spiegel-kulturchef-matussek","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4189","title":{"rendered":"Linksschwenk beim SPIEGEL-Ex-Kulturchef Matussek?"},"content":{"rendered":"<p>Wir sind seit gestern mehrmals auf den Beitrag von Matthias Matussek &uuml;ber <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/0,1518,druck-648339,00.html\">&bdquo;Krise des Konservativen. Wie ich aus Versehen ein Linker wurde.&ldquo;<\/a> aufmerksam gemacht worden. Einer unserer Leser fragte, ob da einer &bdquo;aufgewacht&ldquo; ist und gab selbst die optimistische Antwort, er glaube nicht an einen Trick. Ich bin unsicher. Bei aller Freude &uuml;ber einige beachtliche und f&uuml;r Matussek neue Erkenntnisse bemerke ich zu viel Unstimmiges. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nZun&auml;chst noch die Einf&uuml;hrung von SpiegelOnline zum Text:<\/p><blockquote><p>Sein Vater war CDU-Politiker, er selbst kiffte und lebte in einer Mao-WG &ndash; zum Linken aber wurde Matthias Matussek erst jetzt in der Krise. Denn die Konservativen f&uuml;hren seiner Ansicht nach einen Klassenkampf von oben: Sie zertr&uuml;mmern Werte, heiligen Kaltschn&auml;uzigkeit und &ouml;de Lifestyle-Spie&szlig;erei.<\/p><\/blockquote><p>Es lohnt sich, den gesamten Artikel zu lesen.<\/p><p><strong>A. Beachtliche Erkenntnisse<\/strong><\/p><p>Einiges in dem vorgelegten Artikel ist bemerkenswert:<\/p><ul>\n<li>Immerhin widerspricht Matussek der &uuml;blichen Polemik gegen die vom Spiegel h&auml;ufig attackierten angeblichen Gutmenschen, wenn er feststellt, &bdquo;dass wir uns um eine bessere Welt k&uuml;mmern m&uuml;ssen und zwar nicht durch (milit&auml;rische, d. Verf.) Invasionen, sondern durch fairere Verteilung der Reicht&uuml;mer und behutsameren Umgang mit der Natur.&ldquo;<\/li>\n<li>Er hinterfragt die Existenz des &bdquo;linken Meinungskartells&ldquo; &ndash; ein Fehlurteil und Ger&uuml;cht, das in rechts-konservativen Kreisen seit Jahrzehnten gepflegt wird. Die Behauptung, das Fernsehen in Deutschland sei ein &bdquo;Rotfunk&ldquo; stimmte nie und war dennoch Anlass f&uuml;r die von der Union betriebene Kommerzialisierung von Fernsehen und H&ouml;rfunk.<\/li>\n<li>Immerhin sieht Matussek, dass wir und eine weiter Generation f&uuml;r die Rettung der Banken noch Jahrzehnte werden zahlen m&uuml;ssen.<\/li>\n<li>Er notiert, dass sich das Klima unkorrigierbar zum Schlechteren ver&auml;ndern wird und wir dennoch wie gel&auml;hmt daneben stehen.<\/li>\n<li>Er skizziert die Verr&uuml;cktheit der Alt- und Jungkonservativen, in dieser Zeit mit ganz anderen Problemen die 68er ein weiteres Mal besiegen zu wollen und sich daf&uuml;r auf die Schulter zu klopfen.<\/li>\n<li>Er nennt den konservativen Klassenkampf von oben &bdquo;total&ldquo;. Er habe &ouml;konomisch wie mental Werte zertr&uuml;mmert, radikaler als es die Linke je vermocht h&auml;tte.<\/li>\n<li>Er benennt die Kaltschn&auml;uzigkeit beim Namen, wenn den Abgeh&auml;ngten von oben zugerufen wird: Strengt euch gef&auml;lligst an! Er kritisiert dabei sogar Guttenberg.<\/li>\n<li>Die Vorstellung &bdquo;Jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied&ldquo; sei Bullshit. So treffend habe ich diesen zentralen Glaubenssatz der Neoliberalen bisher noch nicht gekennzeichnet, obwohl ich seit dem Lambsdorff Papier von 1982 beschreibe, was diese Ideologie an Unheil anrichtet.<\/li>\n<li>Immerhin nennt Matussek Angela Merkel eine von allen &Uuml;berzeugungen entkernte Kanzlerin. Ein beachtlicher Lernerfolg. Denn wenn ich mich recht erinnere, haben wir von Matussek schon anderes &uuml;ber Merkel gelesen.<\/li>\n<li>Matussek kritisiert, dass die Oberschicht, die sich zum Beispiel bei der Bundeskanzlerin zum Essen versammelt, keine Ahnung mehr davon hat, was sich unten abspielt.<\/li>\n<li>Matussek stellt fest, dass die Depressions- und Stresserkrankungen steigen und gleichzeitig das Gef&uuml;hl st&auml;ndiger &Uuml;berforderung und zunehmender Sinnleere. Er folgert daraus richtig, dass es zur Therapie um einen richtigen Kulturwandel gehen m&uuml;sse. Die erfolgreiche, sozial integrierte Mittelschicht m&uuml;sse die Fenster aufsto&szlig;en, hin zu einer neuen Ernsthaftigkeit. &ndash; In &bdquo;Meinungsmache&ldquo; schreibe ich, eine Art Kulturrevolution sei notwendig.<\/li>\n<\/ul><p>Das sind schon ziemlich viele klugen Erkenntnisse. Warum sollte man sich nicht freuen, wenn der Spiegel-Ex-Kulturchef solche Einsichten hat. Besser sp&auml;t als nie.<\/p><p><strong>B. Ungereimtes, Widerspr&uuml;chliches und mangelnde Konsequenz<\/strong><\/p><p>Zugegeben, den Schwenk von Matussek w&uuml;rden wir NachDenkSeiten-Macher gerne glauben. Denn das w&uuml;rde zumindest die Chance er&ouml;ffnen, bei SpiegelOnline und Spiegel Impulse zu einer kritischeren Sicht der Welt loszuwerden. Aber es gibt zu viel Ungereimtes bei Matussek:<\/p><ul>\n<li>Man kann nicht den neoliberalen Glaubenssatz, jeder sei seines Gl&uuml;ckes Schmied, Bullshit nennen und gleichzeitig von den Markt-Liberalen der FDP entscheidende &bdquo;Stromst&ouml;&szlig;e&ldquo; f&uuml;r den &bdquo;erschlafften Herzmuskel der Republik&ldquo; erwarten. Die FDP verdankt ihre Erfolge n&auml;mlich genau der von Matussek gegei&szlig;elten Dumpfheit der Erfolgreichen und ihrer Unf&auml;higkeit, noch zu begreifen, wie es Menschen geht, denen es wirtschaftlich schlecht geht und die keine Perspektive mehr sehen. Die FDP setzt auf den bornierten Egoismus der Oberschicht und der oberen Mittelschicht. &Uuml;ber sie auch nur andeutungsweise ein gutes Wort zu verlieren zeigt, dass der Autor zumindest analytisch versagt.<\/li>\n<li>Ansonsten erwartet Matussek von den &bdquo;Gr&uuml;nlinken&ldquo; das Heil. Wo sind die denn? Wen gibt&rsquo;s denn da noch? Der sozial orientierte Fl&uuml;gel der Gr&uuml;nen ist doch zur Machtlosigkeit dezimiert. Wie soll aus dieser Ecke z.B. Hilfe kommen zur Korrektur der Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung? Von K&uuml;nast und Trittin? Von Str&ouml;bele? Wo sind dessen Battailone? Kein Wort zur Mitverantwortung der Gr&uuml;nen f&uuml;r die Agendapolitik von Rot-Gr&uuml;n.<\/li>\n<li>Zur Linkspartei und zur politischen Linken insgesamt schreibt Matussek nichts au&szlig;er der Wiederholung des Vorurteils, Lafontaine sei &bdquo;abgemeldet, weil er zu demagogisch ist&ldquo;. Wer g&auml;ngige Vorurteile nachbetet, bezeugt nicht gerade die Glaubw&uuml;rdigkeit eines Linksschwenks &ndash; immer unterstellt, links habe auch etwas mit Aufkl&auml;rung und kritischem Verstand zu tun.<\/li>\n<li>Matussek sieht in der St&auml;rkung der Zivilgesellschaft eine Chance. Das ist albern. So kann man die stattgefundene Entsolidarisierung der Gesellschaft und die Zerschlagung solidarischer Einrichtungen nicht korrigieren. In diesem Zusammenhang auf die Konservativen in den Niederlanden und in Gro&szlig;britannien hinzuweisen, ist auch kein Beleg daf&uuml;r, dass die St&auml;rkung der Zivilgesellschaft die notwendigen gesellschaftspolitischen Weichenstellungen ersetzen k&ouml;nnte &ndash; zum Beispiel mit der Einf&uuml;hrung von Mindestl&ouml;hnen, zum Beispiel mit der Wiederherstellung einer richtigen Arbeitslosenversicherung, zum Beispiel mit der Stabilisierung der gesetzlichen Altersvorsorge, zum Beispiel mit der St&auml;rkung des &ouml;ffentlichen Sektors und dem gleichzeitigen Ende der Entstaatlichung. Alles dies kommt bei Matussek nicht vor.<\/li>\n<li>Das hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass Matussek ein viel zu sch&ouml;nes Bild vom Charakter und der Rolle des christlich orientierten Konservativismus in den f&uuml;nfziger Jahren malt. Der war weniger von der Bergpredigt als von der nur kurz vergangenen Nazizeit gepr&auml;gt. (Anders als Matussek habe ich das altersbedingt selbst erlebt &ndash; in einem &auml;hnlichen Umfeld)<\/li>\n<li>Matussek zitiert Sloterdijks Dringlichkeitsmotto &bdquo;Du muss dein Leben &auml;ndern.&ldquo; Die Berufung auf Sloterdijk macht mir G&auml;nsehaut. Das mag emotional sein. Es ist aber auch sachlich begr&uuml;ndet. Wenn Matussek an diesem Autor h&auml;ngt, dann kann aus seinem Schwenk nicht viel werden. (Zu Sloterdijks &bdquo;geistiger Vorarbeit f&uuml;r einen Linksschwenk&ldquo; siehe die sch&ouml;ne <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/in_und_ausland\/politik\/meinung\/kommentare\/1806279_Kolumne-Weltretter-Westerwelle.html\">Glosse von Mario M&uuml;ller in der FR vom 21.6.2009<\/a>)<\/li>\n<li>&Uuml;brigens: die &Uuml;berschrift &bdquo;Wie ich aus Versehen ein Linker wurde&ldquo; (bei der ich unterstelle, dass der Autor sie selbst bestimmt hat) m&uuml;sste als solche schon Skepsis ausl&ouml;sen. Aus &bdquo;Versehen&ldquo;? Was soll das hei&szlig;en? Wir lesen dar&uuml;ber hinweg, weil wir so etwas nett finden und w&uuml;nschen. Aber vermutlich t&auml;uschen wir uns und werden entt&auml;uscht. Demn&auml;chst im gleichen Theater.<\/li>\n<\/ul><p><strong>C. Was k&ouml;nnte dahinter stecken<\/strong><\/p><ul>\n<li>Matussek geht mit der Zeit. Er merkt gerade, dass es nicht g&uuml;nstig ist, sich f&uuml;r die Folgen der neoliberalen Ideologie verhaften zu lassen und schwenkt deshalb ein bisschen nach links. Nicht zu sehr, aber im Trend: &ouml;kologisch und ein bisschen sozialer.<\/li>\n<li>Dahinter k&ouml;nnte eine Marketingstrategie des Spiegel stecken. So breit wie eine Volkspartei auftreten, getrennt marschieren, vereint schlagen. Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer mit seinem Buch &bdquo;Unter Linken: Von einem, der aus Versehen konservativ wurde&ldquo; und entsprechenden Essays im Spiegel f&uuml;r jene, die den Schwenk von links unten nach rechts oben gemacht haben oder machen wollen. Und Matussek f&uuml;r jene, die im Spiegel wieder ein kritisches, wenigstens teilweise linksorientiertes Magazin erkennen wollen. &ndash; Selbst wenn eine solche Marketingstrategie nicht im Verlag verabredet sein sollte, clever ist sie.<\/li>\n<li>Es k&ouml;nnte auch ein kurzfristiges Motiv dahinter stecken: Matussek will dem Spiegel ein bisschen Glaubw&uuml;rdigkeit verschaffen f&uuml;r verschiedene wahltaktische Man&ouml;ver: f&uuml;r die Agitation gegen die Linkspartei wie in der Ausgabe dieser Woche wieder einmal vorexiziert, f&uuml;r anstehendes Werben f&uuml;r die Gr&uuml;nen und sogar f&uuml;r die FDP (man glaubt es kaum).<\/li>\n<\/ul><p>Wie auch immer: Man sollte dem Beitrag von Matussek nicht allzu viel Glauben schenken. Wenn er uns mit weiteren Texten auf der Linie des Essays von 11. September in Zukunft weiter &uuml;berraschen sollte, dann k&ouml;nnten wir immer noch feststellen: Hier ist wirklich ein Saulus zum Paulus geworden. Aber um eine solche Feststellung treffen zu k&ouml;nnen, bedarf es bei Pers&ouml;nlichkeiten mit dem Charakter von Matthias Matussek schon noch einiger weiterer Belege.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sind seit gestern mehrmals auf den Beitrag von Matthias Matussek &uuml;ber <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/0,1518,druck-648339,00.html\">&bdquo;Krise des Konservativen. Wie ich aus Versehen ein Linker wurde.&ldquo;<\/a> aufmerksam gemacht worden. Einer unserer Leser fragte, ob da einer &bdquo;aufgewacht&ldquo; ist und gab selbst die optimistische Antwort, er glaube nicht an einen Trick. Ich bin unsicher. Bei aller Freude &uuml;ber einige<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4189\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[41,161],"tags":[452,483,420],"class_list":["post-4189","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medienanalyse","category-wertedebatte","tag-linksrutsch","tag-matussek-matthias","tag-spiegel"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4189","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4189"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4189\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20195,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4189\/revisions\/20195"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4189"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4189"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4189"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}