{"id":4207,"date":"2009-09-21T09:07:03","date_gmt":"2009-09-21T07:07:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4207"},"modified":"2014-11-25T10:04:42","modified_gmt":"2014-11-25T09:04:42","slug":"wie-krugman-und-galbraith-zufolge-neoliberale-ideologie-das-weltgleichgewicht-destabilisierte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4207","title":{"rendered":"Wie Krugman und Galbraith zufolge neoliberale Ideologie das Weltgleichgewicht destabilisierte"},"content":{"rendered":"<p>Das Trauma der Gro&szlig;en Depression der 1930-er Jahre spukt noch immer in den K&ouml;pfen der &Ouml;konomen. Paul Krugman, &Ouml;konomie-Nobelpreistr&auml;ger 2008, warnt in der neuen Ausgabe seines Buches &bdquo;The Return of Depression Economics&ldquo;: &bdquo;Wenn die Depression auch nicht wieder offen ausgebrochen ist, so haben doch alle Depressions-Merkmale der 1930-er Jahre ein spektakul&auml;res Comeback erlebt&ldquo;. Beim nochmaligen Lesen seines Buches ist man von seiner zutreffenden, auf seinen Analysen beruhenden Vorhersage verbl&uuml;fft. Seine Analysen zeigen, warum die Weltwirtschaft genau auf den gleichen Holzweg geraten ist wie mehrere Jahrzehnte zuvor.<br>\nWesentliche Inhalte einer in der Pariser Tageszeitung Le Monde am 18. September 2009 erschienen Rezension zweier B&uuml;cher der amerikanischen &Ouml;konomen Paul Krugman (&bdquo;The Return of Depression Economics&ldquo;) und James K.Galbraith (&bdquo;Predator State&ldquo;).<br>\nOriginaltitel: Comment les doctrines &laquo;n&eacute;oliberales&raquo; ont destabilis&eacute; l&rsquo;&eacute;quilibre mondial<br>\nAutor der Rezension: Le Monde-Redakteur Adrien de Tricornot<br>\nAutor der deutschsprachigen Zusammenfassung: Gerhard Kilper<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Wie konnte eine Wirtschaft, die sich ihrer St&auml;rke und ihrer Prinzipien so sicher war, pl&ouml;tzlich so anf&auml;llig und verwundbar werden?<\/strong><\/p><p>Seit den 1990-er Jahren kehrten die Wirtschaftskrisen regelm&auml;&szlig;ig wieder. In den Industriestaaten wurden die Krisen in Lateinamerika, Asien und in Russland weniger wahrgenommen. In den Industriestaaten selbst gab es in diesen Jahren die Immobilienkrise und die nachfolgende Internet-Spekulationsblase.<\/p><p>Jedes Mal brach der Sturm ganz pl&ouml;tzlich wie aus heiterem Himmel aus. In den stark wachsenden Schwellenl&auml;ndern war die empfohlene Politik der &Ouml;ffnung und Konkurrenzwirtschaft gelehrig umgesetzt worden, doch pl&ouml;tzlich hatten sich die Investoren zur&uuml;ckgezogen. Entwickelte Industriestaaten-Volkswirtschaften mit denselben orthodox-liberalen Orientierungen schienen sich von der Tyrannei der Konjunkturzyklen befreit zu haben und w&auml;hnten sich dank neuer Technologien, dank freier G&uuml;ter- und dann auch dank freier Finanzm&auml;rkte auf dem ewigen Wachstumspfad. Nach jeder Rezession wurden daher immer wieder &bdquo;gute&ldquo; Argumente zur Verteidigung der eingeschlagenen Linie der Wirtschafts- und Finanzpolitik gefunden.<br>\nIn einem engagierten Essay bekr&auml;ftigt James K.Galbraith Krugmans Analyse. In beiden B&uuml;chern wird mit der Ideologie der Wirtschaftsfreiheit, der Konkurrenz ohne Grenzen, mit den Steuersenkungen f&uuml;r die Super-Reichen, mit der monetaristischen Obsession der Inflationsbek&auml;mpfung und mit der Budgetorthodoxie vom ausgeglichenen Haushalt abgerechnet. Nach Krugman ist die Angebots&ouml;konomie ein &bdquo;intellektuell hohler Corpus&ldquo; und eine &bdquo;fanatische Ideologie&ldquo;. Galbraith legt nach, &bdquo;immer und &uuml;berall&ldquo; f&uuml;hre der Monetarismus in Finanzkrisen.<\/p><p><strong>Keynes wieder entdecken<\/strong><\/p><p>Beide Autoren zeigen auf, wie die Deregulierung der Finanzm&auml;rkte der Finanzindustrie eine Destabilisierungs-Machtposition verschaffte, f&uuml;r die die Realwirtschaft zur Kasse gebeten wird. Dieses Ph&auml;nomen konnte sich erst ausbreiten, als das Keynes&rsquo;sche Bretton-Woods-System 1971 beendet wurde bzw. nachdem die USA die Konvertibilit&auml;t des Dollar in Gold abschafften und so die Wirtschaft der Anarchie &uuml;berlassen wurde.<\/p><p>Galbraith meint, dass aber auch die tats&auml;chlich in den USA betriebene Wirtschafts- und Finanzpolitik dem neoliberalen Credo zuwider lief. So habe die amerikanische Zentralbank zu Beginn der 1980-er Jahre den Leitzinssatz zur Inflationsbek&auml;mpfung auf 20% erh&ouml;ht &ndash; mit der Folge einer schlimmen Rezession. Nach dieser Erfahrung habe man in den USA pragmatisch eine permanente Niedrigzinspolitik betrieben, ohne dass es zu einer inflation&auml;ren Entwicklung gekommen sei &ndash; eine klare Widerlegung des monetaristischen Dogmas. <\/p><p>Ebenso sei durch Fakten die den Steuergeschenken der Konservativen an die Superreichen zugrunde liegende Theorie widerlegt, zu hohe Steuers&auml;tze f&uuml;hrten zu R&uuml;ckg&auml;ngen bei Steuereinnahmen, niedrigere Steuersteuers&auml;tze dagegen br&auml;chten am Ende (&uuml;ber verst&auml;rkte wirtschaftliche Aktivit&auml;t) sogar zus&auml;tzliche Staatseinnahmen. Tats&auml;chlich schaffte in den USA nur die Clinton-Regierung mithilfe der Internet-Spekulationsblase in drei aufeinander folgenden Jahren einen Haushalts&uuml;berschuss, ansonsten gab es immer nur Haushaltsdefizite.<\/p><p>Besonders unter der letzten Bush-Pr&auml;sidentschaft diente das g&auml;ngige Vokabular von &bdquo;Markt und Konkurrenz&ldquo; zur Aufhebung sinnvoller Regulierungen und am Ende dazu, private Interessen in den Bereichen Sozialversicherung, Sicherheit oder Schule zu bedienen. Mit ihrer tats&auml;chlich betriebenen Politik hat sich daher, nach Galbraiths Einsch&auml;tzung, die amerikanische Rechte endg&uuml;ltig von der offiziell propagierten &bdquo;Freie-Markt-Mythologie&ldquo; verabschiedet. <\/p><p>Beide Autoren pl&auml;dieren f&uuml;r eine politische Umkehr und f&uuml;r eine neue Politik, die mit den auf neoliberalem Credo beruhenden Praktiken bricht. Nach Paul Krugman muss die Gesamtheit der Finanzaktivit&auml;ten reguliert oder aber die Freiheit der internationalen Kapitalstr&ouml;me in Frage gestellt und neu geregelt werden. In der aktuellen Rezessionsphase pl&auml;diert Krugman f&uuml;r die Wiederentdeckung von Keynes und f&uuml;r Ma&szlig;nahmen zur St&auml;rkung der volkswirtschaftlichen Gesamtnachfrage.<\/p><p>Galbraith ist f&uuml;r einen Stopp der auf mehr gesellschaftliche Ungleichheit hinaus laufenden Niedriglohnpolitik bzw. f&uuml;r einen Stopp der Politik der Einschnitte ins Soziale Netz. Diese Politik werde der &Ouml;ffentlichkeit &ndash; f&auml;lschlicherweise &ndash; als Preis f&uuml;r die Wohlstandssicherung k&uuml;nftiger Generationen verkauft. Um die USA aus den Klauen privater Interessen zu befreien, pl&auml;diert Galbraith daf&uuml;r, die &ouml;ffentliche Hand solle soziale &ndash; z.B. Mindest- und H&ouml;chstl&ouml;hne &ndash; und &ouml;kologische Normen festlegen. Er schl&auml;gt zudem eine Art staatliche Zukunftsplanung vor, so will er gegen die Klimaerw&auml;rmung die vorausschauende Planung von Infrastruktur-Investitionen in den Bereichen Transport, Umwelt und Energie.<\/p><p>Insgesamt wollen Krugman und Galbraith mit ihren B&uuml;chern nach Meinung des Rezensenten Adrien de Tricornot &ouml;konomische Tabus in den USA aufbrechen und das demokratische Denken von seiner Wehrlosigkeit gegen&uuml;ber dem neoliberalen Konsens befreien. Zur Wiederaufnahme und Erneuerung der wirtschafts- und finanzpolitischen Debatte habe die Krise anscheinend globale Ausma&szlig;e annehmen m&uuml;ssen.<br>\n&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Trauma der Gro&szlig;en Depression der 1930-er Jahre spukt noch immer in den K&ouml;pfen der &Ouml;konomen. Paul Krugman, &Ouml;konomie-Nobelpreistr&auml;ger 2008, warnt in der neuen Ausgabe seines Buches &bdquo;The Return of Depression Economics&ldquo;: &bdquo;Wenn die Depression auch nicht wieder offen ausgebrochen ist, so haben doch alle Depressions-Merkmale der 1930-er Jahre ein spektakul&auml;res Comeback erlebt&ldquo;. Beim nochmaligen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4207\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[1,50,205,137],"tags":[475,477,474,288,278,476],"class_list":["post-4207","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-das-kritische-tagebuch","category-finanzkrise","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-steuern-und-abgaben","tag-galbraith-james","tag-keynesianismus","tag-krugman-paul","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-steuersenkungen","tag-weltwirtschaftskrise"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4207","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4207"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4207\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20186,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4207\/revisions\/20186"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4207"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4207"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4207"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}