{"id":4192,"date":"2009-09-14T17:21:56","date_gmt":"2009-09-14T15:21:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4192"},"modified":"2014-01-23T12:49:51","modified_gmt":"2014-01-23T11:49:51","slug":"ohne-leidenschaft-keine-zukunftsvision-beide-eine-schwache-besetzung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4192","title":{"rendered":"Ohne Leidenschaft, keine Zukunftsvision &#8230; Beide eine schwache Besetzung"},"content":{"rendered":"<p>So das Urteil des Theaterregisseurs Claus Peymann bei Anne Will nach dem Duell zwischen Merkel und Steinmeier. &ndash; Wir sind schon bescheiden geworden, wenn wir diesem Medienereignis von gestern Abend etwas abgewinnen wollen. Es war sterbenslangweilig und perspektivlos. Und es war in weiten Teilen verlogen. Das ist zu belegen. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nMich interessiert nicht die von den Meinungsforschungsinstituten in den Vordergrund ger&uuml;ckte Frage, wer von beiden Spitzenkandidaten bei diesem Duell wohl mehr Punkte gemacht hat. Selbst wenn Steinmeier aufgeholt haben sollte, ist das ziemlich uninteressant, <a href=\"?p=4169\">weil er keine Machtoption hat und damit keinerlei Perspektive zum Regierungswechsel bietet<\/a>. Uns m&uuml;ssten einige andere Fragen interessieren. Dazu einige Anmerkungen:<\/p><ol>\n<li><strong>Dass am 27. September eine Richtungswahl anstehe, wie zumindest die SPD behauptet, war gestern Abend nicht zu erkennen.<\/strong>\n<p>Steinmeier fordert den Mindestlohn, die Begrenzung der Managergeh&auml;lter, die Beibehaltung des Ausstiegs aus der Kernenergie und eine Finanzmarktsteuer\/B&ouml;rsensatzsteuer.<br>\nMerkel will die Steuern senken und erhofft sich davon Wachstum und damit Arbeitspl&auml;tze. Sie ist gegen den Mindestlohn und f&uuml;r eine B&ouml;rsenumsatzsteuer nur, wenn das international geregelt wird, worauf man lange warten muss. Und dann noch das &uuml;bliche Bekenntnis zu Familien usw..<br>\nDas sind magere programmatische Vorstellungen und keine richtungsweisenden Unterschiede. Der Mindestlohn ist wichtig, aber keine Richtungsentscheidung. Die Begrenzung der Managergeh&auml;lter ist eine Alibiforderung, die am Skandal der ungerechten Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung nichts &auml;ndert. Die Kanzlerin wie der Herausforderer haben offensichtlich keine Zukunftsperspektive.<br>\nUnd emotionales Engagement schon gar nicht.<\/p><\/li>\n<li><strong>Ihre Einlassungen waren &uuml;ber weite Strecken schlicht verlogen, was nur schwer zu erkennen ist, weil beide das gleiche behaupten.<\/strong>\n<ol type=\"a\">\n<li>Wenn die Finanzkrise nicht gekommen w&auml;re, dann w&auml;re alles paletti. Dann st&auml;nde unser Land wirtschaftlich gro&szlig;artig da. Dank der gemeinsamen Politik einschlie&szlig;lich der rot-gr&uuml;nen Agenda 2010 und der Zustimmung der Union zu dieser Politik im Bundesrat sei die Arbeitslosigkeit abgebaut worden. &ndash; Das ist alles besch&ouml;nigend und nicht der Wahrheit entsprechend: Wir hatten einen minimalen Aufschwung mit geringen Wachstumsraten, die schon signalisierten, dass damit die Arbeitslosigkeit nicht wirklich abgebaut werden kann. Dass die Arbeitslosenzahlen statistisch abnahmen, hat damit zu tun, dass Millionen Menschen in Minijobs und in die Leiharbeit gedr&auml;ngt worden sind. Der kleine Aufschwung war nachweisbar nicht von der Agenda 2010 verursacht sondern ein Ergebnis des Nachholbedarfs an Investitionen und die Folge einer besonderen Exportst&auml;rke, die au&szlig;enwirtschaftlich &uuml;brigens h&ouml;chst problematisch war. Die Binnennachfrage war schon 2007 eingebrochen &ndash; lange bevor die Finanzkrise auch f&uuml;r die Vertreter der deutschen Bundesregierung durch Zusammenbruch von Lehman Brothers sichtbar wurde. (Zu dieser Diagnose gibt es in den NachDenkSeiten und in den beiden Kritischen Jahrb&uuml;chern viele Belege, genauso im Kapitel 12 &bdquo;Inkompetenz in der Wirtschaftspolitik&ldquo; von &bdquo;Meinungsmache&ldquo;. Zwei Links zu den NDS seien hier notiert: vom <a href=\"?p=2176\">14.3.2007<\/a> und vom <a href=\"?p=2754\">8.11.2007<\/a>)\n<p>Es h&auml;tte gestern Abend die Chance gegeben, dass die Darstellung des angeblichen wirtschaftspolitischen Erfolgs der Gro&szlig;en Koalition und der Agenda 2010 aufgeflogen w&auml;re. Peter Kloeppel (RTL) fragte Angela Merkel, ob sie wisse, wie hoch das durchschnittliche Wachstum in den letzten Jahren gewesen sei. Sie wich aus. Er nannte die 1,5 %, eine Ziffer, die gerade mal reicht, die Arbeitslosigkeit nicht steigen zu lassen. Die Sendung war aber so angelegt, dass nicht nachgehakt werden konnte. Deshalb wurde der von beiden Koalitionspartnern betriebene Schwindel nicht sichtbar.<\/p>\n<p>Interessant war bei diesem Teil noch das Bekenntnis Angela Merkels zur Mitwirkung an der Agenda 2010 &uuml;ber den Bundesrat. Da ist wenigstens klar geworden, dass f&uuml;r diese neoliberale Politik sowohl Rotgr&uuml;n als auch Schwarzgelb verantwortlich zeichnet. Das muss festgehalten werden, weil es innerhalb der Union Kr&auml;fte gibt, die sich aus dieser Verantwortung davon stehen wollen.<\/p><\/li>\n<li>Verlogen ist das Engagement von Steinmeier und der SPD f&uuml;r den Mindestlohn. Wenn die SPD dies h&auml;tte durchsetzen wollen, h&auml;tte sie in der jetzt zu Ende gehenden Legislaturperiode eine andere Koalition eingehen m&uuml;ssen: Rot-Rot-Gr&uuml;n. Das h&auml;tte es rechnerisch ja immerhin geben k&ouml;nnen. Da Steinmeier diese Option auch in der n&auml;chsten Legislaturperiode ausschlie&szlig;t und mit der von ihm angestrebten Koalition mit der FDP der Mindestlohn eh nicht durchsetzbar ist, ist seine Forderung ganz einfach nicht ernst gemeint. Es ist Spielmaterial zum Einfangen der Arbeitnehmerschaft. Auch die Durchsetzung des Programmpunktes Begrenzung der Managergeh&auml;lter und Umsatzsteuer wird mit der von Steinmeier und der SPD F&uuml;hrung bevorzugten Koalition nicht m&ouml;glich sein, einmal abgesehen davon, dass sie nicht zustande kommen wird.<\/li>\n<li>Verlogen ist auch die wiederkehrende Behauptung vom sozialen Ausgleich, f&uuml;r den die jetzige SPD-F&uuml;hrung stehe. Die jetzige F&uuml;hrung steht f&uuml;r die Privatisierung der Altersvorsorge, f&uuml;r die Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters, f&uuml;r die Zerst&ouml;rung des Vertrauens in die Arbeitslosenversicherung, f&uuml;r die Ausdehnung der Leiharbeit und der prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnisse. Zumindest f&uuml;r Betroffene ist deshalb schwer zu glauben, dass es dieser SPD-F&uuml;hrung um sozialen Ausgleich ginge.<\/li>\n<li>Nicht nur verlogen sondern richtig gelogen war die Behauptung Steinmeiers, die SPD habe seit 2005 gesagt, wir br&auml;uchten neue Regulierungen auf den Finanzm&auml;rkten. Tatsache ist, dass beide Koalitionspartner noch im Koalitionsvertrag von 2005 die weitere Deregulierung , die Erleichterung von Verbriefungen und eine lasche Kontrolle der Finanzm&auml;rkte vereinbart haben und dies von ihrem Finanzminister ma&szlig;geblich betrieben wurde. (<a href=\"?p=4175\">Informationen dazu siehe hier<\/a>)<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<li><strong>Bemerkenswert ist die erkennbare Primitivit&auml;t der wirtschaftspolitischen und gesellschaftspolitischen Vorstellungen der beiden Kandidaten<\/strong>\n<p>Von Angela Merkel h&ouml;rten wir das Rezept: Steuern senken, daraus folgt Wachstum und daraus folgen Arbeitspl&auml;tze. Das ist einfachste neoliberale, angebots&ouml;konomische Denke. Aus Steuersenkungen folgen keine Auftr&auml;ge und keine neuen Investitionen. Investiert wird dann, wenn die Nachfrage steigt und die Kapazit&auml;ten nicht reichen, um diese zu befriedigen.<\/p>\n<p>Von Angela Merkel h&ouml;ren wir auch wieder den Glauben an die heilsame Wirkung der Senkung von Lohnzusatzkosten. Das sind primitive Formeln. &Uuml;brigens nahezu in v&ouml;lliger &Uuml;bereinstimmung mit ihrem Kontrahenten, der diesem Glauben schon bei der Formulierung des Kanzleramtpapiers vom Dezember 2002 verfallen war. Dar&uuml;ber ist in der &bdquo;Reforml&uuml;ge&ldquo; ausf&uuml;hrlich berichtet. <\/p>\n<p>Angela Merkel sagte, die Union stehe f&uuml;r die weitere Entwicklung der sozialen Marktwirtschaft, weil wir die Globalisierung haben. Und keiner lacht.<\/p>\n<p>Steinmeier spricht vom Neustart der sozialen Marktwirtschaft. Zum Weinen.<\/p>\n<p>Die meisten programmatischen Vorstellungen waren ausgesprochen unpr&auml;zise formuliert. Wir brauchen Regeln f&uuml;r die Finanzm&auml;rkte, meint Merkel. Welche denn? Das zu erfahren w&auml;re interessant.<\/p><\/li>\n<li><strong>Zu wichtigen politischen Fragen wurde nichts richtungsweisendes gesagt.<\/strong>\n<p>Nichts zur inneren Situation unseres Landes, zum wachsenden Gewaltpotenzial. Kein Wort zum Mord in M&uuml;nchen.<br>\nNichts wirklich Erhellendes zu Bildung, zum gescheiterten Bologna Prozess, zur bisherigen Hochschulpolitik.<br>\nNichts zur Privatisierungspolitik und was uns dort weiter erwartet. Wie geht es mit der Bahn weiter? Will man weiter &ouml;ffentliches Verm&ouml;gen verscherbeln, um der Finanzwirtschaft au&szlig;erordentliche Gewinnchancen zu er&ouml;ffnen?<br>\nWie will man mit der Verarmung des Staates umgehen und dem Zwang vieler Kommunen sich ihrer Pflichten zur Versorgung mit &ouml;ffentlichen Leistungen zu entledigen?<br>\nAuch zu Afghanistan h&auml;tte ich eigentlich gerne mehr und Pr&auml;ziseres erfahren.<br>\nDass wichtige Fragen ausgeklammert wurden, lag nicht an den vier Fragestellern. Es fiel auf, dass auf mehrere Fragen gar nicht oder ausweichend geantwortet wurde.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die beiden Statements am Schluss waren typisch f&uuml;r die Sprechblasen, mit denen man uns anderthalb Stunden eingeschl&auml;fert hat.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Das Fazit:<\/strong>\n<p>Mit diesen beiden Personen wird es keine Korrektur der von der neoliberalen Ideologie bestimmten Politik geben. Mit Steinmeier nicht die notwendige Kurskorrektur der SPD. Mit Angela Merkel, wenn eine Korrektur dann eine Versch&auml;rfung des wirtschaftsliberalen Kurses zusammen mit der FDP. Das sind keine grundlegend neuen Erkenntnisse. Aber immerhin:<\/p>\n<ul>\n<li>Im Gespr&auml;ch mit Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die glauben, mit der jetzigen SPD-F&uuml;hrung w&uuml;rde eine neue Richtung eingeschlagen, kann man auf dem Hintergrund des gestrigen Duells gut belegen, dass dies ein Irrglaube ist.<\/li>\n<li>Und jenen, die sich daran festklammern, Angela Merkel vertrete eine sozial eingef&auml;rbte CDU, kann man mit diesem Auftritt von Angela Merkel auch diesen Glauben nehmen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Noch ein Fazit zum Sendetyp: zwei Personen zum Duell einzuladen, die so miteinander verstrickt sind wie Merkel und Steinmeier, macht keinen Sinn. Da ist das alte Modell der Elefantenrunde, also der Pr&auml;senz aller im Bundestag vertretenen Parteien, in jedem Fall ergiebiger. Damit w&uuml;rde zus&auml;tzlich auch noch der undemokratische Eindruck vermieden, als g&auml;be es nur diese beiden Alternativen.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So das Urteil des Theaterregisseurs Claus Peymann bei Anne Will nach dem Duell zwischen Merkel und Steinmeier. &ndash; Wir sind schon bescheiden geworden, wenn wir diesem Medienereignis von gestern Abend etwas abgewinnen wollen. Es war sterbenslangweilig und perspektivlos. Und es war in weiten Teilen verlogen. Das ist zu belegen. 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