{"id":4246,"date":"2009-10-07T16:45:37","date_gmt":"2009-10-07T14:45:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4246"},"modified":"2015-12-16T14:54:52","modified_gmt":"2015-12-16T13:54:52","slug":"der-klassische-fall-einer-fremdbestimmung-mithilfe-der-springer-medien-uam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4246","title":{"rendered":"Der klassische Fall einer Fremdbestimmung mithilfe der Springer Medien u.a.m."},"content":{"rendered":"<p>Wer die Ursachen f&uuml;r den Niedergang der fortschrittlichen Parteien in Europa nur in den Fehlern ihrer F&uuml;hrungen sucht, wird sie nicht finden. Auch wer die Unterst&uuml;tzung der Hauptmedien f&uuml;r die konservativen Parteien als Grund erkennt, wird noch nicht ganz f&uuml;ndig. Nur wer beachtet, wie stark die konservativen Kr&auml;fte &uuml;ber die Medien auch die innere Willensbildung der gegnerischen linken Parteien beeinflussen, begreift was abgeht. Wie die Entscheidungen &uuml;ber Strategien, Programme und sogar &uuml;ber Personen fremdbestimmt sind, kann man an aktuellen Vorg&auml;ngen beobachten. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nVorweg will ich, um Missverst&auml;ndnisse zu vermeiden, anmerken, dass es hier nur beispielhaft vor allem um die SPD geht. Im Kern geht es um die Suche nach einer noch demokratischen Willensbildung, um die Suche nach den Bedingungen f&uuml;r die Existenz beziehungsweise Wiederbeschaffung einer politischen Alternative. <\/p><p>Wir sind zurzeit Zeuge der Wiederholung eines klassischen Falls: Die Springer-Presse greift in die innere Willensbildung der SPD und jetzt auch der Linkspartei ein. Sie wird dabei &ndash; das gab es vor 30 Jahren noch nicht so &ndash; unterst&uuml;tzt von Medien, die einmal als eher kritisch gelten konnten, von SpiegelOnline und der S&uuml;ddeutschen Zeitung zum Beispiel.<\/p><p>Hier nacheinander einige Beispiele:<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/bundestagswahl\/article4724014\/Gegen-einseitige-Festlegung-auf-linkes-Spektrum.html\">WeltOnline<\/a> bietet am 3. Oktober dem ehemaligen Spitzenkandidaten und neuen Fraktionsvorsitzenden der SPD, Frank-Walter Steinmeier das Forum f&uuml;r einen Namensbeitrag unter dem Titel &bdquo;SPD. Gegen einseitige Festlegung auf linkes Spektrum&ldquo;. Dort hei&szlig;t es im Vorspann:<\/p><blockquote><p>Eine Woche nach der dramatischen Niederlage der SPD bei der Bundestagswahl ruft ihr Spitzenkandidat und neuer Fraktionschef dazu auf, den &ldquo;Wettlauf um die populistischste Forderung&rdquo; zu verweigern und &ldquo;Verantwortung f&uuml;r Deutschland&rdquo; zu &uuml;bernehmen. Die SPD m&uuml;sse Volkspartei bleiben.<\/p><\/blockquote><p>Steinmeier verweist in diesem Beitrag darauf, die SPD habe fast 1,4 Millionen W&auml;hler an die Union und FDP verloren. Er warnt davor, sich nur um soziale Gerechtigkeit, also um die sozial Schwachen, um die &bdquo;Resignierten und Abgeh&auml;ngten&ldquo;, zu k&uuml;mmern. Sie w&uuml;rde dann absinken zur &bdquo;Klientelpartei&ldquo;. (Das ist als solche schon eine beachtliche Einlassung: wer sich um die Schwachen k&uuml;mmert, wird zur Klientelpartei.) <\/p><p>Steinmeiers Hauptlinie ist die historisch erprobte Warnung vor dem Linksruck, die auch ohne Fakten auskommt und funktioniert. Auch die Bild-Zeitung kennt diesen Trick und beginnt mit der Neuauflage am 3. Oktober:<\/p><p><strong>&bdquo;Tricksilanti&ldquo; weiter an SPD-Spitze?<\/strong><br>\nYpsilanti dementiert Bericht &mdash; Steinmeier warnt die Genossen vor Linksruck<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/BILD\/politik\/2009\/10\/03\/andrea-ypsilanti-will-weiterhin-im-spd\/praesidium-bleiben-steinmeier-warnt-vor-linksruck.html\">BILD<\/a><\/p><p>Im Text des Artikels in der Bild-Zeitung wird auf den Artikel Steinmeiers in der Welt verwiesen und ausf&uuml;hrlich zitiert. Die beiden Springer-Medien st&uuml;tzen sich also gegenseitig.<br>\nDie Passagen im Artikel der Bild-Zeitung sind interessant, weil sie das Muster der Kampagne zeigen:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Die SPD r&uuml;ckt jeden Tag einen Schritt weiter nach links. Und nach dem gro&szlig;en Rundumschlag an der SPD-Spitze m&ouml;chte eine Linke nach Informationen des &bdquo;Spiegel&ldquo; die Sozialdemokraten weiterhin mit anf&uuml;hren: Die ehemalige hessische SPD-Vorsitzende Andrea Ypsilanti bem&uuml;ht sich offenbar um eine Wiederwahl ins SPD-Pr&auml;sidium. &hellip;&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Das Dementi von Andrea Ypsilanti wird dann so kommentiert:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Wie es auch kommt &ndash; SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier d&uuml;rfte daran gar keinen Gefallen finden. Er hat seine Partei vor einem Linksruck gewarnt.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Auch der <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,653639,00.html\">&bdquo;Spiegel&ldquo;<\/a> st&uuml;tzt die Warnung vor dem angeblichen Linksruck mit R&uuml;ckgriff auf den &bdquo;Stern&ldquo; und den dort zitierten und einschl&auml;gig bekannten Forsa-Chef G&uuml;ller. Dieser interpretiert  den (statistisch v&ouml;llig unbedeutenden) R&uuml;ckgang des SPD-Zustimmungswertes in der Sonntagsfrage um einen Prozentpunkt tats&auml;chlich als Reaktion auf die Linkspartei-Debatte in der SPD:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Der Chef des Forsa-Instituts, Manfred G&uuml;llner, f&uuml;hrt den Wert der SPD auf die innerparteilichen Diskussionen &uuml;ber den Umgang mit der Linkspartei zur&uuml;ck. &ldquo;Sucht die SPD ihr Heil im Linksrutsch, k&ouml;nnte sie bald schon unter die 20-Prozent-Marke fallen&rdquo;, sagte G&uuml;llner dem &ldquo;Stern&rdquo;.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Jeder seri&ouml;se Meinungsforscher ist sich der Fehleranf&auml;lligkeit seiner Umfragen bewusst. Bei dieser Art der Umfrage wird regelm&auml;&szlig;ig von einer Fehlerspanne von 3 &ndash; 5 % ausgegangen.<\/p><p>Zum immer wiederkehrenden Vorwurf des Linksrucks und der Nutzung dieser Schim&auml;re im politischen Kampf wie auch zur Fremdbestimmung der linken Parteien gibt es ausf&uuml;hrliche Passagen in &bdquo;Meinungsmache&ldquo;. Die einschl&auml;gigen Ausz&uuml;ge finden Sie in der <a href=\"?page_id=4138\">Rubrik &bdquo;Leseproben&ldquo;<\/a> als <a href=\"?page_id=4138#l04\">4. (Seiten 102-105)<\/a> und <a href=\"?page_id=4138#l05\">5. (Seiten 351-354)<\/a>.<\/p><p>Die Warnung vor dem angeblichen Linksruck wird in den Medien mit Analysen des Niedergangs der SPD kombiniert. Steinmeier wiederholt in seinem Beitrag in Welt Online seine bekannten Thesen zum gro&szlig;en Erfolg der Schr&ouml;derschen Reformpolitik. Vor Ausbruch der Finanzkrise war danach alles gut. <\/p><p>Die <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/70\/489457\/text\/\">S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/a> vom 1. Oktober unterst&uuml;tzt mit einem Interview mit dem Soziologen Heinz Bude die gleiche Behauptung:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Schr&ouml;der tr&auml;gt keine Schuld&ldquo; meint er zu den Gr&uuml;nden des SPD-Fiaskos. Er nennt die Politik der Regierung Schr&ouml;der den &bdquo;unbew&auml;ltigten Erfolg&ldquo;. Und er pl&auml;diert daf&uuml;r, diese ihre Erfolgsgeschichte nicht zu dementieren. Er behauptet, die SPD vor Schr&ouml;der sei die schlimmste Sozialdemokratische Partei Europas gewesen. Und der Interviewer Oliver Das Gupta darf das notwendige Stichwort geben f&uuml;r die innerparteiliche Willensbildung: &bdquo;Soll hei&szlig;en: Das Falsche w&auml;re ein Rollback zu SPD vor 1998.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Dieses Interview voller nicht belegter Behauptungen ist eigentlich als solches nicht lesenswert. Es ist aber als klassisches Beispiel f&uuml;r aktive Public Relations-Arbeit und die Einbindung der Medien in diese PR Arbeit interessant; und obendrein als Beleg f&uuml;r die unfassbare Oberfl&auml;chlichkeit eines Wissenschaftlers. Wir halten und bezahlen solche Professoren: Bude, Nolte, Raffelh&uuml;schen, Sinn, Zimmermann, Franz &ndash; armes Deutschland. <\/p><p>Auch in diesem Beitrag wird wie bei der Bild-Zeitung und wie alleine schon durch die Tatsache des Forums f&uuml;r Steinmeier durch die Welt Personalpolitik betrieben. Bude wirbt f&uuml;r Fortsetzung der Politik mit dem rechten Teil der SPD, er wirbt f&uuml;r Gabriel und meint, die Wahl Steinmeiers zum Fraktionschef sei eine clevere Wahl gewesen. Er stehe f&uuml;r den Anschluss an ein Erfolgskapitel der SPD.<\/p><p>Diese Versuche, auf die innere Willensbildung der SPD zur Schr&ouml;derschen Reformpolitik wie auch auf das Personal von au&szlig;en Einfluss zu nehmen, haben schon und werden weiter Erfolg haben. Die konservativen Kr&auml;fte und ihre Helfer aus dem SPD-Milieu verhindern den Neuanfang und damit den Erfolg bei kommenden Wahlen. <\/p><p>Au&szlig;er der SPD stehen immer schon die Gr&uuml;nen im Einflussbereich der konservativen Medien. Jetzt wird diese Arbeit vermehrt auf die Linkspartei ausgedehnt werden. Ein klassisches Beispiel findet sich ebenfalls bei Welt Online. Dort bekommt der Linken-Chef Ramelow aus Th&uuml;ringen das notwendige Forum f&uuml;r seine Attacken auf die Festlegung der Parteispitze auf einen sofortigen Abzug aus Afghanistan. Am 4. Oktober erschien ein Interview unter der &Uuml;berschrift <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/die-welt\/politik\/article4727125\/Die-Linke-hat-Regierungsanspruch.html\">&ldquo;Die Linke hat Regierungsanspruch&rdquo;<\/a>. <\/p><p>Der darin enthaltene Satz &bdquo;Uns geht es nicht um einen sofortigen Abzug. Das w&auml;re wie eine Flucht damals aus Vietnam&ldquo; gibt das Stichwort f&uuml;r die n&auml;chsten Angriffe auf die Fraktions- und Parteif&uuml;hrung der Linkspartei. Ramelow spielt hier das klassische trojanische Pferd. Wir kennen dies aus den letzten 40 Jahren im Umgang mit SPD und Gr&uuml;nen. Auch da fanden sich immer wieder Personen aus diesen Parteien, die zum Beispiel den Linksruck bezeugten oder vor den Fundis warnten.<br>\nDiese Stichwortgeber wurden oft f&uuml;rstlich belohnt. Sie konnten auf die Unterst&uuml;tzung der interessierten Medien setzen und wurden damit immer popul&auml;rer. Das galt schon f&uuml;r Karl Schiller in Auseinandersetzung mit Willy Brandt und es gilt zum Beispiel f&uuml;r Klaus von Dohnanyi in der aktuellen Debatte.<\/p><p>Zur Ehre der Medien muss ich zum Abschluss einen ihrer alten Hasen zitieren, Michael H. Spreng, fr&uuml;her einmal Berater von Edmund Stoiber mit einem Text aus seinem Sprengsatz: <a href=\"http:\/\/www.sprengsatz.de\/?p=2207\">&ldquo;SPD &ndash; die vertane Chance&rdquo;<\/a> vom Dienstag, den 06. Oktober 2009. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer die Ursachen f&uuml;r den Niedergang der fortschrittlichen Parteien in Europa nur in den Fehlern ihrer F&uuml;hrungen sucht, wird sie nicht finden. Auch wer die Unterst&uuml;tzung der Hauptmedien f&uuml;r die konservativen Parteien als Grund erkennt, wird noch nicht ganz f&uuml;ndig. 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