{"id":42685,"date":"2018-03-02T09:19:59","date_gmt":"2018-03-02T08:19:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42685"},"modified":"2018-03-02T12:29:53","modified_gmt":"2018-03-02T11:29:53","slug":"nicht-nur-die-hardliner-auch-die-reformer-tragen-mitverantwortung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42685","title":{"rendered":"Nicht nur die Hardliner, auch die Reformer tragen Mitverantwortung"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150812_massarrat.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p><strong>Mohssen Massarrat<\/strong> ist emeritierter Professor f&uuml;r Politik und Wirtschaft des Fachbereichs Sozialwissenschaften. Regelm&auml;&szlig;ige NachDenkSeiten-Leser kennen ihn auch aufgrund seiner <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=massarrat-mohssen\">Interviews und Gastartikel <\/a> f&uuml;r die NachDenkSeiten. Geboren ist Mohssen Massarrat in Teheran und er gilt als Kenner der iranischen Politik. Im Interview mit Sabine Kebir, das es auf weltnetz.tv auch in einer <a href=\"https:\/\/weltnetz.tv\/video\/1392-iran-regime-change-oder-reformprozess\">einst&uuml;ndigen Langversion gibt<\/a>, spricht er &uuml;ber die aktuellen Proteste im Iran.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Kebir:<\/em> Ende 2017 begann eine gro&szlig;e Protestwelle im Iran. Was war der Ausl&ouml;ser, wo liegen die tieferen Ursachen?  <\/p><p><em>Massarrat:<\/em> Der erste Schritt war der Versuch der Ultrakonservativen in Maschhad &ndash; sie dominieren dort &ndash; eine Demonstration gegen Pr&auml;sident Rohani anzustacheln. Viele Menschen haben aus eigenen Motiven, mit ganz anderen Parolen demonstriert, z. B. gegen die Au&szlig;enpolitik der Regierung und finanzielle Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Pal&auml;stinenser, f&uuml;r die Hisbollah und f&uuml;r Syrien. Wir, sagten sie, haben nichts davon. Die Meinung, die eigene Armut resultiere aus den verschwenderischen Ausgaben der Regierung f&uuml;r andere in der Region, ist sehr verbreitet. Der Grund des Protestes im ganzen Iran &ndash; weniger in Teheran &ndash; ist in der Tat die wachsende Armut. Eine d&uuml;nne Schicht bereichert sich innerhalb des Systems und die gro&szlig;e Masse leidet unter Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, steigenden Preisen. <\/p><p><em>Kebir:<\/em> Um welchen Konflikt innerhalb des Regimes ging es?  Rouhani soll erstmalig den Haushaltsplan vollst&auml;ndig offengelegt haben?  <\/p><p><em>Massarrat:<\/em> Das Budget hat einen geheimen und einen &ouml;ffentlichen Teil.  Auf ersteren hat die Regierung keinen Einfluss, er dient der Stabilisierung der Herrschaft. Rouhani soll wegen des Haushaltsplans mit den Hardlinern &ndash; darunter dem Revolutionsf&uuml;hrer, der Militz, den religi&ouml;sen Stiftungen &ndash; gerungen haben. Sie forderten einen h&ouml;heren Anteil des Jahresbudgets f&uuml;r den Herrschaftsbereich. Dann hat er vor dem Parlament das gesamte Budget einschlie&szlig;lich des geheimen Teils offengelegt und die Zeitungen haben das ver&ouml;ffentlicht. M&ouml;glicherweise hat Rouhani das mit Absicht getan. F&uuml;r diese Annahme spricht auch, dass er hinterher das Recht der Bev&ouml;lkerung auf Protest gegen die Missst&auml;nde in der Gesellschaft legitimierte; dieser sei f&uuml;r Verbesserungen sehr wichtig. Das zeigt, dass ihm daran gelegen ist, im Volk ein B&uuml;ndnis f&uuml;r die Ver&auml;nderung der Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse zu erreichen, um eine gerechtere Verteilung der Mittel f&uuml;r Infrastruktur und Soziales durchzusetzen. Es ist jedoch noch nicht klar, ob er wirklich damit Erfolg hat.  <\/p><p><em>Kebir:<\/em> L&auml;uft die Armenversorgung &uuml;ber Moscheen oder gibt es auch staatliche Versorgungssysteme? <\/p><p><em>Massarrat:<\/em> Nach der Revolution wurde ein Sozialsystem geschaffen: ein Arbeitsschutzgesetz, das die Unternehmer als rigide und gro&szlig;es Hindernis f&uuml;r Wirtschaftswachstum kritisierten. Es gibt auch steuerfinanzierte Sozialhilfe, Arbeitslosenhilfe, Krankenversicherung. Erstaunlich ist, dass jeder nach 25 Jahren Arbeit in Rente gehen kann. Trotz des Sozialsystems reicht die Kaufkraft von etwa 40% der Bev&ouml;lkerung nicht aus, um ein Abrutschen in die Armut zu verhindern. Die Arbeitslosigkeit ist sehr gro&szlig;, vor allem bei jungen Menschen. Es gibt jedes Jahr &uuml;ber 100 000 Absolventen der Universit&auml;ten, davon kommt nur ein Bruchteil im Arbeitsmarkt unter.  <\/p><p><em>Kebir:<\/em> Ist der Boykott oder auch die Verfasstheit der Wirtschaft die Ursache f&uuml;r die sozialen Probleme?  <\/p><p><em>Massarrat:<\/em> Letztere ist die Hauptursache f&uuml;r die ungerechte Verteilung. Immerhin erzielt Iran zwischen 30 und 40 Milliarden Dollar &Ouml;leinnahmen pro Jahr. Als der &Ouml;lpreis &uuml;ber 100 Dollar lag, waren es 80 Milliarden Dollar. Aber diese Einnahmen sind durch Fehlentwicklungen des Systems zum Hindernis f&uuml;r &ouml;konomische und politische Reformen geworden. Nicht nur die religi&ouml;sen Hardliner sind daran schuld &ndash; Khamenei mit seinen Herrschaftsanspr&uuml;chen im Land und in der Region &ndash; sondern auch die Reformer. W&auml;hrend des Irak-Krieges dominierte die Staatswirtschaft mit einer B&uuml;rokratie und der monopolistischen Stellung in vielen Wirtschaftssektoren. Es gab Stagnation, keine Produktivit&auml;tssteigerung, keine Privatinitiative. Viele blau&auml;ugige, wenig kompetente Politiker tappten nun in die andere Richtung, wonach total freie M&auml;rkte die L&ouml;sung aller Probleme im Iran seien. Neoliberale &Ouml;konomen fassten Fu&szlig; in den Medien, in den Universit&auml;ten und seit drei, vier Legislaturperioden in der Umgebung der Pr&auml;sidenten. Neoliberale Rezepte sind gerade f&uuml;r L&auml;nder wie Iran Gift, noch viel st&auml;rker als im entwickelten Kapitalismus. Nationale Industriebetriebe sind kaum imstande, beim Freihandel mitzuhalten, die meisten von ihnen gehen pleite und entlassen ihre Arbeiter. Die iranische Wirtschaft stagniert seit Jahren, die Importe aber wachsen nahezu st&auml;ndig. So haben Irans Pr&auml;sidenten, ob Hardliner wie Ahmadinedjad oder Reformer wie Rohani nichts Ernsthaftes unternommen, um Irans &Ouml;konomie von den Zw&auml;ngen des Imports zu befreien. Aus China, aus den USA, aus Europa werden landwirtschaftliche Produkte importiert, die auch im Iran produziert werden k&ouml;nnen. Der Import hilft vielleicht, die Inflation einzud&auml;mmen. Die Regierungen gehen selektiv vor. Sie versuchen heute ein Problem zu l&ouml;sen, womit sie zwei, drei neue Probleme schaffen. Es gibt kein in sich schl&uuml;ssiges wirtschaftspolitisches Konzept, wie es S&uuml;dkorea f&uuml;r die Industrialisierung hatte oder China. Anstatt zu importieren, versuchte China, ausl&auml;ndisches Kapital ins Land zu holen, damit es dort produziert. Auch Iran m&uuml;sste die nationalen Betriebe durch gezielte Importbeschr&auml;nkungen sch&uuml;tzen und f&ouml;rdern. <\/p><p>Wenn die Politik den Reichen, den Rentiers, den Spekulanten im Finanz- und Immobiliensektor zuspielt, wenn alle, die schnell reich werden und irgendwie konzeptlos investieren wollen, Erleichterungen und freie Hand bekommen, wenn pl&ouml;tzlich Spekulation im Banksystem entsteht und mafi&ouml;se Strukturen im Immobilienbereich &ndash; dann soll man sich nicht wundern, wenn sich diese Kr&auml;fte mit all ihren M&ouml;glichkeiten auch die staatlichen Mittel aneignen. <\/p><p><em>Kebir:<\/em> Es hei&szlig;t doch, dass im Iran nur islamische Banken erlaubt sind, die das System von Gewinnen und Zinsen &uuml;berhaupt ablehnen?  <\/p><p><em>Massarrat:<\/em> Eine kurze Zeit lang wurden Gewinne von Banken legitimiert durch Verwaltungskosten. Nach und nach redet niemand mehr dar&uuml;ber. Nach dem Krieg mit dem Irak war die Inflation sehr hoch und die Banken mussten, um Anleger zu finden, eine &uuml;ber der Inflation liegende Rendite abgeben, bis zu 40 %. Das hat die Menschen und auch die Regierung darin best&auml;rkt, dass notfalls auch  h&ouml;here Renditen der Banken eine &ouml;konomische Funktion haben k&ouml;nnen. Teile des Regimes geh&ouml;ren selbst zu den Spekulanten. Es gibt religi&ouml;se Stiftungen, die sich unter Ahmadinedjad in Banken umgewandelt wurden. Die Regierung gibt sogar zu, dass durch Finanzspekulationen ein Teil der Anleger Gewinne bis zu 80 % im Jahr erreicht hat. Das hat Banken in die Pleite getrieben und hunderttausende Kleinanleger um ihr Verm&ouml;gen gebracht. In der islamischen Republik etablierte sich die schlimmste Form des Finanzmarktkapitalismus. Die Einkommensverteilung im Iran hat sich im letzten Jahrzehnt weit ungerechter als im Weltdurchschnitt verschlechtert.<\/p><p><em>Kebir:<\/em> Welche Schichten waren an den Protesten beteiligt und welche haben sich zur&uuml;ckgehalten bzw. das System sogar unterst&uuml;tzt?  <\/p><p><em>Massarrat:<\/em> Haupttr&auml;ger der Unruhen waren Arme in den Provinzen und vor allem perspektivlose junge Menschen. Die &Auml;lteren, die Intellektuellen, der Mittelstand, die die Tr&auml;ger der Gr&uuml;nen Bewegung von 2009 waren, haben sich zur&uuml;ckgehalten. Auch einfache Leute k&ouml;nnen sehr gut artikulieren, dass im Iran nur Reformen sinnvoll sind. Man muss geduldig die Kr&auml;fte unterst&uuml;tzen, die sie herbeif&uuml;hren k&ouml;nnen, sie zugleich herausfordern und kritisieren, weil sie selbst Teil des Systems sind und oft vergessen, dass sie f&uuml;r Reformen gew&auml;hlt wurden. Viele wollen keine Proteste ohne F&uuml;hrung, ohne Programmatik unterst&uuml;tzen. Es wird sicher weitere Proteste geben, st&auml;rkere, l&auml;nger anhaltende. Aber auf Grund der historischen Erfahrung werden sie sich nicht f&uuml;r Regime Change einsetzen. Eine System&auml;nderung ist unvermeidlich, wird aber aus den Gegens&auml;tzen und Widerspr&uuml;chen des Systems selber entspringen.Und das dauert l&auml;nger, aber die sozialen Kosten sind viel geringer als ein Umsturz, der im Prinzip nur von au&szlig;en kommen kann. Die Menschen, die sich an den Protesten nicht beteiligten, sind sich bewusst, dass die USA, Saudi-Arabien und Israel auf eine Atmosph&auml;re im Iran warten, die sie missbrauchen k&ouml;nnen. <\/p><p><em>Kebir:<\/em> Der gr&ouml;&szlig;te Teil der Iraner scheint also einig zu sein, dass man sich zumindest nach au&szlig;en geschlossen zeigt? <\/p><p><em>Massarrat:<\/em> Die Menschen im Iran sind realistischer als politisch agierende Exiliraner, die eher Regime Change anstreben. Das ist naiv, aber typisch f&uuml;r Exilsituationen, in denen man den Realit&auml;tsbezug verliert und nur noch ideologisch argumentiert. Bis auf eine kleine Schicht &ndash; ehemalige Schah-Anh&auml;nger, die eine Intervention begr&uuml;&szlig;en w&uuml;rden, lehnt das die &uuml;berw&auml;ltigende Mehrheit der Iraner ab. Die historische Erfahrung, besonders der CIA-Putsch 1953, bewirkt, dass jeder Eingriff von au&szlig;en dem Iran nicht geholfen, sondern Schaden zugef&uuml;gt hat. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Prof. Dr. <strong>Mohssen Massarrat<\/strong> kam Ende der f&uuml;nfziger Jahre nach Deutschland und lehrte Politik und &Ouml;konomie in Osnabr&uuml;ck. Er lebt jetzt in Berlin. Sein aktuelles Buch &bdquo;Braucht die Welt den Finanzsektor? Postkapitalistische Perspektiven&ldquo; erschien 2017 im Hamburger VSA. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150812_massarrat.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p><strong>Mohssen Massarrat<\/strong> ist emeritierter Professor f&uuml;r Politik und Wirtschaft des Fachbereichs Sozialwissenschaften. Regelm&auml;&szlig;ige NachDenkSeiten-Leser kennen ihn auch aufgrund seiner <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=massarrat-mohssen\">Interviews und Gastartikel <\/a> f&uuml;r die NachDenkSeiten. Geboren ist Mohssen Massarrat in Teheran und er gilt als Kenner der iranischen Politik. 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