{"id":4264,"date":"2009-10-16T10:07:20","date_gmt":"2009-10-16T08:07:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4264"},"modified":"2014-01-23T12:12:46","modified_gmt":"2014-01-23T11:12:46","slug":"vom-rueckfall-in-ein-primitives-waehlermarktmodell-in-die-mitte-ruecken-usw","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4264","title":{"rendered":"Vom R\u00fcckfall in ein primitives W\u00e4hlermarktmodell: \u201eIn die Mitte r\u00fccken\u201c usw."},"content":{"rendered":"<p>In der Debatte um die strategische Ausrichtung der SPD wie auch ansatzweise bei der Linkspartei und den anderen Parteien werden heute wieder einmal primitive Vorstellungen von der politischen Verortung der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler bem&uuml;ht. Es wird so getan, als w&auml;ren die W&auml;hler auf einer Strippe von links nach rechts aufgereiht und als lie&szlig;e sich die Verortung ohne R&uuml;cksicht auf die verschiedenen politischen Inhalte festzurren. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><\/p><p>Weil die SPD bei der Bundestagswahl fast 1,4 Millionen W&auml;hler an Union und FDP verloren habe (was man &uuml;brigens gar nicht so genau wei&szlig; wie behauptet wird), warnt zum Beispiel Steinmeier in der Bild-Zeitung und in Welt am Sonntag vor einem Linksruck der SPD. &Auml;hnlich der Politikwissenschaftler Korte; er meint, die SPD habe &bdquo;in der politischen Mitte sehr viele W&auml;hler verloren&ldquo;, &bdquo;die politische Mitte sollte f&uuml;r die SPD das Ziel sein und bleiben. (&hellip;) Es kann nicht darum gehen, einfach nur linker zu&nbsp;werden.&ldquo; <\/p><p>Siehe: <a href=\"http:\/\/www.derwesten.de\/nachrichten\/2009\/9\/28\/news-134910145\/detail.html\">Der Westen &ndash; Politikwissenschaftler warnt SPD vor Linksruck<\/a><\/p><p>Das sind zwei durchaus repr&auml;sentative &Auml;u&szlig;erungen f&uuml;r einen breiten Bereich der Debatte um die politische Ausrichtung unserer Parteien, im konkreten Fall insbesondere der SPD. Aber die Vorstellung von einer Anordnung der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler zwischen Links und Rechts und der entsprechenden Ausrichtung der Strategie der Parteien spielt auch in den Debatten &uuml;ber die Strategie der Linkspartei und der Union eine beachtliche Rolle.<\/p><p><strong>Ob W&auml;hlerinnen und W&auml;hler fortschrittliche oder eher konservative Positionen einnehmen, das variiert von Thema zu Thema. Die meisten sind nicht auf links oder rechts festgelegt. <\/strong><\/p><p>Als ich f&uuml;r Wahlk&auml;mpfe der SPD verantwortlich war oder beratend daran mitwirkte, haben wir immer wieder Vermerke und Strategiepapiere f&uuml;r die F&uuml;hrungspersonen geschrieben, in denen vor einer primitiven Auffassung vom W&auml;hlermarktmodell gewarnt wurde. Wir wiesen darauf hin, dass die meisten W&auml;hlerinnen und W&auml;hler sehr verschieden einzuordnen sind &ndash; je nach angesprochenem Thema. Es gibt zum Beispiel viele Menschen, die die Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung f&uuml;r skandal&ouml;s halten, und f&uuml;r eine links zu nennende Korrektur mithilfe der Steuerpolitik, also f&uuml;r einen h&ouml;heren Spitzensteuersatz und f&uuml;r die Wiedereinf&uuml;hrung der Verm&ouml;genssteuer pl&auml;dieren, aber zum Beispiel bei der Frage der Zuwanderung oder dem Beitritt der T&uuml;rkei zur Europ&auml;ischen Union eher eine konservativ gepr&auml;gte Haltung einnehmen. &ndash; Der fr&uuml;here SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel war zum Beispiel beim Thema Bek&auml;mpfung der Bodenspekulation ein ziemlich radikaler Linker, in Fragen der innerparteilichen Demokratie war er eher autorit&auml;r und konservativ orientiert. &ndash; Es gibt W&auml;hlerinnen und W&auml;hler, die beim Umgang mit der Jugend f&uuml;r eine harte Gangart eintreten, aber gleichzeitig mehr soziale Gerechtigkeit und mehr Arbeitnehmerrechte einfordern.<br>\nWie die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler &bdquo;ticken&ldquo;, ob eher links oder eher rechts, das h&auml;ngt davon ab, was von den f&uuml;hrenden Politikern thematisiert wird und wie das geschieht.<\/p><p><strong>Wenn die Politiker die strategisch richtigen Themen artikulieren und dies mit der notwendigen Professionalit&auml;t tun, dann k&ouml;nnen sie auch Wahlen gewinnen, ohne in die ber&uuml;hmte Mitte r&uuml;cken.<\/strong><\/p><p>Roland Koch hat 1999 die Wahl in Hessen ganz wesentlich mit einer ausl&auml;nderfeindlichen Kampagne zum so genannten Doppelpass gewonnen. Er hat damit auch Arbeitnehmer erreicht, die sich bei sozialpolitischen Themen eher links einordnen w&uuml;rden. Es kommt also darauf an, welche Saite bei den W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern zum klingen gebracht wird.<\/p><p>Gerhard Schr&ouml;der hat die Wahl 2002 noch einmal f&uuml;r sich und die SPD entschieden, indem er Gewerkschaftsn&auml;he signalisierte und au&szlig;erdem sich vehement gegen eine Beteiligung am Irak-Krieg wandte. Das war eindeutig eine Linksorientierung, die aber sehr viele W&auml;hlerinnen und W&auml;hler erreichte, die bei anderen Themen eher konservativ orientiert sind. Diese Themen traten 2002 unter dem Eindruck der Debatte um den Irakkrieg in den Hintergrund.<\/p><p>Die SPD hat 1980 in Nordrhein-Westfalen die Wahlen vor allem deshalb gewonnen, weil sie sich in der Schlussphase massiv gegen die Forderung von Union und Genscher\/FDP verwahrte, nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan den Dialog mit der Sowjetunion abzubrechen. Mit einer Anzeige von 49 Kriegerwitwen und der Schlagzeile &bdquo;Nie wieder Krieg&ldquo; gelang es, die FDP mit 4,999 % aus dem Landtag zu werfen und die absolute Mehrheit zu erreichen. Das war keineswegs ein Wahlkampf des In-die-Mitte-R&uuml;ckens. Er war dennoch &ndash; oder gerade deshalb &ndash; erfolgreich.<\/p><p>&Auml;hnlich wie Gerhard Schr&ouml;der hat schon der fr&uuml;here Bundeskanzler Helmut Schmidt im Jahre 1976 vermutlich die Wahl nur deshalb gewonnen, weil er in der Schlussphase des Wahlkampfes im Zusammenhang mit einem Konflikt mit der DDR bei quasi allen Veranstaltungen und im Fernsehen mit der Feststellung auftrat: &bdquo;Wir haben das Schie&szlig;en satt bis oben hin.&ldquo; Dieser Spruch war untermalt mit einer eindeutigen Armbewegung.<\/p><p>Der SPD-Wahlkampf von 1972, f&uuml;r dessen Konzeption und kommunikative Umsetzung ich verantwortlich war, war in vieler Hinsicht ein ausgesprochen linker Wahlkampf. Wir haben nicht nur massiv f&uuml;r die Fortsetzung und Absicherung der Entspannungspolitik gek&auml;mpft und damit &uuml;brigens auch konservative W&auml;hlerinnen und W&auml;hler erreicht, mindestens so wichtig war der Kampf gegen das Gro&szlig;e Geld. In nahezu jeder zweiten Tageszeitungsanzeige hat die SPD den CDU\/CSU-Kanzlerkandidaten gefragt, was er politisch versprochen hat f&uuml;r die Millionen, die ihm und den anonymen, f&uuml;r die Union werbenden Gruppen zugesteckt worden sind. Willy Brandt hat in der so genannten Elefantenrunde, einer Fernsehdiskussion mit den drei anderen Parteivorsitzenden, die von mehr als der H&auml;lfte der Deutschen gesehen wurde, 4 Tage vor der Wahl darauf hingewiesen, dass diese anonymen, von der Wirtschaft finanzierten Gruppen an diesem Tag alleine in der Bild-Zeitung mit sieben anonymen Anzeigen gegen ihn und die sozialdemokratische Politik antraten. Die SPD hat gleichzeitig ein Flugblatt mit dem Titel &bdquo;Das 100 Millionen-Ding&ldquo; verteilt, in dem der Versuch von rechtskonservativen Kreisen der Wirtschaft, die politische Entscheidung von 1969 f&uuml;r einen Kanzlerwechsel von der CDU zur SPD zu korrigieren, beschrieben wurde. Das war linke Aufkl&auml;rung statt In-die-Mitte-r&uuml;cken und mit 45,8 % der Zweitstimmen auch ganz sch&ouml;n erfolgreich.<br>\n(Analysen zu diesem Wahlkampf mit Texten und Abbildungen der Originaldokumente finden Sie in <a href=\"?p=2381\">&bdquo;Willy w&auml;hlen 72&ldquo;<\/a>. <\/p><p><strong>Die meisten W&auml;hlerinnen und W&auml;hler sind bei vielen Fragen offen, noch nicht festgelegt, unbeschriebene Bl&auml;tter sozusagen. Auch deshalb ist das heute so g&auml;ngige W&auml;hlermarktmodell viel zu einfach und unproduktiv.<br>\n<\/strong><br>\nZun&auml;chst die erw&auml;hnten Beispiele aus der Vergangenheit: die Meinung der Deutschen zur Entspannungspolitik war nicht eindeutig festgelegt, am Anfang gab es eher eine Mehrheit gegen diese Politik. Zum Beispiel war mehrheitlich vermutlich zu Beginn im Jahre 1966 und auch noch 1969, als Willy Brandt Bundeskanzler wurde, noch nicht begriffen, dass man mit der Vers&ouml;hnung mit Polen ohne Anerkennung der Oder-Nei&szlig;e-Grenze kein St&uuml;ck vorankommen wird. Auch von der Neigung, die DDR anzuerkennen, war die Mehrheit des deutschen Volkes weit entfernt. Wenn in dieser Situation die damalige F&uuml;hrung von SPD und FDP sich am heute g&auml;ngigen statischen W&auml;hlermarktmodell orientiert h&auml;tte, w&auml;ren wir mit der Vers&ouml;hnung zwischen Ost und West kaum vorangekommen.<\/p><p>Das negative Gegenbeispiel bietet die Einstellung der SPD-F&uuml;hrung zur NATO-Intervention im Kosovo- und im Afghanistan-Krieg. Wenn man den Menschen erz&auml;hlt, Deutschlands Sicherheit werde am Hindukusch verteidigt, dann muss man sich nicht wundern, dass man als ehemalige Partei der friedlichen Konfliktl&ouml;sung keine Punkte mehr macht.<\/p><p>Auch an einem einschl&auml;gigen Beispiel aus dem Bereich der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik l&auml;sst sich die Gestaltbarkeit gut belegen. Die SPD hatte einmal f&uuml;r die Erweiterung des &ouml;ffentlichen Korridors, also f&uuml;r mehr &ouml;ffentliche Leistungen und die entsprechende Finanzierung pl&auml;diert und kr&auml;ftig daf&uuml;r geworben. &bdquo;Nur Reiche k&ouml;nnen sich einen Armen Staat leisten&ldquo; hie&szlig; die begleitende Parole. Es wurde dabei nicht verschwiegen, dass dies mehr Steuern verlangt. F&uuml;r diese &bdquo;linke&ldquo; Einsicht lie&szlig;en sich Menschen gewinnen, die dann sp&auml;ter unter dem Eindruck einer ganz anderen Propaganda &ndash; der Forderung nach Entstaatlichung, Privatisierung und Sparen &ndash; vermutlich auch pers&ouml;nlich ihre Einstellung zu dieser wichtigen Frage ver&auml;nderten. <\/p><p><strong>Das Fazit aus diesen analytischen Anmerkungen:<\/strong><br>\nEs macht keinen Sinn, der Vorstellung zu fr&ouml;nen, man brauche nur in die so genannte Mitte oder Neue Mitte zu r&uuml;cken, dann erweitere man sein W&auml;hlerpotenzial. Die F&uuml;hrungspersonen haben das fr&uuml;her einmal verstanden, auch wenn die politische Wissenschaft und die Parteienforscher schon immer ihre primitiven Modelle vom W&auml;hlermarkt feilgeboten und vermarktet haben. Heute dominiert auch bei den politisch handelnden Personen das einfache Modell. Es k&ouml;nnte passieren, dass dieses primitive Modell nicht nur die Strategie der SPD unter der F&uuml;hrung von Steinmeier und Gabriel beherrscht, sondern auch in den Reihen der Linkspartei und in deren innerparteilichen Positionsk&auml;mpfen an Gewicht gewinnt. Das w&auml;re dann ein Spiegelbild der primitiven Vorstellungen, die wir in der politischen Wissenschaft und bei den Medien vorfinden. Die vorherrschende Parteienforschung und die Medien sind mehrheitlich leider keine Vorreiter der Aufkl&auml;rung, sondern eher Verst&auml;rker dumpfer Analysen und der daraus abgeleiteten Therapien. Ich verweise in diesem Zusammenhang noch einmal auf ein auffallend gutes Beispiel f&uuml;r die Dumpfheit der Analyse und Therapievorschl&auml;ge: den Artikel von Michael Naumann in der vorletzten <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2009\/42\/SPD?page=all&amp;print=true\">Zeit<\/a>: Dort hei&szlig;t es gleich zu Beginn: &bdquo;Die SPD hat jetzt viel Zeit, um sich zu erneuern. Nach links kann ihr Weg dabei aber nicht f&uuml;hren.&ldquo; Aua.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Debatte um die strategische Ausrichtung der SPD wie auch ansatzweise bei der Linkspartei und den anderen Parteien werden heute wieder einmal primitive Vorstellungen von der politischen Verortung der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler bem&uuml;ht. 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