{"id":42566,"date":"2018-02-23T14:22:32","date_gmt":"2018-02-23T13:22:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42566"},"modified":"2026-01-27T11:06:34","modified_gmt":"2026-01-27T10:06:34","slug":"mit-sprache-herrschaft-verschleiern-und-verklaeren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42566","title":{"rendered":"Mit Sprache Herrschaft verschleiern und verkl\u00e4ren"},"content":{"rendered":"<p>Ein markantes Zeichen der &sbquo;Herrschaftssprache&lsquo; ist es, dass sie versucht, Herrschaft und Machtverh&auml;ltnisse zu verschleiern. Dies gelingt ihr auf verschiedenen Wegen. Wie der Kulturwissenschaftler <strong>Falko Schmieder<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten aufzeigt, besteht ein Weg der Verschleierung von Herrschaft darin, W&ouml;rter zu gebrauchen, in denen die handelnden Akteure nicht mehr vorkommen. Anders gesagt: Durch eine entsprechende Sprache werden die Akteure, die konkrete, oft weitreichende politische Entscheidungen treffen, unsichtbar gemacht. Ein Interview &uuml;ber Herrschaft, Sprache und den Umgang von Journalisten mit der Herrschaftssprache. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9800\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-42566-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180223_Mit_Sprache_Herrschaft_verschleiern_und_verklaeren_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180223_Mit_Sprache_Herrschaft_verschleiern_und_verklaeren_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180223_Mit_Sprache_Herrschaft_verschleiern_und_verklaeren_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180223_Mit_Sprache_Herrschaft_verschleiern_und_verklaeren_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=42566-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180223_Mit_Sprache_Herrschaft_verschleiern_und_verklaeren_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180223_Mit_Sprache_Herrschaft_verschleiern_und_verklaeren_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Diese handelnden Personen werden ersetzt durch Begriffe, denen sprachlich ein Eigenleben eingehaucht wird. &bdquo;Markt&ldquo; oder &bdquo;Globalisierung&ldquo; sind zwei solche W&ouml;rter, auf die Schmieder n&auml;her eingeht. Wenn, wie so oft, davon die Rede ist, dass &bdquo;der Markt etwas regelt&ldquo; oder, dass &bdquo;die Globalisierung es erforderlich macht&ldquo;, dann wird deutlich: Die W&ouml;rter Markt und Globalisierung sind eben gerade keine handelnden Akteure. Sie leben nicht. Sie dienen, so wie sie gerade im neoliberalen Geist gebraucht werden, der Verschleierung von Herrschaft. <\/p><p>Angemerkt sei an dieser Stelle: Die NachDenkSeiten machen schon seit ihrer Gr&uuml;ndung immer wieder darauf aufmerksam, welchen weitreichenden Schaden eine manipulative Sprache, die von Politik und Medien transportiert wird, anrichten kann. Aus diesem Grund betreiben die NachDenkSeiten immer wieder &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40414\">Sprachkritik<\/a>&ldquo;. Es gilt, Mediennutzer gegen&uuml;ber der <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40668\">Herrschaftssprache<\/a> zu sensibilisieren, damit das, was sie verschleiern will, schneller durchschaut werden kann.<br>\nVerwiesen sei hier auch auf das Buch von Albrecht M&uuml;ller &bdquo;Die Reforml&uuml;ge. 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren&ldquo;, worin  der Herausgeber der NachDenkSeiten sich ebenfalls intensiv mit der neoliberalen Sprache auseinandersetzt.<\/p><p><strong>Herr Schmieder, Macht und Herrschaft zeigen sich oft auch in der Sprache. Was sind Ihre Beobachtungen?<\/strong><\/p><p>Gesellschaftliche Verh&auml;ltnisse, also auch Herrschafts- und Machtverh&auml;ltnisse, dr&uuml;cken sich in der Sprache aus und werden durch Sprache reproduziert. Sie werden aber auch sprachlich verschleiert und unkenntlich gemacht. Sprachanalyse und Sprachkritik sollten deshalb ein integraler Bestandteil einer kritischen Besch&auml;ftigung mit unserer Gegenwart sein.<\/p><p><strong>Als Begriffsgeschichtsforscher interessieren Sie sich aber auch f&uuml;r die historischen Dimensionen der Sprache.<\/strong><\/p><p>Das ist richtig; die Begriffsgeschichte untersucht den historischen Bedeutungswandel. Das macht sie aber nicht zu einer antiquarischen Disziplin. Methodisch wie funktional ist sie in vielfacher Weise auf die Gegenwart bezogen, zu deren historischer Selbstaufkl&auml;rung sie beitragen kann.<\/p><p><strong>Inwiefern?<\/strong><\/p><p>Indem sie zeigt, welche unterschiedlichen Bedeutungen ein Wort historisch angenommen hat, kann sie aufkl&auml;rerische, auch ideologiekritische Effekte erzeugen, weil sie den Schein von Begriffskonstanz aufl&ouml;st. Sie sch&auml;rft das Bewusstsein f&uuml;r die Differenz des gegenw&auml;rtigen und historischen Gebrauchs der Begriffe. Die Begriffsgeschichte macht zudem sichtbar, wie politische Begriffe, die wesentlich durch ihre Umstrittenheit gekennzeichnet sind, im gesellschaftlichen Diskurs strategisch verwendet und welche aus der Geschichte stammenden Konnotationen dabei in Dienst genommen werden.<\/p><p><strong>Was hat die Begriffsgeschichte zu den Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte zu sagen? Lassen sich &uuml;bergreifende Ver&auml;nderungsmuster oder spezifische Tendenzen erkennen?<\/strong><\/p><p>Die Begriffsgeschichte der Gegenwart oder die Erforschung der Zeitgeschichte der Begriffe ist ein spannendes Feld. In den Diskussionen &uuml;ber die Entwicklung politisch-sozialer Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts sind eine Vielzahl von Begriffen vorgeschlagen worden, um grundlegende Transformationsprozesse des Vokabulars zu erfassen. Dazu geh&ouml;ren unter anderem die Begriffe Verwissenschaftlichung, Technisierung, Anglisierung, &Ouml;konomisierung oder Kulturalisierung. An der Vielzahl sehen Sie schon, dass es sich um komplexe Ver&auml;nderungsprozesse handelt. Ein &uuml;bergreifender Nenner f&uuml;r die Entwicklungen seit den 1970er Jahren w&auml;re der Begriff der Neoliberalisierung.<\/p><p><strong>Dieser Begriff erfasst die vorherrschende Ideologie unserer Zeit. Wie l&auml;sst sie sich n&auml;her charakterisieren? Welche Sprache zeichnet diese Ideologie konkret aus?<\/strong><\/p><p>In ganz allgemeiner Form l&auml;sst sich der Neoliberalismus als Oberbegriff f&uuml;r einen Gesellschaftsentwurf betrachten, der f&uuml;r Privatisierung und einen marktradikalen Kapitalismus steht. Dies dr&uuml;ckt sich sprachlich in der &ouml;konomisierenden Sichtweise auf s&auml;mtliche Lebensbereiche aus; diese werden nach Gesichtspunkten des Marktes und der Vermarktung, der Effizienz, Konkurrenz, der Verwertbarkeit oder der Gewinnmaximierung betrachtet. Besonders krasse Beispiele sind in den vergangenen Jahren von der sprachkritischen Aktion &bdquo;Unwort des Jahres&ldquo; herausgehoben worden, wie etwa die Begriffe Humankapital, Anschlussverwendung, Langlebigkeitsrisiko, Todesfallbonus oder &uuml;berkapazit&auml;re Mitarbeiter. <\/p><p><strong>Das sind in der Tat extreme Beispiele. Es gibt aber sicher viele andere allt&auml;glichere Ausdr&uuml;cke, an denen die Dominanz des neoliberalen Denkens und Sprechens zum Ausdruck kommt. Welche neoliberalen Begriffe fallen Ihnen da besonders auf?<\/strong><\/p><p>Als erstes nennen m&ouml;chte ich den Begriff des Marktes. Er hat eine ungeheure Verbreitung gefunden und ein sehr differenziertes Sinnfeld gewonnen, das sich in zahlreichen Komposita und Nachbarbegriffen ausdr&uuml;ckt &ndash; dazu geh&ouml;ren unter anderem die Begriffe Wettbewerb, Flexibilit&auml;t, Kreativit&auml;t, Innovation, Eigenverantwortung, Reform oder Deregulierung.<\/p><p><strong>K&ouml;nnten Sie f&uuml;r uns exemplarisch einmal den ein oder anderen neoliberalen Begriff einer Kurzanalyse unterziehen? Beginnen wir mit dem Begriff &bdquo;Markt&ldquo;. Wo liegt das Problem mit ihm?<\/strong><\/p><p>In vielen Diskursen kommt dem ,Markt&lsquo; eine Schl&uuml;sselrolle zu, wobei auff&auml;llt, dass er dabei oft als eine Art eigenm&auml;chtig handelndes Subjekt dargestellt wird. Sie kennen aus Rundfunkbeitr&auml;gen oder aus Zeitungsartikeln die Wendungen, dass die M&auml;rkte unruhig sind, dass sie nerv&ouml;s und manchmal auch freundlich reagieren, oder dass bestimmte Ereignisse von den M&auml;rkten bestraft oder auch mit Erleichterung aufgenommen werden. In diesen Darstellungen verschwinden die handelnden Akteure und deren jeweilige Interessen, das Marktgeschehen erscheint als ein unantastbares Naturschicksal. Dezidiert politische Fragen, wie die nach der Gestaltung bzw. Gestaltbarkeit, der Verantwortung, den gesellschaftlichen Alternativen, den Entwicklungszielen usw. geraten so aus dem Blickfeld. Das ist umso problematischer, als die entfesselte Wachstumslogik in immer katastrophalere Situationen hineinf&uuml;hrt.<\/p><p><strong>Ist das nicht &auml;hnlich wie mit dem Begriff der Globalisierung?<\/strong><\/p><p>Ja, es gibt viele Gemeinsamkeiten. Auch dieser Begriff legt nahe, dass sich der Prozess als ein unaufhaltsam wirkender Zwang, nach Art eines Naturgesetzes vollzieht, dem sich niemand zu entziehen vermag. Die Schlagformel dieser Sichtweise lautet: Es gibt keine Alternative. Das Wort alternativlos suggeriert, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine anderen Optionen oder M&ouml;glichkeitsspielr&auml;ume und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gibt. Wer die Globalisierung oder einzelne &ouml;konomische und politische Entscheidungen unter den Bedingungen des globalisierten Kapitalismus als alternativlos darstellt, der verdeckt dar&uuml;ber hinaus, dass die vermeintlichen Sachzw&auml;nge, die durchaus bestehen, selber das Produkt politischer Entscheidungen sind: sie wurden politisch gewollt und durchgesetzt, und selbstverst&auml;ndlich k&ouml;nnen sie auch wieder ver&auml;ndert werden. Auf diesen Aspekt zielen die sogenannten Globalisierungskritiker, deren Parole lautet: &bdquo;Eine andere Welt ist m&ouml;glich.&ldquo; Wenn die Globalisierung, oder neuerdings die Digitalisierung, als unausweichliches Schicksal dargestellt wird, dann werden damit gerade die darin angelegten politischen Strategien und die m&ouml;glichen alternativen Entwicklungswege verdeckt, was auch zur Entpolitisierung beitr&auml;gt. Oft wird der Begriff der Globalisierung auch als Chiffre f&uuml;r Kapitalismus verwendet. Er hat dann die Funktion, von einer als problematisch oder diskreditiert angesehenen Wirtschaftsform abzulenken; zugleich wird damit der Begriff der Globalisierung negativ aufgeladen oder d&auml;monisiert, weil er das auf den Kapitalismus gerichtete Wutpotenzial erbt. Kapitalismuskritiker werden dann in einer falschen Verallgemeinerung zu Globalisierungsgegnern gemacht.<\/p><p><strong>Wie steht es mit dem Begriff der Reform?<\/strong><\/p><p>Der Begriff der Reform wurde vor allem seit den 1990er Jahren im Zusammenhang mit der Kritik am traditionellen Wohlfahrtsstaat zu einer Art Kampfbegriff. Das Standardargument war, dass der Wohlfahrtsstaat unter den Bedingungen der Versch&auml;rfung der globalen Konkurrenz nicht mehr zeitgem&auml;&szlig; sei und dringend reformiert werden m&uuml;sse. Das Ziel war der Abbau von Hindernissen und Einschr&auml;nkungen des Wettbewerbshandelns und der &ouml;konomischen Effizienz. In historischer Perspektive zeigt sich, dass sich der neoliberale Schl&uuml;sselbegriff der Reform der Strategie der Umwertung eines ehemals kritischen Schlagwortes verdankt &ndash; man k&ouml;nnte von einer gelungenen feindlichen &Uuml;bernahme sprechen. <\/p><p><strong>Anfang der 1970er Jahre war das aber noch anders.<\/strong><\/p><p>Ja, damals stand das Wort Reform n&auml;mlich noch f&uuml;r den Versuch der &Uuml;berwindung verkn&ouml;cherter autorit&auml;rer Strukturen, konservativer Satzungen und Pflichtvorstellungen. Nach der neoliberalen Indienstnahme wird er zur Chiffre eines &ouml;konomischen und politischen Aufbruchs und Neuanfangs, dem es nun umgekehrt um die R&uuml;ckg&auml;ngigmachung der fr&uuml;heren sozialpolitischen Reformen geht. Als konservativ und &uuml;berholt gilt nun alles, was sich der gebotenen &ouml;konomischen Flexibilisierung widersetzt. Da der Begriff Reform allgemein positiv interpretiert und mit Modernisierung, Fortschritt und gesellschaftlichem Wohlstand in Zusammenhang gebracht wird, konnte die Metapher ,Reformstau&lsquo; so wirkungsvoll und popul&auml;r werden. Wer sich den Reformen widersetzte, wurde als Reformblockierer oder Reformverweigerer bezeichnet. Hervorzuheben ist, dass sich diese Umwertung des Reformbegriffs nicht in einen einfachen Parteiengegensatz aufl&ouml;sen l&auml;sst; vielmehr ist es so, dass sich gerade die SPD mit der Agenda 2010 dem neuen Reformkonzept verschrieben hat.<\/p><p>Die Einf&uuml;hrung und Durchsetzung des neuen Reformbegriffs ging zugleich mit der Umwertung der Bedeutung weiterer Zentralbegriffe der 1970er Jahre einher, etwa dem der Solidarit&auml;t. Ein einschl&auml;giges Beispiel ist die von Kanzlerin Merkel auf einer CDU-Veranstaltung am 29. Januar 2011 vorgetragene griffige Formel, Solidarit&auml;t d&uuml;rfe es nicht zum Nulltarif geben. Die Verkn&uuml;pfung der Haltung der Solidarit&auml;t mit &ouml;konomischen Erw&auml;gungen und die Bindung von Solidarit&auml;t an &sbquo;Entgegenkommensleistungen&lsquo; stellen eine typische neoliberale Umwertung der traditionellen Solidarit&auml;tsidee dar.<\/p><p><strong>Die Sprache des Neoliberalismus ist aber auch von Anglizismen gepr&auml;gt, also Ausdr&uuml;cken aus der englischen Sprache &ndash; ein Begriff, den Sie am Anfang bereits im Zusammenhang der Analysen der Gegenwartssprache erw&auml;hnt hatten.<\/strong><\/p><p>Ja, die Anglisierung ist ein markanter Zug. Unsere Gegenwartssprache weist eine F&uuml;lle von englischen Ausdr&uuml;cken auf, die vor allem durch Prozesse der Globalisierung und Technisierung, durch den Einfluss der Unterhaltungsindustrie und Popul&auml;rkultur und die &Uuml;bernahme des Vokabulars der amerikanischen Unternehmenskultur aufgekommen sind. Das Englische ist in der zweiten H&auml;lfte des 20. Jahrhunderts zu einer Weltsprache geworden und das hat nat&uuml;rlich auch R&uuml;ckwirkungen auf die anderen Sprachen.<\/p><p><strong>Was bewirken die Anglizismen? Welche Probleme bringen sie mit sich?<\/strong><\/p><p>Das l&auml;sst sich nicht pauschal beantworten. Politische Sprachanalysen zeigen aber, dass Anglizismen auch zur Verschleierung oder Verkl&auml;rung von Herrschaftsverh&auml;ltnissen genutzt werden. Beispiele hierf&uuml;r w&auml;ren etwa die Begriffe austerity, bail-out, outsourcing oder public-private-partnership. Manche Ausdr&uuml;cke ersetzen deutsche &Auml;quivalente, die einen negativen Beiklang haben oder um damit bezeichnete Ph&auml;nomene in einem besseren Licht erscheinen zu lassen. So wurde aus dem Arbeitsamt das Jobcenter, aus dem Arbeitsvermittler der Fallmanager, und der Hausmeister darf sich jetzt Facilitymanager nennen, womit er zumindest auf der symbolischen Ebene eine Aufwertung erf&auml;hrt. Alle diese Ausdr&uuml;cke haben eine technokratische Note. Asymmetrische Beziehungen erscheinen in vermeintlich wertneutralen technischen oder wissenschaftlichen Begriffen und werden damit tendenziell der politischen Debatte entzogen. Mit der Verwendung solcher Begriffe kapselt sich die Politik von den Aufkl&auml;rungsinteressen der &Ouml;ffentlichkeit ab; sie wird intransparent und zieht sich quasi in sich selbst zur&uuml;ck. Durch das Abstraktmachen und den Anstrich der Verwissenschaftlichung werden dar&uuml;ber hinaus auch die semantischen Verkn&uuml;pfungen mit der Alltagssprache gelockert oder ganz gekappt; es entsteht der Eindruck, dass die jeweilige Materie nur von Experten mit den entsprechenden Kompetenzen zu bew&auml;ltigen ist. Die neuen Ausdr&uuml;cke isolieren sich von angrenzenden Erfahrungszusammenh&auml;ngen und von den vielf&auml;ltigen historischen Sinndimensionen und Erfahrungsschichten, die sich mit den alten Ausdr&uuml;cken verbinden. Das tr&auml;gt auch zur Schw&auml;chung historischer Problemwahrnehmungen bei.<\/p><p><strong>Warum ist die Sprache der Herrschaft bzw. eben auch die neoliberale Sprache so breit im &ouml;ffentlichen Diskurs verankert?<\/strong><\/p><p>Das hat viele Gr&uuml;nde. Einer davon ist, dass einige Leitformeln des Neoliberalismus wie Selbstverwirklichung, Eigenverantwortung, Empowerment, Unternehmensgeist, Kreativit&auml;t, Partizipation oder Flexibilit&auml;t ihre Wurzeln in den K&auml;mpfen der sozialen Emanzipationsbewegungen seit den 1960er Jahren haben. Wie vor allem der Soziologe Ulrich Br&ouml;ckling gezeigt hat, haben sich unter den Bedingungen des Neoliberalismus viele kritische Begriffe der Gegenkultur in institutionelle Anforderungen und normative Erwartungen verwandelt &ndash; die Subversion ist zu einer Produktivkraft geworden. Die neoliberale Aufnahme und Umlenkung des Vokabulars unkonventioneller sozialer Schichten kn&uuml;pft also an reale Bed&uuml;rfnisse, Ideale und Lebensentw&uuml;rfe an. So kann es dann scheinen, als m&uuml;ssten die Menschen nicht mehr diszipliniert werden, sondern w&uuml;rden sich selbst verwirklichen; als m&uuml;ssten sie nicht angeleitet werden, sondern w&uuml;rden sich selbst mobilisieren. Es ist daher zu einfach, die neoliberale Wende der Gesellschaft eindimensional in Begriffen eines Verfalls traditioneller Werte zu beschreiben, nach dem Motto: fr&uuml;her war die Welt noch in Ordnung, oder zumindest besser, als sie heute ist. Die neuen technischen Medien etwa, die zur Individualisierung und Flexibilisierung der Arbeitswelt beigetragen haben, er&ouml;ffnen durchaus auch neue Freiheitsspielr&auml;ume und Artikulationsm&ouml;glichkeiten. Auch die f&uuml;r viele Protestkulturen g&auml;ngige Sicht eines Gegensatzes zwischen denen da oben (,den Herrschenden&lsquo;) und denen da unten (,den Beherrschten&lsquo;) greift viel zu kurz &ndash; einmal, weil die Herrschaftsstrukturen den Einzelnen keineswegs &auml;u&szlig;erlich sind, sondern sich in ihrem Verhalten und in ihrer Sprache reproduzieren, und zum andern auch, weil Herrschaft im Kapitalismus nicht auf personale Herrschaft reduziert werden kann.<\/p><p><strong>Fehlt es Journalisten an kritischer Distanz zur Herrschaftssprache?<\/strong><\/p><p>Bei etlichen Debatten kann man diesen Eindruck bekommen. Von Journalisten ist selbstverst&auml;ndlich eine besondere Sensibilit&auml;t f&uuml;r die politische Dimension der Sprache zu erwarten. Wir sollten die Frage aber nicht auf den Journalismus allein, sondern auch auf uns selbst, auf den allt&auml;glichen Sprachgebrauch beziehen. Vielleicht ist der Begriff Herrschaftssprache bereits selbst schon problematisch, weil er nahelegt, dass es sich dabei um etwas handelt, das isoliert werden kann und mit dem eigenen Sprachgebrauch nichts zu tun hat. <\/p><p><strong>Worauf sollten B&uuml;rger, die politische Diskurse verfolgen, denn im Hinblick auf die Sprache achten?<\/strong><\/p><p>Die B&uuml;rger sind ja oft selbst in die politischen Diskurse eingebunden, direkt oder indirekt. Die ,Herrschaftssprache&lsquo;, was immer das genau ist, ist ihnen nicht &auml;u&szlig;erlich, auch wenn die befremdliche Politikerfloskel von &lsquo;den Menschen da drau&szlig;en&rsquo; eine solche Sichtweise befestigt. Sprachkritik sollte also immer auch die Reflexion des eigenen Sprachgebrauchs einschlie&szlig;en. Konkret m&ouml;chte ich vorschlagen, ein spezielles Augenmerk auf den Gebrauch des Wortes ,wir&lsquo; zu werfen und etwa zu fragen, welche Ein- und Ausschlie&szlig;ungen mit diesem Kollektivpronomen jeweils vorgenommen werden, und ob die unterstellte Homogenit&auml;t der Eigen- oder Fremdgruppe nicht eine realit&auml;tswidrige Vereinfachung ist.<\/p><p><em>Anmerkung: 2016 ver&ouml;ffentlichte Falko Schmieder im Suhrkamp Verlag das gemeinsam mit Ernst M&uuml;ller verfasste Buch &bdquo;Begriffsgeschichte und historische Semantik. Ein kritisches Kompendium&ldquo;.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein markantes Zeichen der &sbquo;Herrschaftssprache&lsquo; ist es, dass sie versucht, Herrschaft und Machtverh&auml;ltnisse zu verschleiern. Dies gelingt ihr auf verschiedenen Wegen. Wie der Kulturwissenschaftler <strong>Falko Schmieder<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten aufzeigt, besteht ein Weg der Verschleierung von Herrschaft darin, W&ouml;rter zu gebrauchen, in denen die handelnden Akteure nicht mehr vorkommen. 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