{"id":4219,"date":"2009-09-25T10:20:50","date_gmt":"2009-09-25T08:20:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4219"},"modified":"2014-01-23T12:36:26","modified_gmt":"2014-01-23T11:36:26","slug":"sind-die-nachdenkseiten-gescheitert-waehlen-gehen-trotz-allem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4219","title":{"rendered":"Sind die NachDenkSeiten gescheitert? W\u00e4hlen gehen. Trotz allem."},"content":{"rendered":"<p>Dieser Tage fragte uns ein Leser per Mail: Wenn es nach der Bundestagswahl zu einer Radikalisierung des derzeitigen politischen Kurses durch Schwarz-gelb oder bestenfalls zu einer Fortsetzung durch eine (kleiner gewordene) gro&szlig;e Koalition von Union und Sozialdemokraten kommt, ist Euer Projekt NachDenkSeiten dann nicht gescheitert? Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nOffen gestanden, der Wahlabend wird uns sehr nachdenklich machen. Die Wahlergebnisse werden, wenn es keine &Uuml;berraschung gibt, keinen politischen Kurswechsel erm&ouml;glichen.<br>\nCDU\/CSU werden etwas eingeb&uuml;&szlig;t und die FDP wird ein wenig zugelegt haben, die SPD wird deutlich unter drei&szlig;ig Prozent bleiben und sich als Volkspartei verabschieden, die Gr&uuml;nen d&uuml;rften ihr letztes Ergebnis stabilisieren und  nur die Linke wird etwas besser abgeschnitten haben, als es die Demoskopen vorhergesagt hatten.<\/p><p>Die einzig noch interessante Frage wird sein, ob die Union und die Liberalen dank der &Uuml;berhangmandate mit ihrer knappen Mehrheit an Parlamentsmandaten eine Koalition riskieren werden oder ob sich diejenigen Kr&auml;fte in der CDU durchsetzen, die der Auffassung sind, dass es mit Steinmeier und Steinbr&uuml;ck als Amtstr&auml;ger und mit den Sozialdemokraten im Beiboot doch viel leichter ist, die nach der Wahl aus ihrer Sicht unumg&auml;nglichen Grausamkeiten durchzusetzen. Schlie&szlig;lich tut man sich doch leichter, nach der Wahl die gro&szlig;en Lasten f&uuml;r die Bankenrettung von der Mehrheit der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger abzuverlangen, wenn man die SPD und damit immer noch einen gro&szlig;en Teil der Arbeitnehmerschaft einbindet. Die letzte Legislaturperiode hat doch bewiesen, dass es sich gegen eine schwache und dazu politisch gespaltene Opposition mit drei kleinen Parteien ganz gut auch gegen eine weitverbreitete Meinung in der Bev&ouml;lkerung durchregieren l&auml;sst.<br>\nAu&szlig;erdem besteht die Gefahr, dass, wenn die SPD im Bund in der Opposition ist, die Sozialdemokraten ja &uuml;ber die L&auml;nder wieder an politischem Einfluss gewinnen k&ouml;nnten.<\/p><p>Da werden zwar einige der schwarz-gelb gepolten Medien beklagen, dass es aus demokratietheoretischen Erw&auml;gungen besser w&auml;re, wenn der Regierungskoalition eine starke Opposition gegen&uuml;ber st&uuml;nde. Auch der wirtschaftsliberale Fl&uuml;gel der Union wird sich f&uuml;r ein Zusammengehen mit den Liberalen einsetzen, weil damit der wirtschaftspolitische Kurs der simplen Unternehmenslogik stabiler abgesichert ist. Man k&ouml;nne ja nie sicher sein &ndash; so wird sicherlich argumentiert werden -, ob es in der SPD nicht doch noch irgendwann zu einer Palastrevolution durch Frau Nahles und Herrn Wowereit kommen k&ouml;nnte, denn schlie&szlig;lich k&ouml;nne M&uuml;ntefering ja nicht ewig Parteivorsitzender sein und seine Partei auf Regierungskurs einschw&ouml;ren. Und eine knappe Mehrheit habe bekanntlich eine disziplinierende Wirkung auf die Regierungsfraktionen, wird man sagen. <\/p><p>Und Westerwelle wird nach elf Jahren der Abstinenz ohnehin massiv in Regierungs&auml;mter f&uuml;r seine FDP dr&auml;ngen, zumal er sich wieder als der einzige Wahlsieger aufspielen wird und den Regierungsanspruch f&uuml;r sein &bdquo;b&uuml;rgerliches Lager&ldquo; reklamieren d&uuml;rfte. <\/p><p>Einige werden r&auml;sonieren, dass man ja vielleicht zur Verbreiterung der Mehrheit von Schwarz-gelb noch die Gr&uuml;nen ins Boot nehmen k&ouml;nne, dort gibt es an der Parteispitze schlie&szlig;lich starke Kr&auml;fte, die kaum Ber&uuml;hrungs&auml;ngste mit Schwarz-gelb haben. Aber das f&uuml;hrte blo&szlig; zu heftigen Auseinandersetzungen an der gr&uuml;nen Parteibasis &ndash; wenigstens bis zum Abschluss eines Koalitionsvertrages und sorgte deshalb f&uuml;r unsichere &Uuml;bergangszeiten.<\/p><p>Steinmeier und Steinbr&uuml;ck werden dagegen alles tun und vor allem noch mehr preisgeben als bisher, um ihre &Auml;mter zu retten und angesichts der weiteren Schw&auml;chung der SPD  gegen&uuml;ber der letzten Bundestagswahl (die gemessen an den demoskopischen Ausgangswerten als Sieg dargestellt werden wird) und angesichts der notorischen &bdquo;Disziplin&ldquo; der SPD w&uuml;rde die Regierungsbeteiligung als ein gro&szlig;er Erfolg gefeiert. M&uuml;ntefering wird im Willy-Brandt-Haus vor die Mikrofone treten und verk&uuml;nden, ohne die SPD k&ouml;nne keine starke Regierung gebildet werden: Wir haben unser Wahlziel voll erreicht. Der nach jeder Wahlniederlage inzwischen &uuml;bliche Jubel der Claqueure wird folgen.<\/p><p>So oder so &auml;hnlich d&uuml;rfte der Wahlabend ablaufen und wir m&uuml;ssen jedenfalls damit rechnen, dass der an fast allen Fakten gemessene gescheiterte &bdquo;Reform&ldquo;-Kurs fortgesetzt wird, je nach Regierungsbildung ein bisschen radikaler vorgetragen und durchgesetzt. Eine Bestandsaufnahme oder gar eine Richtungs&auml;nderung wird es nicht geben und die Lastenverteilung der Krisenkosten ist vorprogrammiert.<\/p><p>Sollten wir deshalb, wie offenbar immer mehr Menschen &ndash; die Wahlbeteiligung d&uuml;rfte einen neuen Tiefststand erreichen &ndash;, resignieren? Sollten wir eingestehen, dass wir der geballten Macht der Meinungsmache, den Interessen der Finanzindustrie und der Gro&szlig;wirtschaft, den finanzstarken Besitzstandswahrern, dem Netzwerk der interessengebundenen &bdquo;Experten&ldquo; und dem politischen Kartell von FDP, CDU\/CSU, SPD und Gr&uuml;nen mit unseren Argumenten und Fakten nichts entgegensetzen k&ouml;nnen?<\/p><p>Sicherlich, das Weiter-so &uuml;ber eine weitere Legislaturperiode, wird viele Dinge &ndash; vom Sozialabbau, &uuml;ber die Umverteilung von unten nach oben bis zur Privatisierung der Bildung &ndash; verfestigen. Die Anstrengungen der &bdquo;Eliten&ldquo; und der Leitmedien werden eher zunehmen, das Falsche als das Richtige und Alternativlose darzustellen. Doch damit wird diese Politik nicht richtiger und die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich nicht aufgehalten. <\/p><p>Die Aufgabe und die Verpflichtung der NachDenkSeiten werden dadurch eher gr&ouml;&szlig;er als kleiner. Es wird noch wichtiger, Sie rechtzeitig zu informieren, Sie mit Fakten und Argumenten dagegen zu wappnen, von Politikern und Meinungsmachern hinters Licht gef&uuml;hrt zu werden. Sie und wir werden uns noch st&auml;rker vergewissern m&uuml;ssen, dass wir mit unseren Einsichten und unseren Erfahrungen nicht allein stehen. Wir wollen jedenfalls nicht, dass Sie in die Resignation fl&uuml;chten, sondern dass Sie sich weiter, ja sogar noch engagierter einmischen. Das NachDenken darf nach einer Wahl nicht aufh&ouml;ren &ndash; im Gegenteil.<\/p><p>Doch zun&auml;chst einmal sollten Sie zur Wahl gehen und alle, die Sie kennen, dazu auffordern. Das schon allein deshalb, damit Sie sich am Wahlabend nicht anh&ouml;ren m&uuml;ssen, dass eine &bdquo;Mehrheit&ldquo; der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler dem selbst ernannten &bdquo;b&uuml;rgerlichen Lager&ldquo; das Vertrauen ausgesprochen habe und Sie als B&uuml;rgerin und B&uuml;rger ausgeschlossen werden.<br>\n(Siehe auch <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/r4\/artikel\/31\/31189\/1.html\">Die M&auml;r von den &ldquo;verlorenen Stimmen&rdquo;<\/a>)<\/p><p>Wo Sie in der jetzigen Lage Ihre Kreuze auf dem Stimmzettel machen (oder ob Sie gar dem Rat des Kaberettisten Urban Priol folgen und &bdquo;die nicht&ldquo; vermerken), das wissen Sie als Leserin und Leser der NachDenkSeiten selbst am besten.<\/p><p>Vielleicht k&ouml;nnen Sie ja mit Ihrer Stimme am Wahlabend noch f&uuml;r eine wenigstens kleine &Uuml;berraschung sorgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Tage fragte uns ein Leser per Mail: Wenn es nach der Bundestagswahl zu einer Radikalisierung des derzeitigen politischen Kurses durch Schwarz-gelb oder bestenfalls zu einer Fortsetzung durch eine (kleiner gewordene) gro&szlig;e Koalition von Union und Sozialdemokraten kommt, ist Euer Projekt NachDenkSeiten dann nicht gescheitert? 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