{"id":4239,"date":"2009-10-02T16:34:23","date_gmt":"2009-10-02T14:34:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4239"},"modified":"2014-01-23T12:25:20","modified_gmt":"2014-01-23T11:25:20","slug":"nach-wahl-betrachtungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4239","title":{"rendered":"Nach-Wahl-Betrachtungen"},"content":{"rendered":"<p>Die Wahl der Qual &ndash; Von roten Vers&auml;umnissen und Schwarz-Gelben Zumutungen<br>\nKuschelig war er, der Bundestagswahlkampf, bei dem sich die Kanzlerin und ihr Herausforderer, statt sich mit handfesten Argumenten zu messen, eher mit (verbalen) Watteb&auml;uschen bewarfen. Die einen haben behauptet sie h&auml;tten die Kraft, die anderen haben erkl&auml;rt, das Land k&ouml;nne es besser. Die CDU bem&uuml;hte eifrig das Wachstumsmantra und instrumentalisierte den Begriff der sozialen Marktwirtschaft in schamloser Weise, die FDP verh&ouml;hnte mit dem zynischen Slogan &bdquo;Arbeit muss sich wieder lohnen&ldquo; insbesondere jene, die, ohne Perspektive, im Niedriglohnsektor die Folgen der Agenda-Politik ausbaden. Man warb mit Wohltaten (und das trotz einer Haushaltsl&uuml;cke von &uuml;ber 100 Milliarden Euro) und verschwieg dabei geflissentlich, was auf die W&auml;hler nach der Wahl tats&auml;chlich zukommt. Doch trotz (oder gerade auch aufgrund?) der offenkundigen Inhaltsleere und der windigen Versprechungen konnte schwarz-gelb nun eine Mehrheit erringen, die dazu f&uuml;hrt, dass diejenigen, die durch ihre Privatisierungslogik der Krise den Weg geebnet haben, nun in die Regierungsverantwortung kommen. Eine echte Gefahr in dieser Zeit und, nebenbei bemerkt, auch europapolitisch eine Katastrophe, weitet sich der Club der konservativ bzw. liberal  regierten L&auml;nder doch nun um ein weiteres, bedeutendes EU-Mitgliedsland aus. Von Christoph Beyer<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Kommende Krisenrealit&auml;ten und der Schwarz-Gelbe Marktradikalismus<\/strong><\/p><p>Es ist ein gegenw&auml;rtiges &ouml;konomisches Faktum dass in Deutschland in Folge der Krise und in Folge einer verfehlten Steuerpolitik nahezu jeder finanzielle Verteilungsspielraum fehlt, im Gegenteil  &ndash; schwarz-gelb ist, entgegen der eigenen Versprechungen,  zu massiven Steuererh&ouml;hungen und Einsparungen in sp&auml;testens ein, zwei Jahren gezwungen. Belastet werden, soviel steht jetzt schon fest, vor allem diejenigen, die jetzt schon wenig haben. Die soziale Schere wird noch weiter auseinander gehen, Chancengleichheit, auch und gerade in der Bildungspolitik, ger&auml;t v&ouml;llig aus dem Blickwinkel. M&ouml;glichkeiten im Bildungsbereich neue Akzente zu setzen gibt es, auf der Grundlage der zu erwartenden schwarz-gelben Politik und ihrer marktf&ouml;rmigen Bildungskonzepte kaum, nicht einmal die Finanzierung des vereinbarten Hochschulf&ouml;rderprogramms mit 18 Milliarden Euro ist sichergestellt. Mit dem Geld wollen Bund und L&auml;nder unter anderem neue Studienpl&auml;tze schaffen. Die neue Koalition wird 2010 die h&ouml;chste Neuverschuldung aller Zeiten beschlie&szlig;en m&uuml;ssen &ndash; rund 100 Milliarden Euro. Daneben sorgen massive Einbr&uuml;che bei den Steuereinnahmen in den L&auml;ndern und die Milliardenkredite f&uuml;r die vor kurzem noch Casino spielenden Landesbanken f&uuml;r K&uuml;rzungsrunden, die in ihren Dimensionen noch gar nicht abzusehen sind. Sparhaushalte, Rekordschulden und Leistungsk&uuml;rzungen werden als Schlagworte in K&uuml;rze die politische Debatte noch viel st&auml;rker bestimmen als dies ohnehin schon der Fall ist. So legitim und berechtigt die Demoparole &bdquo;Wir zahlen nicht f&uuml;r eure Krise&ldquo; auch ist, Fakt ist, dass genau dies geschieht und unter schwarz-gelb in einem noch verst&auml;rkten Ma&szlig;e geschehen wird. Die Privatisierung der Gewinne und die Sozialisierung der Verluste ist schon seit Jahren ein politisches Credo in Deutschland, dass mit geballter Lobbymacht zur Durchsetzung gebracht wurde und wird und dessen Instrument sich mit dem pervertierten Begriff der Reformpolitik bezeichnen l&auml;sst. Dabei gestehen selbst sich ehemals als wirtschaftsliberal bezeichnende &Ouml;konomen mittlerweile kleinlaut ein, dass die dem zugrunde liegende Privatisierungs- und Deregulierungslogik nicht zu mehr Wachstum f&uuml;hrt (von der Fragw&uuml;rdigkeit des einseitigen Wachstumsparadigmas angesichts der &ouml;kologischen Herausforderungen ohnehin einmal ganz abgesehen), sondern vielmehr zum Ausverkauf des Staates und zur Aush&ouml;hlung der Demokratie. Unter Schwarz-Gelb w&auml;chst das Verarmungsrisiko gro&szlig;er Bev&ouml;lkerungsteile noch st&auml;rker an als bisher. Schlagworte wie Flexibilisierung, Entb&uuml;rokratisierung und Deregulierung bekommen wieder Auftrieb, obwohl das damit verbundene marktradikale Denken die globale Wirtschaft in die schwerste Krise seit 80 Jahren gest&uuml;rzt hat und den sozialen Frieden in Deutschland bereits massiv gef&auml;hrdet.<\/p><p><strong>Der Nihilismus der FDP<\/strong><\/p><p>H&auml;tte die weltweite Finanzkrise auch zumindest theoretisch hier eine Kurskorrektur erm&ouml;glichen k&ouml;nnen, schlie&szlig;t sich das Fenster der M&ouml;glichkeiten nun schon wieder, ohne dass es zu einer umfassenden Ver&auml;nderung der Weltfinanzordnung kommt. Der FDP-Kurs ist, soviel kann man in diesem Zusammenhang feststellen, an Unverfrorenheit nicht mehr zu &uuml;berbieten. Es handelt sich dabei um ein Programm, das man angesichts der Krisenfaktizit&auml;t insbesondere im &ouml;konomischen Bereich nur als nihilistisch bezeichnen kann. In au&szlig;enpolitischen Fragen ist von der FDP ebenfalls nicht viel Gutes zu erwarten. Dem ausgewiesenen Transatlantiker Westerwelle ist ein Profil, dass sich der sozialen Hintergr&uuml;nde von globalen Konflikten incl. eines st&auml;rkeren sozialen Ausgleichs zwischen Nord und S&uuml;d widmen k&ouml;nnte, wahrlich nicht zuzutrauen. Vielmehr ist hier, statt Vermittlung mit Augenma&szlig;, Polarisierung auf der Grundlage ungebremster Eitelkeit zu erwarten, zweifellos keine sch&ouml;ne Aussicht. Das die Wahl von Schwarz-Gelb &uuml;berhaupt m&ouml;glich war, und dass es gerade der FDP in diesen Zeiten, in einem unbegreiflichen, an Paradoxie kaum zu &uuml;berbietendem Vorgang gelang, Regierungsverantwortung zu &uuml;bernehmen, ist letztlich vor allem auch auf den politischen Kurs und die skandal&ouml;se B&uuml;ndnispolitik der SPD in den vergangenen Jahren zur&uuml;ck zu f&uuml;hren. <\/p><p><strong>Die Vers&auml;umnisse der SPD<\/strong><\/p><p>Die SPD hat, nicht nur im Bundestagswahlkampf sondern bereits lange Zeit vorher, durch ihre Absage an eine Koalition mit der Linken keine reale Machtperspektive geliefert. Die von Steinmeier im Bundestagswahlkampf propagierte Ampel-Koalition war, als Machtoption, eine Farce und Gipfelpunkt politischer Irrationalit&auml;t, nicht nur weil die FDP diese selbst kategorisch ausgeschlossen hat sondern weil FDP und SPD inhaltlich kaum etwas verbindet. Konsequent blendeten die Parteioberen aus, das dass F&uuml;nf-Parteien-System eine Realit&auml;t ist und es dies auch schon vor der Bundestagswahl war. Die simple Anerkennung dieser Tatsache und die Orientierung an inhaltlichen Gemeinsamkeiten und Schnittmengen als Koalitionskriterien (eigentlich eine der gr&ouml;&szlig;ten Selbstverst&auml;ndlichkeiten in der Politik) h&auml;tte der SPD zu einem fr&uuml;hzeitigen Bekenntnis zu rot-rot-gr&uuml;n in den L&auml;ndern aber auch im Bund verhelfen k&ouml;nnen &ndash; und das Hessen-Debakel 2008 mit all seinen verheerenden Folgen ebenso verhindert wie vermutlich die jetzige schwarz-gelbe Mehrheit im Bund. Stattdessen zogen es die Parteioberen vor, sich von der Boulevardpresse zu immer abstruseren Bekenntnissen gegen die Linkspartei treiben zu lassen und hatten diesen Kampagnen, die jeglicher sachlicher Auseinandersetzung Hohn spotteten, nichts entgegen zu setzen als kleinlaute Rechtfertigungen und Beschwichtigungen. Somit ist die j&uuml;ngste Entwicklung der SPD als die Geschichte einer konsequenten Selbstdemontage erz&auml;hlbar, in der einige wenige in der Parteispitze es vermochten, ihren Willen gegen weite Teile der Basis durchzusetzen. Das diese Basis ohnehin rasant schwindet macht sich nicht nur in den immensen Mitgliederverlusten bemerkbar, sondern auch in der Tatsache, dass die SPD seit 1998 10 Milionen (!) W&auml;hler verloren hat. Allein bei der jetzigen Bundestagswahl blieben 2 Millionen potentielle SPD-W&auml;hler den Urnen fern. Die SPD hat ein eklatantes Glaubw&uuml;rdigkeitsproblem, sie kann ihre ureigensten Themen nicht besetzen und befindet sich nach diesem Bundestagswahldebakel in einer Phase nochmaliger Dramatisierung ihrer ohnehin schon existentiell zu nennenden Krise. In welchem Ma&szlig;e und mit welcher Ausrichtung sich nun langfristig ein parteiinterner Erneuerungsprozess Bahn bricht, wird die Zukunft zeigen. An der Ernsthaftigkeit einer echten &bdquo;Resozialdemokratisierung&ldquo; sind Zweifel durchaus angebracht. <\/p><p><strong>Ausblick<\/strong><\/p><p>Ein neues politisches Modell der Balance von &Ouml;konomie und &Ouml;kologie, vom guten Leben und Arbeiten, der Umverteilung von oben nach unten und der konsequenten Z&uuml;gelung der Marktkr&auml;fte l&auml;sst sich, ohne diesen notwendigen Erneuerungsprozess der SPD in Deutschland wohl kaum einl&ouml;sen. Die Kosten f&uuml;r die zuk&uuml;nftigen Generationen sind als Konsequenzen aus der (aus der wirtschaftspolitischen Regellosigkeit erwachsenden) Wirtschaftskrise ohnehin immens und werden durch eine schwarz-gelbe Regierung voraussichtlich weiter versch&auml;rft. Der zus&auml;tzliche Schaden den diese Regierung verursachen wird, ist gegenw&auml;rtig zwar noch nicht in G&auml;nze abzusehen, aber es wird voraussichtlich kein geringer sein. Am politischen Horizont zeichnen sich bereits die Silhouetten jener sozialpolitischen Zumutungen und Grausamkeiten ab, die sich die oberen Zehntausend und ihre politischen Adepten in CDU\/CSU und FDP erdacht haben &ndash; und f&uuml;r die die SPD, ob gewollt oder nicht, der Steigb&uuml;gelhalter war. Grund genug, dass sich endlich fundamental etwas &auml;ndert.<br>\nDer Beitrag erscheint auch in der n&auml;chsten Ausgabe von Paukos.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wahl der Qual &ndash; Von roten Vers&auml;umnissen und Schwarz-Gelben Zumutungen<br \/> Kuschelig war er, der Bundestagswahlkampf, bei dem sich die Kanzlerin und ihr Herausforderer, statt sich mit handfesten Argumenten zu messen, eher mit (verbalen) Watteb&auml;uschen bewarfen. Die einen haben behauptet sie h&auml;tten die Kraft, die anderen haben erkl&auml;rt, das Land k&ouml;nne es besser. 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