{"id":4230,"date":"2009-09-30T16:31:08","date_gmt":"2009-09-30T14:31:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4230"},"modified":"2014-01-23T12:29:38","modified_gmt":"2014-01-23T11:29:38","slug":"darf-man-nicht-mehr-fuer-eine-gesamteuropaeische-friedensordnung-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4230","title":{"rendered":"Darf man nicht mehr f\u00fcr eine gesamteurop\u00e4ische Friedensordnung sein?"},"content":{"rendered":"<p>Gestern hatten wir davon <a href=\"?p=4228\">berichtet<\/a>, dass jetzt der Druck auf die Linkspartei, sich anzupassen, w&auml;chst. Als besonderes Test-Beispiel f&uuml;r die angeblich dringende Notwendigkeit zur Anpassung wird in den &ouml;ffentlichen Debatten die Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik bem&uuml;ht. Wenn sich die Linkspartei nicht zum Lissabon-Vertrag und nicht zur NATO und ihrer Politik bekennt, dann steht sie quasi au&szlig;erhalb des politischen Anstands &ndash; so der von allen konkurrierenden Parteien vermittelte Gesamteindruck. Das Thema wird auffallend hochgespielt. Am Beispiel der &Auml;u&szlig;erungen Egon Bahrs bei Anne Will wird die Widerspr&uuml;chlichkeit dieses Ansinnens besonders deutlich. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nIm gestrigen Beitrag war angek&uuml;ndigt worden, auf die Forderung Egon Bahrs an die Linkspartei zur&uuml;ckzukommen. Ich wiederhole kurz: Egon Bahr, den ich sonst sehr sch&auml;tze, &uuml;bernahm &ndash; &auml;hnlich wie Hans Jochen Vogel in anderen Sendungen &ndash; die Rolle des Ratgebers an die Linken. Das Reden vom F&uuml;nfparteiensystem sei Quatsch, meinte Egon Bahr. Es gebe nur vier Parteien, die sich gegenseitig f&uuml;r regierungsf&auml;hig halten. Das sei auch berechtigt. Er k&ouml;nne die Linkspartei nicht mitz&auml;hlen, m&ouml;glicherweise auch 2013 noch nicht, wenn sie sich nicht in einem fundamentalen Punkt bewegt. Sie m&uuml;sse sich bewegen, indem sie die wichtigsten Vertr&auml;ge, die unser Land abgeschlossen hat, anerkennt, zum Beispiel EU und NATO. Das ist aus dem Munde von Egon Bahr eine sehr seltsame Einlassung:<\/p><p>Die <strong>Linkspartei<\/strong> fordert in ihrem <a href=\"http:\/\/die-linke.de\/fileadmin\/tpl\/gfx\/wahlen\/pdf\/BTW_Wahlprogramm_full_final_revMS_090511-1045.pdf\">Wahlprogramm [PDF &ndash; 320 KB]<\/a> auf Seite 39, die NATO solle durch ein kollektives Sicherheitssystem unter Beteiligung Russlands ersetzt werden.<br>\nDiese Forderung entspricht nicht nur dem, was Egon Bahr h&auml;ufig gefordert hatte, es entspricht auch dem, was die SPD in ihrem <a href=\"http:\/\/www.spd.de\/de\/pdf\/parteiprogramme\/spd_berlinerprogramm.pdf\">Berliner Grundsatzprogramm [PDF &ndash; 890 KB]<\/a> vom 20. Dezember 1989 gefordert hatte. Ich zitiere aus der Originalfassung. Dieses ist am 17.4.1998 ge&auml;ndert worden. Die entscheidenden Passagen sind im Kern identisch:<\/p><blockquote><p><strong>Unser Ziel ist es, die Milit&auml;rb&uuml;ndnisse durch eine europ&auml;ische Friedensordnung abzul&ouml;sen.<\/strong> Bis dahin findet die Bundesrepublik Deutschland das ihr erreichbarer Ma&szlig; an Sicherheit im atlantischen B&uuml;ndnis, vorausgesetzt, sie kann ihre eigenen Sicherheitsinteressen dort einbringen und durchsetzen, auch ihr Interesse an gemeinsamer Sicherheit. Der Umbruch in Osteuropa verringert die milit&auml;rische und erh&ouml;ht die politische Bedeutung der B&uuml;ndnisse und weist ihnen eine neue Funktion zu: Sie m&uuml;ssen bei Wahrung der Stabilit&auml;t, ihre Aufl&ouml;sung und den &Uuml;bergang zu einer europ&auml;ischen Friedensordnung organisieren. Dies er&ouml;ffnet auch die Perspektive f&uuml;r das Ende der Stationierung amerikanischer und sowjetischer Streitkr&auml;fte au&szlig;erhalb ihrer Territorien in Europa.<\/p><\/blockquote><p>Diese Forderung SPD nach einer europ&auml;ische Friedensordnung, die der Forderung der Linkspartei im Kern entspricht, wurde nach dem Ende der Blockkonfrontation und nach dem Fall der Mauer formuliert. Egon Bahr war an der Formulierung ma&szlig;geblich beteiligt. Das ist mir noch gut in Erinnerung, weil er zusammen mit mir in seinem Abgeordnetenb&uuml;ro den Entwurf f&uuml;r diesen Text formuliert hat. Eine neue Passage im schon vorher erarbeiteten Entwurf des neuen Grundsatzprogramms war n&ouml;tig geworden, weil die Mauer gefallen war und Ost und West nicht mehr feindselig gegeneinander standen. <\/p><p>Warum soll man heute f&uuml;r die europ&auml;ische Friedensordnung nicht mehr eintreten d&uuml;rfen? Warum soll dieses Programm ein Hinderungsgrund f&uuml;r die Zusammenarbeit zwischen SPD und Linkspartei sein? Das w&uuml;rde man doch nur dann annehmen k&ouml;nnen, wenn man die Entwicklung der NATO Politik einschlie&szlig;lich der Intervention au&szlig;erhalb des NATO-Bereichs, einschlie&szlig;lich der milit&auml;rischen Intervention zu Gunsten der Rohstoffversorgung unseres Landes, einschlie&szlig;lich der massiven Aufr&uuml;stung der mittel- und osteurop&auml;ischen NATO-Staaten und vor allem einschlie&szlig;lich der Osterweiterung bis an die Grenzen Russlands und am Ende auch noch unter Einschluss von Ukraine und Georgien f&uuml;r sinnvolle Taten h&auml;lt.<br>\nViele, auch viele Sozialdemokraten, halten diese Entwicklung f&uuml;r falsch. Auch viele Fachleute vom Schlage eines Egon Bahr halten diese Entwicklung f&uuml;r sehr gef&auml;hrlich und f&uuml;r eine Vergeudung von Ressourcen in der R&uuml;stung.<br>\nWarum sich Egon Bahr zum Hochspielen dieser Barriere gegen eine Zusammenarbeit hergibt, ist mir schleierhaft. Es ist nur soviel zu erkennen, dass sich die bisherige SPD-F&uuml;hrung genauso wie das rechtskonservative Lager, die Gr&uuml;nen und viele Medien darauf verst&auml;ndigt haben, diesen angeblichen grunds&auml;tzlichen Unterschied hochzuspielen.<\/p><p>Die NATO darf man doch gerade in ihrer heutigen Zielrichtung nicht f&uuml;r sakrosankt erkl&auml;ren. Wer dies tut, der wird auch wenig mitzureden haben, wenn diese NATO eine Entwicklung nimmt, die f&uuml;r uns wirklich gef&auml;hrlich werden kann, weil neue Gr&auml;ben aufgerissen werden. Auf der Linie dieser Akzeptanz alles dessen, was die NATO tats&auml;chlich tut, lag auch das Schweigen zu der vorgesehenen Einrichtung von Raketensystemen in Tschechien und Polen. Ohne die eigenst&auml;ndige Entscheidung Obamas gegen diese Planung w&auml;re es dabei geblieben.<\/p><p>Der SPD und unserer Sicherheit t&auml;te es jedenfalls besser, die SPD w&uuml;rde sich auch bei diesem Thema ihrer Wurzeln erinnern und gelegentlich ihre bisherigen Grundsatzprogramme studieren. Ich zitiere aus dem Berliner Grundsatzprogramm noch einige andere S&auml;tze:<\/p><blockquote><p>Im B&uuml;ndnis muss der Grundsatz gleicher Souver&auml;nit&auml;t gelten.<\/p><\/blockquote><p>Das gilt f&uuml;r uns immer noch nicht. Die USA nutzen uns als Flugzeugtr&auml;ger und Nachschubbasis f&uuml;r milit&auml;rische Interventionen, zu denen wir nicht ja gesagt haben.<\/p><blockquote><p>Die Bundeswehr hat ihren Platz im Konzept gemeinsamer Sicherheit. Sie hat ausschlie&szlig;lich der Landesverteidigung zu gehen. Ihr Auftrag ist Kriegsverh&uuml;tung durch Verteidigungsf&auml;higkeit bei struktureller Angriffsunf&auml;higkeit.<\/p><\/blockquote><p>Auch diese Festlegung von 1989 ist in der Praxis der milit&auml;rischen Interventionen im Kosovo Krieg und im Krieg in Afghanistan unbedacht weggekippt worden.<\/p><p>Angesichts der vielen urspr&uuml;nglichen Gemeinsamkeiten auf dem Gebiet der Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik ist die Konstruktion grunds&auml;tzlicher Unterschiede ziemlich d&auml;mlich. Sie verhindert n&auml;mlich den Aufbau einer politischen Alternative zum rechtskonservativen Lager. Wenn man die Option einer linken Mehrheit schaffen will, dann muss man anders miteinander umgehen. CDU und FDP haben im Wahlkampf bewiesen, dass eine gemeinsame Machtperspektive und der einigerma&szlig;en freundliche Umgang zwischen kommenden Koalitionspartnern bei Wahlen hilfreich ist. Das war &uuml;brigens auch die Erfahrung der SPD beim Zu-Stande-Kommen der sozialliberalen Koalition im Jahr 1969 und bei vielen sp&auml;teren Wahlen, bei denen es um die Stabilisierung von sozialliberalen Koalition ging. Das gilt f&uuml;r Nordrhein-Westfalen zum Beispiel genauso wie f&uuml;r Rheinland-Pfalz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern hatten wir davon <a href=\"?p=4228\">berichtet<\/a>, dass jetzt der Druck auf die Linkspartei, sich anzupassen, w&auml;chst. Als besonderes Test-Beispiel f&uuml;r die angeblich dringende Notwendigkeit zur Anpassung wird in den &ouml;ffentlichen Debatten die Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik bem&uuml;ht. 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