{"id":42234,"date":"2018-02-02T16:43:28","date_gmt":"2018-02-02T15:43:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42234"},"modified":"2018-02-16T10:43:20","modified_gmt":"2018-02-16T09:43:20","slug":"wie-die-public-relations-industrie-mitregiert-von-joerg-becker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42234","title":{"rendered":"Wie die Public-Relations-Industrie mitregiert. Von J\u00f6rg Becker."},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170102_becker.jpg\" alt=\"J&ouml;rg Becker\" title=\"J&ouml;rg Becker\"><\/div><p>Vortrag auf der IALANA-Tagung &bdquo;Krieg und Frieden in den Medien&ldquo;, Cross Jugend-kulturkirche Kassel, 28. Januar 2018. &ndash; Vorbemerkung Albrecht M&uuml;ller: Dieses Thema ist zum Verst&auml;ndnis des Funktionierens und vor allem der Gefahren f&uuml;r eine demokratische Willensbildung, wie sie in den Lehrb&uuml;chern gelehrt wird, ausgesprochen wichtig. Deshalb haben wir den Vortrag von J&ouml;rg Becker aus voller &Uuml;berzeugung in den NachDenkSeiten aufgenommen.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6700\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-42234-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180226_Wie_die_Public_Relations_Industrie_mitregiert_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180226_Wie_die_Public_Relations_Industrie_mitregiert_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180226_Wie_die_Public_Relations_Industrie_mitregiert_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180226_Wie_die_Public_Relations_Industrie_mitregiert_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=42234-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180226_Wie_die_Public_Relations_Industrie_mitregiert_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180226_Wie_die_Public_Relations_Industrie_mitregiert_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Was Public Relations ist, versuche ich strikt empirisch, polit&ouml;konomisch und demokratietheoretisch zu beschreiben, zu systematisieren und zu analysieren. Erst danach bewerte ich Fakten und Theorieans&auml;tze.<\/p><ol>\n<li><strong>Was ist die PR-Industrie?<\/strong>\n<p>Zun&auml;chst einmal einige historische Zusammenh&auml;nge. Eine ihrem eigenen Selbstverst&auml;ndnis nach zu definierende PR-Industrie gibt es in den USA seit den drei&szlig;iger Jahren und in Deutschland zeitgleich im deutschen Faschismus. In beiden F&auml;llen geht es um politische und staatliche &Ouml;ffentlichkeitsarbeit in Phasen einer stark staatsmonopolistischen Form politischer Herrschaft. Auf der einen Seite der new deal eines Franklin D. Roosevelt, auf der anderen Seite der deutsche Faschismus als Wegbereiter eines modernen Kapitalismus. In den USA waren Edward Bernays und Ivy Lee die beiden selbsternannten V&auml;ter einer PR-&bdquo;Wissenschaft&ldquo;, im deutschen Faschismus war es das fr&uuml;he NSDAP-Mitglied Carl Hundhausen, der als kaufm&auml;nnischer Direktor bei Krupp dieses Unternehmen nach 1945 erfolgreich vom Image des Kriegsverbrecher-Konzerns wei&szlig;wusch.<\/p>\n<p>Neben dem Begriff Public Relations kommt auch der Begriff der Propaganda in den drei&szlig;iger Jahren aus den USA. Schon bald negativ konnotiert, wurden dieser Begriff und der der psychologischen Kriegsf&uuml;hrung in den f&uuml;nfziger Jahren durch folgende Begriffe abgel&ouml;st und ersetzt: internationale Kommunikation, Entwicklungskommunikation und schlie&szlig;lich &ndash; bis auf den heutigen Tag &ndash; public diplomacy, also eine Mischung aus politischem Marketing, instrumentalisierter V&ouml;lkerverst&auml;ndigung und Kulturdiplomatie zur Sch&auml;rfung des eigenen L&auml;nderprofils, um &ouml;konomische Standortvorteile in einem globalisierten und grenzenlos entfesselten Kapitalismus zu erzielen (das sog. nation branding).<\/p>\n<p>W&auml;hrend Marx und Engels in der Mitte des 19. Jhs. im Kommunistischen Manifest festhielten, dass &bdquo;an die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgen&uuml;gsamkeit und Abgeschlossenheit ein allseitiger Verkehr tritt und eine allseitige Abh&auml;ngigkeit der Nationen voneinander&ldquo;, gr&uuml;ndete in den USA Walter Thompson &ndash; nicht zuf&auml;llig ebenfalls in der Mitte des 19. Jhs. &ndash; die weltweit erste Werbeagentur (die im &uuml;brigen noch heute existiert). <\/p>\n<p>Einzelne PR-Agenturen sind inzwischen zu gro&szlig;m&auml;chtigen transnationalen Konzernen mutiert. Konkret beherrschen vier gigantische PR-Verbundsysteme die gesamte Welt der Werbung, der Public Relations, der Medien und des Consultings: <\/p>\n<ol type=\"a\">\n<li>Die US-amerikanische Omnicom-Gruppe: Sie ist weltweit eindeutig die m&auml;chtigste im Gesch&auml;ft. Mit einem Jahresumsatz von gesch&auml;tzten 20 Milliarden Euro ist sie in New York ans&auml;ssig. Zu ihr geh&ouml;ren Werbeagenturen wie Batten, Barton, Durstine &amp; Osborn (BBDO), DDB Worldwide, TBWA Worldwide oder Ketchum Pleon sowie das PR-Agenturen-Netzwerk Porter Novelli International.  <\/li>\n<li>Die englische WWP-Gruppe: Sie ist der zweitwichtigste Akteur mit einem Jahresumsatz von 14 Milliarden Euro und 160.000 Mitarbeitern in 200 B&uuml;ros und 108 L&auml;ndern. Zu ihr geh&ouml;ren die Agenturen Grey Global Group, Hill &amp; Knowlton, Burson-Marsteller, Young &amp; Rubicam und die schon erw&auml;hnte Agentur Walter Thompson. <\/li>\n<li>Die franz&ouml;sische Publicis-Gruppe: Sie steht weltweit an dritter Position. Zu ihr geh&ouml;ren zum Beispiel die Firmen Leo Burnett Worldwide, Saatchi &amp; Saatchi und Publicis Pixelpark. Unter Leitung von Maurice L&eacute;vy in Paris hat diese Gruppe 77.000 Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Umsatz von fast 10 Milliarden Euro. <\/li>\n<li>Die US-amerikanische Interpublic-Gruppe: Mit einem Umsatz von 7 Milliarden Euro und den Werbeagenturen McCann-Erickson, Weber Shandwick und FCB nimmt sie global die vierte Position ein.  <\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Jahresums&auml;tze dieser Agenturen &uuml;bertreffen den Staatshaushalt sehr vieler L&auml;nder. So verf&uuml;gt zum Beispiel das Land Senegal j&auml;hrlich nur &uuml;ber Einnahmen in H&ouml;he von 3 Milliarden Euro. Ein gro&szlig;er Teil der Macht dieser Agenturgruppen ist nicht nur &ouml;konomischer, sondern auch politischer Natur. Denn die Chief Executive Officers (CEO) dieser Agenturen sind essentieller Bestandteil westlicher Elitenetzwerke &ndash; man sieht und trifft sich, etwa j&auml;hrlich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Ein h&ouml;chst m&auml;chtiger Elitenetzwerker war zum Beispiel Maurice L&eacute;vy, bis zum Juni 2017 CEO von Publicis. Er war gleichzeitig Pr&auml;sident des franz&ouml;sischen Arbeitgeberverbandes, 2011 Mitglied der Bilderberg-Konferenz und Berater sowohl der Deutschen Bank als auch des m&auml;chtigen Council on Foreign Relations. <\/p>\n<p>Die Zahl der PR-Agenturen wird in Deutschland auf 2.200 gesch&auml;tzt. W&auml;hrend die gr&ouml;&szlig;te Agentur mehr als 400 Mitarbeiter hat, hat die zehntgr&ouml;&szlig;te Agentur nur noch 60 Mitarbeiter. Mit anderen Worten: Die meisten Agenturen sind klein und mittelst&auml;ndisch. Der Gesamtumsatz der PR-Industrie liegt in Deutschland pro Jahr bei 5 Mrd. Euro und der der dazu geh&ouml;renden Werbebranche bei 20 Mrd. Euro. (Vergleichszahlen: Parf&uuml;mhandel 1 Mrd. Euro, Tageszeitungen: 7,5 Mrd. Euro, Buchbranche: 10 Mrd. Euro, und IT-Industrie 100 Mrd. Euro). <\/p><\/li>\n<li><strong>Das Verh&auml;ltnis von PR-Industrie zu Journalismus<\/strong>\n<p>Die betriebswirtschaftliche Rationalit&auml;t deutscher Tageszeitungen hat sich auf einer Zeitachse von 1950 bis 1990ff. drastisch ver&auml;ndert. Setzten sich die Einnahmen einer Tageszeitung 1950 zu 20% aus Werbung und zu 80% aus den Verkaufserl&ouml;sen am Lesermarkt zusammen, so drehte sich dieses Verh&auml;ltnis ab 1990 um. Seit dieser Zeit setzen sich die Einnahmen einer Tageszeitung zu 80% aus Werbung und nur noch zu 20% aus den Verk&auml;ufen am Lesermarkt zusammen. Aus &ouml;konomischer Sicht hei&szlig;t dieser betriebswirtschaftliche Wechsel Dreierlei. 1. Der Inhalt einer Zeitung ist das kostenlose Zubrot, um eine Zielgruppe wie Zeitungsleser an die Werbung treibende Industrie verkaufen zu k&ouml;nnen. 2. Dieser neoliberale Wechsel von Journalismus zu Werbung ver&auml;ndert das Machtverh&auml;ltnis zwischen PR-Industrie zu Journalismus eindeutig und ein f&uuml;r allemal zugunsten der PR-Industrie. 3. Marx&acute; lapidare Systemfeststellung aus der Mitte des 19. Jhs., dass &bdquo;die erste Freiheit der Presse darin bestehe, kein Gewerbe zu sein&ldquo;, konkretisiert sich jetzt auch betriebswirtschaftlich. Grundgesetzwidrig gibt es also keine freie Presse mehr. <\/p>\n<p>Das Verh&auml;ltnis von PR-Industrie zu Journalismus l&auml;sst sich empirisch nicht nur &ouml;konomisch, sondern auch an den Inhalten der Zeitungen festmachen. Eine sogenannte Medienresonanzanalyse von Lothar Rolke, Professor f&uuml;r Betriebswirtschaft an der Universit&auml;t Mainz, ergab schon 1992, dass in den Medien das statistisch normale Verh&auml;ltnis von Selbstdarstellung zu Fremdbeobachtung circa 70:30 betr&auml;gt. Das bedeutet, dass Journalisten h&auml;ufiger einfach Pressemitteilungen von Unternehmen und Institutionen &uuml;bernehmen, als selbst zu recherchieren.<\/p>\n<p>Rolkes Ergebnis deckt sich gut mit den empirischen Ergebnissen von Barbara Baerns (1985) in Deutschland und Ren&eacute; Grossenbacher (1986). Danach kann als gesichert gelten, dass Public-Relations-Arbeit die Medienberichterstattung weitgehend determiniert. Nahezu Zweidrittel aller in den Medien verbreiteten Meldungen kommen von au&szlig;en, sind nicht selbst&auml;ndig recherchiert, sondern stammen aus Pressestellen von privaten und &ouml;ffentlichen Institutionen und PR-Agenturen, werden einer Zeitungsredaktion von einem sogenannten Medienservice &bdquo;h&auml;ppchengerecht&ldquo; als fertige Artikel angeboten. <\/p>\n<p>&Uuml;bernimmt ein Zeitungsverleger gegenw&auml;rtig Content von Public-Relations-Agenturen gerne kostenlos, da er auf diese Weise seine Personalausgaben f&uuml;r eine journalistische Redaktion senken kann, so k&ouml;nnte sich das Bezahlmodell zwischen PR und Journalismus bald umdrehen. Als &bdquo;paid content&ldquo; m&uuml;sste ein Zeitungsverleger der PR-Industrie f&uuml;r ihre Dienstleistungen dann Honorare zahlen, w&uuml;rde die Zeitungsbranche strukturell noch schw&auml;cher, als sie es in den letzten Dekaden sowieso geworden ist. Um weiter Kosten zu sparen, k&ouml;nnten zuk&uuml;nftige Zeitungsverlage ihre journalistischen Redaktionen v&ouml;llig schlie&szlig;en und sie &ndash; quasi outgesourct &ndash; dem Betrieb einer PR-Firma &uuml;berlassen.        <\/p>\n<p>Im Gegensatz zum Journalismus geht es Public Relations nicht um &ouml;ffentliche Kommunikation, sondern um Unternehmens- oder Politikkommunikation. Von unbekannten und nicht-sichtbaren Akteuren werden Botschaften, Bilder und Texte f&uuml;r Teil-&Ouml;ffentlichkeiten produziert, die oft genug Partial- als Gemeininteressen vorgaukeln. PR-Botschaften sind insofern bezahlte Kommunikationsmodelle, die die &Ouml;ffentlichkeit privatisieren. Wer die Unternehmens- und Politikkommunikation Public Relations in das akademische Fach &bdquo;Publizistik&ldquo;, also die Wissenschaft von &ouml;ffentlicher Kommunikation, integriert, attackiert die Tradition und das Selbstverst&auml;ndnis dieses Faches t&ouml;dlich.         <\/p>\n<p>Die Dominanz der PR-Industrie gegen&uuml;ber dem Journalismus zeigt sich empirisch inzwischen auch in der Arbeitswelt. In den USA sollen 200.000 PR-Arbeitspl&auml;tzen nur noch 100.000 hauptberufliche Journalisten gegen&uuml;berstehen. In Gro&szlig;britannien liegt das Verh&auml;ltnis 1:1 bei jeweils 90.000 Arbeitspl&auml;tzen. In Deutschland sind die Dominanzverh&auml;ltnisse &bdquo;noch&ldquo; nicht so eindeutig wie in den USA. Es soll &bdquo;noch&ldquo; ein Verh&auml;ltnis von Zweidrittel zu Eindrittel zugunsten von Journalisten geben, also circa 80.000 Journalisten zu circa 50.000 Mitarbeitern in der PR-Branche. Diese Arbeitsmarktzahlen spiegeln sich inzwischen auch bei den Studieng&auml;ngen an den universit&auml;ren Instituten f&uuml;r Kommunikationswissenschaft wider. Public-Relations-Studieng&auml;nge sind bei Studenten inzwischen gefragter als die des klassischen Journalismus.     <\/p>\n<p>Wer wei&szlig;, dass die Musikindustrie nach ihrem prozentualem Anteil am BIP und ihrer Zahl der Arbeitspl&auml;tze seit langem bedeutender als die Stahlindustrie ist, der wird sich nicht dar&uuml;ber wundern, dass der Anteil des Dienstleistungssektors mit knapp 70% am BIP bei weitem gr&ouml;&szlig;er als der Produktionssektor ist. An diesem Dienstleistungssektor hat die Content-Industrie, also die Industrie, deren Produkte urheberrechtlich schutzf&auml;hig sind &ndash; und dazu geh&ouml;rt die PR-Industrie &ndash; einen stetig wachsenden Anteil. Er d&uuml;rfte gegenw&auml;rtig bei 10% am BIP liegen.<\/p><\/li>\n<li><strong>&Ouml;ffentlichkeit, Werbung und PR-Industrie<\/strong>\n<p>Werbung und PR-Industrie verhalten sich zueinander wie Konsumg&uuml;ter und Politik. Werbung definiert sich prim&auml;r &ouml;konomisch. Seit Mitte des 19. Jhs. besteht die &ouml;konomische Funktion von Werbung darin, neue M&auml;rkte f&uuml;r von Konsumenten unerw&uuml;nschten Konsumg&uuml;terprodukten bei stetiger &Uuml;berproduktion zu schaffen. Ohne Werbung w&uuml;rde der Kapitalismus stagnieren. Public Relations definiert sich dagegen prim&auml;r politisch. In Formaldemokratien, in denen es in Wahlk&auml;mpfen nicht mehr um das beste Argument geht, sondern um den Machterhalt kleiner &ouml;konomischer und politischer Eliten, &uuml;bernimmt Public Relations die Aufgabe, Loyalit&auml;ten, positive Stimmungen und Zustimmungen, kurz: unkritische Affirmation, an die bestehenden gesellschaftlichen Zust&auml;nde herzustellen. Dies umso mehr, je wahlm&uuml;der und entpolitisierter eine Bev&ouml;lkerung ist. In solchen Krisensituationen w&auml;chst die &ouml;konomische und gesellschaftliche Bedeutung der PR-Industrie. Sie wird &bdquo;wissenschaftlicher&ldquo;, systematischer, professioneller und teurer.<\/p>\n<p>Eine positivistische Meinungs- und Marketing&bdquo;wissenschaft&ldquo; hat den Unterschied zwischen Werbung und Politik, zwischen Konsumg&uuml;tern und Demokratie, nie begreifen k&ouml;nnen und wollen. F&uuml;r George Gallup, Vater der Meinungsforschung in den USA, war schon 1932 PR-Arbeit f&uuml;r Zahnpaste das Gleiche wie f&uuml;r Politik und f&uuml;r Elisabeth Noelle-Neumann war die Meinung zu einer politischen Wahl noch 2006 das Gleiche wie zu Seife. <\/p>\n<p>In den gegenw&auml;rtig fragmentierten &Ouml;ffentlichkeiten greift ein nationaler und demokratischer &Ouml;ffentlichkeitsbegriff wie der von Habermas 1961 nicht mehr. Eine b&uuml;rgerliche &Ouml;ffentlichkeit ist nicht nur zerfallen. Angesichts von Individualisierung, Fragmentierung, Flexibilisierung, Digitalisierung, neoliberalem Marktradikalismus, Entgrenzung und Globalisierung haben untereinander nicht verbundene Teil&ouml;ffentlichkeiten und divergente sozial-kulturelle Milieus k&ouml;nnen auch nicht l&auml;nger als Folie herhalten, an der der Zerfall gespiegelt wird und die es wiederzugewinnen g&auml;lte. Dementsprechend ist auch eine Kultur von gro&szlig;en, nationalen PR-Kampagnen vorbei. Heterogenit&auml;t ist die Signatur der gegenw&auml;rtigen und zuk&uuml;nftigen PR-Industrie.<\/p><\/li>\n<li><strong>Kriege und PR-Industrien  <\/strong>\n<p>Wer meinen Ausf&uuml;hrungen bis hierher zustimmend gefolgt ist, der w&auml;re naiv, noch zu meinen, dass PR-Industrien bei der Vorbereitung und Durchf&uuml;hrung von Kriegen keine Rolle spielen w&uuml;rden. Das Gegenteil ist seit wenigstens 50 Jahren der Fall. Meine prim&auml;ren, eigenen Forschungsarbeiten zu diesem Themenkomplex reichen bis 2008, doch selbstverst&auml;ndlich ist die Welt seit 2008 nicht stehengeblieben. Pecunia non olet &ndash; Betriebs- und Volkswirtschaft und auch die &Ouml;konomie als Wissenschaft k&ouml;nnen definitorisch  (zun&auml;chst einmal) keine Moralanstalten sein. Das k&ouml;nnen und sollen sie auch nicht leisten. Warum aber ist dieses Verh&auml;ltnis von Kriegsf&uuml;hrung zu PR-Industrie dennoch hoch problematisch?          <\/p>\n<ol>\n<li>Generell ist Kriegsf&uuml;hrung v&ouml;lkerrechts- und grundgesetzwidrig. Wer Kriege durch PR-Kampagnen besch&ouml;nigt und verherrlicht, handelt illegal. Im Deutschen Strafgesetzbuch regelt das der &sect; 80a.<\/li>\n<li>Ist Krieg ein Extremzustand von Politik, dann gilt f&uuml;r Demokratien gerade in einem solchen Zustand das Transparenzgebot noch mehr als sonst. PR-Agenturen, die privat- und vertragsrechtlich gesch&uuml;tzt Kriegspropaganda betreiben, verletzen genau dieses Gebot und schaden damit der Demokratie.<\/li>\n<li>Wenn Kriegspropaganda dem Rendite-Interesse privatwirtschaftlich agierender PR-Agenturen untergeordnet wird, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass deren Arbeit die Kriegsdauer verl&auml;ngert und dass Kriegsf&uuml;hrung noch teurer wird.\n<p>Tab. 1: Aktivit&auml;ten von Public-Relations-Agenturen in ausgew&auml;hlten Kriegen von 1967 bis 2008 (au&szlig;er den Balkankriegen)<\/p>\n<table>\n<tr>\n<th>Jahr<\/th>\n<th>Auftraggeber<\/th>\n<th>Aktivit&auml;t<\/th>\n<th>Ausf&uuml;hrende PR-Agentur<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>1967<\/td>\n<td>Provinzregierung von Biafra<\/td>\n<td>PR-Kampagne unter am. Meinungsf&uuml;hrern zur Unterst&uuml;tzung der Unabh&auml;ngigkeit Biafras<\/td>\n<td>Ruder Finn Global Public Affairs (USA); Agentur Markpress (Schweiz)<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>1968<\/td>\n<td>Nigerianische Zentralregierung in Lagos<\/td>\n<td>Verbesserung der eigenen Position gegen&uuml;ber den Sezessionisten aus Biafra in der europ&auml;ischen Presse<\/td>\n<td>Galitzine &amp; Partners (UK); Burson-Marsteller Associates (UK); Commonwealth News Agency (UK); Andrew Nash (UK); Robert S. Goldstein (UK)<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>1985<\/td>\n<td>UNITA-Rebellen in Angola unter Jonas Savimbi<\/td>\n<td>Verbesserung des UNITA-Bildes in der Presse der USA<\/td>\n<td>Black &amp; Manafort (USA)<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>1986<\/td>\n<td>Marxistische Regierung von Angola<\/td>\n<td>Verbesserung des eigenen Bildes in der Presse der USA<\/td>\n<td>Gray &amp; Co. (USA)<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>1990<\/td>\n<td>Regierung von Kuwait<\/td>\n<td>PR-Kampagne gegen den Irak; Aufbau eines irakischen Feindbildes in der Presse der USA (sog. Brutkastenl&uuml;ge) <\/td>\n<td>Hill &amp; Knowlton (USA)<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>2008 <\/td>\n<td>Regierung von Georgien<\/td>\n<td>anti-russische Propaganda im Kaukasuskrieg Anfang August<\/td>\n<td>Aspect Consulting (Belgien)<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>2008<\/td>\n<td>Regierung von Russland<\/td>\n<td>Anti-georgische Propaganda im Kaukasuskrieg Anfang August<\/td>\n<td>GPlusEurope (Belgien)<\/td>\n<\/tr><\/table>\n<p><em>Quelle: eigene Erhebung.<\/em>\n<\/p><\/li>\n<li>Als der Kriegsreporter Frederic S. Remington im kubanisch-amerikanischen Krieg 1897 seiner Zeitung in New York emp&ouml;rt mitteilte, dass es auf Kuba gar keine Kriegshandlungen g&auml;be, antwortete ihm sein Zeitungsverleger: &bdquo;Bleib trotzdem auf Kuba. Du schickst die Fotos, wir machen den Krieg.&ldquo; Diese bereits im Journalismus bekannte Diskrepanz zwischen Realit&auml;t und Medienrealit&auml;t wird noch gr&ouml;&szlig;er, wenn nicht mehr Zeitungsverlage, sondern PR-Agenturen die Kriegsberichterstattung veranlassen und steuern. Das verengt das Blickfeld des Medienrezipienten, vergr&ouml;&szlig;ert die sowieso vorhandene Diskrepanz zwischen Realit&auml;t und Medienrealit&auml;t noch mehr und ist deswegen demokratiesch&auml;dlich.<\/li>\n<li>In Kriegen sind PR-Agenturen (und auch Medienanstalten) nicht nur Produzenten und Vermittler von Bildern und Texten, sie sind u. U. auch Kriegsakteure. Das galt z. B. f&uuml;r den TV-Sender CNN, als dieser bei der Landung der US-Truppen an einem Strand in Somalia 1992 einen Vertrag mit dem Pentagon geschlossen hatte, dass die TV-&Uuml;bertragung dieser Truppenlandung nur bei ihm und in der Prime Time stattfinden m&uuml;sse, was dann vertragsgerecht auch geschah. Das galt z. B. auch f&uuml;r die deutsche PR-Agentur Hunzinger in Frankfurt, die einem deutschen Unternehmer im April 1999 erfolgreich dazu verhalf, dass dessen Filialbetriebe bei Belgrad von der NATO nicht bombardiert wurden. Diese Vermischung von Kriegsberichterstattung und kriegerischer Aktion sind f&uuml;r eine parlamentarische Demokratie rechtlich fragw&uuml;rdig.<\/li>\n<li>Aus Angst vor einer Zunahme von ideologischen Einfl&uuml;ssen der NSDAP in den USA verf&uuml;gte die US-amerikanische Regierung 1938 den Foreign Agents[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Registration Act (FARA). Dieses nach wie vor g&uuml;ltige Gesetz schreibt bindend vor, dass nat&uuml;rliche und juristische Personen, die in den USA politisch f&uuml;r ausl&auml;ndische Rechtspersonen t&auml;tig sind, diese T&auml;tigkeit dokumentieren und offenlegen m&uuml;ssen. Das gilt auch f&uuml;r US-amerikanische PR-Agenturen. Eine Dokumentation &uuml;ber Art, Qualit&auml;t und Finanzumfang ist beim Justizministerium in Washington zu hinterlegen. Auf dieser Grundlage haben Mira Beham und ich 2006 in unserem Buch &bdquo;Operation Balkan&ldquo; die Kriegspropaganda von US-amerikanischen PR-Agenturen in ihren rund 150 Vertr&auml;gen mit verschiedenen ex-jugoslawischen Regierungen untersucht. Ein solches Transparenzgesetz kann nat&uuml;rlich umgangen werden; dennoch w&auml;re es auch f&uuml;r Deutschland w&uuml;nschenswert.<\/li>\n<li>1948 verabschiedete die US-amerikanische Regierung den sogenannten Smith-Mundt Act. Dieses Gesetz regelt, dass die US-amerikanische Regierung zwar im Ausland Propaganda betreiben darf, aber nicht im Inland. Das Inlandsverbot gr&uuml;ndet in der Idee, dass man die Gelder des eigenen Steuerzahlers nicht dazu benutzen d&uuml;rfe, ihn selbst zum Zielobjekt von Propaganda zu machen. Eine sehr weise Entscheidung und Begr&uuml;ndung, die man sich auch f&uuml;r Deutschland w&uuml;nschen w&uuml;rde.<\/li>\n<li>Die D&uuml;sseldorfer Werbeagentur von Dieter Castenow ist die Rahmenvertragsagentur des Verteidigungsministeriums. 2015 erhielt sie von diesem Ministerium f&uuml;r die Kampagne &bdquo;Mach was wirklich z&auml;hlt&ldquo; ein Budget von knapp 13 Mio. Euro, f&uuml;r die Reality-Video-Serie &bdquo;Die Rekruten&ldquo; knapp 8 Mio. Euro und f&uuml;r den gegenw&auml;rtigen YouTube-Clip zum Bundeswehreinsatz in Mali 6,5 Mio. Euro. So weit, so nicht gut: Bei YouTube und in der Au&szlig;enwerbung vor Schulen und bei McDonald&rsquo;s angeboten, sind die Kernzielgruppe dieser Kampagnen 17- bis 35-J&auml;hrige. Da 17-J&auml;hrige definitorisch Kinder sind, musste sich die deutsche Regierung eine herbe menschenrechtliche Kritik einhandeln. Im Bericht des UN-Ausschusses f&uuml;r die Rechte des Kindes vom 31. Januar 2014 zum gemeinsamen dritten und vierten periodischen Staatenbericht Deutschlands zeigte sich der Ausschuss besorgt dar&uuml;ber, dass es in Deutschland &bdquo;Werbekampagnen f&uuml;r die Streitkr&auml;fte [g&auml;be], die insbesondere auf Kinder abzielen.&ldquo; Auf gut Deutsch: Die Bundesregierung verletzt die UN-Kinderrechtskonvention. Es ist jeglicher Werbung eigen, dass man ihre Wirkung nicht monokausal und eindimensional messen kann. Es muss freilich zu denken geben, dass inzwischen knapp 2.000 17-J&auml;hrige, also Kindersoldaten, bei der Bundeswehr arbeiten. Ich halte diesen Zustand f&uuml;r rechtswidrig.<\/li>\n<li>Wie einem unter dem Titel &bdquo;Reputationsmanagement&ldquo; ver&ouml;ffentlichten Artikel in der Zeitschrift &bdquo;German Foreign Policy&ldquo; vom 12. Januar 2018 zu entnehmen ist, veranstaltet die in Bonn ans&auml;ssige Deutsche Gesellschaft f&uuml;r Wehrtechnik (DWT) in nur wenigen Tagen ein Symposium, bei dem es um die Verbesserung des &ouml;ffentlichen Images deutscher R&uuml;stungsfirmen geht. Mit von der Partie sind hier die Bundeswehrhochschule in M&uuml;nchen und das Zentrum Informationsarbeit der Bundeswehr. Neben PR- und Werbeagenturen ist es also das Verteidigungsministerium selbst, das viele Ressourcen (Geld und Personal) in psychologische Kriegsf&uuml;hrung investiert.<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<\/ol><p>Als Kritischer Wissenschaftler in Nachfolge der Frankfurter Schule habe ich ein normatives Wissenschaftsverst&auml;ndnis. Vor diesem Hintergrund stehe ich zu der gesellschaftlichen Verantwortung meines Berufes als Sozialwissenschaftler und halte normativ fest, dass Public Relations f&uuml;r Kriege moralisch verwerflich und zynisch ist und dass Werbung f&uuml;r v&ouml;lkerrechtswidrig staatlich verordnetes Massent&ouml;ten verboten werden sollte.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Es ist falsch und h&ouml;chst ideologisch, wenn deutsche Medien im Zusammenhang mit den rechtlichen Beschneidungen der Einflussnahme ausl&auml;ndischer NGOs in Russland von &bdquo;ausl&auml;ndischen Agenten&ldquo; sprechen. Das englische Wort &bdquo;agent&ldquo; hei&szlig;t in der deutschen &Uuml;bersetzung nicht &bdquo;Agent&ldquo;, sondern &bdquo;Akteur&ldquo;.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170102_becker.jpg\" alt=\"J&ouml;rg Becker\" title=\"J&ouml;rg Becker\"\/><\/div>\n<p>Vortrag auf der IALANA-Tagung &bdquo;Krieg und Frieden in den Medien&ldquo;, Cross Jugend-kulturkirche Kassel, 28. Januar 2018. &ndash; Vorbemerkung Albrecht M&uuml;ller: Dieses Thema ist zum Verst&auml;ndnis des Funktionierens und vor allem der Gefahren f&uuml;r eine demokratische Willensbildung, wie sie in den Lehrb&uuml;chern gelehrt<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42234\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,126,129,41,171,85,11,211],"tags":[358,2118,418,2262,1611,1779,1703,887,244,765,1962],"class_list":["post-42234","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-medienanalyse","category-militaereinsaetzekriege","category-pr","category-strategien-der-meinungsmache","category-veranstaltungshinweiseveranstaltungen","tag-bundeswehr","tag-cnn","tag-grundgesetz","tag-ialana","tag-kriegsluegen","tag-pr-journalismus","tag-voelkerrecht","tag-verleger","tag-vierte-gewalt","tag-werbeagentur","tag-werbeindustrie"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42234","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=42234"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42234\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":42287,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42234\/revisions\/42287"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=42234"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=42234"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=42234"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}