{"id":4228,"date":"2009-09-29T13:04:48","date_gmt":"2009-09-29T11:04:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4228"},"modified":"2014-01-23T12:30:31","modified_gmt":"2014-01-23T11:30:31","slug":"von-pfloecken-die-schon-kurz-nach-der-wahl-eingeschlagen-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4228","title":{"rendered":"Von Pfl\u00f6cken, die schon kurz nach der Wahl eingeschlagen werden."},"content":{"rendered":"<p>Das gro&szlig;e Medienecho eines Wahlabends wird offensichtlich immer gern genutzt, um die Weichen f&uuml;r die Zukunft zu stellen. F&uuml;nf Beispiele von vielen seien kurz skizziert: 1. Das Steuersenkungsversprechen verfl&uuml;chtigt sich 2. Die Verantwortlichen f&uuml;r die historische Niederlage der SPD wollen so weitermachen. 3. Die Linkspartei muss sich anpassen. 4. Die bisherige Politik war rundum richtig. 5. Sozialdemokratisierte Union.  Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nMeinungsmache hat den Wahlkampf und auch das Ergebnis wesentlich bestimmt. Schwarz-Gelb war das Ziel der Wirtschaft und auch das Wunschkind der Mehrheit der ver&ouml;ffentlichten Meinung. Wie die Meinung gemacht worden ist, konnten Sie bis zur letzten Stunde vor der &Ouml;ffnung der Wahllokale beobachten. Im letzten Hinweis von gestern haben wir darauf aufmerksam gemacht. Das besonders dreiste St&uuml;ck der <a href=\"upload\/bilder\/090929_merkel_bild.jpg\">Online-Ausgabe von Bild<\/a> hatten wir noch vergessen.<br>\nIn vielen Analysen der Wahl wird die Bedeutung der Propaganda vergessen. Da sucht man nach objektiven Gr&uuml;nden und &uuml;bersieht die Rolle der gezielten Kampagnen f&uuml;r politische Entscheidungen einschlie&szlig;lich von Wahlentscheidungen. Ich weise nicht nur daraufhin, weil dies ein wichtiges Suchraster f&uuml;r Analysen und die Kernbotschaft von <a href=\"?page_id=4078\">&bdquo;Meinungsmache&ldquo;<\/a> ist. Dies zu beachten, ist auch wichtig, um zu verstehen, wie und warum jetzt neue Pfl&ouml;cke mithilfe von Meinungsmache eingeschlagen werden:<\/p><ol>\n<li><strong>Das Steuersenkungsversprechen verfl&uuml;chtigt sich. <\/strong>\n<p>Die FDP hat vermutlich eine gro&szlig;e Zahl von Aufsteigern und Mittelschichtw&auml;hlern mit dem Steuersenkungsversprechen gewonnen. Wolfgang Lieb wies in seiner gestrigen Wahlanalyse schon darauf hin, dass Westerwelle jetzt davon spricht, sein Wahlversprechen &bdquo;Steuersenkungen&ldquo; werde nur Schritt f&uuml;r Schritt umgesetzt. In der Sendung von Anne Will waren die Absetzbewegungen plastisch zu greifen: Tissy Bruns vom Tagesspiegel sprach von Steuersenkungsflausen. Der FDP-Politiker Gerhart Baum ebnete den Weg zur Ausflucht: der Spielraum sei eng; es werde sehr schwierig werden. Frau S&uuml;ssmuth erg&auml;nzte helfend: es werde bei Programmen &ndash; wie immer &ndash; nicht alles umgesetzt, was drin steht. Immerhin: Anne Will nannte das einen unehrlichen Wahlkampf. Recht hat sie. Aber diese Etikettierung wird sich unter dem Eindruck der begonnenen und vermutlich totalen Meinungsmache verfl&uuml;chtigen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Verantwortlichen f&uuml;r die historische Niederlage der SPD wollen weitermachen. Ihre Gr&uuml;nde versteht man nur, wenn man begriffen hat, dass diesen Personen das Schicksal der SPD ziemlich gleichg&uuml;ltig ist.<\/strong>\n<p>Die SPD hat gerade mal die H&auml;lfte ihres bisher besten Ergebnisses von 45.8% der Wahl von 1972 erreicht, sie hat &uuml;ber 11% verloren, usw. (<a href=\"?p=4225\">siehe Analyse vom 28.9.<\/a>). Eigentlich eine Katastrophe, die bei jedem Unternehmen und bei jedem Verein den sofortigen R&uuml;cktritt des Vorstands ausl&ouml;sen w&uuml;rde. In der Politik eigentlich normalerweise auch. Die gesamte Spitze mit Steinmeier, M&uuml;ntefering, Steinbr&uuml;ck, Nahles, Heil und Wasserh&ouml;vel h&auml;tte unter normalen Umst&auml;nden am Sonntag Abend ihren Hut nehmen. Aber es kam anders. Steinmeier will Fraktionsvorsitzender werden. Er hat diesen Anspruch am Wahlabend vor einem gemischten Publikum von ein paar Betreten-drein-Schauenden und vielen Claqueuren angemeldet und damit &uuml;ber die Herstellung von &Ouml;ffentlichkeit auch die Meinung anderer F&uuml;hrungspersonen der SPD bestimmt. Selbst Wowereit, Nahles und B&ouml;hning haben sich gestern f&uuml;r ihn ausgesprochen und die SPD Fraktion wird ihn vermutlich w&auml;hlen. Das ist der helle Wahnsinn und nur zu begreifen, wenn man versteht, dass die SPD F&uuml;hrung in Teilen im Dienste fremder Interessen ist. Am 3. September habe ich diese These ausf&uuml;hrlich begr&uuml;ndet und eine Analyse der Ursachen des Niedergangs vom 27. September mitgeliefert:<\/p>\n<p>Hier ist sie: <a href=\"?p=4169\">&bdquo;R&auml;tselhafte SPD-Strategie. Des R&auml;tsels L&ouml;sung: SPD-Spitze arbeitet f&uuml;r andere&ldquo;.<\/a><\/p>\n<p>Die Entscheidung f&uuml;r Steinmeier wird aus vielerlei Gr&uuml;nden den weiteren Niedergang der SPD beschleunigen:<\/p>\n<ul>\n<li>Steinmeier ist alles andere als ein auch nur einigerma&szlig;en Vision&auml;re F&uuml;hrer einer politischen Partei. Seine Oppositionsf&uuml;hrung wird spr&ouml;de. Er ist nicht telegen. Er wird so etwas wie der Erich Ollenhauer des n&auml;chsten Jahrzehnts. Wie kann man sich nur daf&uuml;r entscheiden, wenn man wieder Chancen aufbauen will?!!<\/li>\n<li>Mit Steinmeier wird die notwendige Kurskorrektur der SPD nicht m&ouml;glich sein. Er ist als wichtiger Mitarbeiter von Schr&ouml;der der Mit-Erfinder der Agenda 2010. Es sei an das Kanzleramtspapier vom Dezember 2002 erinnert und auch daran, welchen Einfluss Bertelsmann &uuml;ber Steinmeier auf die Programmatik der SPD hatte.<\/li>\n<li>Wer so einvernehmlich wie Steinmeier mit Angela Merkel sich zu der Agenda 2010 und zu den Hartz-Reformen bekennt (siehe Disput vom 13. September im deutschen Fernsehen und Steinmeiers Einlassungen in den SPD-F&uuml;hrungsgremien), der wird auch offen sein f&uuml;r Variationen einer Agenda 2020, also f&uuml;r weitere Reformen auf der gleichen Linie. F&uuml;r Merkel und Westerwelle w&auml;re Steinmeier als Fraktionsvorsitzender ein Geschenk des Himmels.<\/li>\n<li>Steinmeier ist voll gepumpt mit den g&auml;ngigen antisozialdemokratischen Vorstellungen: er ist f&uuml;r die Senkung der Lohnnebenkosten und betrachtet das als einen Schl&uuml;ssel zum Erfolg, er glaubt an das demographische Problem und so weiter.<\/li>\n<li>Ich halte ihn f&uuml;r fremdbestimmt, &uuml;brigens auch beim Thema Kriegseins&auml;tze und dem, was wir den USA hierzulande gestatten. Er hat die inoffizielle Beteiligung unseres Landes am Irak Krieg als Chef des Bundeskanzleramts und als Koordinator der Geheimdienste getragen.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li><strong>Das Verlangen, die Linkspartei m&uuml;sse sich anpassen.<\/strong>\n<p>Gleich in mehreren Fernsehsendungen wurde am Wahlabend und am Montag die gleiche Melodie gespielt: die Linkspartei m&uuml;sse vern&uuml;nftig werden und sie m&uuml;sse ihren fundamentalistischen Fl&uuml;gel loswerden, dann k&ouml;nne man ja mit ihr reden und politisch rechnen.<br>\nEs wurde bei dieser Ratschlagerei dann auf die angeblich bew&auml;hrte Entwicklung der Gr&uuml;nen von den Fundis zu der Macht der Realos verwiesen. Man h&auml;tte auch noch hinzuf&uuml;gen k&ouml;nnen, dass die Entwicklung der SPD &auml;hnlich verlaufen ist.<br>\nInteressant ist auch hier der Versuch der Einwirkung auf die innere Willensbildung und Entscheidungsfindung bei der Linken. Dieser Versuch wurde ganz sch&ouml;n dreist betrieben. Die eigentlichen Zugpferde der Linken im Wahlkampf, Gysi und Lafontaine, wurden wie vor der Wahl zur Disposition gestellt. Das typische Spiel: wenn die Linken diese beiden F&uuml;hrungspersonen loswerden, jedenfalls einen davon, Lafontaine, dann w&uuml;rde sich alles zum Besseren wenden. &ndash; Das ist ein tolles St&uuml;ck des Meinungsmache-Versuchs zur Beeinflussung der inneren Entwicklung und Entscheidungsfindung einer Partei. Wenn sich innerhalb der Linken gegen diesen Versuch kein Widerstand entwickelt, dann wird diese Agitation durchaus Wirkung entfalten. Am Ende wird die Linke dann da landen, wo die SPD heute angekommen ist.<br>\nBei Anne Will spielte &uuml;brigens Egon Bahr, den ich sonst sehr sch&auml;tze, die Rolle des Ratgebers an die Linken. Das Reden vom F&uuml;nfparteiensystem sei Quatsch. Es gebe nur vier Parteien, die sich gegenseitig f&uuml;r regierungsf&auml;hig halten. Das sei auch berechtigt. Er k&ouml;nne die Linkspartei nicht mitz&auml;hlen, m&ouml;glicherweise auch 2013 noch nicht, wenn sie sich nicht in einem fundamentalen Punkt bewegt. Sie m&uuml;sse sich bewegen, indem sie die wichtigsten Vertr&auml;ge, die unser Land abgeschlossen hat, anerkennt, zum Beispiel EU, NATO. Warum diese Forderung nach Anpssung gerade aus dem Mund von Egon Bahr sehr hohl klingt, wird in einem kommenden Beitrag auf den NachDenkSeiten erl&auml;utert.<\/p><\/li>\n<li><strong>Unterschwellige Botschaft: Die bisherige Politik war rundum richtig.  <\/strong>\n<p>Es ist klar, dass ein Wahlergebnis auch die bisherige Politik der Wahlsieger als richtig erscheinen l&auml;sst. Es fiel aber auf, wie allumfassend die bisherige Politik von Angela Merkel gefeiert wurde und wird. Peer Steinbr&uuml;ck &ndash; und selbstverst&auml;ndlich auch Guttenberg &ndash; wird in diese Feier einbezogen. Das ist eine durchaus wichtige Bilanzierung. Sie enth&auml;lt als eine der wichtigen positiven Seiten der Bilanz die Feststellung, Merkel und Steinbr&uuml;ck h&auml;tten bei der Bew&auml;ltigung der Finanzkrise und der Wirtschaftskrise alles richtig gemacht. Diese Botschaft wirkt weit hinein ins linksliberale und sogar ins linke Lager. Ich habe das am Wahltag selbst noch einmal bei Freunden erfahren, die ich eigentlich f&uuml;r kritisch gehalten habe.<br>\nNahezu nichts stimmt an diesen Behauptungen. Die Wirtschaftskrise ist nicht &uuml;berwunden. Und: Die fast schon betr&uuml;gerische Rolle von Steinbr&uuml;ck und Merkel bei der Rettung der HRE, die Hypothek von Milliarden Schulden, die sie uns mit der Bankenrettung und der undifferenzierten Behauptung, jede Bank sei systemrelevant, aufgeb&uuml;rdet haben, ist vollst&auml;ndig verdr&auml;ngt. (Siehe hierzu z.B.: <a href=\"?p=4210\">&bdquo;Mit Einschnitten und Steuern zahlen wir f&uuml;r die Rettung von Banken und Fonds durch Merkel und Steinbr&uuml;ck&ldquo; (Finanzkrise XXVIII)<\/a>)<br>\nDie sch&ouml;ngef&auml;rbte Darstellung der vergangenen Leistung bedeutet f&uuml;r die Zukunft, dass jede Schwierigkeit, die aus diesem gravierenden Fehlern folgt, als eine nicht von diesen Politikern zu verantwortende Schwierigkeit sondern als etwas Neues dargestellt werden kann.<\/p><\/li>\n<li><strong>&bdquo;Sozialdemokratisierte Union&ldquo;<\/strong>\n<p>In vielen Medienbetr&auml;gen taucht immer wieder auf, dass die Union eine Partei der Mitte, fast schon sozialdemokratisch und weit weg von den neoliberalen Glaubenss&auml;tzen sei. R&uuml;ttgers bezog in diese Garantie der sozialen Orientierung sogar seine NRW-FDP ein. Wie die Realit&auml;t aussieht, berichtet z.B. das Handelsblatt &uuml;ber die vorgesehene Privatisierung der Bahn. Es geht weiter damit. So wie bei uns schon lange vermutet:<\/p>\n<p>Nach dem schwarz-gelben Regierungswechsel wollen die k&uuml;nftigen Koalitionsparteien CDU\/CSU und FDP einen <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/neue-koalition-forciert-bahn-privatisierung;2462203\">neuen Anlauf zur Teilprivatisierung der Deutschen Bahn<\/a> unternehmen. Auch bei dem neuen Anlauf sollen aber Teile der Bahn in Staatshand bleiben.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das gro&szlig;e Medienecho eines Wahlabends wird offensichtlich immer gern genutzt, um die Weichen f&uuml;r die Zukunft zu stellen. F&uuml;nf Beispiele von vielen seien kurz skizziert: 1. Das Steuersenkungsversprechen verfl&uuml;chtigt sich 2. Die Verantwortlichen f&uuml;r die historische Niederlage der SPD wollen so weitermachen. 3. Die Linkspartei muss sich anpassen. 4. Die bisherige Politik war rundum richtig.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4228\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,11,190],"tags":[359,240,255],"class_list":["post-4228","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-strategien-der-meinungsmache","category-wahlen","tag-parteistroemungen","tag-sozialdemokratisierung","tag-wahlanalyse"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4228","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4228"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4228\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20172,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4228\/revisions\/20172"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4228"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4228"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4228"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}