{"id":4257,"date":"2009-10-13T10:41:57","date_gmt":"2009-10-13T08:41:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4257"},"modified":"2014-01-23T12:18:23","modified_gmt":"2014-01-23T11:18:23","slug":"mit-dem-wissen-waechst-der-zweifel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4257","title":{"rendered":"\u201eMit dem Wissen w\u00e4chst der Zweifel\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Auf dieses Wort von Goethe machte mich ein Freund der NachDenkSeiten aufmerksam. Es tut gut, wieder zweifeln zu lernen. Es t&auml;te vor allem dem B&uuml;rgertum, das sich f&uuml;r gebildet h&auml;lt, gut, nicht alles zu glauben, was ihm vorgesetzt wird. Wer die uns umgebenden Manipulationsversuche durchschaut, erkennt mehr und spart die Zeit, falschen Erkl&auml;rungsmustern hinterherzulaufen. Die Diskussion um Jamaika an der Saar ist ein neues gutes Beispiel daf&uuml;r. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><\/p><p>Die Unwissenden &ndash; dazu z&auml;hlen in der heutigen Zeit nicht nur Leser der Bild-Zeitung und Zuschauer von RTL, Pro7 und Sat1, sondern auch die Leser von Zeit, Spiegel, S&uuml;ddeutsche Zeitung und anderer renommierter Bl&auml;tter &ndash; suchen jetzt mit Unterst&uuml;tzung ihrer Leitmedien nach allerlei Erkl&auml;rungsmustern. Sie werden dabei von interessierter Seite, also z.B. von den Gr&uuml;nen an der Saar oder von Andrea Nahles unterst&uuml;tzt: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,druck-654516,00.html\">Wieder einmal ist Lafontaine schuld<\/a>. <\/p><p>Ein bisschen Zweifel t&auml;te da ganz gut, wenn man sich davor bewahren will, zu falschen Analysen verleitet zu werden.<br>\nAn der Entscheidung f&uuml;r eine schwarz-gelb-gr&uuml;ne Koalition an der Saar kann man gut beobachten, welche Bedeutung klug und auch langfristig angelegte Strategien der Meinungsbeeinflussung &ndash; neben der allf&auml;lligen Lobbyarbeit &ndash; f&uuml;r politische Entscheidungen haben. Im konkreten Fall waren dies:<\/p><ol type=\"a\">\n<li>die systematische Stigmatisierung der Linken,<\/li>\n<li>die Verteufelung Lafontaines,<\/li>\n<li>die gekonnt verbreitete Behauptung von der so genannten Sozialdemokratisierung der Union.<\/li>\n<\/ol><p>Dazu kommen dann noch die seit Jahren von den Rechtskonservativen betriebene Lobbyarbeit und Infiltration. Beim Vorsitzenden der saarl&auml;ndischen Gr&uuml;nen war das deutlich sp&uuml;rbar, fr&uuml;her schon bei Christine Scheel, die sogar schon Botschafterin der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft war, des gleichen Oswald Metzger in seiner Zeit als Gr&uuml;ner.<\/p><p>Die Entscheidung der Saar-Gr&uuml;nen, ein B&uuml;ndnis mit der CDU und FDP einzugehen, wurde dar&uuml;ber hinaus durch einen gravierenden strategischen Fehler der SPD erleichtert: Indem sich die SPD inhaltlich immer mehr den konservativen Vorstellungen angepasst hat, wurde sie auch immer weniger unterscheidbar von der Union. Damit hat die SPD selbst die Hemmschwelle zum Umstieg der Gr&uuml;nen zur CDU abgebaut. Dieser strategische Fehler geht bis auf das Jahr 1973 zur&uuml;ck, als die Rechte in der SPD begonnen hat, das soziale und reformerische (im guten Verst&auml;ndnis des Wortes) Image abzubauen. Mit der Agenda 2010, mit der F&ouml;rderung der Finanzindustrie und der Entscheidung f&uuml;r die Beteiligung an milit&auml;rischen Eins&auml;tzen au&szlig;erhalb des NATO-Bereichs und jenseits der Verteidigung hat sich die SPD so sehr dem Erscheinungsbild der konservativen Parteien angen&auml;hert, dass sowohl ihre Attraktivit&auml;t beim W&auml;hler als auch ihre Vorzugsrolle als Partner der Gr&uuml;nen nachhaltig besch&auml;digt wurden.<\/p><p>Das Image der SPD wurde also durch politische Taten besch&auml;digt und der CDU angepasst; zugleich hat die CDU &ndash; siehe oben c. &ndash; systematisch an der Ver&auml;nderung ihres Images in Richtung &bdquo;sozial&ldquo; gearbeitet. Letzteres war vermutlich der entscheidende Faktor f&uuml;r die &Ouml;ffnung der T&uuml;r zwischen Gr&uuml;n und Schwarz &ndash; wie zuvor in Hamburg jetzt auch im Saarland.<\/p><p>Das Spiel wurde in verschiedenen Variationen gespielt. Es wurde und wird behauptet, Angela Merkel habe sich von den neoliberal gepr&auml;gten Leipziger Beschl&uuml;ssen des Jahres 2003 weg bewegt; J&uuml;rgen R&uuml;ttgers l&auml;sst sich als Arbeiterf&uuml;hrer feiern; Gei&szlig;ler tritt Attac bei und wettert gegen Gier und Kapitalismus und lobt dann Angela Merkel. Eine Skizze des strategisch wichtigen Spiels zur Vermittlung des Eindrucks, Angela Merkels CDU sei &bdquo;sozialdemokratisiert&ldquo;, findet sich auf den Seiten 344-351 meines Buches &bdquo;Meinungsmache&ldquo;. Dort beschreibe ich im Kapitel 20, &bdquo;Meinungsmache zur Sicherung von Macht und Einfluss&ldquo;, wie sich die Union gekonnt vielf&auml;ltige W&auml;hlergruppen und zugleich die neue Koalitionsoption Schwarz-Gr&uuml;n erschlossen hat. Weil man das Rad nicht immer wieder neu erfinden muss, f&uuml;ge ich den Text am Schluss an. <\/p><p>Die Strategie der Union, sich das Image einer sozialdemokratischen Partei zu geben, war ausgesprochen erfolgreich. Diese Vorstellung wird inzwischen von vielen, gerade auch im so genannten Bildungsb&uuml;rgertum, geteilt. Sie wird von vielen Medien geteilt und weiterverbreitet. Beispielhaft sei auf zwei Medienprodukte desselben Tages, des 7.10.2009, hingewiesen: einmal auf den Beitrag &bdquo;Rechtsruck? Ach was&ldquo; von Cora Stephan im <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dkultur\/sendungen\/politischesfeuilleton\/1046319\/\">Deutschlandradio Kultur<\/a><\/p><p> Dort hei&szlig;t es:<\/p><blockquote><p><em>Man kann sie alle beruhigen, die nun zittern &ndash; da ja doch &ldquo;die Rechte&rdquo; die Wahl gewonnen habe. Aber woher denn. Angela Merkel hat die Wahl gewonnen, jene Frau, die es geschafft hat, die Christdemokratische Partei Deutschlands in eine aus tiefstem Herzen sozialdemokratische Kraft umzuformen.<\/em><\/p><\/blockquote><p>Das ist toll, aber kaum toller als bei Heribert Prantl in einem <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/769\/490149\/text\/print.html\">Kommentar der S&uuml;ddeutschen Zeitung vom 7.10.<\/a>:<\/p><blockquote><p><em>Die Parteien haben voneinander einiges gelernt. Die CDU von der SPD eher das Richtige; die SPD von der CDU gewiss das Falsche. Die CDU hat seit 2005 ihre Wirtschafts- und Sozialpolitik erfolgreich sozialdemokratisiert; das hat ihr eher gutgetan. Die SPD dagegen hat ihre Parteikultur christdemokratisiert; das hat ihr furchtbar geschadet, das hat sie fast kaputtgemacht.<\/em><\/p><\/blockquote><p>Wenn man sich die Politik der Union mit Angela Merkel in den vergangenen Jahren anschaut &ndash; die gro&szlig;z&uuml;gige Hilfe an die Finanzindustrie, die Verweigerung von allgemeinen Mindestl&ouml;hnen, die Privatisierung von wichtigen &ouml;ffentlichen Einrichtungen, die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren, die Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer und zugleich weitere Senkung der Unternehmenssteuern und so weiter &ndash; wo ist da die Sozialdemokratisierung? Auch bei dem, was jetzt programmatisch f&uuml;r Schwarzgelb in der Zukunft besprochen wird, zeichnet sich diese Sozialdemokratisierung nicht ab. <\/p><p>Wir werden in einer Serie die kommende Programmatik und die Taten von Schwarz-gelb auf die Behauptung von der Sozialdemokratisierung spiegeln: &bdquo;Von wegen Sozialdemokratisierung&ldquo; wird die Serie hei&szlig;en. Von Herzen w&uuml;rden wir &uuml;brigens w&uuml;nschen, diese Serie m&uuml;sste gar nicht beginnen oder gleich wieder einschlafen.<\/p><p><strong>Der kleine Widerhaken im Kopf<\/strong><\/p><p>In den Mails von neuen NachDenkSeiten-Nutzern wie auch in Gespr&auml;chen mit Lesern meiner B&uuml;cher, insbesondere von &bdquo;Meinungsmache&ldquo;, taucht immer wieder ein Motiv auf: wir h&auml;tten ihnen geholfen, wieder zweifeln zu lernen; wir h&auml;tten geholfen, die Welt und vor allem die Medien anders zu sehen. In der Tat: es wird Viele geben, die beispielsweise die Einlassungen von Cora Stephan und Heribert Prantl mit Nicken begleiten, und es wird solche geben, die in diesen Texten das Ergebnis und das Medium bewusst angelegter Strategien der Meinungsbeeinflussung erkennen. Letztere haben eine Art Widerhaken im Kopf. Sie wissen, dass es die bewusst betriebene Manipulation gibt. Die Anderen nehmen quasi alles f&uuml;r bedenkenswert, was ihnen serviert wird. F&uuml;r sie gilt: Wer nicht wahrnimmt, welche Rolle die gezielte Meinungsbeeinflussung spielt, wird viel Zeit mit falschen Analysen vergeuden.<\/p><p>An vielen Beispielen l&auml;sst sich zeigen, wie das Publikum in die beiden Gruppen zerf&auml;llt:<br>\nDie einen glauben zum Beispiel, Peer Steinbr&uuml;ck sei der beste Finanzminister nach Helmut Schmidt gewesen; die andern wissen um seine Verstrickung mit der Finanzindustrie und sehen mit Grausen, dass er zusammen mit Angela Merkel unseren Kindern und Enkeln mit Hunderten von Milliarden f&uuml;r die Banken und Versicherungen eine schwere Last aufgeb&uuml;rdet hat.<\/p><p>Die einen glauben wirklich, der demographische Wandel zwinge zur F&ouml;rderung der Privatvorsorge; die anderen wissen, dass Banken und Versicherungen die demographischen Ver&auml;nderungen missbrauchen, um mit der Angst der Menschen Gesch&auml;fte zu machen.<\/p><p>Die einen glauben, die Schr&ouml;dersche und Merkelsche Reformpolitik h&auml;tte einen Wirtschaftsboom und 2 Millionen neue Arbeitspl&auml;tze gebracht; die andern wissen, dass die neuen Arbeitspl&auml;tze im wesentlichen unw&uuml;rdige Arbeitsverh&auml;ltnisse wie Leiharbeitspl&auml;tze und Minijobs brachten und der angebliche Aufschwung schon vor der Finanzkrise mangels Binnennachfrage zusammenbrach.<\/p><p>In den letzten Tagen sprach ich mit einem Freund, einem gebildeten Menschen und typischen Leser der &bdquo;Zeit&ldquo; &uuml;ber das Problem der &bdquo;Meinungsmache&ldquo;. Ich skizzierte die politischen Entscheidungen und Vorhaben, die dem &ouml;ffentlich bekundeten Image der Sozialdemokratisierung von Frau Merkels Union widersprechen. Und wir sprachen &uuml;ber die tats&auml;chliche Rolle von Peer Steinbr&uuml;ck. Und &uuml;ber das Versagen des so genannten Bildungsb&uuml;rgertums. &bdquo;Vielleicht sollten wir doch mehr wissen&ldquo;, das war sein ermunterndes Res&uuml;mee. Mit dem Wissen w&auml;chst der Zweifel.<\/p><p>Die einen glauben eben daran, die Union habe sich von ihrem neoliberalen Leipziger Glaubensbekenntnis entfernt und sei sozialdemokratisiert; die andern durchschauen das als gelungenen Trick zur Erweiterung des Images und damit auch der Koalitionsoptionen.<\/p><p>Eine Ansammlung der g&auml;ngigen Glaubensmuster finden Sie &uuml;brigens in einem Beitrag des Herausgebers der Zeit, Michael Naumann vom 11. Oktober mit dem Titel <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2009\/42\/SPD?page=all&amp;print=true\"><em>&bdquo;Ein Jahrzehnt. Oder zwei&ldquo;<\/em><\/a>  . Sie m&uuml;ssen dieses &ndash; gut geschriebene &ndash; Dokument des Unwissens nicht unbedingt lesen. Sie sollten sich aber auf jeden Fall das Foto am Beginn des Artikels anschauen. Es zeigt einen Blick ins Willy-Brandt-Haus und auf die Statue Willy Brandts. Die Bildunterschrift lautet: <em>&bdquo;Wohin mit der SPD? Im <strong>Konrad-Adenauer-Haus<\/strong> ber&auml;t man &uuml;ber Umstrukturierungen der Partei&ldquo;<\/em>. Zumindest die Macher der Bildunterschriften bei der Zeit haben verstanden, dass das Hauptelend der SPD ihre Fremdbestimmung ist.<\/p><p>Und jetzt der<br>\n<strong>Auszug aus &bdquo;Meinungsmache&ldquo;, Kapitel 20 &bdquo;Meinungsmache zur Sicherung von Macht und Einfluss&ldquo;, Seite 344-351:<\/strong><br>\n(Dieser Text stammt aus dem Manuskript; er kann in kleinen Details vom gedruckten Text abweichen)  <\/p><p><strong>Wie man Mehrheiten gewinnt<\/strong><\/p><p>Angela Merkel und die Union k&ouml;nnen sicher sein, dass ihre Machterhaltungs- und Machtsicherungsstrategie von den Medien und Meinungsmachern nicht gest&ouml;rt, sondern unterst&uuml;tzt und gef&ouml;rdert wird. Das l&auml;sst sich an zwei zentralen strategischen Linien zeigen:<\/p><ul>\n<li>Anhand der f&uuml;r Volksparteien wichtigen Frage, ob es gelingt, die n&ouml;tige Breite der W&auml;hleransprache zu erreichen und abzusichern.<\/li>\n<li>Anhand der Frage nach der Erweiterung der Koalitionsoptionen.<\/li>\n<\/ul><p>Beide Fragen sind miteinander verbunden. Wie diese Ziele zu erreichen sind, l&auml;sst sich am besten dann nachvollziehen, wenn wir uns in die Rolle von Strategen der Union versetzen.<\/p><p><strong><em>Erstens: Neue W&auml;hlergruppen erschlie&szlig;en<\/em><\/strong><br>\nAls Planer einer Volkspartei wei&szlig; man, dass man den f&uuml;r den F&uuml;hrungsanspruch notwendigen W&auml;hleranteil von 40 Prozent plus nur dann erreicht, wenn man ein breites Spektrum anspricht, den Mittelstand und die sich der Wirtschaft nahe F&uuml;hlenden genauso wie die Arbeitnehmer und ihre Familien; Menschen, die an traditionellen Familienstrukturen h&auml;ngen, genauso wie Personen mit einem emanzipatorischen und individualistischen Lebensstil; Menschen, die den technischen Fortschritt hochhalten und alles realisieren wollen, was m&ouml;glich ist, genauso wie &ouml;kologisch engagierte Kreise.<\/p><p>Als Planer von CDU und CSU wei&szlig; man, dass die andere Volkspartei, die SPD, dann hervorragende Wahlergebnisse erreicht hat, wenn sie diese Breite der Ansprache beherrschte, so zuletzt 1998, als Schr&ouml;der und Lafontaine gemeinsam Wahlkampf machten und der eine, Gerhard Schr&ouml;der, eher die Aufsteiger ansprach, w&auml;hrend der andere, Oskar Lafontaine, eher die an sozialer Gerechtigkeit und an &ouml;kologischer Erneuerung Interessierten ansprach. Auch Helmut Schmidts &auml;u&szlig;erst knapper Wahlsieg von 1976, als Helmut Kohl f&uuml;r die Union 48,6 Prozent erreichte, war der Arbeitsteilung mit dem Parteivorsitzenden Willy Brandt zu verdanken. Wenn es diese Arbeitsteilung zwischen Brandt und Schmidt nicht gegeben h&auml;tte, dann h&auml;tte Helmut Schmidt die Kanzlerschaft schon 1976 an Helmut Kohl verloren. Und das herausragende Ergebnis der SPD von 1972 ist ohne eine breit angelegte Zielgruppenplanung gar nicht denkbar[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Auch die CDU und vor allem die CSU haben ihre gro&szlig;en Erfolge nur dann geschafft, wenn sie &uuml;ber den engeren Bereich traditionell wirtschaftsfreundlicher W&auml;hlerinnen und W&auml;hler hinaus die Arbeitnehmerschaft bis hin zu gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern anzusprechen vermochten. Fr&uuml;her gab es daf&uuml;r einen starken Arbeitnehmerfl&uuml;gel &ndash; lange Zeit versammelt um Hans Katzer, sp&auml;ter um Norbert Bl&uuml;m. Auf dem Leipziger Parteitag im Dezember 2003 jedoch wurde Norbert Bl&uuml;m ausgepfiffen; Angela Merkel und die CDU legten sich auf einen einseitig wirtschaftsfreundlichen, neoliberalen Kurs fest. Das kam beim CDU-Wirtschaftsfl&uuml;gel gut an, aber es war nach Meinung einiger Kenner der Materie eine der Ursachen daf&uuml;r, dass CDU und CSU bei der Bundestagswahl 2005 ihr selbstgestecktes Ziel, gemeinsam mit der FDP die neue Regierung zu bilden, nicht erreichten.<br>\nIn dieser Situation wird man als Planer der CDU\/CSU dringend empfehlen, zumindest eine Imageerweiterung vorzunehmen, die sowohl den sozialen als auch den &ouml;kologischen Bereich umfassen sollte. Als Stratege wird man auch empfehlen, diese Imageerweiterung an Personen festzumachen und zur Erleichterung der Meinungsbildung Konflikte zwischen einzelnen Personen und Gruppen zuzulassen. Als Zuschauer und Zuh&ouml;rer kennen wir die Ergebnisse dieser strategischen Planung:<\/p><ul>\n<li>Angela Merkel und eine Reihe anderer Unionspolitiker kritisieren laut und mit harten Worten &bdquo;den Kapitalismus&ldquo;. Das kommt bei Linken gut an, auch bei solchen innerhalb der Gr&uuml;nen. Taten m&uuml;ssen daraus nicht folgen.\n<\/li>\n<li>Sie beschweren sich lautstark &uuml;ber die &bdquo;Gier&ldquo; der Manager und der Spitzenverdiener. Das hindert sie aber nicht daran, sich gegen die Einf&uuml;hrung von allgemein geltenden Mindestl&ouml;hnen zu stellen, Hedgefonds weiter steuerbefreit T&uuml;r und Tor zu &ouml;ffnen, gro&szlig;en Verm&ouml;gen mit einer Erbschaftssteuerreform noch mehr unter die Arme zu greifen und zu Lasten der Steuerzahler die Wettschulden der Banken zu &uuml;bernehmen.\n<\/li>\n<li>J&uuml;rgen R&uuml;ttgers, der Ministerpr&auml;sident von Nordrhein-Westfalen, profiliert sich als Arbeiterf&uuml;hrer, er macht Vorschl&auml;ge f&uuml;r eine Verl&auml;ngerung des Arbeitslosengelds. Zwischen Merkel und R&uuml;ttgers gibt es Streit, Merkel beklagt sich &uuml;ber R&uuml;ttgers. Das l&auml;uft zwar der g&auml;ngigen Meinung zuwider, f&uuml;r den Erfolg einer Volkspartei sei Geschlossenheit das Wichtigste, aber es hilft der Profilierung. Im Konflikt mit R&uuml;ttgers genauso wie im Konflikt mit der CSU.\n<\/li>\n<li>Angela Merkel profiliert sich als Klimasch&uuml;tzerin. Sie reist zum Nordpol und empf&auml;ngt Al Gore. Das kostet nichts. Ansonsten werden Stra&szlig;en gebaut, Autobahnen privatisiert und erweitert und die Bahn aus der Verpflichtung entlassen, die &ouml;kologisch wichtige fl&auml;chendeckende Versorgung sicherzustellen. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung f&uuml;r Pkws und die naheliegende und notwendige Kerosinbesteuerung f&uuml;r Flugzeuge gibt es in Deutschland auch nicht.\n<\/li>\n<li>Die Bundeskanzlerin profiliert sich als Menschenrechtlerin, beklagt sich &uuml;ber China, empf&auml;ngt den Dalai Lama und parliert mit Alice Schwarzer &ndash; alles wichtige Signale mit Blick auf bisher der Union wenig geneigte Zielgruppen.\n<\/li>\n<\/ul><p>Die Image-Erweiterung der Union seit dem Leipziger Parteitag vom Dezember 2003 ist professionell gemacht und sehr erfolgreich. Es waren zwar auch einige sachliche Korrekturen notwendig wie etwa beim Arbeitslosengeld I, aber diese Korrekturen betrafen nie den Kern der eigenen Position. Trotzdem  hat es die Union erreicht, dass gesagt und geglaubt wird, Angela Merkel und ihre Partei h&auml;tten sich von Leipzig wegbewegt, der Dresdner Parteitag von 2007 habe die &bdquo;R&uuml;ckwende zum Sozialen&ldquo; eingeleitet, wie die FAS schreibt.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Das geht so weit, dass einige Wissenschaftler und auch Vertreter der Jungen Union warnend von einer Sozialdemokratisierung der Union sprechen. Und Friedrich Merz gei&szlig;elt den angeblichen Linksruck der Union. [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p><p>Doch all das ist nicht das Spiegelbild der faktischen Politik, es sind Ergebnisse von Meinungsmache. Die politische Realit&auml;t ist gekennzeichnet von Mehrwertsteuererh&ouml;hung und Unternehmensteuersenkungen, von Privatisierung und Ausverkauf, von H&auml;rte gegen&uuml;ber den Schw&auml;cheren, von der Auslieferung unserer Universit&auml;ten an die Wirtschaft und von Rettungsschirmen f&uuml;r die Gro&szlig;en der Finanzindustrie. An der Agenda 2010 wird nur verbal ger&uuml;ttelt. Tats&auml;chlich stehen vermutlich neue Reformen dieser Art ins Haus. Tats&auml;chlich hat die Regierung Merkel nichts getan zur besseren Kontrolle von Hedgefonds und der anderen gro&szlig;en Finanzgruppen. Ganz im Gegenteil: Sie werden weiter gef&ouml;rdert. Man hat den Eindruck, dass die Finanzwirtschaft nicht nur nahe am Ohr des sozialdemokratischen Finanzministers, sondern auch an dem der Bundeskanzlerin ist.<\/p><p><em>&bdquo;Ist Leipzig Geschichte?&ldquo;<\/em> fragte die Zeit in einem Bericht &uuml;ber den Dresdner Parteitag.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Der Vorsitzende des Wirtschaftsrats der Union, Kurt Lauk, antwortete: &bdquo;So ein Quatsch!&ldquo; Eine Abkehr von Leipzig? &bdquo;Schauen Sie doch mal in den Leitantrag, den die CDU auf diesem Parteitag verabschiedet hat!&ldquo; Der sei ein Spiegelbild der Forderungen des Wirtschaftsrats. Das w&uuml;rde man bei der ganzen Sozialrhetorik blo&szlig; nicht so mitbekommen, berichtete die Zeit.<\/p><p>An den &Auml;u&szlig;erungen und Aktionen eines der Strategen der Union, von Heiner Gei&szlig;ler, werden die Konzeption und der Erfolg der Strategie des breiten Auftritts besonders deutlich: So ist Gei&szlig;ler zum Beispiel 2007 der Organisation attac beigetreten und hat wenig sp&auml;ter verlautbart, die Ziele von attac und von Angela Merkel seien identisch. Damit hat er den Aktionsradius der Bundeskanzlerin erweitert und ihr ein Terrain von Personen und Gruppen zug&auml;nglich gemacht, das ihr und der Union bisher verschlossen war.<\/p><p>Gei&szlig;ler betreibt diese Strategie zur Image-Erweiterung f&uuml;r seine Partei konsequent und mit bemerkenswerter Phantasie. In einem Interview mit der S&uuml;ddeutschen Zeitung beispielsweise sagte er, Schr&ouml;der habe mit der Agendapolitik die Seele der SPD verkauft, die Agenda 2010 habe Millionen Menschen enteignet und arm gemacht, und es sei Schr&ouml;der und nicht Oskar Lafontaine, der daf&uuml;r gesorgt habe. Der Kapitalismus sei nicht die Wirtschaftsform des Grundgesetzes, meinte Gei&szlig;ler, er k&ouml;nne sich einen humanen Sozialismus vorstellen; seine Parole f&uuml;r die Union w&auml;re &bdquo;Solidarit&auml;t statt Kapitalismus&ldquo;.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Nach der Lekt&uuml;re solcher S&auml;tze wundere ich mich nicht mehr sehr dar&uuml;ber, dass ein so kritischer Zeitgenosse wie G&uuml;nter Wallraff sagt, er stimme heute in vielen Dingen politisch mit Heiner Gei&szlig;ler &uuml;berein.<\/p><p>Dass auch G&uuml;nter Wallraff von R&uuml;ttgers &bdquo;sozialen Vorschl&auml;gen&ldquo; spricht, zeigt, wie erfolgreich die Imagepr&auml;gung ist.<br>\nWelche Politik tats&auml;chlich realisiert wird, zeigen dagegen die unverbl&uuml;mten &Auml;u&szlig;erungen von Innenminister Wolfgang Sch&auml;uble:<\/p><blockquote><p><em>CDU-Pr&auml;sidiumsmitglied Wolfgang Sch&auml;uble sagte, das Thema soziale Gerechtigkeit sei zwar bedeutsam, m&uuml;sse aber &sbquo;in der globalen Perspektive&rsquo; gesehen werden. Der Bundesinnenminister f&uuml;gte hinzu: &sbquo;Nat&uuml;rlich ist die Spanne zwischen denen, die bei uns nicht ruhig schlafen k&ouml;nnen, weil sie f&uuml;r ihr ererbtes Millionenverm&ouml;gen Steuern zahlen m&uuml;ssen, und denen, die mit Hartz IV auskommen sollen, gewaltig. Aber wenn wir uns anschauen, wie die Lebenschancen f&uuml;r Chinesen, f&uuml;r Inder oder f&uuml;r S&uuml;damerikaner sind, relativiert sich das.[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]<\/em><\/p><\/blockquote><p>Gei&szlig;ler ist ein exzellentes Demonstrationsobjekt f&uuml;r die Strategie, eine Volkspartei breiter aufzustellen. Man hat den Eindruck, die Medien und die sonstigen Beobachter vor allem in der Wissenschaft haben ihre Freude an dieser gekonnten Wahlkampfstrategie. Die eigentlichen Gr&ouml;&szlig;en im Hintergrund, die Vertreter des Wirtschaftsrats der Union und der Wirtschaft insgesamt, wissen sehr genau, dass es in ihrem Interesse ist, wenn die Union ihr Image in Richtung Soziales und &Ouml;kologisches erweitert und zugleich mit wenigen Abstrichen jene Politik macht, die in ihrem und insbesondere im Interesse der nationalen und internationalen Finanzwirtschaft ist.<\/p><p><strong><em>Zweitens: Neue Koalitionsoptionen erschlie&szlig;en<\/em><\/strong><br>\nGelingt diese Strategie zur breiten personellen und programmatischen Aufstellung und die gezielte Ansprache des Multiplikatoren- und W&auml;hlerpotentials links von der Union, ist damit zugleich die Grundlage f&uuml;r eine neue Koalitionsstrategie geschaffen, die in Hamburg schon realisiert worden ist: Die Verbreiterung des Images zielt auch darauf, die Bildung von schwarz-gr&uuml;nen Koalitionen zu erleichtern f&uuml;r den Fall, dass es mit der FDP alleine nicht reicht. Um schwarz-gr&uuml;ne Koalitionen zu erm&ouml;glichen, m&uuml;ssen Br&uuml;cken im &ouml;kologischen und im sozialen Bereich geschlagen werden. Die Doppelstrategie der Union, einerseits die Sozialdemokratie voll f&uuml;r die Agenda 2010 und die unseligen Reformen haftbar zu machen und andererseits mit Hilfe von R&uuml;ttgers, Gei&szlig;ler und der CSU selbst ein soziales Image aufzubauen, dient diesem Zweck.<\/p><p>F&uuml;r die einst undenkbare Koalition aus Schwarz und Gr&uuml;n haben nicht nur die genannten Personen Vorarbeit geleistet. Andere waren im Hintergrund damit besch&auml;ftigt, diese neue Koalitionsoption zu &ouml;ffnen. Zum Beispiel der fr&uuml;here Abteilungsleiter beim CDU-Vorstand und Mitarbeiter Gei&szlig;lers in dessen Zeit als Generalsekret&auml;r, Warnfried Dettling, der mit seinen Artikeln &ndash; oft in der taz &ndash; in das linke und gr&uuml;ne W&auml;hlerpotential hineinwirkt. Oder der Politikwissenschaftler Joachim Raschke, der mit mehreren Beitr&auml;gen Schwarz-Gr&uuml;n in Hamburg mit vorbereitet hat. Als besonderes Pr&auml;dikat einer schwarz-gr&uuml;nen Koalition hat Raschke herausgestellt, dass sich die beiden Parteien deutlich unterscheiden. Nach dieser neuen Theorie kommt es also bei Koalitionsbildungen nicht auf m&ouml;glichst viele Gemeinsamkeiten und Schnittmengen an, sondern man muss sich erg&auml;nzen. Wenn man dieses Argument ein paarmal herumdreht, dann wirkt es sogar schl&uuml;ssig. Jedenfalls nach einem ordentlichen Quantum Meinungsmache.<\/p><p>Ohne vorbereitende Meinungsbildung w&auml;re der Br&uuml;ckenschlag von Hamburg nicht m&ouml;glich gewesen und w&auml;ren auch weitere Br&uuml;ckenschl&auml;ge nicht m&ouml;glich. Wie gro&szlig; die Rolle der Meinungsmache im Vorfeld solcher politischen Entwicklungen ist, kommt einem erst dann so richtig zu Bewusstsein, wenn man sich die Gegenseite anschaut: die Optionsverengung auf Seiten der SPD und den Niedergang der SPD und ihres Personals bei Wahlen und Umfragen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Eine Analyse dieser Zielgruppenplanung &ndash; sp&auml;ter &bdquo;Scheibchenmodell&ldquo; genannt &ndash; findet sich in Albrecht M&uuml;ller: <em>Willy w&auml;hlen &rsquo;72<\/em>, Annweiler 1997, S. 138 ff.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 26.11.2006<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Spiegel-Online vom 23.4.2008<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Die Zeit vom 4.12.2008<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 14.7.2008<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] PR inside vom 16.7.2008<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dieses Wort von Goethe machte mich ein Freund der NachDenkSeiten aufmerksam. Es tut gut, wieder zweifeln zu lernen. Es t&auml;te vor allem dem B&uuml;rgertum, das sich f&uuml;r gebildet h&auml;lt, gut, nicht alles zu glauben, was ihm vorgesetzt wird. Wer die uns umgebenden Manipulationsversuche durchschaut, erkennt mehr und spart die Zeit, falschen Erkl&auml;rungsmustern hinterherzulaufen. 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