{"id":4286,"date":"2009-10-26T10:14:30","date_gmt":"2009-10-26T08:14:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4286"},"modified":"2014-01-23T12:05:01","modified_gmt":"2014-01-23T11:05:01","slug":"zum-koalitionsvertrag-i-leitbild-und-grundsaetze-der-schwarz-gelben-bundesregierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4286","title":{"rendered":"Zum Koalitionsvertrag (I): Leitbild und Grunds\u00e4tze der schwarz-gelben Bundesregierung"},"content":{"rendered":"<p><em>&bdquo;Unsere wirtschaftspolitische Leitlinie ist die <strong>Soziale<\/strong> Marktwirtschaft. Sie greift weit &uuml;ber &ouml;konomische Ziele hinaus, ist ein unverzichtbarer Teil einer <strong>freiheitlichen offenen<\/strong> Gesellschaft.&ldquo;<\/em> Schon in den ersten S&auml;tzen belegen die Dramaturgie dieses <a href=\"upload\/pdf\/091023_Koalitionsvertrag-cducsu-fdp.pdf\">Koalitionsvertrages [PDF &ndash; 1 MB]<\/a>: Unter einem sozialen M&auml;ntelchen verbergen sich die Ellbogen der sog. &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo;.<br>\nEine Analyse des 1. Kapitels des Koalitionsvertrages zwischen CDU, CSU und FDP. Die Kritik der anderen Kapitel wird in den n&auml;chsten Tagen folgen. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nDa wird die <strong>&bdquo;soziale&ldquo;<\/strong> Marktwirtschaft als Leitlinie propagiert, um im gleichen Atemzug, die <strong>&bdquo;freiheitliche offene&ldquo;<\/strong> Gesellschaft als unverzichtbar zu erkl&auml;ren. (S.1) Die &bdquo;freiheitlich offene&ldquo; Gesellschaft (die &bdquo;offene Gesellschaft&ldquo; ist eine Wortsch&ouml;pfung politischen Philosophen Sir Karl Raimund Popper) ist ein in der Tradition des Wirtschaftsliberalismus (<a href=\"?p=4121\">Friedrich August von Hayek<\/a>) stehendes Gesellschaftsmodell. Dieses Modell tritt an mit der Botschaft der &bdquo;Freiheit&ldquo; des Individuums auf dem Markt, die gegen jede Lenkung und jeden Kollektivismus verteidigt werden muss. Ein gemeinschaftliches Staatsziel oder einen gesellschaftlichen Grundkonsens, also etwa &uuml;ber den &bdquo;Sozialstaat&ldquo;, wird negiert, weil jedes Individuum seine Interessen besser kenne und verfolgen k&ouml;nne, als es durch eine kollektive Entscheidung, etwa f&uuml;r eine inhaltliche Ausgestaltung der &bdquo;sozialen&ldquo; Marktwirtschaft m&ouml;glich ist.<\/p><p>Zu den Grundpfeilern der offenen Gesellschaft geh&ouml;ren politisch die Demokratie &ndash; verstanden als Abw&auml;hlbarkeit der Regierung &ndash;  und &ouml;konomisch die Marktwirtschaft sowie das freie Unternehmertum.<\/p><p>Entgegen dem angeblich anti-ideologischen Anspruch, folgt die schwarz-gelbe Regierung also konsequent der Ideologie des Liberalismus. Das oberste Ziel m&uuml;sse sein, &bdquo;dass B&uuml;rger und Unternehmen ihre produktiven Kr&auml;fte entfalten und ihr Eigentum sichern k&ouml;nnen.&ldquo; (S. 1)<br>\nEs ist exakt das Leitbild das die unternehmerische PR-Organisation Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) vertritt, n&auml;mlich das Bild <a href=\"http:\/\/insm-lexikon.de\/offene-gesellschaft.html\">&bdquo;der eigenverantwortliche B&uuml;rgergesellschaft mit wenig Staat&ldquo;<\/a>.<\/p><p><strong>Wer jetzt noch von der &bdquo;sozialdemokratisierten&ldquo; Kanzlerin spricht, wird schon mit den ersten beiden S&auml;tzen des Koalitionsvertrages widerlegt.<\/strong><\/p><p>Diesem Leitbild entsprechend legt der Koalitionsvertrag unter der &Uuml;berschrift <strong><em>&bdquo;Mehr Netto vom Brutto&ldquo;<\/em><\/strong> drei Grunds&auml;tze fest:<\/p><ol>\n<li><em>&bdquo;Wir werden erstens die Motivation und Leistungsbereitschaft der Arbeitnehmer und Arbeitgeber in unserem Land schnell und deutlich st&auml;rken, in dem wir sofort damit beginnen, die Steuern zu senken, b&uuml;rokratische Hemmnisse abzubauen und mehr Anreize zu schaffen, damit sich regul&auml;re, sozialversicherungspflichtige Arbeit in allen Bereichen lohnt.&ldquo;<\/em> (S.1)\n<p>Steuern senken und b&uuml;rokratische Hemmnisse abbauen, das sind die Tarnworte f&uuml;r die Zur&uuml;ckdr&auml;ngung des Staates durch finanzielles &bdquo;Aushungern&ldquo; und Deregulierung. &bdquo;Anreize schaffen, dass sich regul&auml;re, sozialversicherungspflichtige Arbeit lohnt&ldquo;, das hei&szlig;t &uuml;bersetzt, Senkung der gesamten unternehmerischen Lohnkosten und damit vor allem des Arbeitgeberanteils bei den sog. Lohnnebenkosten und Steuerentlastung f&uuml;r Unternehmen. Dies alles in der Hoffnung, dass die Unternehmer wieder mehr investierten und dadurch Arbeitspl&auml;tze schafften.<\/p>\n<p>Das merkw&uuml;rdige an diesem Verst&auml;ndnis von Wirtschaft ist, dass es gar nicht mehr um echte Gewinne (im schumpeterschen Sinne), also um Gewinne durch einen technologischen oder innovativen Vorsprung geht, den ein Unternehmen vor seinen Konkurrenten erzielen k&ouml;nnte, sondern lediglich um &bdquo;Anreize&ldquo; f&uuml;r Unternehmen und Arbeitnehmer, mehr zu investieren oder mehr zu arbeiten, in dem die &bdquo;Grenzsteuerbelastung&ldquo; f&uuml;r den letzten verdienten Euro gesenkt werden soll. (Siehe Heiner Flassbeck, <a href=\"?p=4147\">Gescheitert<\/a>)<\/p>\n<p>Es geht also um die Fortsetzung des &bdquo;Steuersenkungswahns&ldquo; der Vergangenheit, wo ohne R&uuml;cksicht auf die gesamtwirtschaftliche Situation &ndash; geleitet vom Anreizgedanken &ndash; die Steuers&auml;tze f&uuml;r Unternehmen und verm&ouml;gende Haushalte massiv gesenkt wurden. Dabei zeigte sich allerdings, dass durch die &bdquo;Jahrhundertsteuerreformen&ldquo; die Investitionen weder stabiler noch dynamischer wurden als zuvor noch wurden dadurch &ndash; au&szlig;er in den vom Export angesto&szlig;enen Aufschwungphasen &ndash; zus&auml;tzliche sozialversicherungspflichtige Arbeit geschaffen. Alle diese &bdquo;Reformen&ldquo; sind verpufft, weil die Tatsache ignoriert wurde, dass Unternehmen in schlechten Zeiten eben nicht nur mehr Anreize brauchten, sondern schlicht mehr Nachfrage nach ihren Produkten.<\/p>\n<p>Das Ergebnis einer solchen Anreiz-Wirtschaftspolitik war im &Uuml;brigen nicht etwa mehr Innovation, sondern im Gegenteil Stillstand beim Wachstum und bei den L&ouml;hnen und &ndash; wie sich gleichfalls gezeigt hat &ndash; eine allenfalls von der Nachfrage von drau&szlig;en, also vom Export angeregte Konjunktur.<\/p>\n<p><strong>Die M&auml;r Steuersenkungen schafften Wachstum<\/strong><br>\nEntgegen der st&auml;ndig wiederholten Behauptung der schwarz-gelben Koalition&auml;re, Steuersenkungen schafften Wachstum und Besch&auml;ftigung, gibt es f&uuml;r diese These weder theoretisch noch empirisch eindeutige Hinweise auf <a href=\"upload\/pdf\/070504_imk_stellungnahme_unternehmenssteuerreform_2008.pdf\">gro&szlig;e positive Auswirkungen [PDF &ndash; 38 KB]<\/a>. Selbst das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft, rechnet bestenfalls mit einer Selbstfinanzierung der Steuersenkungen von etwa einem Drittel. <\/p>\n<p>Allenfalls kann mit Unternehmensteuersenkungen die Position von exportorientierten Firmen im internationalen Wettbewerb verbessert werden. Das aber auch nur kurzfristig, denn damit w&uuml;rde nur eine erneute Runde im Steuersenkungswettlauf zwischen den L&auml;ndern ausgel&ouml;st. <\/p>\n<p>Der erste Grundsatz hei&szlig;t also, dass Deutschland weiter versuchen soll, &uuml;ber den Export zu Wachstum zu kommen und  damit auf Kosten anderer zu leben. Und das in einer Zeit, wo weltweit die Nachfrage sinkt und kaum ein &Ouml;konom seine Hoffnung auf Wachstum aus dem Export setzt.(Vgl. dazu <a href=\"?p=4265\">das Gemeinschaftsgutachten der Konjunkturforschungsinstitute<\/a>)<\/p>\n<p>Aber die &ouml;konomische Wirklichkeit scheint bei den Koalitionsverhandlungen ohnehin ausgeblendet worden zu sein. Dort lautete offenbar die Devise &bdquo;Weiter-so&ldquo;,  egal welche Fehler in der Vergangenheit gemacht worden sind, wir erh&ouml;hen die Dosis der alten Rezepte und setzen weiter auf Export:  <em>&bdquo;Wir wollen eine Steuerpolitik, die f&uuml;r die Unternehmen in Deutschland Rahmenbedingungen schafft, die ihr auch in Zeiten der Globalisierung ihre starke Stellung erm&ouml;glicht.&ldquo;<\/em> Oder: <em>&bdquo;Steuerpolitik ist auch Standortpolitik. Aus diesem Grund wollen wir das Unternehmenssteuerrecht weiter modernisieren und international wettbewerbsf&auml;hig gestalten.&ldquo;<\/em> (S. 5)<\/p>\n<p>Ist schon die Hoffnung auf Wachstum durch Steuersenkung bestenfalls eine ideologisch gef&auml;rbte vage Hoffnung , so bedeutet auch der zweite Grundsatz nur eine Fortsetzung des Drosselns der heimischen Nachfrage durch Sparma&szlig;nahmen, kombiniert mit der Hoffnung, bei den Exporten <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/politik\/konjunktur\/:finanzpolitik-sparen-heisst-schmarotzen\/50018349.html\">schmarotzen zu k&ouml;nnen<\/a>.<\/p><\/li>\n<li><em>&bdquo;Wir werden zweitens einen nachhaltigen Kurs der Sparsamkeit, der Transparenz der &ouml;ffentlichen Finanzen und der verl&auml;sslichen Konsolidierung der &ouml;ffentlichen Haushalte verfolgen.&ldquo;<\/em> (S. 1)\n<p>Seit der Explosion des Haushaltsdefizits durch die Kosten der Vereinigung war das oberste Ziel aller Finanzminister die Konsolidierung der Haushalte. Au&szlig;er w&auml;hrend kurzzeitiger Exportbooms hat sich das Defizit aber in all den Jahren nie weit von den drei Prozent des BIPs entfernt. Zugleich verringerte sich aber das Wachstum des nominalen BIPs tendenziell auf h&ouml;chstens zwei Prozent und die Nettostaatsverschuldung ging immer weiter nach oben. Real hat Deutschland im Vergleich zu anderen reichen Industrienationen erhebliche R&uuml;ckschritte gemacht. Kurz gesagt: eine falsche Sparsamkeit hat die Volkswirtschaft belastet, aber nicht das Defizit verringert. In der derzeitigen rezessiven Phase, in der weder der Export noch der private Konsum gr&ouml;&szlig;ere Wachstumsimpulse erwarten lassen, nun auch noch die staatlichen Ausgaben zur&uuml;ckzufahren, l&auml;sst nur den Schluss zu, dass das in der &Uuml;berschrift zum Koalitionsvertrag als erstes genannte Ziel, n&auml;mlich Wachstum, offenbar vom Himmel fallen soll.<\/p>\n<p><strong>Ausstieg aus einer aktiven Wirtschaftspolitik<\/strong><br>\nAuch der dritte Grundsatz entspricht der Ideologie vom Ruckzug des Staates und dem Verzicht auf eine aktive Wirtschaftspolitik:<\/p><\/li>\n<li><em>&bdquo;Wir werden drittens in der schwierigen Phase, in der der Arbeitsmarkt, die Unternehmen und die Banken noch die unmittelbaren Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise zu verkraften haben, Besch&auml;ftigung sichern und den Unternehmen Hilfe bei der Finanzierung insbesondere ihrer Investitionen bereit stellen. Zwar erforderte die Weltwirtschaftskrise eine vor&uuml;bergehend st&auml;rkere Rolle des Staates. Aber CDU, CSU und FDP sind sich einig: Die Beteiligung des Staates an Wirtschaftsunternehmen und Finanzinstituten ist so eng wie m&ouml;glich zeitlich zu begrenzen. Dazu werden wir jetzt mit einer Ausstiegs-Strategie beginnen.&ldquo;<\/em> (S. 1)\n<p>Obwohl sich die deutsche Wirtschaft nur langsam aus der tiefen Krise erholt und noch hohe Risiken bestehen, wird im Koalitionsvertrag nicht &uuml;ber zus&auml;tzliche Ma&szlig;nahmen zur weiteren St&uuml;tzung der Konjunktur und des Wachstums nachgedacht, sondern im Gegenteil der Ausstieg aus einer expansiven Wirtschaftspolitik verk&uuml;ndet.<\/p>\n<p>In ihrer ideologischen Verbohrtheit tun die Koalition&auml;re gerade so, als sei die Finanzkrise schon l&auml;ngst &uuml;berwunden, als g&auml;be es da keinen Regelungsbedarf mehr sondern als ginge es nur noch darum Unternehmen zu helfen, wieder zu investieren. F&uuml;r welche Nachfrage eigentlich?<\/p>\n<p><strong>Mit dem eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen<\/strong><br>\nWie Steine in einem Puzzle lassen sich die meisten Einzelma&szlig;nahmen des Koalitionsvertrages in dieses zutiefst ideologische bestimmte Leitbild einpassen.<\/p><\/li>\n<\/ol><p><em>&bdquo;Die steuerlichen Entlastungen schaffen die nachhaltige Grundlage f&uuml;r gesunde Staatsfinanzen&ldquo;<\/em> (S.2), S&auml;tze wie diese erinnern an eine magische Beschw&ouml;rung. Und wenn darauf noch folgt: <em>&bdquo;Eine weitere wichtige Aufgabe ist die strenge Begrenzung der Schulden nach der neuen Schuldenregel unserer Verfassung&ldquo;<\/em> (S. 2), so kann man, wenn das Wunder von Wachstum nicht eintreten sollte, ausrechnen, welches Ausma&szlig; an Einsparungen erfolgen muss.<\/p><p>&Uuml;ber das Budgetdefizit im Jahr 2009 von 76 Milliarden Euro (3,2% in Relation zum BIP) und von 127 Milliarden Euro (5,1 in Relation zum nominalen BIP) im Jahr 2010 hinaus, sollen zus&auml;tzliche 14 Milliarden durch die schon beschlossene <em>&bdquo;erweiterte Absetzbarkeit der Krankenversicherungsbeitr&auml;ge und den Einstieg in die Beseitigung der kalten Progression&ldquo;<\/em> (S. 2) an Steuerentlastung finanziert werden. Und weitere 24 Milliarden (volle Jahreswirkung) sollen durch <em>&bdquo;steuerliche Entlastung insbesondere f&uuml;r die unteren und mittleren Einkommensbereiche sowie f&uuml;r die Familien mit Kinder&ldquo;<\/em> (S. 2) im Laufe der Legislaturperiode zun&auml;chst einmal auf Pump finanziert werden. Wer zahlt eigentlich die Zinsen? Man meint wohl sich, wie dereinst der L&uuml;genbaron M&uuml;nchhausen, am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen zu k&ouml;nnen?<\/p><p>Weitere Belastungen f&uuml;r den Fiskus bringt der Kinderfreibetrag, der in einem ersten Schritt ab 2010 von 6.024 Euro auf 7.008 angehoben werden soll. Dazu muss man wissen, dass nur eine von f&uuml;nf Familien mit Kindern von dem Freibetrag profitiert und gegenw&auml;rtig kommt in dessen Genuss nur, wer als Verheirateter 74.700 Euro verdient. Anders als von der FDP gro&szlig;spurig verk&uuml;ndet wurde, wird das Kindergeld, das an vier von f&uuml;nf Familien geht, nicht von 164 auf 200 Euro angehoben, sondern nur um je 20,- Euro erh&ouml;ht. <\/p><p>Au&szlig;erdem soll bis 2011 das Lieblingsprojekt der Liberalen, der &bdquo;Stufentarif&ldquo; (S.3) bei der Einkommensteuer umgesetzt werden. W&auml;hrend sich bei einem linearen Tarif eine Abflachung bis nach unten erg&auml;be, gibt es beim Stufentarif Belastungsspr&uuml;nge. Bliebe es bei 35% f&uuml;r die oberste Stufe, so w&uuml;rde die Einteilung der Menschen in Steuerklassen sich vor allem positiv bei der Oberklasse auswirken. <\/p><p>Dies alles in der Hoffnung damit finanziellen Spielraum als Vorraussetzung f&uuml;r mehr Konsum und damit Wachstum zu schaffen. Das Problem ist nur, die Deutschen sind mit einer Sparquote von &uuml;ber 10% ohnehin &bdquo;Weltmeister&ldquo; im Sparen. Was passiert also, wenn nicht konsumiert, sondern zus&auml;tzlich gespart wird? Und vor allem: Sparen nicht die Besserverdienenden am meisten?<br>\nDie Sparquote steigt n&auml;mlich mit wachsendem Einkommen rapide an: von 4,5 Prozent bei einem Verdienst zwischen 2000 und 2600 Euro &uuml;ber neun Prozent (2600 bis 3600 Euro) bis zum Spitzenwert von knapp 22 Prozent bei einem Nettoeinkommen <a href=\"?p=3623\">zwischen 5.000 und 18.000 Euro<\/a>. Wenn also die Besserverdiener schon jetzt f&uuml;nften Euro, den sie verdienen, zur Seite legen, warum sollten sie nun gerade in Zukunft die ersparten Steuergelder in den privaten Konsum stecken?<\/p><p>Die Senkung der Einkommensteuer ist allerdings eher ein populistischer Schaustellertrick, denn in Wahrheit geht es um die Senkung von Unternehmenssteuern, insgesamt 10 steuerliche Entlastungen sind konkret benannt. Diese Passage des Koalitionsvertrags ist so detailliert, dass man den Eindruck gewinnen muss, als sei sie unmittelbar aus den Vorlagen der Unternehmer-Lobby &uuml;bernommen.<\/p><p>Mit einem Sofortprogramm (S. 3ff.) &ndash; zum 1. Januar 2010 beginnend &ndash; sollen <em>&bdquo;die Verlust- und Zinsabzugsbeschr&auml;nkungen sowohl f&uuml;r international aufgestellte Konzerne als auch f&uuml;r mittelst&auml;ndische Unternehmen &hellip; entsch&auml;rft&ldquo;<\/em> werden, also etwa durch eine h&ouml;here Freigrenze der sog. &bdquo;Zinsschranke&ldquo;. Damit soll es wieder erleichtert werden, Verluste von neu gekauften Firmen mit eigenen Gewinnen zu verrechnen &ndash; eine Einladung an die &bdquo;Heuschrecken&ldquo;.<br>\nDenn Ziel der &bdquo;Zinsschranke&ldquo; war es doch gerade, den Unternehmenskauf auf Pump (etwa durch kreditfinanzierte Hedge-Fonds) unattraktiver zu machen, in dem die steuerliche Abzugsf&auml;higkeit von Schuldzinsen beschr&auml;nkt wurde. Wenn dar&uuml;ber hinaus noch die Verluste neu gekaufter Firmen mit den Gewinnen des K&auml;ufers wieder verrechnet werden d&uuml;rfen, dann ist das nicht mehr und nicht weniger als ein Anreizprogramm f&uuml;r spekulative Firmenaufk&auml;ufe.<br>\nDiese Steuerentlastungsma&szlig;nahmen belegen, dass die Bundesregierung nichts aus der Finanzkrise gelernt hat und so tut als sei das Ganze nur ein Spuk von gestern gewesen.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus soll etwa an der Freistellung der ausl&auml;ndischen Unternehmenseink&uuml;nfte festgehalten oder es soll die Abschaffung der Gewerbesteuer und deren Ersatz durch einen h&ouml;heren Anteil an der Umsatzsteuer gepr&uuml;ft werden.<\/p><p>Auch die meisten Steuervereinfachungen erleichtern eher die Steuerminderung von solchen Einkommensbeziehern, die ihre Lohnsteuer nicht von vorneherein, vom Lohn abgezogen bekommen. Es sind solche Einkommensbezieher die einen Steuerberater ben&ouml;tigen (diese Kosten sollen wieder abgezogen werden d&uuml;rfen). Es soll etwa die steuerliche F&ouml;rderung der privaten Altersvorsorge entb&uuml;rokratisiert werden, die Besteuerung von Jahreswagenrabatten auf ein realit&auml;tsgerechtes Ma&szlig; gebracht werden, der Abzug von au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Belastungen vereinfacht werden etc..<\/p><p><strong>Reform der Erbschaftssteuerreform<\/strong><br>\nUnd nat&uuml;rlich soll die Reform der Erbschaftssteuer erneut reformiert werden. Hat schon der Kompromiss in der gro&szlig;en Koalition vom November 2008 das deutsche <a href=\"upload\/pdf\/090525_Kindereit_Steuerdschungel.pdf\">&bdquo;Steuerparadies f&uuml;r die Gutsituierten&ldquo; [PDF &ndash; 547 KB]<\/a> (Schaubild 8) gerettet, so soll es unter schwarz-gelb nun noch paradiesischer zugehen. <\/p><p>Die Steuerbelastung f&uuml;r Geschwister und Geschwisterkinder &ndash; die ohnehin nur bei riesigen Verm&ouml;gen anf&auml;llt &ndash; soll drastisch gesenkt werden und die Bedingungen f&uuml;r eine steuerfreie Unternehmensnachfolge sollen durch eine Absenkung der zu erhaltenden Arbeitspl&auml;tze noch weiter erleichtert werden. Dies obwohl schon vor dem &bdquo;Kompromiss&ldquo; der Gro&szlig;en Koalition kaum ein Unternehmen gefunden werden konnte, dass durch die fr&uuml;here Erbschaftssteuer in Schwierigkeiten geraten w&auml;re.  (Nur zum Vergleich: In den gewiss wirtschaftsliberalen USA ist die Erbschaftssteuer dreimal h&ouml;her als bei uns.) <\/p><p>Von einer Verm&ouml;genssteuer ist Koalitionsvertrag schon gar nicht erst die Rede.<\/p><p>Stattdessen soll ab dem 1.1.2010 f&uuml;r Beherbergungsleistungen im Hotel- und Gastronomiegewerbe den Mehrwertsteuersatz auf 7 Prozent erm&auml;&szlig;igt werden. (S.6) Au&szlig;erdem sollen Postdienstleistungen der Umsatzsteuer unterliegen und nur noch die Grundversorgung (was das auch immer sein mag) umsatzsteuerfrei bleiben (S. 6). Kommunale Unternehmen sollen umsatzsteuerpflichtig werden und das &ndash; man h&ouml;re und staune &ndash; <em>&bdquo;um Arbeitspl&auml;tze zu sichern und Investitionen zu erm&ouml;glichen.&ldquo;<\/em> (S. 6). Forschung und Entwicklung insbesondere von kleinen und mittleren Unternehmen sollen steuerlich gef&ouml;rdert werden.<\/p><p>Neben den steuerlichen Entlastungen sollen <em>&bdquo;die gemessenen Kosten aus bundesrechtlichen Informationspflichten der Wirtschaft bis 2011 im Vergleich zu 2006 359 um netto 25 Prozent&ldquo;<\/em> reduziert werden.<\/p><p>Als weitere staatliche Wohltaten f&uuml;r die Unternehmen sollen schnell verf&uuml;gbare und unb&uuml;rokratische Liquidit&auml;tshilfen f&uuml;r kleine Unternehmen gepr&uuml;ft werden (S.10) oder es soll die Privilegierung der Sozialkassen (!) im Insolvenzverfahren soll beendet werden (S. 10)  <\/p><p>Die Deregulierung, deren Konsequenzen auf den Finanzm&auml;rkten wir nun alle bezahlen d&uuml;rfen, soll unter dem Neusprech &bdquo;B&uuml;rokratieabbau&ldquo; getreu der &bdquo;freiheitlichen offenen Gesellschaft&ldquo; vorangetrieben werden: <em>&bdquo;Der freiheitliche Staat soll nicht bevormunden, sondern den Gestaltungsraum von B&uuml;rgern und Unternehmen respektieren.&ldquo;<\/em> (S. 7)<\/p><p><strong>Kein Wort zur &Uuml;berpr&uuml;fung der Finanzmarktgesetze<\/strong><br>\nIm Kapitel &uuml;ber die Finanzpolitik findet sich kein einziges Wort &uuml;ber eine Korrektur oder gar einer R&uuml;cknahme etwa der steuerlichen Befreiung der Ver&auml;u&szlig;erungsgewinne (<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2005\/37\/Steuern?page=1\">das gr&ouml;&szlig;te Geschenk aller Zeiten<\/a>, der Erleichterung von Anlagem&ouml;glichkeiten f&uuml;r Fonds, der F&ouml;rderung der Verbriefung von Krediten zu Wertpapieren, der Beg&uuml;nstigung von Private-Equity-Fonds, der Beseitigung der Hindernisse f&uuml;r Hedge-Fonds, f&uuml;r Private-Public-Partnerships, f&uuml;r Cross-Border-Leasing-Vertr&auml;ge.<br>\nKeines der zahllosen Gesetze, die  &ndash; wie es vor der Finanzkrise hie&szlig; &ndash; <a href=\"http:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/nn_1928\/DE\/Wirtschaft__und__Verwaltung\/Geld__und__Kredit\/Aufgaben__und__Ziele\/Das__Ziel__fest__im__Blick.html\">&bdquo;konsequente Schritte in eine erfolgreiche Zukunft f&uuml;r den Finanzmarkt Deutschland&ldquo;<\/a> waren, steht zur &Uuml;berpr&uuml;fung an. Niemand fragt danach, warum diese Gesetze und Erlasse die Finanzkrise nicht verhindern oder wenigstens abfedern konnten oder welche Gesetze einer &Auml;nderung oder Abschaffung bed&uuml;rfen um k&uuml;nftige Finanzkrisen zu verhindern.<\/p><p>Schwarz-Gelb tut gerade so, als habe die neue Regierung, ja,  als habe die deutsche Finanzpolitik nichts mit der Finanzkrise zu tun, als sei das alles wie ein Tsunami &uuml;ber uns hereingebrochen und als ginge es nur noch darum, nun die Tr&uuml;mmer wegzur&auml;umen und den alten wirtschafts- und finanzpolitischen Kurs weiter zu fahren und noch mehr Tempo aufzunehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><em>&bdquo;Unsere wirtschaftspolitische Leitlinie ist die <strong>Soziale<\/strong> Marktwirtschaft. Sie greift weit &uuml;ber &ouml;konomische Ziele hinaus, ist ein unverzichtbarer Teil einer <strong>freiheitlichen offenen<\/strong> Gesellschaft.&ldquo;<\/em> Schon in den ersten S&auml;tzen belegen die Dramaturgie dieses <a href=\"upload\/pdf\/091023_Koalitionsvertrag-cducsu-fdp.pdf\">Koalitionsvertrages [PDF &ndash; 1 MB]<\/a>: Unter einem sozialen M&auml;ntelchen verbergen sich die Ellbogen der sog. &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo;.<br \/> Eine Analyse des 1. Kapitels des Koalitionsvertrages<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4286\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[25,205,190],"tags":[284,442,441,413,443,278],"class_list":["post-4286","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lohnnebenkosten","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-wahlen","tag-deregulierung","tag-eigenverantwortung","tag-freiheit","tag-schlanker-staat","tag-standortwettbewerb","tag-steuersenkungen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4286","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4286"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4286\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20138,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4286\/revisions\/20138"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4286"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4286"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4286"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}