{"id":42143,"date":"2018-01-30T08:27:19","date_gmt":"2018-01-30T07:27:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42143"},"modified":"2026-01-27T11:06:45","modified_gmt":"2026-01-27T10:06:45","slug":"echte-linke-positionen-etablieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42143","title":{"rendered":"Echte linke Positionen etablieren"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180130_noelke.jpg\" alt=\"Andreas N&ouml;lke\" title=\"Andreas N&ouml;lke\"><\/div><p>Wie sieht eine echte linke Politik aus? Ganz einfach: Sie nimmt sich der Sorgen und N&ouml;ten der wenig Privilegierten ernsthaft an. Doch genau daran fehlt es in Deutschland. Das meint der Politikwissenschaftler <strong>Andreas N&ouml;lke<\/strong>, der mit seinem gerade ver&ouml;ffentlichten Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/linkspopulaer\/\">Linkspopul&auml;r &ndash; Vorw&auml;rts handeln statt r&uuml;ckw&auml;rts denken. Gegen den Rechtsruck<\/a>&ldquo; ein alternatives linkes Programm vorstellt. Im Interview mit den NachDenkseiten erkl&auml;rt N&ouml;lke, der an der Frankfurter Goethe-Universit&auml;t lehrt, wie ein solches Programm aussehen sollte und was es bedeutet, wenn die Etablierung eines solchen Programmes ausbleibt. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5046\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-42143-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180130_Echte_linke_Positionen_etablieren_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180130_Echte_linke_Positionen_etablieren_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180130_Echte_linke_Positionen_etablieren_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180130_Echte_linke_Positionen_etablieren_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=42143-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180130_Echte_linke_Positionen_etablieren_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180130_Echte_linke_Positionen_etablieren_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Sollte die AfD nach dem Vorbild von anderen rechten Parteien in Europa &bdquo;einen oberfl&auml;chlichen sozialpolitischen Linksschwenk&ldquo; vornehmen &bdquo;und sich damit noch fester im Milieu der Arbeiter und unteren Mittelschichten verankern&ldquo;, dann erwartet N&ouml;lke, dass es sich mit &bdquo;einer echten linken Politik und einer grundlegenden Reduktion von Armut f&uuml;r lange Zeit erledigt haben&ldquo; wird.<br>\nEin Interview &uuml;ber die unterschiedlichen Ebenen der <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=armut\">Armut<\/a>, den Verwerfungen in unserer Gesellschaft und eine Position, die N&ouml;lke als &bdquo;linkspopul&auml;r&ldquo; bezeichnet. <\/p><p><strong>Herr N&ouml;lke, in Ihrem Buch gibt es ein Kapitel, das tr&auml;gt die &Uuml;berschrift &bdquo;Armut inmitten des Reichtums&ldquo;. Was meinen Sie damit?<\/strong><\/p><p>Obwohl Deutschland im Vergleich zu seinen Nachbarl&auml;ndern ein vergleichsweise hohes Wirtschaftswachstum und eine niedrige Arbeitslosigkeit aufweist, sind substantielle Teile der Gesellschaft &ouml;konomisch abgeh&auml;ngt und haben keine Aussicht auf nachhaltige Besserung.<\/p><p><strong>Wer ist in Deutschland arm? Haben Sie Zahlen?<\/strong><\/p><p>Nach dem &bdquo;Armutsbericht 2016&ldquo; des Parit&auml;tischen Wohlfahrtsverbands betrifft das etwa jeden Sechsten. Frauen sind st&auml;rker betroffen als M&auml;nner, Menschen mit Migrationshintergrund st&auml;rker als Alteingesessene. Besonders gravierend ist die Situation alleinerziehender M&uuml;tter und die Kinderarmut. Nach den Berechnungen der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung leben knapp zwanzig Prozent der Jungen und M&auml;dchen in armen oder armutsgef&auml;hrdeten Familien. &Uuml;berwiegend sind Menschen mit Teilzeitbesch&auml;ftigung von Armut betroffen, oft in befristeten Stellen, in einem Zeitarbeitsverh&auml;ltnis, in geringf&uuml;giger Besch&auml;ftigung oder in einem Werkvertrag.<\/p><p><strong>In den Medien h&ouml;ren wir immer wieder: Uns geht es gut. Und: Deutschland ist ein reiches Land. Wie kann es sein, dass es Menschen in diesem reichen Land gibt, denen es &uuml;berhaupt nicht gut geht, weil sie in Armut leben und oder von Armut bedroht sind?<\/strong><\/p><p>Neben der langsam &ndash; aber aufgrund der Rentenreformen und der Zunahme prek&auml;rer Besch&auml;ftigung auch stetig &ndash; wachsenden Altersarmut ist daf&uuml;r vor allem die Entwicklung des Niedriglohnsektors w&auml;hrend der letzten beiden Jahrzehnte verantwortlich. Deutschland hat inzwischen den mit Abstand gr&ouml;&szlig;ten Niedriglohnsektor in West- und Nordeuropa. Die Arbeitslosigkeit ist im Kontext der Herausbildung dieses Sektors zwar gesunken, die verbleibenden Arbeitslosen leiden aber st&auml;rker unter Armutsgef&auml;hrdung als ihre Leidensgenossen in allen anderen Staaten der EU. Und bei der gesunkenen Arbeitslosigkeit sollte man bedenken, dass es hier vor allem um die Aufspaltung ganzer Stellen in Teilzeitstellen und die Auslagerung an Solo-Selbst&auml;ndige geht &ndash; die Anzahl der Normalarbeitnehmer und der insgesamt geleisteten Arbeitsstunden liegt heute immer noch unter der der fr&uuml;hen 1990er Jahre.<\/p><p><strong>Sie heben in Ihrem Buch hervor, dass es eine objektive und subjektive Dimension der Armutsproblematik gibt. K&ouml;nnen Sie bitte erl&auml;utern, was Sie damit meinen?<\/strong><\/p><p>Bei der subjektiven Armut geht es um Abstiegssorgen und den Eindruck, aus der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden. Bei der objektiven Armut geht es um harte Fakten wie relative Armut &ndash; also weniger als sechzig Prozent des mittleren Einkommens der Bev&ouml;lkerung &ndash; und absolute Armut, im Fachjargon als &bdquo;erhebliche materielle Entbehrung&ldquo; bezeichnet. Unter letzterer, die etwa &uuml;ber Ph&auml;nomene wie eine kalt bleibende Heizung oder jeden zweiten Tag ohne eine vollwertige Mahlzeit abgebildet wird, leiden nach dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung beispielsweise 600.000 Kinder. Bei der objektiven Armut geht es auch um die zunehmende soziale Trennung in unseren St&auml;dten, bei denen die &Auml;rmeren in bestimmten Stadtvierteln an der Peripherie konzentriert werden, mit besonders gravierenden Konsequenzen im Bildungssystem.<\/p><p><strong>Und die subjektive Ebene in Sachen Armut?<\/strong><\/p><p>Bei der subjektiven Seite geht es um ein ganzes B&uuml;ndel von Ph&auml;nomenen. Es geht um Angst eines sozialen Abstiegs im Alter, da unser reformiertes Rentensystem den Lebensstandard nicht mehr aufrechterhalten kann. Es geht um die Sorge, dass es den eigenen Kindern materiell schlechter gehen wird als einem selbst. Es geht um die Einstellung, jede Arbeit und jede Arbeitsbelastung akzeptieren zu m&uuml;ssen, unabh&auml;ngig von der gesundheitlichen Belastung. Es geht um die Bef&uuml;rchtung, dass der befristete Job nicht mehr verl&auml;ngert wird, weil man dem Arbeitgeber nicht gef&auml;llt oder weil es noch billigere Arbeitskr&auml;fte gibt. Es geht um die Erwartung, bei einem Jobverlust direkt in das Hartz-F&uuml;rsorgesystem abzusacken. Und es geht um die Vertreibung aus der vertrauten Umgebung, in eine unwirtliche Peripherie.<\/p><p><strong>Gerade die subjektive Ebene darf im Hinblick auf die negativen Auswirkungen auf eine Gesellschaft nicht untersch&auml;tzt werden, oder?<\/strong><\/p><p>Die subjektive Ebene birgt f&uuml;r unsere Gesellschaft wom&ouml;glich eine noch gr&ouml;&szlig;ere Sprengkraft als die objektive Ebene der Armut. Das Kernproblem ist hier die Gefahr einer grunds&auml;tzlichen Abwendung von der Gesellschaft und insbesondere vom politischen System. Diese Abwendung kann auf Dauer die Stabilit&auml;t der Demokratie gef&auml;hrden. Es gibt inzwischen viele Studien, die zeigen, dass die meisten Menschen in den &auml;rmsten Gruppen der Gesellschaft schon lange nicht mehr w&auml;hlen gehen, weil sie die Hoffnung aufgegeben haben, dass die Politik ihre Situation grundlegend verbessert. Besonders deutlich ist diese Abwendung von der Politik im Vergleich der Wahlbeteiligung zwischen den reichen und armen Vierteln westdeutscher Gro&szlig;st&auml;dte. So sind etwa bei der letzten Landtagswahl in K&ouml;ln-Hahnwald 82 Prozent der Wahlberechtigten w&auml;hlen gegangen, in K&ouml;ln-Chorweiler aber nur 32 Prozent.<\/p><p><strong>Welche Auswirkungen sind noch zu beobachten?<\/strong><\/p><p>Im Kontext der Aufnahme einer gro&szlig;en Menge von Gefl&uuml;chteten in den Jahren 2015\/2016 ist die resignative Haltung der weniger privilegierten Gesellschaftsgruppen vielerorts in eine eher aggressive Haltung umgeschlagen. Gerade die &auml;rmeren Gruppen &ndash; bis hin in die untere Mittelschicht &ndash; sp&uuml;ren, dass dadurch die ohnehin schon scharfe Konkurrenz um Jobs f&uuml;r formal nicht so hoch Qualifizierte, um Sozialtransfers und um bezahlbaren Wohnraum in Gro&szlig;st&auml;dten noch weiter versch&auml;rft wird. Sie haben sich in der Folge in nicht geringer Zahl zur Wahl der AfD entschlossen &ndash; nicht weil sie das chauvinistische und neoliberale Programm der Partei sch&auml;tzen, sondern weil es die einzige M&ouml;glichkeit war, den etablierten Parteien einen Denkzettel zu versetzen. Und es half in der Folge &uuml;berhaupt nicht, dass die durchaus legitimen Sorgen dieser Bev&ouml;lkerungsgruppen durch das liberale B&uuml;rgertum &ndash; und leider auch durch viele Repr&auml;sentanten der Linken &ndash; als dumpfer Neid, als &bdquo;postfaktisch&ldquo; oder gar als rassistisch verunglimpft wurden.<\/p><p><strong>Was bedeutet das denn nun f&uuml;r eine Gesellschaft?<\/strong><\/p><p>Ich nehme eine wachsende Polarisierung in unserer Gesellschaft wahr, zwischen einem formal hochgebildeten und kosmopolitisch orientierten B&uuml;rgertum auf der einen Seite und den eher sesshaften und weniger akademisch gebildeten Gruppen auf der anderen Seite. Die Gr&auml;ben zwischen diesen Gruppen werden eher noch tiefer. Ich sehe auch eine schleichende Erosion der Demokratie, durch Wahlenthaltung oder durch die Wahl einer Partei, der AfD, die deutliche Vorbehalte gegen&uuml;ber unserem politischen System artikuliert. Und ich sehe eine wachsende Verachtung der Politiker, die inzwischen auf den letzten Platz der beruflichen Gruppen zur&uuml;ckgefallen sind, denen vertraut wird &ndash; noch hinter Werbefachleuten und Versicherungsvertretern. Und bei manchen Menschen f&uuml;hrt diese Polarisierung inzwischen zur Gewalt, wie die drastisch gestiegene Zahl der Angriffe gegen Amts- und Mandatstr&auml;ger zeigt.<\/p><p><strong>Auch wenn wir an dieser Stelle kaum alle Gr&uuml;nde diskutieren k&ouml;nnen, die &uuml;berhaupt dazu gef&uuml;hrt haben, dass sich schwere gesellschaftliche Verwerfungen in unserem Land erkennen lassen. Aber vielleicht holzschnittartig: Wo liegen denn aus Ihrer Sicht die Ursachen?<\/strong><\/p><p>Nun, ich w&uuml;rde hier bei der Wirtschafts- und Sozialpolitik anfangen. Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten darauf gesetzt, durch Lohnzur&uuml;ckhaltung, geringe &ouml;ffentliche Investitionen, K&uuml;rzungen in den Sozialsystemen und den Aufbau eines Niedriglohnsektors eine Wirtschaftsstrategie zu fahren, die andere L&auml;nder durch niedrigere Preise f&uuml;r Exportprodukte auskonkurriert und so die Arbeitslosigkeit in Deutschland reduziert. Diese Strategie hat nicht nur zu wirtschaftlichen Verw&uuml;stungen in anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern gef&uuml;hrt, sondern auch bei uns zu stark zunehmender Verm&ouml;gensungleichheit, einer Erosion der Mittelklassen und den bereits diskutierten Armutsph&auml;nomenen.<\/p><p><strong>Was hat die Politik noch falsch gemacht?<\/strong><\/p><p>Generell hat sie das Ph&auml;nomen der ungeb&auml;ndigten Globalisierung als unab&auml;nderliches Schicksal hingenommen &ndash; oder diese Globalisierung noch intensiviert &ndash; anstatt den demokratischen und sozialen Nationalstaat und die zwischenstaatliche Kooperation als Schutzschilde gegen die zerst&ouml;rerischen und auch nicht von Natur aus zwangsl&auml;ufigen Aspekte dieses Ph&auml;nomens hochzuhalten. Wir sehen das an der mangelnden Regulierung der Finanzm&auml;rkte, die zur globalen Finanzkrise gef&uuml;hrt hat und noch immer bei weitem nicht ausreicht. Wir sehen das an einer Europ&auml;ischen Union, die sich zunehmend in einen wirtschaftsliberalen Eurosuprastaat verwandelt, mit tiefen Eingriffen in die nationale Demokratie und in Arbeitnehmerrechte. Wir sehen das bei der unzureichend gebremsten Migration, bei der die negativen Auswirkungen auf Arbeitsm&auml;rkte, Sozialleistungen und Wohnungen f&uuml;r unsere &auml;rmeren Bev&ouml;lkerungsgruppen ignoriert werden. Und wir sehen das bei einer Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik, die immer noch auf kostspielige und kontraproduktive Interventionen in anderen Weltregionen setzt.<\/p><p><strong>Wie kommt es, dass in dieser Situation die Linkspartei nicht mehr W&auml;hler hat?<\/strong><\/p><p>Nun, die Linkspartei zeichnet sich positiv dadurch aus, dass sie der Armutsbek&auml;mpfung durch eine besser finanzierte Sozialpolitik einen gr&ouml;&szlig;eren Stellenwert beimisst als alle anderen Parteien. Auch bei einer weniger interventionistischen Sicherheitspolitik und einer strengeren Regulierung der Finanzm&auml;rkte findet die Linkspartei jenseits ihrer aktuellen W&auml;hler viel Zustimmung. Ein Problem wird sicher sein, dass viele Menschen die Kritik der Linkspartei am dominanten Wirtschafts- und Sozialmodell teilen, aber bei der Partei keine kompetente Wirtschaftsstrategie erkennen k&ouml;nnen, die ein starkes wirtschaftliches Wachstum mit einer besseren Verteilung zu kombinieren verspricht. Aber das Kernproblem in Bezug auf die begrenzten Wahlergebnisse der Linkspartei &ndash; trotz gro&szlig;er Armut und Ungleichheit &ndash; liegt aus meiner Sicht in der zunehmend kosmopolitischen Haltung der Partei. Die Parteif&uuml;hrung der Linkspartei steht der EU wesentlich positiver gegen&uuml;ber als gro&szlig;e Teile der &auml;rmeren Bev&ouml;lkerungsgruppen in Deutschland. Und in der Fl&uuml;chtlingskrise hat sich die Parteif&uuml;hrung auf die Seite der Bundesregierung gestellt, anstatt auf die Seite dieser Gruppen. Generell sehe ich hier eine zunehmende Umorientierung der Partei, weg von der Vertretung der formal weniger gebildeten und sozio&ouml;konomisch an den Rand gedr&auml;ngten Bev&ouml;lkerungsgruppen und hin zum Milieu der urbanen und universit&auml;r gebildeten Gruppen, denen die Gr&uuml;nen inzwischen zu &bdquo;mittig&ldquo; geworden sind.<\/p><p><strong>Wie sieht es mit den Sozialdemokraten aus? Was l&auml;uft da falsch?<\/strong><\/p><p>Der Entfremdungsprozess von den weniger privilegierten Gruppen, den ich gerade f&uuml;r die Linkspartei beschrieben habe, ist bei der Sozialdemokratie mindestens genauso festzustellen. Die SPD ist inzwischen eine Partei der Angestellten und ihre Funktion&auml;re sind &uuml;berwiegend kosmopolitisch orientierte Akademiker. Generell hat die SPD in den vergangenen Jahrzehnten darauf verzichtet, eine klare Alternative zur liberal-exportorientierten Wirtschaftsstrategie von CDU\/CSU und FDP zu entwickeln, sie beschr&auml;nkt sich auf eine leicht sozialere Variante der letzteren. Die Hoffnungen, die die Nominierung des Schulabbrechers Martin Schulz und seines Gerechtigkeitsmottos vor&uuml;bergehend in breiten Bev&ouml;lkerungsgruppen geweckt hatten, sind dann j&auml;h entt&auml;uscht worden, mit den bekannten Folgen f&uuml;r das Wahlergebnis der SPD.<\/p><p><strong>Welche Rolle spielen die Medien, wenn es um die Durchsetzung einer echten linken Politik geht?<\/strong><\/p><p>Ich m&ouml;chte hier keiner pauschalen Medienkritik das Wort reden. Die Situation vieler Journalisten ist durch Stellenabbau, Beschleunigung der Arbeitsprozesse und Konzentration der Medieneigent&uuml;mer nicht einfach. Aber insbesondere in der Fl&uuml;chtlingskrise wurde die Entfremdung zwischen dem Gro&szlig;teil der Journalisten, die zum liberal-kosmopolitischen B&uuml;rgertum geh&ouml;ren, und den formal weniger gebildeten und sozio-&ouml;konomisch weniger privilegierten Teilen der Bev&ouml;lkerung mehr als deutlich. Es gab hier oftmals einen Mangel an Empathie f&uuml;r die Sorgen und N&ouml;te der &auml;rmeren Bev&ouml;lkerungsgruppen. Besondere Probleme f&uuml;r die Durchsetzung einer echten linken Politik sehe ich aber in den Wirtschaftsredaktionen. Hier wird uns ja fast t&auml;glich vorgehalten, dass die Wachstums- und Arbeitslosenraten im Vergleich zu Deutschlands Nachbarl&auml;ndern so gut seien und dass deshalb von Armutsproblemen keine Rede sein k&ouml;nne. Wenn man dem exportorientierten deutschen Wirtschaftsmodell der letzten Jahrzehnte so unkritisch gegen&uuml;bersteht, sieht man nat&uuml;rlich keinerlei Notwendigkeit f&uuml;r einen grundlegenden Kurswechsel zu einer sozial ausgewogeneren und st&auml;rker auf die Binnennachfrage setzenden Alternative. Aber auch hier sollte man entschuldigend hinzuf&uuml;gen, dass die Journalisten ja auch kaum eine Chance auf einen breiteren Horizont haben, angesichts der wenig pluralistischen Ausbildung an den deutschen Wirtschaftsfakult&auml;ten.<\/p><p><strong>Sehen Sie einen Ausweg? Was kann getan werden, um den gesellschaftlichen Verwerfungen beizukommen?<\/strong><\/p><p>Aus meiner Sicht w&auml;re es essentiell, dass eine der Parteien eine Position einnimmt, die ich in meinem Buch als &bdquo;linkspopul&auml;r&ldquo; bezeichne. Eine solche Position, die eine &uuml;berzeugende linke Wirtschaftsstrategie mit einer kosmopolitismusskeptischen Haltung in Fragen von Milit&auml;rinterventionen, EU-Supranationalisierung und Migration kombiniert, k&ouml;nnte aus meiner Sicht auf breite gesellschaftliche Unterst&uuml;tzung z&auml;hlen, insbesondere aus dem gro&szlig;en Lager der Nichtw&auml;hler und von Teilen der AfD-W&auml;hler. Sollte die Etablierung einer solchen Position nicht gelingen, sehe ich f&uuml;r die Zukunft allerdings noch weitaus schwerwiegendere Verwerfungen voraus. Das gilt insbesondere f&uuml;r den Fall, dass die AfD nach dem Vorbild von FP&Ouml;, Wilders oder &ndash; vor&uuml;bergehend &ndash; dem Front National einen oberfl&auml;chlichen sozialpolitischen Linksschwenk vornimmt und sich damit noch fester im Milieu der Arbeiter und unteren Mittelschichten verankern kann. Dann d&uuml;rften sich Fragen nach einer Reduktion gesellschaftlicher Verwerfungen, einer echten linken Politik und einer grundlegenden Reduktion von Armut f&uuml;r lange Zeit erledigt haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180130_noelke.jpg\" alt=\"Andreas N&ouml;lke\" title=\"Andreas N&ouml;lke\"\/><\/div>\n<p>Wie sieht eine echte linke Politik aus? Ganz einfach: Sie nimmt sich der Sorgen und N&ouml;ten der wenig Privilegierten ernsthaft an. Doch genau daran fehlt es in Deutschland. Das meint der Politikwissenschaftler <strong>Andreas N&ouml;lke<\/strong>, der mit seinem gerade ver&ouml;ffentlichten Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/linkspopulaer\/\">Linkspopul&auml;r &ndash; Vorw&auml;rts<\/a><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42143\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,35,126,209,132],"tags":[635,881,1383,290,1055,217,866,233,708,633,288,709,312,479,1174,218,687],"class_list":["post-42143","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-erosion-der-demokratie","category-interviews","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-altersarmut","tag-armut","tag-armuts-und-reichtumsbericht","tag-binnennachfrage","tag-fluechtlinge","tag-kinderarmut","tag-konkurrenzdenken","tag-marktliberalismus","tag-nichtwaehler","tag-politikerverdrossenheit","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-protestwaehler","tag-reformpolitik","tag-reservearmee","tag-segregation","tag-teilhabe","tag-ungleichheit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42143","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=42143"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42143\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":87952,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42143\/revisions\/87952"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=42143"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=42143"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=42143"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}