{"id":42576,"date":"2018-02-25T11:30:29","date_gmt":"2018-02-25T10:30:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42576"},"modified":"2018-12-30T16:01:45","modified_gmt":"2018-12-30T15:01:45","slug":"osorno-familie-von-storch-und-der-braune-fleck-auf-chiles-landkarte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42576","title":{"rendered":"Osorno, Familie von Storch und der braune Fleck auf Chiles Landkarte"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180225-Osorno-01_.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>&bdquo;<strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong> berichtet f&uuml;r NachDenkSeiten exklusiv aus S&uuml;damerika. F&uuml;r seinen aktuellen Artikel hat er sich einmal in einer ganz besonderen Stadt in seiner Wahlheimat Chile umgeschaut. Die s&uuml;dchilenische Stadt Osorno gilt seit der Besiedlung als eine Art deutsche Kolonie und ist heute noch durch deutsche Einwanderer gepr&auml;gt. Ein ehemaliger Bewohner Osornos mischt sogar sehr aktiv in der deutschen Politik mit &ndash; der rechte Medienunternehmen Sven von Storch, dessen Ehefrau Beatrix von Storch zum F&uuml;hrungszirkel der AfD geh&ouml;rt. Ein Geschichte &uuml;ber Aussiedler, M&ouml;rder, Folterknechte und das &bdquo;Deutschtum&ldquo; fern der Heimat.<br>\n<!--more--><br>\nWarum interessieren Sie diese F&auml;lle?&ldquo;, fragte mich Pfarrer Vinzenz Gottschalk. Seine Gabel mit einem aufgespie&szlig;ten St&uuml;ck Fisch hielt inne zwischen Teller und seinem Mund. Er schaute mich herausfordernd an. Bevor ich antwortete, schob er warnend nach:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das ist n&auml;mlich gef&auml;hrlich, <em>die<\/em> zaudern nicht, Leute umzubringen, die ihnen in die Quere kommen!&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Wir sa&szlig;en im kleinen Esszimmer neben der K&uuml;che der Pfarrei El Buen Pastor, in einem Au&szlig;enbezirk Osornos, rund 1.000 Kilometer s&uuml;dlich von Santiago de Chile. Gottschalk hatte auf mich zum Mittagessen gewartet. Ich kam von Dreharbeiten auf der 300 Kilometer s&uuml;dlicher gelegenen, malerischen Insel Chilo&eacute;.<\/p><p><strong>Der lange Arm der Colonia Dignidad in Osorno<\/strong><\/p><p>Grund meiner Reiseunterbrechung in Osorno, auf dem Weg nach Concepci&oacute;n, war eine Notiz, &uuml;ber die ich im Internet gestolpert war. Darin hatte Gottschalk ein niederl&auml;ndisches Ehepaar darauf hingewiesen, dass ihr Sohn &ndash; der im Jahr 1985 angeblich beim Ersteigen des Vulkans Osorno verschwundene, 18-j&auml;hrige holl&auml;ndische Tourist Maarten Melle Visser &ndash; allen Anzeichen nach von H&auml;schern der Colonia Dignidad entf&uuml;hrt und umgebracht worden sei.<\/p><p>Es gab allerdings noch ein zweites ungel&ouml;stes R&auml;tsel, das mich zum Besuch Gottschalks angetrieben hatte. Hans Buss, ein geheimnisumwitterter, angeblicher Beamter der deutschen Botschaft in Santiago de Chile, war ebenfalls in Osorno verschwunden. W&auml;hrend eines Kurzurlaubes in der Gegend hatte sich Buss am 19. Dezember 1989 von seiner Familie am Hotelempfang verabschiedet und war zu einer risikolosen Alleinbesteigung des 2.200 Meter hohen und zu dieser Jahreszeit schnee- und eisfreien Vulkans Casablanca, 77 Kilometer von Osorno entfernt, aufgebrochen, von der er nie mehr zur&uuml;ckkehrte. Pfarrer Gottschalk hatte der Witwe Buss&acute; erz&auml;hlt, dass er w&auml;hrend einer Beichte Hinweise &uuml;ber den &bdquo;langen Arm von Colonia Dignidad&ldquo; und den Aufenthaltsort des Beamten erhalten habe.<\/p><p>Die mutma&szlig;liche Entf&uuml;hrung der beiden Europ&auml;er zeigte allerdings &Auml;hnlichkeiten mit dem modus operandi bei der im Januar 1985 erfolgten Festnahme des US-Amerikaners Boris Weisfeiler unweit von Parral, dem Sitz von Colonia Dignidad. Weisfeiler wurde von einer Patrouille des chilenischen Milit&auml;rs zur deutschen Sekten-Kolonie verschleppt, wo seine Spuren f&uuml;r immer erloschen.<\/p><p>In allen drei F&auml;llen sollen nach Auskunft von Informanten der deutschen Sekte die Opfer der &bdquo;Spionage&ldquo; beschuldigt und im Verh&ouml;r brutal misshandelt worden sein. In der Beschreibung des zwischenzeitlich verstorbenen deutschen Journalisten Gero Gemballa wird Hans Buss als konservativer und unbestechlicher Beamter erw&auml;hnt, der jedoch nicht mit den offiziellen Berichten der Botschaft an das Ausw&auml;rtige Amt einverstanden war, denen er angeblich als &bdquo;Spion der DDR&ldquo; bekannt gewesen sei. Gemballa will ermittelt haben, dass Buss deshalb eine inoffizielle Dokumentation &uuml;ber die stets systematisch geleugneten Verbrechen auf Colonia Dignidad erstellt hatte und damit in den Augen der Sektenf&uuml;hrer sein Todesurteil unterschrieben hatte. Die Angaben Gemballas wurden Jahre sp&auml;ter von Informanten meiner chilenischen Kollegin Pascal Bonnefoy Miralles best&auml;tigt (El ocaso de Colonia Dignidad &ndash; La Naci&oacute;n, 02. Oktober 2004). Einer der Dignidad-Whistleblower beschrieb sich als &bdquo;vereidigter Feldh&uuml;ter&ldquo; und den vor der chilenischen Justiz fl&uuml;chtigen, seit Jahren in Deutschland unbestraft lebenden und erst 2017 erstinstanzlich zu 5 Jahren Haftstrafe verurteilten Kolonie-Arzt Hartmut Hopp als seinen Chef.<\/p><p>Unter dem Aktenzeichen &bdquo;Vulkan Osorno&ldquo; ruhen am Landgericht im s&uuml;dchilenischen Valdivia die in den 1990-er Jahren von Bundesrichter Juan Guzm&aacute;n eingeleiteten Ermittlungen in der Causa Visser. Auch nach mehr als 30 Jahren ist der Fall keineswegs abgeschlossen.<\/p><p>Am Fall Buss erstaunte mich wiederum, dass die deutsche Botschaft in Santiago sich niemals zu dem verschollenen Beamten oder &bdquo;Spion&ldquo; &auml;u&szlig;erte. Doch darf vermutet werden, dass mit aller Wahrscheinlichkeit der Aktenkeller des Geheimdienstes BND eine Erkl&auml;rung verborgen h&auml;lt, wo ungeahnter Sprengstoff nicht nur &uuml;ber die Geheimnisse der m&ouml;rderischen Sekte, sondern auch &uuml;ber den BND als Mitwisser lauern.<\/p><p>Was hatten jedoch die Schergen von Colonia Dignidad im s&uuml;dlichen, 600 Kilometer entfernten Osorno zu suchen? Den Hintergrund bildete allen Anzeichen nach die Gefahr eines Krieges gegen Argentinien wegen dem Beagle-Kanal in Feuerland. Getrennte Aussagen hochrangiger F&uuml;hrer der deutschen Sekte best&auml;tigten, dass zwischen 1977 und 1978 Paul Sch&auml;fer mit der chilenischen Armee eine Geheimvereinbarung zum Schutz strategisch relevanter Grenzgebiete getroffen hatte. Die damit errichtete Sicherheitszone wurde &uuml;ber mehrere hundert Kilometer entlang des Anden-Massivs ausgedehnt. Am Sitz der Sekten-Kolonie suchte derweil ein leistungsf&auml;higer Radarschirm die Andenh&auml;nge nach Fremden im &bdquo;Sperrgel&auml;nde&ldquo; ab, die von entsendeten Posten in der Umgebung Osornos als &bdquo;Spione&ldquo; oder &bdquo;Guerilleros&ldquo; verhaftet und nach Dignidad verschleppt wurden. <\/p><p><strong>Deutsche Pfarrer: Personae non gratae in der deutschen Gemeinde<\/strong><\/p><p>Den Kontakt zu dem aus Oppum bei Krefeld stammenden Pfarrer Gottschalk, der nur ungern E-Mails schreibt und das Telefon scheut, hatte allerdings sein Kollege, der aus Schlesien stammende und in Hessen aufgewachsene Pfarrer Peter Kliegel hergestellt. Beide kamen vor mehr als 50 Jahren nach Osorno und hatten so manche Schwierigkeit mit der Pinochet-Diktatur, die sie jedoch als gefeierte Helden der Minderbemittelten &uuml;berstanden.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180225-Osorno-02_.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Mit Spenden aus dem Oppumer Kreis, Benefizkonzerten der bekannten Cellistin Maria Kliegel, &bdquo;sehr viel Gottvertrauen&rdquo;, wie Gottschalk spa&szlig;t, vor allem jedoch mit der unerm&uuml;dlichen Eigenarbeit chilenischer Slumbewohner gelang den beiden Priestern mit rund 481 H&auml;usern &ndash; darunter Schulen, Jugendd&ouml;rfern und Kirchen &ndash; der Bau eines ganzen Stadtteils in Osorno. Eine Schule f&uuml;r Tanz und Musik komplettierte das Mammutwerk um die chilenische &bdquo;Maximilian-Kolbe-Siedlung&ldquo;, die mit ihrem Namen des in Auschwitz ermordeten Paters Maximilian Kolbe gedachte.<\/p><p>Sp&auml;testens 2010 hatte sich der Einsatz Gottschalks und Kliegels f&uuml;r die &Auml;rmsten der Armen bis zum ARD-Fernsehkanal Phoenix herumgesprochen, der dem Duo die Dokumentation &bdquo;<a href=\"http:\/\/programm.ard.de\/TV\/phoenix\/der-haeuslebauer-am-ende-der-welt\/eid_287255999405764\">Der H&auml;uslebauer am Ende der Welt<\/a>&ldquo; widmete. Im Oktober 2017 wurde in Wiesbaden dem 78-j&auml;hrigen Pfarrer Kliegel das Bundesverdienstkreuz verliehen, der im Anschluss mit Familie und Freunden seinen 50. Weihetag in Dillenburg feierte.<\/p><p>Als Dank f&uuml;r sein Engagement erhielt Kliegel die chilenische Staatsb&uuml;rgerschaft. Auf der Suche nach einem neuen Weg m&uuml;ssten die Menschen aufeinander zugehen und dann eine gemeinsame Welt aufbauen, fordert der Pfarrer, der vor wenigen Tagen einen offenen Brief an die katholische Kirchenhierarchie verfasste.<\/p><p>&bdquo;Ich habe nicht das Recht, jemanden zu richten, doch die un&uuml;berh&ouml;rbaren Rufe der Opfer sexuellen Missbrauchs nicht zu ber&uuml;cksichtigen und nicht die entsprechenden Ma&szlig;nahmen zu ergreifen, ist eine gravierende Angelegenheit&ldquo;, schrieb er als Protest gegen die Inschutznahme des Bischofs von Osorno, Juan Barros, durch Papst Franziskus. Der Bischof war bekanntlich Zeuge zahlreicher sexueller &Uuml;bergriffe des ber&uuml;chtigten Paters Fernando Karadima.<\/p><p><strong>Die von Storchs und das &bdquo;Deutschtum&ldquo; in Osorno<\/strong><\/p><p>Doch was haben diese Horrorgeschichten mit der Familie von Storch zu tun? Ein Leser der NachDenkSeiten hatte u.a. die wohltemperierte Chronik Patrizia Troleses &bdquo;<a href=\"https:\/\/trolesememoiren.wordpress.com\/2017\/11\/15\/die-blaubluetigen-schlaefer-um-beatrix-von-storch\/\">Die &bdquo;blaubl&uuml;tigen Schl&auml;fer&ldquo; um Beatrix von Storch<\/a>&ldquo; gelesen und angefragt, ob Familie von Storch in die Nazi-Umtriebe im Chile der 1930-er Jahre und die Verbrechen der Diktatur Augusto Pinochets involviert sei.<\/p><p>Nach Darstellung Sven Andreas von Storchs &ndash; seit 2010 Ehemann Beatrix Amelie Ehrengard Eilika von Storchs, geborene Herzogin von Oldenburg und &bdquo;durchlauchtes&ldquo; Gr&uuml;ndungsmitglied der AfD &ndash; soll, ganz im Gegenteil, seine Familie ein Opfer der Nazis gewesen sein und er verweist auf seinen Gro&szlig;vater, der wegen seiner ablehnenden Haltung zum Nationalsozialismus mit dem Konzentrationslager bestraft worden sei. Doch nach Kriegsende wurden die von Storchs auch zum Opfer der sowjetischen und k&uuml;nftigen DDR-Beh&ouml;rden, die ihren angestammten Besitz in Mecklenburg enteigneten. Das sei 1945 der Grund f&uuml;r die Auswanderung seiner Familie nach Chile gewesen.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseite.de\/upload\/bilder\/180225-Osorno-03_.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Sven von Storch wurde 1970 in Osorno geboren und war gerade drei Jahre alt, als die Streitkr&auml;fte und die ultrakonservative Landes-Elite mit ihren Medien am 11. September 1973 gegen die demokratisch gew&auml;hlte und handelnde Regierung Salvador Allendes putschten. Doch warum lie&szlig;en die von Storchs sich ausgerechnet in Osorno nieder?<\/p><p>Osorno wurde 1558 vom spanischen Statthalter Garc&iacute;a Hurtado de Mendoza gegr&uuml;ndet, der den Ort in Gedenken an seinen Gro&szlig;vater, Graf von Osorno, einem Landkreis n&ouml;rdlich Valencias, taufte. Abgesehen von Seer&auml;uber-&Uuml;berf&auml;llen und einem Ansturm von 8.000 Huilliche-Ureinwohnern unter F&uuml;hrung von H&auml;uptling Pelantaro, pflegte der Ort unweit der Ufer des Pazifiks einen dreihundert Jahre langen Dornr&ouml;schen-Schlaf, bis das unabh&auml;ngige Chile gegen Mitte des 19. Jh. ein Kolonisierungs-Gesetz erlie&szlig; und in Europa Siedler anlockte. Dem Ruf waren 1846 zun&auml;chst 9 Familien aus Kassel und Rotenburg an der Fulda gefolgt.<\/p><p>Weniger als 20 Jahre sp&auml;ter lebten in Osorno 2.000 Einwohner, darunter 600 Deutsche. Gerbereien, Destillen, Brauereien (Aubel, 1892), &Ouml;l- und Weizenm&uuml;hlen, Apotheken und Hotels schossen aus dem Boden. Das erste Dampfschiff auf dem Rahue-Strom legte 1877 in Osorno an und sein Horn signalisierte den Auftakt zum erbarmungslosen Einschlag des pazifischen Regenwalds. Deutsche B&uuml;rgermeister traten in Erscheinung, die freiwillige Feuerwehr, die deutsche Schule und der Deutsche Verein wurden gegr&uuml;ndet.<\/p><p>Mit der expandierenden Holzindustrie, wegen der N&auml;he zum Pazifik und der unmittelbaren Nachbarschaft zu Argentinien, war Osorno bald intensiver mit der Au&szlig;enwelt als mit dem &uuml;brigen Chile, geschweige denn mit der 1.000 Kilometer entfernten Hauptstadt Santiago, verbunden. Der Boom an Chiles patagonischer Seenplatte, genannt Los Lagos, sprach sich bald in deutschen Landen herum. Es kamen die Ansorges, Gruenwalds, Haentschels, Kiesslings, Schillings, Wedekinds und Zeidlers.<\/p><p>&bdquo;Wir werden ehrenwerte und flei&szlig;ige Chilenen wie jeder eingeborene Landsmann sein. Wir werden unsere Wahlheimat sch&uuml;tzen, uns gegen alle ausl&auml;ndische Unterdr&uuml;ckung und mit der Entschlossenheit und Standhaftigkeit des Mannes, der sein Land, seine Familie und seine Interessen verteidigt, den Reihen unserer neuen Landsleute anschlie&szlig;en. Niemals wird dieses Land, das uns als seine Kinder adoptiert, Gr&uuml;nde haben, sein [&hellip;] menschliches und gro&szlig;z&uuml;giges Verhalten zu bereuen!&rdquo;, hatte Karl Anwandter, Begr&uuml;nder der ber&uuml;hmten Brauerei bei Valdivia, am 18. November 1851 seinen ersten Miteinwanderern gepredigt. Das Gel&uuml;bde hatte jedenfalls den Klang eines Ehe-Schwurs des mitteldeutschen Patriotismus mit dem aufkommenden chilenischen Chauvinismus.<\/p><p><strong>Wie Osorno einen gewissen &bdquo;Reed Rosas&ldquo; versteckte<\/strong><\/p><p>Osorno wurde bald nicht unwesentlich vom verarmten hessischen Adel gepr&auml;gt. Zum Beispiel von den von Geysos. Die Geschichte ist bekannt.<\/p><p>Nach der Seeschlacht von Coronel am 1. November 1914 &ndash; als Graf von Spees kaiserliche Seeflotte eine britische Staffel versenkt, jedoch umgekehrt vor den Malvinen-Inseln am 8. Dezember 1914 besiegt wird &ndash; versteckt sich als einziges &uuml;berlebendes Schiff der leichte Kreuzer <em>MS Dresden<\/em> monatelang in s&uuml;dchilenischen Fjorden, bis es schlie&szlig;lich mit Kurs auf den Archipel Juan Fern&aacute;ndez von der lauernden britischen Armada eingekesselt wird. Kapit&auml;n Fritz L&uuml;decke befehligt seine 360 Offiziere und Matrosen an Land und l&auml;sst die Dresden vor den Augen der verbl&uuml;fften Briten in die Luft sprengen und versenken.<\/p><p>Halb als Kriegsgefangene, halb als willkommene G&auml;ste, wird die Besatzung der Dresden aufs Festland transportiert und bis Ende des Ersten Weltkrieges auf der Insel Quiriquina, 450 Kilometer s&uuml;dlich von Santiago, interniert. Unter den &bdquo;gastierenden&ldquo; Gefangenen: der Nachrichtendienst-Offizier Wilhelm Canaris. Im Besitz eines legalen chilenischen Reisepasses, der ihm von Agenten der deutschen Botschaft in Buenos Aires besorgt worden war, gelingt Canaris am 6. August 1915 die Flucht mit dem Zug nach Osorno. Mit dem Alias &bdquo;Reed Rosas&ldquo; und ausgezeichneten Spanisch-Kenntnissen betritt Canaris als unauff&auml;lliger Handelsreisender angels&auml;chsischer Herkunft s&uuml;dchilenischen Boden und wird monatelang in der Villa der von Geysos verstecktgehalten.<\/p><p>Von Osorno bis Bariloche, an den argentinischen Andenh&auml;ngen, hatten einflussreiche deutsche Einwanderer f&uuml;r Canaris ein wirksames Fluchthelfer-Netz gesponnen. Unter Anleitung von Geysos tauchten &bdquo;Reed Rosas&ldquo; und neu dazugesto&szlig;ene Kameraden auf dem Gut der Familie Eggers in Puyehue unter, wo sie sich auf die &Uuml;berquerung der Anden, zu Fu&szlig; und auf Pferden, vorbereiteten. Auf der argentinischen Seite angekommen, erwartete sie ein anderes Mitglied der Familie Eggers am Ufer des Nahuel-Huapi-Sees. Dem Boot entstiegen, das sie nach San Carlos de Bariloche gebracht hatte, wurden die MS-Dresden-Fl&uuml;chtlinge auf dem Landgut Ludwig von B&uuml;lows vom deutschen Konsul Karl Wiederhold empfangen, der Canaris nach Buenos Aires schleuste und auf einem niederl&auml;ndischen Frachter unterbrachte, von dem er in Rotterdam von Bord ging und trotz anhaltendem Krieg unversehrt Deutschland erreichte.<\/p><p>Das &Uuml;brige zur Biografie des legend&auml;ren Chefs der Abwehr ist belesenen Deutschen bekannt, nicht aber, dass es Canaris dank seiner ausgezeichneten Kontakte nach Spanien, Argentinien und Chile gelang, hier vor und w&auml;hrend des Zweiten Weltkrieges eines der beachtlichsten Spionage-Netze mit aktiver Beteiligung der Nachkommen deutscher Einwanderer zu spinnen, zu denen sich nach Kriegsende allerdings eine Gro&szlig;zahl fl&uuml;chtiger Nazis gesellten. Wie Patrizia Trolese richtig vermutete, mutierte Osorno damit zur Hochburg der Exildeutschen, wo auch &bdquo;der alte reaktion&auml;re Geist des ostelbischen Adels konserviert&ldquo; blieb.<\/p><p>Verblasste Fotos aus der Vor- und Nachkriegszeit in S&uuml;dchile zeigen gehisste Hakenkreuz-Fahnen &uuml;ber dem Deutschen Institut in Osorno und Umz&uuml;ge des nationalsozialistischen &ldquo;Deutschen Jugendbundes&rdquo; in einschl&auml;giger Nazi-Uniform im benachbarten Valdivia. Pfarrer Kliegel best&auml;tigt den braunen Sumpf aus eigener Anschauung. Als er 1966 sein Priesteramt in Osorno antrat, hatte er die Idee zu einer Ausstellung &uuml;ber die Geschichte der deutschen Siedlungen. Als er auf dem verstaubten Dachboden der deutschen Schule nach historischen Unterlagen suchte, verschlug ihm ein Bild die Sprache:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Da stand doch tats&auml;chlich die versammelte Gemeinde stramm in SA-Uniform! Das Bild war als Plakat aufgerastert, 2 mal 1 Meter gro&szlig;!&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Kliegels und seines Pfarrei-Kollegen, Vinzenz Gottschalk, tiefe Abneigung gegen die Nazi-Vergangenheit brachte sie in Verruf unter den Deutschst&auml;mmigen Osornos. &bdquo;Bei denen haben wir&lsquo;s versch&hellip;ssen!&ldquo;, erz&auml;hlt er am&uuml;siert. Das gegenseitige Unbehagen hinderte jedoch Sven von Storchs Mutter nicht am h&auml;ufigen Besuch von Kliegels Gottesdiensten. &bdquo;Die Dame h&auml;tte sicherlich so einiges zu erz&auml;hlen&ldquo;, sinniert Pfarrer Kliegel.<\/p><p>Sympathisierte die Familie mit dem verbrecherischen Pinochet-Regime? Die peinliche Frage steht seit mehr als 40 Jahren im Raum. Sven von Storchs &auml;lterer Bruder &ndash; der ehemalige Raumfahrtingenieur und Astronautenkandidat Klaus Bernhard von Storch Kr&uuml;ger &ndash; diente jedenfalls der blutigen Pinochet-Diktatur als <a href=\"http:\/\/www.clubmanquehue.cl\/curriculum-klaus-von-storch\/\">Kampfpilot der&nbsp;chilenischen Luftwaffe<\/a>.<\/p><p>Die Verbindungen der von Storchs zum Pinochetismus und dessen zivile Nachfolge-Organisationen sind unbestreitbar. Beatrix von Storchs Ehemann pflegt enge Beziehungen zu &bdquo;Renovaci&oacute;n Nacional&ldquo;, der ersten politischen Partei, die von der Diktatur als Ihr liberales Deckm&auml;ntelchen zugelassen wurde, doch seitdem als verl&auml;ngerter Arm der rechtsradikalen UDI-Partei mit ausgepr&auml;gtem faschistischen Profil operiert.<\/p><p>Vor zwei Jahren lancierte Renovaci&oacute;n Nacional Sven von Storch als Herausforderer des Christdemokraten Jaime Bertin Valenzuelas zum B&uuml;rgermeister-Kandidaten f&uuml;r Osorno. Daraus wurde nichts, gegen den amtierenden Bertin Valenzuela hatte er keine Chance. Doch fragten sich einige Chilenen, wie von Storch den Plan mit seiner deutschen Staatsangeh&ouml;rigkeit und AfD-Mitgliedschaft vereinbaren wollte.<\/p><p><strong>Folterknechte und M&ouml;rder mit deutschen Nachnamen &ndash; ein Schlusswort<\/strong><\/p><p>Luftwaffen-General Fernando Matthei und die angeklagten Milit&auml;rs Guillermo Aldoney Hansen, Sergio Arellano Stark, Sergio Barra von Kutschmann, Krantz Bauer Donoso, Alejandro Paulino Rehbein, Carlos Forestier Haensgen, Ra&uacute;l Iturriaga Neumann, Jorge Paredes Wetzer, Claudio Kossiel Horning, Christopher Willige Fl&ouml;hl und Ingrid Olderock &ndash; die makabre DINA-Agentin Pinochets, die inhaftierte weibliche politische Gefangene von dressierten Hunden vergewaltigen und misshandeln lie&szlig; &ndash; sind unvergessliche deutsche Familiennamen, die den Gr&auml;ueltaten der Pinochet-Diktatur anhaften.<\/p><p>Ebenso unvergesslich haftet Sven von Storchs Geburtsort jenes Massaker vom September und Oktober 1973 an, als 24 ehemalige Carabinero-Polizisten 31 Allende-treue Landarbeiter teils zu Tode folterten oder auf der Br&uuml;cke &uuml;ber den Fluss Pilmaiqu&eacute;n erschossen und in die treibenden Gew&auml;sser st&uuml;rzten.<\/p><p>Doch das Gewehr, mit dem sie auf die sozialistische B&uuml;rgermeisterin Blanca Valderas abgedr&uuml;ckt hatten, stockte. Die Polizei schlug sie zusammen und warf sie in den Fluss. Valderas mimte ihren Tod, schwamm durch die Wellen und rettete ihr Leben. F&uuml;nf Jahre lang hielt sie sich unter falschem Namen mit ihren Kindern versteckt, bis sie Mut f&uuml;r die Anklage fasste. Die H&auml;scher wurden erst 2008 zu durchschnittlich 15-j&auml;hrigen Haftstrafen verurteilt.<\/p><p>Doch das ist ein unappetitliches Thema im feinen &bdquo;Club Alem&aacute;n&ldquo; Osornos, an dessen Stammtischen mit gest&auml;rkten, wei&szlig;en Tischt&uuml;chern chilenische Heeresoffiziere mit deutschen Familiennamen sich wieder ein Stelldichein geben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180225-Osorno-01_.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>&bdquo;<strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong> berichtet f&uuml;r NachDenkSeiten exklusiv aus S&uuml;damerika. F&uuml;r seinen aktuellen Artikel hat er sich einmal in einer ganz besonderen Stadt in seiner Wahlheimat Chile umgeschaut. Die s&uuml;dchilenische Stadt Osorno gilt seit der Besiedlung als eine Art deutsche Kolonie und ist heute noch durch<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42576\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,20],"tags":[669,1966,927,416,1963,545,2171],"class_list":["post-42576","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-landerberichte","tag-chile","tag-colonia-dignidad","tag-folter","tag-nationalsozialismus","tag-pinochet-augusto","tag-sexueller-missbrauch","tag-von-storch-beatrix"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42576","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=42576"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42576\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48098,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42576\/revisions\/48098"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=42576"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=42576"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=42576"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}