{"id":42537,"date":"2018-02-22T10:48:56","date_gmt":"2018-02-22T09:48:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42537"},"modified":"2026-01-27T11:06:36","modified_gmt":"2026-01-27T10:06:36","slug":"tageschau-berichtet-wie-kremltreue-medien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42537","title":{"rendered":"Tagesschau berichtet wie kremltreue Medien"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180222_gordeeva.jpg\" alt=\"Daria Gordeeva\" title=\"Daria Gordeeva\"><\/div><p>&bdquo;Die Russlandberichterstattung der Tagesschau ist einseitig und tendenzi&ouml;s&ldquo;, sagt <strong>Daria Gordeeva<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. Gordeeva, die f&uuml;r ihre Masterarbeit sowohl die Tagesschau als auch die Hauptnachrichtensendung in Russland, Wremja, einer Analyse unterzogen hat, stellt fest, dass in beiden Sendungen ein zu eindimensionales Bild vom jeweils anderen Land vermittelt wird. &bdquo;Die Journalisten&ldquo;, so Gordeeva, &bdquo;verzichten auf Perspektivenwechsel und greifen stattdessen auf bestehende Freund-Feind-Bilder zur&uuml;ck&ldquo;, so Gordeeva. Ein Interview von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5008\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-42537-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180222_Tagesschau_berichtet_wie_kremltreue_Medien_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180222_Tagesschau_berichtet_wie_kremltreue_Medien_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180222_Tagesschau_berichtet_wie_kremltreue_Medien_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180222_Tagesschau_berichtet_wie_kremltreue_Medien_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=42537-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180222_Tagesschau_berichtet_wie_kremltreue_Medien_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180222_Tagesschau_berichtet_wie_kremltreue_Medien_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wie nehmen russische Medien Deutschland wahr, wie deutsche Medien Russland?<br>\nDieser Frage ist die Kommunikationswissenschaftlerin Daria Gordeeva in ihrer Masterarbeit am Institut f&uuml;r Kommunikationswissenschaften und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universit&auml;t in M&uuml;nchen nachgegangen.  Der Titel ihrer Arbeit:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Russlandbild in den deutschen Medien &ndash; Deutschlandbild in den russischen Medien. Konstruktion der au&szlig;enpolitischen Realit&auml;t in den TV-Hauptnachrichtensendungen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Im NachDenkSeiten-Interview geht die geb&uuml;rtige Russin auf ihre Arbeit n&auml;her ein und stellt im Hinblick auf die journalistische Berichterstattung fest:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Lage ist auf beiden Seiten beunruhigend.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Frau Gordeeva, Sie haben sich f&uuml;r ihre Masterarbeit intensiv mit der Berichterstattung der Tagesschau &uuml;ber Russland auseinandergesetzt. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?<\/strong><\/p><p>Das Ergebnis ist eigentlich erwartbar, dennoch traurig: Die Russlandberichterstattung der Tagesschau ist einseitig und tendenzi&ouml;s und deckt sich weitgehend mit der Perspektive der Bundesregierung. Also nicht viel anders als das, was kremltreue Medien den Russen &uuml;ber Deutschland erz&auml;hlen. Die Journalisten verzichten auf Perspektivenwechsel und greifen stattdessen auf bestehende Freund-Feind-Bilder zur&uuml;ck. <\/p><p><strong>Also eine Berichterstattung in Schieflage?<\/strong><\/p><p>Die Lage ist auf beiden Seiten beunruhigend.<\/p><p><strong>Lassen Sie uns gleich weiter darauf eingehen. Aber erz&auml;hlen Sie uns doch zun&auml;chst ein wenig Grundlegendes zu Ihrer Masterarbeit. Sie haben sich sowohl das Russlandbild in den deutschen Medien als auch das Deutschlandbild in den russischen Medien angeschaut. Was war Ihre Motivation, dieses Thema zu bearbeiten?<\/strong><\/p><p>Das Thema Auslandsberichterstattung und Nationenbilder hat f&uuml;r mich vor allem eine pers&ouml;nliche Relevanz. Beide journalistische Kulturen kenne ich von innen: Als geb&uuml;rtige Russin bin ich mit 17 zum Studium nach M&uuml;nchen gekommen, meine Familie ist dagegen in Sankt Petersburg geblieben. Mein Deutschlandbild &#8210; im Unterschied zum Deutschlandbild der meisten Russen &#8210; ist vielmehr durch pers&ouml;nliche Erfahrungen gepr&auml;gt als durch die Berichterstattung russischer Staatsmedien. Dasselbe gilt auch f&uuml;r mein Russlandbild, denn ich bin in Russland ja aufgewachsen. Trotzdem, oder gerade deswegen, wollte ich in meiner Masterarbeit die mediale Darstellung beider Nationenbilder untersuchen. Denn Medien vermitteln uns nicht nur Informationen, sondern auch Vorstellungen von Richtig und Falsch, Gut und B&ouml;se, Verbrechen und Normalit&auml;t. F&uuml;r au&szlig;enpolitische Ereignisse, die sich haupts&auml;chlich au&szlig;erhalb unseres pers&ouml;nlichen Nahbereichs abspielen, trifft das ganz besonders zu.<\/p><p><strong>Wie sind Sie vorgegangen? Auf welche Medien haben Sie sich konzentriert?<\/strong><\/p><p>Jeder wissenschaftlichen Arbeit liegt eine Theorie zugrunde. Ich habe mich f&uuml;r den diskurstheoretischen Ansatz entschieden. Die zentrale Aufgabe der Kritischen Diskursanalyse ist es n&auml;mlich, Regeln, Strukturen und Deutungsmuster aufzudecken und sie in einen politischen, gesellschaftlichen und historischen Kontext einzuordnen. Au&szlig;erdem erm&ouml;glicht sie, die dahinterliegenden Interessen, seien es politische, ideologische oder wirtschaftliche, transparent zu machen.<\/p><p>Ich bin nat&uuml;rlich nicht die erste, die die mediale Konstruktion von Nationenbildern untersucht hat. Jedoch lag der Schwerpunkt der einschl&auml;gigen Untersuchungen auf dem Printsektor, vor allem auf den Leitmedien: Der Spiegel, SZ, F.A.Z. und Die Zeit. Meine Arbeit fokussiert dagegen die bisher vernachl&auml;ssigte Diskursebene: die Nachrichtenbeitr&auml;ge im Fernsehen.<\/p><p><strong>Sie haben sich auf die Tagesschau als Hauptnachrichtensendung im deutschen Fernsehen konzentriert und auf Wremja, ihr russisches Pendant.<\/strong><\/p><p>Genau. Und daf&uuml;r gab es viele Gr&uuml;nde: L&uuml;genpresse-Vorw&uuml;rfe, Fake News, geringes Vertrauen und Glaube an staatlich gelenkte Medien, um nur einige zu nennen. Nichtsdestotrotz bleibt die Tagesschau nach wie vor Deutschlands Fernsehnachrichtensendung Nummer Eins, mit knapp 10 Millionen Zuschauern t&auml;glich. Auch Wremja wird aufgrund ihrer Reichweite praktisch als Synonym f&uuml;r russische Fernsehnachrichten verwendet. All das macht diese Nachrichtensendungen zu einem wesentlichen Instrument, um eine breite Aufmerksamkeit und Akzeptanz f&uuml;r bestimmte Themen und eine bestimmte Politik in der Bev&ouml;lkerung zu schaffen und die Entscheidungen der Regierung zu legitimieren.<\/p><p>Insgesamt habe ich 89 Nachrichtenbeitr&auml;ge (47 Tagesschau, 42 Wremja) im Zeitraum vom Dezember 2016 bis Mai 2017 einer Diskursanalyse unterzogen.<\/p><p><strong>Sie f&uuml;hren den Begriff &bdquo;Realit&auml;tskonstruktionen&ldquo; an. Medienvertreter sagen &ouml;fter mal, dass sie die Realit&auml;t <em>abbilden<\/em>. Dass sie Realit&auml;t <em>konstruieren<\/em>, h&ouml;rt man eher selten von ihnen. Warum haben wir es auch in der so genannten seri&ouml;sen Berichterstattung mit <em>Konstruktionen von Wirklichkeit<\/em> zu tun? <\/strong><\/p><p>Hier erinnert man sich an das ber&uuml;hmte Diktum des Soziologen Niklas Luhmann: &bdquo;Was wir &uuml;ber unsere Gesellschaft, ja &uuml;ber die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien&ldquo;. Indem die Medien uns Informationen &uuml;ber Ereignisse oder L&auml;nder vermitteln, bestimmen sie ma&szlig;geblich, wor&uuml;ber wir sprechen, welche Bedeutung wir gewissen Themen zuweisen und mit welchen Argumenten wir diskutieren. Im Prozess der vermeintlichen &bdquo;Realit&auml;tsvermittlung&ldquo; ist es nicht selbstverst&auml;ndlich, dass die Medien ihrer Verantwortung und Funktion, die ihnen in unserer Gesellschaft zukommt, gerecht werden. Es gibt mehrere Faktoren, die eine gr&uuml;ndliche und &bdquo;objektive&ldquo; Berichterstattung erschweren und den unvoreingenommenen Blick verstellen: Mangel an Korrespondenten, wirtschaftlicher Druck, Nachrichtenwerte, Klischees und Vorurteile, um nur einige zu nennen. Somit sind die Medien keine passiven &ldquo;Realit&auml;tsvermittler&rdquo;, sondern bringen ihre eigene, auf bestimmte Aspekte reduzierte Version der Realit&auml;t hervor &#8210; also konstruieren sie.<\/p><p><strong>Was bedeutet es, wenn beispielsweise in der Berichterstattung der Tagesschau Konstruktionen von Realit&auml;t den Zuschauern gezeigt werden?<\/strong><\/p><p>Die mediale Darstellung Russlands in der Tagesschau setzt sich ja aus einer Reihe der berichteten Ereignisse zusammen. Dabei gelangen nur ausgew&auml;hlte Themenaspekte, Meinungen und Argumente in die Berichterstattung, w&auml;hrend die anderen ignoriert werden. Am Ende haben wir kein &ldquo;reales&rdquo;, kein umfassendes Bild des Landes, sondern die &ldquo;Tagesschau-Realit&auml;t&rdquo;, also das Bild, das die Tagesschau in diesem Auswahl- und Konstruktionsprozess an ihre Zuschauer vermittelt.<\/p><p><strong>Und dieses Bild bzw. diese Perspektive entspricht dann &bdquo;zuf&auml;llig&ldquo; der Perspektive, die die Bundesregierung einnimmt?<\/strong><\/p><p>Nein, das ist kein Zufall. An staatlich gelenkte Medien oder Anweisungen &ldquo;von oben&rdquo; glaube ich jedoch nicht. Vielmehr geht es um das Weltbild und das Wertesystem, in dem die politische und wirtschaftliche Elite, aber auch viele einflussreiche Journalisten in Deutschland sozialisiert wurden. Dabei sollte es nicht wundern, dass sich die Themen und Diskurse der Bundesregierung mit der Berichterstattung der Medien &uuml;berschneiden. Das ist eine Art gegenseitige &ldquo;Gesinnungsn&auml;he&rdquo;. <\/p><p><strong>Gehen wir auf das Deutschlandbild ein, das in den russischen Medien vorzufinden ist. Was ist Ihnen aufgefallen?<\/strong><\/p><p>Bemerkenswert ist, dass der Westen, so Wremja, die Ost-West-Konfrontation des Kalten Krieges bis heute nicht &uuml;berwunden hat. Die EU-Sanktionen sowie zahlreiche Vorw&uuml;rfe gegen Russland, seien es staatlich gelenkte Hackerattacken oder Desinformationskampagnen, beeintr&auml;chtigen die politische Zusammenarbeit zwischen den L&auml;ndern. F&uuml;r die Bundesregierung bedeutet das quasi ein &ldquo;au&szlig;enpolitisches Fiasko&rdquo;. Deutschland wird als Land am Abgrund dargestellt, das im Fokus von Terroristen ist, mit einer in Angst und Schock versetzten Bev&ouml;lkerung, unprofessioneller Polizei, unzuverl&auml;ssigen Sicherheitsdiensten und verantwortungslosen Politikern. <\/p><p><strong>Was noch?<\/strong><\/p><p>Deutsche Medien verschweigen, so Wremja, unangenehme Wahrheiten &uuml;ber Fl&uuml;chtlinge. Neben Terroranschl&auml;gen mit zahlreichen Todesopfern sind auch sexuelle &Uuml;bergriffe und Straftaten, die Fl&uuml;chtlinge in Deutschland begehen, Folge der fehlerhaften Politik der Bundeskanzlerin, die &ldquo;gef&auml;hrliche Migranten&rdquo; in die Bundesrepublik einl&auml;dt. Die Bev&ouml;lkerung muss nun die Fehler der Politiker ausbaden, erkl&auml;rt die Nachrichtensendung.<\/p><p><strong>Woher kommt dieses Bild?<\/strong><\/p><p>Besonders auff&auml;llig ist hier nicht dieses Bild als solches, sondern vielmehr die Strategie, die hinter dieser Konstruktion liegt. Mit diesem Deutschlandbild l&auml;sst Wremja Russland unter Putins F&uuml;hrung trotz vieler un&uuml;bersehbarer Probleme wesentlich besser aussehen. Das Bild des unsicheren und gespaltenen Westens macht deutlich, zu welchen dramatischen Konsequenzen die vom Kreml scharf kritisierte Einwanderungs- und Integrationspolitik Merkels f&uuml;hrt. Nimmt man an, dass Wremja im Sinne der russischen Regierung berichtet, ist eine solche Argumentationslinie f&uuml;r die russische Regierung durchaus vorteilhaft.<\/p><p><strong>Zur&uuml;ck zur Tagesschau. Erz&auml;hlen Sie uns bitte genauer, wie berichtet die Tagesschau &uuml;ber Russland?<\/strong><\/p><p>Russland ist m&auml;chtig und b&ouml;se &#8210; und immer ein Gegenpol zum Westen. Hier geht die Tagesschau &uuml;ber die reine Informationsvermittlung hinaus und betrachtet die Welt durch die &ldquo;westliche&rdquo; Brille. Was hei&szlig;t das genau? F&uuml;r die westliche Welt ist die Demokatie ja das h&ouml;chste Gut. Dagegen ist Putin ein Antidemokrat, ein autorit&auml;rer Machthaber eines korrupten Landes. Der Kremlchef und sein Machtzirkel verk&ouml;rpern das B&ouml;se und das Bedrohliche, w&auml;hrend die Tagesschau sich als moralische Autorit&auml;t inszeniert. Hier betont die Nachrichtensendung jedoch das, was auch das Ausw&auml;rtige Amt sagt: Die T&uuml;r f&uuml;r einen partnerschaftlichen Dialog steht offen. Vor den Augen der Welt&ouml;ffentlichkeit begeht Russland, auch Wladimir Putin pers&ouml;nlich, so die Tagesschau, grausame Verbrechen und versucht, politische Prozesse in anderen L&auml;ndern zu beeinflussen: Russland unterst&uuml;tzt den syrischen Diktator, bombardiert Zivilisten, Krankenh&auml;user und humanit&auml;re Hilfskonvois, will das Machtgef&uuml;ge in anderen Regionen mitbestimmen, tr&auml;gt zur Eskalation des Konfliktes in der Ostukraine bei, mischt sich mit Hackerangriffen in den US-Wahlkampf ein, annektiert ein fremdes Territorium, bedroht seine Nachbarn, betreibt ein staatliches Doping-System, unterdr&uuml;ckt und marginalisiert die Opposition. All das gibt einen Anlass f&uuml;r die massive Kritik seitens westlicher Spitzenpolitiker und Journalisten sowie internationaler Organisationen. Gleichzeitig muss die friedliche EU auch denjenigen helfen, die unter Russland und Putin leiden. Diese einheitliche Argumentationslinie f&uuml;hrt leider zu einer schablonenhaften Berichterstattung. <\/p><p><strong>Aber im Hinblick auf die russische Politik und so manchen Zustand im Land, gibt es doch tats&auml;chlich auch einiges zu kritisieren.<\/strong><\/p><p>Das stimmt, das bestreite ich ja auch nicht. Das Problem, das ich dabei jedoch sehe, ist eine zunehmende Negativierung des Russlandbildes. Russland als Aggressor, Putin als unberechenbarer und verbrecherischer Politiker ist zum &bdquo;common sense&ldquo; der Tagesschau-Berichterstattung geworden. Dem guten Willen der westlichen Regierung, die sich auf freiheitlich-demokratische Grundwerte st&uuml;tzt, werden stets b&ouml;se Absichten des Kremls gegen&uuml;bergestellt. Durch den Verzicht auf Perspektivenwechsel schafft die Tagesschau eine Realit&auml;t, in der das westliche Wertesystem als Bewertungsma&szlig;stab gilt und Russland dagegen offenbar verst&ouml;&szlig;t. F&uuml;r positive Nachrichten aus Russland gibt es in dieser Tagesschau-Welt einfach keinen Platz mehr.<\/p><p><strong>Wie erkl&auml;ren Sie sich die Berichterstattung der Tagesschau?<\/strong><\/p><p>Viel plausibler als die g&auml;ngigen Propaganda- und Verschw&ouml;rungsvorw&uuml;rfe erscheint mir eine Erkl&auml;rung, die auch der Medienwissenschaftler Uwe Kr&uuml;ger liefert. Das habe ich vorher schon kurz angesprochen. Der Grund f&uuml;r die einseitige Berichterstattung liegt vor allem in der beruflichen und pers&ouml;nlichen Sozialisation der meisten deutschen Journalisten. Diejenigen, die mit westlichen Werten und gewohnten Deutungsmustern, mit der N&auml;he zu den USA und zur NATO aufgewachsen sind und auch heutzutage in US- und NATO-affinen Strukturen eingebunden sind, tendieren eher dazu, Kr&auml;fte aus dem ehemaligen gegnerischen Lager als b&ouml;se anzusehen. Dagegen sind sie gegen&uuml;ber denjenigen, die ihrem Wertesystem nahestehen, automatisch weniger kritisch und sehen sie eher als Verb&uuml;ndete. Es wundert nicht, dass die Journalisten ihr Weltbild dann auch verteidigen. Dabei ist die Grenze zwischen einer vermeintlich objektiven und einer stereotypen Darstellung jedoch sehr verschwommen. Um eine &ldquo;andere Geschichte&rdquo; zu erz&auml;hlen und von den Stereotypen und Klischees wegzukommen, m&uuml;ssen die Journalisten gr&uuml;ndlicher und tiefer recherchieren. Dies w&auml;re wiederum nur mit gro&szlig;em Geld- und Zeitaufwand m&ouml;glich.<\/p><p><strong>Waren Sie eigentlich im Hinblick auf Ihren Befund &uuml;berrascht?<\/strong><\/p><p>Eigentlich nicht. Insbesondere die Russlandberichterstattung, vor allem der Vorwurf der D&auml;monisierung, ist schon seit Jahren ein umstrittenes Thema, an dem man kaum vorbeikommt. Nichtsdestotrotz fand ich es &auml;u&szlig;erst spannend, einzelne Nachrichtenbeitr&auml;ge unter die Lupe zu nehmen und das Unvergleichbare zu vergleichen. Und obwohl der zentrale Befund wenig &uuml;berrascht, war mir viel wichtiger zu beschreiben, in welcher Form und mit welchen Inhalten die Nationenbilder vermittelt werden. Genauso war von Interesse, welcher Strategien sich die Nachrichtensendungen Nummer Eins in den jeweiligen L&auml;ndern bedienen &ndash; also auf sprachlicher, visueller und auditiver Ebene.  <\/p><p><strong>Birgt so eine Berichterstattung auch Gefahren?<\/strong><\/p><p>Ja, schon. Denn Massenmedien spielen <em>die<\/em> entscheidende Rolle bei der Wahrnehmung Russlands und Deutschlands in der jeweiligen Gesellschaft. Ich m&ouml;chte nicht bewerten, ob deutsche bzw. russische Journalisten absichtlich die negativen Bilder vermitteln, ob sie ganz bewusst als Teil einer staatlichen Propagandamaschine agieren oder tats&auml;chlich &bdquo;einen objektiven und umfassenden &Uuml;berblick &uuml;ber das internationale, europ&auml;ische, nationale und l&auml;nderbezogene Geschehen&ldquo; geben wollen, wie der NDR-Staatsvertrag (&sect; 5 Abs. 1) dies erfordert. Dennoch l&auml;sst sich die einseitige und tendenzi&ouml;se mediale Berichterstattung als Ergebnis der Analyse festhalten. Und trotz intensiver Wirtschaftbeziehungen und eines interkulturellen Dialogs zwischen Russen und Deutschen f&uuml;hrt sie zu einer wachsenden Kluft zwischen den beiden Nationen, die ich leider zunehmend feststelle.<\/p><p><strong>Was m&uuml;sste sich in der Berichterstattung deutscher und russischer Medien &auml;ndern?<\/strong><\/p><p>Die Journalisten sollten aufh&ouml;ren, an die &Uuml;berlegenheit des eigenen Weltbildes zu glauben. Denn das macht blind f&uuml;r die Interessen der Anderen. Sie sollten aufh&ouml;ren, immer wieder auf gewohnte Klischees und Freund-Feind-Bilder zur&uuml;ckzugreifen, und mal einen Perspektivenwechsel wagen. Aber auch jeder von uns sollte lernen, mit eigenen Fremdbildern und Stereotypen umzugehen und aktuelle Ereignisse und Entwicklungen in historische und kulturelle Kontexte einzuordnen. Schlie&szlig;lich sollte man versuchen, sich in die Lebensrealit&auml;t und die Lage des Anderen zu versetzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180222_gordeeva.jpg\" alt=\"Daria Gordeeva\" title=\"Daria Gordeeva\"\/><\/div>\n<p>&bdquo;Die Russlandberichterstattung der Tagesschau ist einseitig und tendenzi&ouml;s&ldquo;, sagt <strong>Daria Gordeeva<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. Gordeeva, die f&uuml;r ihre Masterarbeit sowohl die Tagesschau als auch die Hauptnachrichtensendung in Russland, Wremja, einer Analyse unterzogen hat, stellt fest, dass in beiden Sendungen ein<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42537\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,209,183,11],"tags":[2012,1915,1055,1268,1544,1919,915,259,408,1553,451,1338,260],"class_list":["post-42537","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-interviews","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-cyberkriminalitaet","tag-doping","tag-fluechtlinge","tag-kalter-krieg","tag-kampagnenjournalismus","tag-lueckenpresse","tag-putin-wladimir","tag-russland","tag-soziale-herkunft","tag-syrien","tag-tagesschau","tag-transatlantiker","tag-ukraine"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42537","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=42537"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42537\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":87948,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42537\/revisions\/87948"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=42537"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=42537"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=42537"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}