{"id":42638,"date":"2018-02-28T08:02:57","date_gmt":"2018-02-28T07:02:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42638"},"modified":"2019-03-11T14:02:22","modified_gmt":"2019-03-11T13:02:22","slug":"nach-fuenf-jahrhunderten-von-kolonialismus-und-pluenderung-des-planeten-steht-die-menschheit-an-einem-wendepunkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42638","title":{"rendered":"Nach f\u00fcnf Jahrhunderten von Kolonialismus und Pl\u00fcnderung des Planeten steht die Menschheit an einem Wendepunkt."},"content":{"rendered":"<p>Ein starker Satz:&nbsp;&bdquo;Am 25.Januer 2017, wenige Tage nach der Amtseinf&uuml;hrung von US-Pr&auml;sident Donald Trump, geschahen zwei Dinge: Der Dow Jones Index der New Yorker B&ouml;rse erreichte unter dem Jubel der Anleger erstmals die Schwelle von 20 000 Punkten. Zugleich zeigten die Zeiger der &bdquo;Weltuntergangsuhr&ldquo; (&bdquo;Doomsday Clock&ldquo;) auf zweieinhalb Minuten vor zw&ouml;lf &ndash; und damit so nah an Mitternacht heran, wie seit dem Z&uuml;nden der ersten US-Wasserstoffbombe 1953 nicht mehr.&ldquo; Fabian Scheidler, freischaffender Autor, beginnt sein Buch <strong>&bdquo;<a href=\"http:\/\/www.megamaschine.org\/revolutionen\/\">Chaos &ndash; Das neue Zeitalter der Revolutionen<\/a>&ldquo;<\/strong> mit einem Paukenschlag. &bdquo;Freudentaumel der Anleger&ldquo;, schreibt Scheidler, und &bdquo;nahende Mitternacht f&uuml;r die Menschheit&ldquo; &ndash; deutlicher lasse sich nicht beschreiben, dass sich unser Wirtschaftssystem &bdquo;auf Crashkurs mit dem Planeten und seinen Bewohnern&ldquo; befinde. Eine Rezension von <strong>Heiko Flottau<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nVorab: Alles, was Fabian Scheidler auf seinen 331 Seiten beschreibt, ist eigentlich bekannt. Verschwendung der Ressourcen, Wettr&uuml;sten, Klimakatastrophe, zunehmende Migration, Entfesselung der Finanzm&auml;rkte. Nur &ndash; in der Kompaktheit der Darstellung, in&nbsp;einem solchen verdichteten Zusammenhang, welchen der Autor bietet, ist die Bedrohung der Menschheit selten zu lesen.<\/p><p>Der Autor beginnt, historisch vollkommen richtig, mit der, wie er es sieht, &bdquo;Zweiteilung der Welt&ldquo;, die mit dem beginnenden Kolonialismus vor 500 Jahren, mit der europ&auml;ischen &bdquo;Entdeckung&ldquo; der Welt und der anschlie&szlig;enden Besiedlung und Ausbeutung fremder Kontinente begonnen habe. Die Folgen heute seien weitere Ausbeutung zum Beispiel Afrikas und weitreichende Privilegien f&uuml;r die Erben der Kolonisatoren. Europ&auml;er und Amerikaner etwa k&ouml;nnten f&uuml;r inzwischen spottbillige Flugpreise, meistens ohne Visum, in alle Ecken der Welt gelangen, w&auml;hrend etwa Afrikaner, jedenfalls solche, die nicht den korrupten Oberschichten angeh&ouml;rten, lebensgef&auml;hrliche Fu&szlig;m&auml;rsche durch W&uuml;stengebiete und noch gef&auml;hrlichere Fahrten &uuml;ber das Mittelmeer riskieren m&uuml;ssten. Ohne diese Zweiteilung der Welt, so der Autor, k&ouml;nne die &bdquo;Megamaschine&ldquo;, wie er die westliche Zivilisation nennt, nicht existieren. Diese Zivilisation beruhe auf der Zweiteilung, in welcher der S&uuml;den die Rohstoffe f&uuml;r die Industrie des Nordens liefere.<\/p><p>Freiheit, liberale Weltordnung, wie sie etwa auf der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz allj&auml;hrlich propagiert w&uuml;rden, &nbsp;bedeuteten im Grunde, dass der Norden sein Kapital frei &uuml;ber den Erdball bewegen k&ouml;nne, w&auml;hrend die Grenzen f&uuml;r Menschen aus dem S&uuml;den st&auml;ndig undurchl&auml;ssiger w&uuml;rden. Das Argument, Europa k&ouml;nne nicht so viele Fl&uuml;chtlinge aufnehmen, weil dann viele kulturelle Parallelgesellschaften entst&uuml;nden, weist der Autor mit einem netten, aber durchaus nicht ganz abwegigen Argument zur&uuml;ck:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Aber&nbsp;tats&auml;chlich haben eine badische B&auml;uerin, ein Schuhverk&auml;ufer aus Eisenh&uuml;ttenstadt, ein Banker aus Frankfurt, ein Hippie aus dem Wendland und eine Filmproduzentin aus Berlin meist ziemlich wenig gemeinsam. Ihre Werte und Lebensentw&uuml;rfe, die Musik, die sie h&ouml;ren, die Feste, die sie feiern, die Orte, die sie im Urlaub besuchen, k&ouml;nnten unterschiedlicher nicht sein.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die &bdquo;Gemeinschaft&ldquo; aus diesen so verschiedenen Menschen seien, dem Historiker Benedict Anderson zufolge, &bdquo;eingebildete Gemeinschaften&ldquo;. Der Chim&auml;re einer &bdquo;Volksgemeinschaft&ldquo; nachzujagen, die schon so viel Schrecken &uuml;ber die Welt gebracht habe, sei ein Irrweg, statt dessen gelte es &bdquo;Gemeinschaften vor Ort&ldquo; aufzubauen, welche &bdquo;Menschen verschiedener Herkunft miteinander in Verbindung bringen&ldquo;. <\/p><p>Die &bdquo;Megamaschine&ldquo;, welche die Welt allm&auml;hlich ins Chaos st&uuml;rze, wird, nach Auffassung des Autors , weltweit durch staatliche Subventionen am Laufen gehalten. <\/p><ul>\n<li>die Erd&ouml;l- und Gasindustrie nach Angaben der Internationalen Energieagentur mit 500 Milliarden Dollar j&auml;hrlich;<\/li>\n<li>die Flugzeugbranche durch den Bau von Flugh&auml;fen mit &ouml;ffentlichen Mitteln und durch die Nichtbesteuerung von Flugbenzin;<\/li>\n<li>viele Banken, die nach der Finanzkrise von 2008 mit &ouml;ffentlichen Geldern gerettet worden seien;<\/li>\n<li>die Pharmaindustrie durch &ouml;ffentliche Forschungsauftr&auml;ge;<\/li>\n<li>die Atomindustrie laut einer Greenpeace-Studie bis jetzt mit insgesamt 200 Milliarden Dollar;<\/li>\n<li>die R&uuml;stungsbranche durch einen aufgebl&auml;hten Verteidigungshaushalt;<\/li>\n<li>der Staat selbst, dessen Gelder f&uuml;r die Entwicklungshilfe etwa zum gro&szlig;en Teil wieder ins Land zur&uuml;ckfl&ouml;ssen;<\/li>\n<li>die deutsche Versicherungsindustrie, die von der &bdquo;Riesterrente&ldquo; nicht unerheblich profitiere;<\/li>\n<li>die Landwirtschaft mit immensen EU-F&ouml;rdermitteln, von denen gro&szlig;e Summen von Agrarkonzernen abgegriffen w&uuml;rden;<\/li>\n<li>schlie&szlig;lich die Autoindustrie, der fast kostenlos eine riesige Infrastruktur zur Verf&uuml;gung gestellt werde, welche allein durch die KFZ-Steuer nicht bezahlt werden k&ouml;nne.<\/li>\n<\/ul><p>Der Autor nennt diese Entwicklung &bdquo;Sozialismus f&uuml;r Reiche&ldquo; oder auch &bdquo;Neofeudalismus&ldquo;. Den oberen Schichten sei es gelungen, sich ein &bdquo;bedingungsloses Grundeinkommen&ldquo; zu sichern.&nbsp;Dagegen m&uuml;ssten in den gro&szlig;en deutschen St&auml;dten viele Menschen fast die H&auml;lfte ihres Einkommens f&uuml;r Miete ausgeben. Das sei ein Betrag, der weit &uuml;ber die Instandhaltung und Modernisierung der Wohnungen hinausgehe und die berechtigte Gewinnerwartung der Eigent&uuml;mer bei weitem &uuml;bersteige.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Konzentration des Wohneigentums&nbsp;ist ein zentrales Mittel um einen gewaltigen Geldfluss von der Unter- und Mittelschicht in Richtung der gro&szlig;en Verm&ouml;gen aufrecht zu erhalten, der so gut wie nichts mit der Produktion und dem Verkauf von G&uuml;tern und Dienstleistungen zu tun hat.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>&Uuml;brigens: Diese Umverteilung von unten nach oben hat &ndash; etwa nach den Worten von Professor Heinz-Josef Bontrup (Westf&auml;lische Hochschule Gelsenkirchen) und Professor Mohssen Massarrat (Universit&auml;t Osnabr&uuml;ck) &ndash; erst jenes Kapital geschaffen, mit welchem die Profiteure dieser Entwicklung den Finanzmarkt, diese von der Realwirtschaft abgekoppelte, fast virtuell zu nennende Wirtschaftswelt, erfinden konnten. Dieser Finanzmarkt geriet dann 2008 mit der Pleite der Bank Lehman Brothers in seine bisher gr&ouml;&szlig;te Krise. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und ihr damaliger Finanzminister Peer Steinbr&uuml;ck (SPD) mussten den deutschen Sparern seinerzeit garantieren, dass ihre Konten sicher seien.<\/p><p>Auch die Vernetzung der Welt durch die, so genannten, Smartphones sieht der Autor kritisch. Diese kleinen Apparate seien zwar eine bemerkenswerte technische Entwicklung; aber mit Hilfe der vom Staat abgegriffenen Daten auf Facebook und Twitter sei es etwa dem Sissi-Regime in &Auml;gypten gelungen, Dissidenten schnell aus den Verkehr zu ziehen. &bdquo;Wie der Wikileaks Gr&uuml;nder Julian Assange treffend feststellt&ldquo;, schreibt der Autor, &bdquo;haben Telekommunikationskonzerne und Nachrichtendienste l&auml;ngst ein schl&uuml;sselfertiges System f&uuml;r einen totalit&auml;ren Staat geschaffen.&ldquo;<\/p><p>Als ebenso fatal sieht der Autor jene wirtschaftliche&nbsp;Entwicklung,&nbsp;in welcher die &bdquo;Megamaschine&ldquo; einen Zustand geschaffen habe, in dem es im Wirtschaftsleben zum gro&szlig;en Teil darum gehe, aus Geld noch mehr Geld zu kreieren. &bdquo;Dieses Prinzip ist tief in unsere m&auml;chtigsten Institutionen eingeschrieben, etwa in Aktiengesellschaften, Fonds , Banken und viele mehr&ldquo;, schreibt der Autor. Umgekehrt h&auml;tten sich &bdquo;die Verm&ouml;genden sehr wirkungsvoll politischen Einfluss durch Lobbymacht, Medienbeeinflussung, Korruption und Dreht&uuml;reffekte zwischen Politik und Wirtschaft, Staat und Kapital&ldquo; geschaffen. <\/p><p>Wenn heute acht M&auml;nner so viel besitzen wie die &auml;rmere H&auml;lfte der Weltbev&ouml;lkerung, dann, schreibt der Autor weiter, &bdquo;geht das nicht auf besondere T&uuml;chtigkeit und Genialit&auml;t dieser acht Personen zur&uuml;ck,, sondern auf Jahrhunderte lange Raubz&uuml;ge und Enteignungen von den gewaltsamen Einhegungen des Gemeindelandes im 16. Und 17.Jahrhundert &uuml;ber die Landnahmen der Kolonialherrschaft bis zur Privatisierung &ouml;ffentlicher G&uuml;ter. Auch dass die Aktion&auml;re eines Unternehmens wie Vonovia in Deutschland 400 000 Wohnungen besitzen, w&auml;hrend die H&auml;lfte der Bundesb&uuml;rger &uuml;berhaupt kein Wohnungseigentum hat, ist das Ergebnis einer langen Geschichte physischer und struktureller Gewalt.&ldquo;<\/p><p>Gibt es einen Ausweg?&nbsp;Autor&nbsp;Fabian Scheidler zitiert den &Ouml;konomen Christian Felber. Dieser habe das Prinzip der &bdquo;Gemeinwohl&ouml;konomie&ldquo; vorgestellt. Danach m&uuml;ssten Betriebe anstelle von reinen Finanzbilanzen &bdquo;Gemeinwohlbilanzen&ldquo; vorstellen, &bdquo;die Aufschluss dar&uuml;ber geben, was das Unternehmen f&uuml;r Wirkungen&nbsp;auf alle von ihren Aktivit&auml;ten betroffenen Menschen und &Ouml;kosysteme hat, was es also f&uuml;r die Mitarbeitenden, die Zulieferer, die Anwohner, den Klimaschutz, die Artenvielfalt&ldquo;&nbsp;tue.&nbsp;Der Clou dieses Modells sei es, dass etwa bei der Besteuerung solche Firmen bevorzugt w&uuml;rden, die positive Gemeinwohl- Bilanzen vorlegen k&ouml;nnten.<\/p><p>Der Autor legt eine F&uuml;lle weiterer unkonventioneller Anregungen vor: So solle das Bankensystem auf &ouml;ffentlich-rechtliche Sparkassen und Gemeinschaftsbanken konzentriert werden; dadurch k&ouml;nne man verhindern, dass das Gro&szlig;bankensystem abermals einem Crash entgegensteuere, der den Staat verpflichte, diese Banken erneut &nbsp;mit Steuermitteln zu retten; in der Agrarpolitik m&uuml;ssten kleine Einheiten bevorzugt und der Einfluss der Gro&szlig;konzerne zur&uuml;ck gedr&auml;ngt werden. &nbsp;<\/p><p>Auch m&uuml;sse das Welthandelssystem vom &bdquo;System Kopf auf die F&uuml;&szlig;e&ldquo; gestellt werden: &bdquo;Anstelle einer st&auml;ndigen Ausweitung des Welthandels lautet das Ziel Regionalisierung &ndash; zum einen, um unsinnige Transport &ndash; und Umweltkosten zu sparen, zum anderen, um die Resilienz der Regionen gegen&uuml;ber weltwirtschaftlichen Turbulenzen zu st&auml;rken. Das bedeutet nicht Abschottung und schon gar nicht Nationalismus, sondern ein vern&uuml;nftiges Ma&szlig; f&uuml;r Handelsstr&ouml;me, das sich am sozialen und &ouml;kologischen Nutzen orientiert&ldquo;, schreibt der Autor.<\/p><p>Gro&szlig;e Vorstellungen, unrealistisch werden viele sagen, ja linksradikal, kommunistisch k&ouml;nnten Vorw&uuml;rfe lauten. Aber halt. Der Autor will die &bdquo;Schranken unserer Vorstellungskraft&ldquo; &ouml;ffnen: &bdquo;Nach 500 Jahren Megamaschine und Jahrzehnten Neoliberalismus ist unsere soziale Phantasie amputiert. Wirtschafts- und Lebensformen die nicht auf individueller Nutzenmaximierung basieren, k&ouml;nnen wir uns nur noch schwer vorstellen. &hellip; Was wir f&uuml;r realistisch und was wir f&uuml;r unrealistisch halten, ist wesentlich von ideologischer Macht gepr&auml;gt&ldquo;, schreibt der Autor.<\/p><p>Um diese Vorstellungskraft zu revitalisieren, fordert der Autor auch&nbsp;eine Wende in den Medien. Publikumsr&auml;te sollten daf&uuml;r sorgen, dass &bdquo;Themen, die unsere Zukunft bestimmen, wie Klimawandel, die Gefahren von R&uuml;stung und Atomwaffen und die Ungleichheit der Eigentumsverh&auml;ltnisse&ldquo; einen zentralen Platz in den Programmen erhalten &bdquo;und zwar zu den Hauptsendezeiten&ldquo;.<\/p><p>Zum Schluss legt der Autor ein Programm von sechzehn Punkten vor, mit welchem er die Zerst&ouml;rung der Welt durch die Megamachine stoppen will &ndash; von Punkt eins, Streichung aller Subventionen f&uuml;r umwelt- und gemeinwohlsch&auml;digende Aktivit&auml;ten, bis zu Punkt 16, Einf&uuml;hrung von nicht-kommerziellen Medien, welche all die im Buch angeschnittenen Themen behandeln sollten.<\/p><p>Viele der Darlegungen klingen sicher unrealistisch bis utopisch. Andererseits: Da die weitere Ausbeutung des Planeten durch die &bdquo;Megamaschine&ldquo;&nbsp;zum &bdquo;Chaos&ldquo; auf dem Planeten f&uuml;hren w&uuml;rde, ist es an der Zeit, sich mit den Gedanken des Autors, welche schon oft auch anderswo ge&auml;u&szlig;ert wurden, ernsthaft zu befassen.<\/p><p><em>Fabian Scheidler: Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen. Promedia Verlag,&nbsp;Wien 2017,&nbsp;17.90 Euro<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein starker Satz:&nbsp;&bdquo;Am 25.Januer 2017, wenige Tage nach der Amtseinf&uuml;hrung von US-Pr&auml;sident Donald Trump, geschahen zwei Dinge: Der Dow Jones Index der New Yorker B&ouml;rse erreichte unter dem Jubel der Anleger erstmals die Schwelle von 20 000 Punkten. 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