{"id":4273,"date":"2009-10-20T09:20:29","date_gmt":"2009-10-20T07:20:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4273"},"modified":"2014-01-23T12:10:35","modified_gmt":"2014-01-23T11:10:35","slug":"steuersenkung-die-mutter-aller-reformen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4273","title":{"rendered":"Steuersenkung die \u201eMutter aller Reformen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man das, was &uuml;ber die bisherigen Koalitionsgespr&auml;che kolportiert wird, ernst nimmt, dann scheinen Steuersenkungen das oberste Ziel f&uuml;r die neue Regierung zu sein. Aktuell gehen die Positionen nur noch &uuml;ber die H&ouml;he der Steuerentlastung (35 Milliarden will die FDP und 20 bzw. 25 Milliarden die Unionsparteien) und &uuml;ber den Zeitpunkt der Einf&uuml;hrung auseinander.<br>\nBesonders die FDP macht sich f&uuml;r Steuersenkungen stark. Westerwelle ist an sein Wahlversprechen gebunden: Er werde keinen Koalitionsvertrag unterschreiben, der nicht die bindende Zusage einer Steuersenkung enth&auml;lt, hat er in seinen Reden immer wieder bekr&auml;ftigt. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nDie Debatte &uuml;ber Steuersenkungen scheint einen gewichtigen Einfluss auf das W&auml;hlervotum gehabt zu haben. Auch nach der Bundestagswahl halten laut ZDF-Politbarometer vom 16. Oktober &uuml;ber zwei Drittel der Befragten (68%) Steuersenkungen f&uuml;r richtig und wichtig und der FDP wird bei diesem Thema am meisten Kompetenz zugetraut.<\/p><p>Wer h&auml;tte nicht gerne Steuersenkungen. Wer h&auml;tte nicht gerne auch Freibier. Westerwelle hat beim Thema Steuersenkungen alle Propaganda-Register gezogen: &bdquo;Dass 52 Prozent vom normalen Arbeitseinkommen mittlerweile an den Staat gehen, halten wir <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/dev\/bab406_bab-sendung12818.html\">f&uuml;r ungerecht<\/a>.&ldquo; &bdquo;Von einem durchschnittlichen Arbeitseinkommen nimmt der Staat durch Steuern und Abgaben mehr als die H&auml;lfte&rdquo;, dieser Satz fehlte in keiner seiner Wahlkampfreden.<\/p><p>Im Vordergrund der Koalitionsverhandlungen stehen vor allem die Steuern und nicht die Abgaben. &ldquo;Ein niedriges, einfaches und gerechtes Steuersystem ist die Mutter aller Reformen&rdquo;, wird Westerwelle <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2009\/21\/westerwelle-fdp-hannover\">in der Zeit zitiert<\/a>.<\/p><p>Im Gespr&auml;ch ist derzeit angeblich nicht eine Mehrwertsteuersenkung, es geht um die &bdquo;ungerechte&ldquo; und &bdquo;leistungshemmende&ldquo; Einkommensteuer:<br>\n&bdquo;Leistung muss sich lohnen. Die FDP will den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern wieder mehr ihres hart erarbeiteten Geldes belassen. Wir wollen einfache, niedrige und gerechte Steuern f&uuml;r mehr Netto vom Brutto&ldquo;, hei&szlig;t es im <a href=\"?p=3947\">FDP-Wahlprogramm<\/a>.<br>\nDie Lohnsteuer scheint ja auch bei den Menschen das gr&ouml;&szlig;te &Auml;rgernis zu sein.<\/p><p>Die &uuml;bliche Propagandaformel lautet, von den Lohnerh&ouml;hungen (wenn es sie denn g&auml;be) kommt im Geldbeutel der Leute zu wenig an, weil von jedem Euro der mehr verdient wird, <a href=\"http:\/\/www.rp-online.de\/public\/article\/wirtschaft\/news\/540145\/Staat-kassiert-52-Prozent-vom-Lohn.html\">mehr als die H&auml;lfte der Staat kassiert<\/a>. Besonders der Mittelstand wird mit dem Beispiel erschreckt, der Spitzensatz der Lohn- oder Einkommensteuer von 42 Prozent greife schon bei einem zu <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/politik\/deutschland\/parteien-steuerdebatte-versprechen-verhandeln-vertroesten_aid_441799.html\">versteuernden Einkommen 52.552 Euro<\/a>, und man tut gerade so, als handle es sich dabei um ein Monatsbruttoeinkommen von 4.380 Euro. 42 Prozent Lohnsteuer, das w&auml;re ein monatliches &bdquo;Netto vom Brutto&ldquo; von 2.540 Euro. 1.840 Euro vom Brutto kassiert der Staat.<\/p><p>Schaut man einmal in die <a href=\"https:\/\/www.abgabenrechner.de\/uebersicht_ekst\/index.jsp\">Steuertabelle<\/a> so liegt die Durchschnittsbelastung bei einem Lohn eines alleinstehenden Beziehers eines Einkommens von 50.000 Euro allerdings bei j&auml;hrlich 12.950 Euro (<a href=\"upload\/pdf\/091020_Steuersenkung_Anlage_1.pdf\">Anlage 1, PDF &ndash; 200 KB<\/a>) oder bei monatlich 1.080 Euro. So viel &bdquo;kassiert&ldquo; der Staat vom Brutto. Das sind aber bei weitem nicht 42 Prozent sondern 25,9 Prozent durchschnittliche Steuerbelastung (<a href=\"upload\/pdf\/091020_Steuersenkung_Anlage_2.pdf\">Anlage 2, PDF &ndash; 152 KB<\/a>). Bei Verheirateten sind es nach Splittingtabelle sogar nur noch 16,7 Prozent (<a href=\"upload\/pdf\/091020_Steuersenkung_Anlage_3.pdf\">Anlage 3, PDF &ndash; 168 KB<\/a>).<\/p><p>Selbst bei einem Alleinverdiener mit 120.000 Euro zu versteuerndem Einkommen ist die Durchschnittsbelastung bei weitem noch nicht beim Spitzensteuersatz von 42 Prozent, sondern erst bei 35,3 Prozent angekommen. Laut Splittingtabelle liegt bei 120.000 Euro zu versteuerndem Einkommen die Durchschnittsbelastung bei 28,6 Prozent.<\/p><p>Die gr&ouml;&szlig;ten Spr&uuml;nge liegen &ndash; nebenbei bemerkt &ndash; bei den unteren Einkommen. Nach der Grundtabelle (Alleinverdiener) beginnt die Durchschnittsbelastung mit 10.000 Euro bei 3,5 Prozent, steigt auf 9,7 Prozent bei 15.000 Euro und auf 13,8 bei 20.000 Euro. Ab 40.000Euro flacht sich die Kurve ab, steigt von 24,4 Prozent auf 25,9 bei 50.000 Euro, steigt danach bei jeweils 5.000 Euro mehr an Einkommen um 1,4 Prozent, 1,3 Prozent, 1,0 Prozent bis die Durchschnittssteuerbelastung von 95.000 auf 100.000 Euro nur noch von 33,5 Prozent auf 33,9 Prozent steigt. Bei kleineren und mittleren Einkommen ist der prozentuale Anstieg also erheblich steiler als bei h&ouml;heren und h&ouml;chsten Einkommen.<\/p><p>Es lohnt sich derzeit noch nicht auszurechnen, was das von der FDP vorgeschlagene Stufenmodell f&uuml;r welche Einkommensgruppe an Steuererleichterungen bringt, denn ein Koalitionskompromiss liegt noch nicht vor. Ob es tats&auml;chlich zu einer Verringerung der inflationsbedingten so genannten &bdquo;kalte Progression&ldquo; bei den unteren und mittleren Einkommensbeziehern kommt, wird sich erst noch zeigen m&uuml;ssen.<\/p><p>Klar ist aber, dass mit einer Senkung des derzeitigen Spitzensteuersatzes von 42 auf 35 Prozent in der h&ouml;chsten Stufe vor allem die hohen und h&ouml;chsten Einkommen am st&auml;rksten entlastet w&uuml;rden.<\/p><p>Vor allem aber macht ein Vergleich zwischen der Wahlkampfpropaganda und den tats&auml;chlichen durchschnittlichen Einkommensteuerbelastungen deutlich, wie die Menschen hinters Licht gef&uuml;hrt wurden. <\/p><p>Auf die Diskrepanz zwischen den extremen Zuspitzungen Westerwelles und der Wirklichkeit wurde in der breiten &ouml;ffentlichen Debatte bis heute nicht hingewiesen. Geschweige denn, dass Westerwelle bewusste Irref&uuml;hrung vorgeworfen wurde.<\/p><p>Die Steuerdebatte ist derzeit ein zentrales Thema, aber es ist nur eines von vielen Themen mit denen man belegen kann, worunter bei uns der &ouml;ffentliche Diskurs leidet.<br>\nObwohl jeder auf seinem Gehaltszettel leicht nachrechnen k&ouml;nnte, dass die Wahlkampfaussagen von Westerwelle falsch oder zumindest ma&szlig;los &uuml;bertrieben sind, haben viele Menschen selbst ihre eigene Wirklichkeit einfach nicht mehr zur Kenntnis genommen und haben &ndash; auch angesichts fehlender Aufkl&auml;rung &ndash; den Wahlkampfparolen geglaubt.<\/p><p>Es ist ja inzwischen zum allgemeinen Bewusstsein geworden, dass der Staat seine B&uuml;rger nur ausnimmt und er nichts daf&uuml;r an Gegenleistung bekommt.<br>\nDer Kampfruf der Reagonomics &bdquo;Hungert den Staat aus&ldquo;, ist auch inzwischen offenbar auch bei uns zum Allgemeingut geworden. Die Folgen der Reagan- oder der Thatcher-&Auml;ra sind bekannt: Die Reichen konnten sich einen schwachen Staat leisten, die &Auml;rmeren mussten teuer daf&uuml;r bezahlen.<br>\nSteuersenkungen hei&szlig;t weniger Geld f&uuml;r den Staat, das hei&szlig;t weniger Geld f&uuml;r Arbeitslose, weniger f&uuml;r Schulen und Hochschulen, weniger Richter und Staatsanw&auml;lte, weniger f&uuml;r Kultur etc.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man das, was &uuml;ber die bisherigen Koalitionsgespr&auml;che kolportiert wird, ernst nimmt, dann scheinen Steuersenkungen das oberste Ziel f&uuml;r die neue Regierung zu sein. Aktuell gehen die Positionen nur noch &uuml;ber die H&ouml;he der Steuerentlastung (35 Milliarden will die FDP und 20 bzw. 25 Milliarden die Unionsparteien) und &uuml;ber den Zeitpunkt der Einf&uuml;hrung auseinander.<br \/> Besonders<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4273\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[1,193,137,190],"tags":[427,278,449,448],"class_list":["post-4273","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-das-kritische-tagebuch","category-fdp","category-steuern-und-abgaben","category-wahlen","tag-einkommensteuer","tag-steuersenkungen","tag-umsatzsteuer","tag-westerwelle-guido"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4273","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4273"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4273\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20145,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4273\/revisions\/20145"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4273"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4273"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4273"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}