{"id":42136,"date":"2018-01-29T13:14:36","date_gmt":"2018-01-29T12:14:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42136"},"modified":"2019-01-30T11:21:10","modified_gmt":"2019-01-30T10:21:10","slug":"geschichtsrevisionismus-oder-bloss-ein-ueberforderter-moderator","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42136","title":{"rendered":"Geschichtsrevisionismus oder blo\u00df ein \u00fcberforderter Moderator?"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem ich vorige Woche den Sender <em>3sat<\/em> und seine Sendung <em>Kulturzeit<\/em> schon einmal wegen eines Beitrags &uuml;ber 1968 kritisiert habe, muss ich die <em>Kulturzeit<\/em> nun schon wieder gei&szlig;eln. Der Moderator Peter Schneeberger begann die Sendung vom 26. Januar mit dem Satz: &bdquo;Morgen gedenkt die Welt dem Holocaust.&ldquo; Ich zuckte zusammen. Dann dachte ich: Schulden wir den Opfern des von uns, den Deutschen, begangenen Massenmordes, nicht auch sprachlich und grammatikalisch einen gewissen Respekt? Das Wort gedenken geh&ouml;rt zu den Verben, denen stets ein Genitiv folgt &ndash; wie zum Beispiel auch nach bed&uuml;rfen, sich bedienen, sich enthalten, sich erbarmen, sich erinnern, sich sch&auml;men oder sich vergewissern. Da haben sich in den letzten Jahren in der Folge diverser Rechtschreibreformen Schlampereien eingeschlichen. Aber doch nicht in einer Kultursendung mit einem gewissen Anspruch! Und, fragte ich mich weiter in meinem Fernsehsessel: Muss ein Moderator eigentlich alles so vom Teleprompter ablesen, wie es irgendein Redaktionsmitglied geschrieben hat? Wird so etwas zuvor nicht zigmal geprobt? Der Sender hat im Laufe der letzten Monate das &bdquo;Moderations-Team&ldquo; ausgetauscht und &bdquo;verj&uuml;ngt&ldquo;, wie man neuerdings sagt. Um sich an ein j&uuml;ngeres Publikum anzuwanzen, hat man bei der Auswahl der Neuen offenbar mehr Wert auf das Aussehen als auf inhaltliche und sprachliche Kompetenzen gelegt. Von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7213\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-42136-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180130_Geschichtsrevisionismus_oder_bloss_ein_ueberforderter_Moderator_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180130_Geschichtsrevisionismus_oder_bloss_ein_ueberforderter_Moderator_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180130_Geschichtsrevisionismus_oder_bloss_ein_ueberforderter_Moderator_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180130_Geschichtsrevisionismus_oder_bloss_ein_ueberforderter_Moderator_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=42136-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180130_Geschichtsrevisionismus_oder_bloss_ein_ueberforderter_Moderator_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180130_Geschichtsrevisionismus_oder_bloss_ein_ueberforderter_Moderator_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Schon der Begriff &bdquo;Holocaust&ldquo;, der sich nach der Ausstrahlung der gleichnamigen amerikanischen Fernsehserie auch hierzulande f&uuml;r den industriell betriebenen V&ouml;lkermord an den Juden durchsetzte, scheint mir eine Verharmlosung zu bergen. &bdquo;Holocaust&ldquo; bezeichnet urspr&uuml;nglich ein Brandopfer, ein rituelles Martyrium, das Juden auf sich nahmen, wenn sie sich weigerten, ihrem Glauben abzuschw&ouml;ren. &bdquo;Es stellt&ldquo;, schreibt der Sozialwissenschaftler Wolfgang Sofsky in seinem Buch <em>Die Ordnung des Terrors<\/em>, &bdquo;eine ganz und gar unzul&auml;ssige Verbindung her zwischen dem V&ouml;lkermord und dem Schicksal j&uuml;discher M&auml;rtyrer, obgleich doch die Juden nicht deswegen umgebracht wurden, weil sie sich weigerten, einer &Uuml;berzeugung zu entsagen, sondern weil sie Juden waren. Durch die Entstellung des Sinns entsteht der Eindruck, als habe der Massenmord eine tiefere religi&ouml;se Bedeutung, als h&auml;tten sich die Opfer gewisserma&szlig;en selbst geopfert.&ldquo; Aber daf&uuml;r, dass die Deutschen den Titel einer Fernsehserie in ihren Wortschatz aufgenommen haben, um daf&uuml;r den Begriff V&ouml;lkermord streichen zu k&ouml;nnen, kann man Herrn Schneeberger nicht verantwortlich machen.<\/p><p>Sehr wohl aber f&uuml;r die nun folgenden S&auml;tze: &bdquo;Als die Rote Armee am 27. J&auml;nner 1945 das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreit hat, hat sich den Soldaten ein Bild des Grauens geboten. 400.000 Menschen waren in dem Vernichtungslager gequ&auml;lt und ermordet worden.&ldquo; Zum zweiten Mal zuckte ich zusammen und konnte es nicht fassen. Nicht dass auch 400.000 Ermordete grauenhaft und schlimm genug gewesen w&auml;ren, aber es waren nun mal weit &uuml;ber eine Million. Als G&ouml;ring im N&uuml;rnberger Kriegsverbrecherprozess die technische Durchf&uuml;hrbarkeit eines Mordes in dieser Gr&ouml;&szlig;enordnung bestritt, erstellte der als Zeuge geladene Lagerkommandant H&ouml;&szlig; als akribischer Buchhalter des Massenmordes eine Auflistung, bei der er schlie&szlig;lich auf die Zahl von 1.125.000 ermordeten H&auml;ftlingen kam. Diese Zahl hat sich in der weiteren Forschung best&auml;tigt und durchgesetzt. Man sch&auml;tzt, dass darunter eine Million Juden waren. Wer also hat Herrn Schneeberger die Zahl 400.000 souffliert? Oder ist er selbst ein Geschichtsrevisionist, dem daran gelegen ist, den Massenmord zu relativieren? Ist denn da niemand, der vor einer Sendung schaut, was da &uuml;ber den Sender gehen soll? <\/p><p>Im weiteren Verlauf der Sendung wird &uuml;ber sogenannte Lagerbordelle berichtet. Die Nazis rekrutierten weibliche H&auml;ftlinge aus verschiedenen Konzentrationslagern und zwangen sie zu sexueller Sklavenarbeit. Der Reichsf&uuml;hrer-SS Himmler versprach sich von der Einrichtung solcher &bdquo;Sonderh&auml;user&ldquo; eine gesteigerte Arbeitsleistung und gr&ouml;&szlig;ere Loyalit&auml;t sogenannter Funktionsh&auml;ftlinge: &bdquo;F&uuml;r notwendig halte ich allerdings, dass in der freiesten Form den flei&szlig;ig arbeitenden Gefangenen Weiber in Bordellen zugef&uuml;hrt werden.&ldquo; <\/p><p>Moderator Schneeberger k&uuml;ndigt einen Bericht &uuml;ber das Schicksal von Frauen an, die im KZ Mauthausen jahrelang zur Prostitution gezwungen worden sind, und f&auml;hrt fort: &bdquo;Ihre Kunden: besser gestellte nicht-j&uuml;dische H&auml;ftlinge.&ldquo; Wieder zuckte ich zusammen. Wie kann man in diesem Kontext das Wort &bdquo;Kunden&ldquo; verwenden? Ist das nicht eine semantische Verharmlosung dessen, worum es sich hier handelt? Kunden sind Leute, die eine Ware oder eine Dienstleistung nachfragen und daf&uuml;r bezahlen. Eine harmlose &ouml;konomische Transaktion. Hier aber ging es um eine Form von sexueller Sklaverei unter brutalsten Bedingungen. Nun wird sich Herr Schneeberger vermutlich auf akustische Anf&uuml;hrungsstriche berufen, die er gesetzt habe. Die waren aber weder zu h&ouml;ren, noch zu sehen. Eine solche ironische Brechung in der Verwendung eines Begriffs muss aber irgendwie kenntlich gemacht und zum Ausdruck gebracht werden. Sonst steht das Wort &bdquo;Kunden&ldquo; in einem Kontext, in dem es nichts zu suchen hat und eine entsetzliche Verharmlosung darstellt. Es ist eine nochmalige Beleidigung der Frauen, die man gezwungen hat, bei Strafe ihres Untergangs M&auml;nnern zu Willen zu sein. Politische H&auml;ftlinge haben es &uuml;brigens abgelehnt, diese Baracken aufzusuchen, die Frauen noch einmal zu dem&uuml;tigen und sich selbst auf diese Weise zu Komplizen der SS zu machen. <\/p><p>Der nun folgende Bericht, der sich auf die Forschungen des Historikers Robert Sommer st&uuml;tzte, kann zum Nachschauen in der Mediathek empfohlen werden. Moderator Schneeberger hingegen sollte sich f&uuml;r eine Weile zwecks Weiterbildung vom Bildschirm zur&uuml;ckziehen oder aber &uuml;ber seinen R&uuml;cktritt nachdenken. Vielleicht w&auml;ren eine Casting-Show oder eine Quiz-Sendung eher etwas f&uuml;r ihn. Da m&uuml;sste er sich wegen sprachlicher Fehlleistungen nicht weiter sch&auml;men und k&ouml;nnte sich weiter ungestraft dem Dativ bedienen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ich vorige Woche den Sender <em>3sat<\/em> und seine Sendung <em>Kulturzeit<\/em> schon einmal wegen eines Beitrags &uuml;ber 1968 kritisiert habe, muss ich die <em>Kulturzeit<\/em> nun schon wieder gei&szlig;eln. Der Moderator Peter Schneeberger begann die Sendung vom 26. Januar mit dem Satz: &bdquo;Morgen gedenkt die Welt dem Holocaust.&ldquo; Ich zuckte zusammen. 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