{"id":41978,"date":"2018-01-19T10:34:26","date_gmt":"2018-01-19T09:34:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41978"},"modified":"2019-04-18T14:34:33","modified_gmt":"2019-04-18T12:34:33","slug":"uns-geht-es-doch-gut-zeit-fuer-eine-subjektivere-sicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41978","title":{"rendered":"\u201eUns geht es doch gut\u201c \u2013 Zeit f\u00fcr eine subjektivere Sicht"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Uns geht es doch gut, nie ging es uns besser&ldquo; &ndash; zumindest in diesem Punkt sind sich die kommenden Gro&szlig;koalition&auml;re ja v&ouml;llig einig und durch pausenlose Wiederholung in den Medien hat sich dieser Satz bereits zum Glaubensbekenntnis des Merkelismus gemausert. Sogar Teile der Linken haben das deutsche Wohlf&uuml;hl-Mantra schon <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41948\">verinnerlicht<\/a> und wollen sich nun um die &bdquo;weichen&ldquo; Themen k&uuml;mmern, die beim zur&uuml;ckliegenden Kampf um Freiheit, Gleichheit und Br&uuml;derlichkeit vernachl&auml;ssigt wurden. &bdquo;Uns geht es gut&ldquo; &ndash; kaum wer wagt es mehr, diesen Satz zu hinterfragen; bei so viel Konsens muss man eher aufpassen, dass man nicht selbst irgendwann daran glaubt. Doch lassen Sie uns doch einmal zur Abwechslung die rote Pille schlucken und die Fragen stellen, die sonst nie gestellt werden. Ging es uns wirklich nie besser? Ein gnadenlos subjektiver Debattenbeitrag von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Artikel ist auch als gestaltete, ausdruckbare PDF-Datei verf&uuml;gbar. Zum Herunterladen klicken Sie bitte auf das rote PDF-Symbol links neben dem Text. 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Und ja, damals ging es mir und meiner Familie schon sehr gut. Das Geld, das mein Vater als Handwerkergeselle nach Hause brachte, reichte f&uuml;r das eigene kleine H&auml;uschen, den Sommerurlaub an der See, das schicke Auto f&uuml;r die Eltern und das schicke Fahrrad f&uuml;r mich. Ob man sich den Zugang zu Kultur, Sport und Bildung leisten kann, war nie ein Thema, denn das war selbstverst&auml;ndlich. So stand es nie in Frage, ob meine Eltern mich auf das Gymnasium schicken k&ouml;nnen. Und als ich sp&auml;ter mal im Englisch-Unterricht Probleme hatte, wurde ich in den Sommerferien auf eine Sprachreise nach England geschickt. Wohlgemerkt als Spross einer Arbeiter- und nicht einer Adelsfamilie. Ob ich dann sp&auml;ter einmal studieren sollte oder nicht, war nie eine Frage des Geldes, sondern nur eine Frage des Talents. Was sich heute wie ein M&auml;rchen anh&ouml;rt, war &ndash; r&uuml;ckw&auml;rtig betrachtet &ndash; wohl ein sehr kurzes Zeitfenster, in dem die Bundesrepublik zumindest subjektiv dem Ideal einer gerechten Gesellschaft schon recht nahe kam. <\/p><p>Meine Mutter konnte in den 80ern den Gro&szlig;teil meiner Kindheit zu Hause verbringen; erst als ich &auml;lter war, ging sie wieder halbtags arbeiten. Nicht weil sie finanziell dazu gezwungen war, sondern weil sie es wollte. Alleine schon die Idee, dass man mehr als einen Job brauchen k&ouml;nnte, um seine Familie zu ern&auml;hren, war damals fern. Es kam auch niemand auf die Idee, dass unserer Familie k&uuml;nftig so etwas wie Altersarmut drohen oder dass die Rente vielleicht einmal nicht mehr reichen k&ouml;nnte. Es war auch vollkommen klar, dass es mir als erstem Akademiker der Familie nat&uuml;rlich sp&auml;ter noch besser gehen sollte. Von Zeitvertr&auml;gen, prek&auml;ren Jobs und Scheinselbstst&auml;ndigkeit wusste man damals halt noch nichts. Welch&acute; sch&ouml;ne, welch&acute; naive Jahre. Schlechter als heute? Wohl kaum.<\/p><p>Ich habe mich mit vielen Leuten meiner Generation unterhalten und nicht wenige teilen nicht nur eine &auml;hnliche Biographie, sondern empfinden die 80er im R&uuml;ckblick auch als deutlich bessere Zeit. Sicher verkl&auml;rt man mit der Zeit so einiges, aber niemand hat mir jemals gesagt, dass die 80er eine schlechtere Zeit als heute waren. Wie denn auch? Heute ist eine Familie, in der nur der Vater als Handwerker arbeitet, schon fast ein Fall f&uuml;r den Hartz-IV-Aufstocker. Und selbst wenn beide Partner heute Vollzeit  arbeiten, wird es mit dem eigenen Haus, dem Sommerurlaub und der Universit&auml;tsausbildung f&uuml;r die Kinder schon sehr knapp. Und die heute grassierende Angst vor der Zukunft hat es damals in dieser Form nie gegeben. Man hatte zwar Angst vor der Umweltzerst&ouml;rung und einem Atomkrieg &hellip; Angst vor Alter, Armut, Arbeitslosigkeit oder der Zukunft der eigenen Kinder hatte damals kaum jemand. Und heute?<\/p><p>Selbst wenn man heute zu den Privilegierteren geh&ouml;rt und als Angestellter, Selbstst&auml;ndiger oder Beamter ein annehmbares Gehalt bekommt &ndash; wer kann schon mit dem Brustton der &Uuml;berzeugung  sagen, dass es die eigenen Kinder, zumal als Akademiker, einmal besser haben werden, als man selbst? Mir scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Heute haben viele meiner Altersgenossen vielmehr berechtigte Sorgen, dass die Kinder nach dem Studium eben keinen &bdquo;echten&ldquo; Beruf bekommen und sich von einem prek&auml;ren &bdquo;Job&ldquo; zum n&auml;chsten hangeln m&uuml;ssen. Aber uns ging es ja noch nie so gut wie heute. Nicht wahr?<\/p><p>Und wie sieht es mit dem Blick in unsere eigene Zukunft aus? Ganz ehrlich? Die meisten Angeh&ouml;rigen meiner Generation verdr&auml;ngen dieses Thema lieber komplett. Denn gerade Akademiker, die nicht immer eine l&uuml;ckenlose &bdquo;Erwerbsbiographie&ldquo; &ndash; wie es so sch&ouml;n hei&szlig;t &ndash; vorweisen k&ouml;nnen, haben oft nicht einmal mehr die Chance, sp&auml;ter eine Rente &uuml;ber der Grundsicherung zu bekommen.  Und wenn nie die richtige Zeit da war, um Nachwuchs zu zeugen oder ein Haus zu bauen, sieht die Perspektive f&uuml;rs eigene Alter noch d&uuml;sterer aus. Doch das verdr&auml;ngt man lieber. Das Thema &bdquo;Altersarmut&ldquo; ist f&uuml;r viele jedoch n&auml;her, als sie es selbst wahrhaben wollen &hellip; aber zum Gl&uuml;ck &bdquo;lockt&ldquo; ja noch das Erbe der Elterngeneration, die in fr&uuml;heren Jahrzehnten einen bescheidenen Verm&ouml;gensstock aufbauen konnte. Und danach? Die Sintflut. Aber uns geht es ja gut.<\/p><p>Noch schlimmer ist die Situation der j&uuml;ngeren Generationen. Das Hangeln von einem befristeten Job in den n&auml;chsten ist keine moderne Lebenseinstellung, sondern eine echte Qual &ndash; und wird auch meist als solche empfunden. War es fr&uuml;her der Normalfall, sp&auml;testens mit Anfang 30 die Familienplanung zu beginnen und sich sesshaft niederzulassen, ist es zumindest f&uuml;r Jungakademiker heute doch gar nicht m&ouml;glich, diese Stufe des Erwachsenwerdens zu erreichen, bevor man sich schon selbst Gedanken um Altersteilzeit machen muss. Wer denkt zwischen Post-Grade-Abschluss, Auslandspraktika, Hiwi-Jobs und dem n&auml;chtlichen Kellnern, um die Rechnungen zu bezahlen, schon ans Heiraten, Kinder kriegen oder H&auml;usle bauen? Und auch etwas s&uuml;dw&auml;rts auf der Ausbildungsskala ist dies heute keine reale Perspektive. Wenn das zweite Gehalt zwingend ben&ouml;tigt wird, um die Miete und die Raten f&uuml;rs Auto zu bezahlen, wird die Familienplanung schon mal gerne nach hinten verschoben. Was fr&uuml;her Mittelpunkt des Lebens war, ist heute Luxus. So gut geht es uns. <\/p><p>Und dieser Wandel ist nicht vom Himmel gefallen und auch keine unabwendbare Folge globaler Entwicklungen, wie der Globalisierung oder Digitalisierung. Nein. Dieser Paradigmenwechsel ist politisch gewollt. Es geh&ouml;rt wohl schon ein sehr hohes Ma&szlig; an Realit&auml;tsverweigerung dazu, die negative Entwicklung im Kontext des &bdquo;Uns-geht-es-doch-gut&rdquo;-Mantras als Glaubensbekenntnis an eben jene Politik umzudeuten, der wir diese Verschlechterung zu verdanken haben.<\/p><p>Es ist offenbar nicht sonderlich hilfreich, diese Frage anhand von Statistiken zu er&ouml;rtern. Wer sich mit dem Thema besch&auml;ftigt, wei&szlig; ja auf rationaler Ebene ohnehin schon, dass unser Glaubensbekenntnis Unsinn ist; sonst w&auml;re es ja auch kein Glaubensbekenntnis, denn an Dinge, die man wei&szlig;, muss man ja nicht glauben. Der Erfolg des Wohlf&uuml;hl-Mantras liegt wohl eher auf der emotionalen Ebene. Daher sollte man auch gar nicht erst versuchen, diese Fragen objektiv zu beantworten. Seien auch Sie ruhig einmal gnadenlos subjektiv und <a href=\"mailto:leserbriefe@nachdenkseiten.de\">schreiben uns<\/a>, wie Sie diese Fragen f&uuml;r sich selbst beantworten. Ging es uns wirklich nie besser? Geht es uns wirklich so gut?<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/67946afb3dc349479b9396788cd22d56\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><p>Titelbild: privat<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Uns geht es doch gut, nie ging es uns besser&ldquo; &ndash; zumindest in diesem Punkt sind sich die kommenden Gro&szlig;koalition&auml;re ja v&ouml;llig einig und durch pausenlose Wiederholung in den Medien hat sich dieser Satz bereits zum Glaubensbekenntnis des Merkelismus gemausert. 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