{"id":42869,"date":"2018-03-12T08:32:08","date_gmt":"2018-03-12T07:32:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42869"},"modified":"2021-06-23T10:14:05","modified_gmt":"2021-06-23T08:14:05","slug":"die-legalisierung-der-tyrannei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42869","title":{"rendered":"Die Legalisierung der Tyrannei"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180313_hedges.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p><strong>Chris Hedges<\/strong> war Au&szlig;enkorrespondent f&uuml;r die New York Times und verlor seine Stelle dort, als er sich gegen den Irakkrieg positionierte. Er hat seitdem mehrere B&uuml;cher &uuml;ber die Entwicklung der USA verfasst, engagiert sich f&uuml;r und unterrichtet H&auml;ftlinge in Gef&auml;ngnissen und ist zu einer Art Ikone der US-amerikanischen Linken geworden. Unter dem Titel &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.truthdig.com\/articles\/legalizing-tyranny\/\">Legalizing Tyranny<\/a>&ldquo; hat Hedges j&uuml;ngst ein bemerkenswertes St&uuml;ck &uuml;ber unsere Vorbild- und F&uuml;hrungsmacht verfasst. Diesen wichtigen Debattenbeitrag hat <strong>David Elwing<\/strong> f&uuml;r die NachDenkSeiten ins Deutsche &uuml;bertragen.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6550\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-42869-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180313_Die_Legalisierung_der_Tyrannei_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180313_Die_Legalisierung_der_Tyrannei_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180313_Die_Legalisierung_der_Tyrannei_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180313_Die_Legalisierung_der_Tyrannei_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=42869-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180313_Die_Legalisierung_der_Tyrannei_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180313_Die_Legalisierung_der_Tyrannei_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Unter den Studenten, die ich im Gef&auml;ngnis unterrichte, sind die mit den l&auml;ngsten Haftstrafen fast ausnahmslos diejenigen, die auf einen Prozess bestanden haben. Bek&auml;me jeder wegen einer Straftat Angeklagte einen solchen, w&uuml;rde das Gerichtssystem kollabieren. Staatsanw&auml;lte, Verteidiger und Richter benutzen diejenigen, die auf einen Prozess vor Gericht bestehen &ndash; oft Menschen, die das ihnen zur Last gelegte Verbrechen nicht begangen haben &ndash; um an ihnen ein Exempel zu statuieren. Ihre Urteile, h&auml;ufig lebenslange Haftstrafen, sind schreckliche Erinnerungen daran, dass es im besten Interesse eines Angeklagten ist, selbst wenn er oder sie unschuldig ist, eine Urteilsabsprache zu treffen. Vierundneunzig Prozent der Verurteilungen wegen Straftaten auf Staatsebene und 97 Prozent der Verurteilungen auf Bundesebene sind das Ergebnis von Schuldbekenntnissen. Und Studien von Gruppen wie <em>Human Rights Watch<\/em> bekr&auml;ftigen die Tendenz von Geschworenenprozessen zu hohen Strafen: Diejenigen, die auf einen Prozess bestehen, bekommen im Schnitt 11 zus&auml;tzliche Jahre an ihre Haftstrafe angeheftet. Die Reichen erhalten teure Anw&auml;lte und ausgedehnte Gerichtsverfahren. Die Armen werden direkt ins Gef&auml;ngnis verfrachtet.<\/p><p>Der Verfall der moralischen Autorit&auml;t des Rechtssystems hat omin&ouml;se Folgen, w&auml;hrend wir uns immer mehr dem Despotismus n&auml;hern. Er ist einer der wesentlichen Vorl&auml;ufer der Tyrannei, wie die Politologin Hannah Arendt in ihrem Buch <em>On Violence<\/em> betont. Arendt schrieb: &ldquo;Macht und Gewalt sind Gegens&auml;tze: Wo die eine absolut herrscht, ist die andere abwesend.&rdquo; Wenn Institutionen wie das Justizsystem zusammenbrechen und ihre Legitimit&auml;t einb&uuml;&szlig;en, zerf&auml;llt auch ihre moralische Autorit&auml;t. Um das Vakuum zu f&uuml;llen, wenden sich diese Institutionen ausschlie&szlig;lich der Gewalt zu. &ldquo;Gewalt&rdquo;, schrieb Arendt, &ldquo;erscheint dort, wo die Macht in Gefahr ist.&rdquo; Gewalt ist nicht mehr Ausdruck von Macht. Vielmehr sind Gewalt und Zwang, die jeden Anschein von Gerechtigkeit abstreifen, das einzige Mittel der sozialen Kontrolle. Vertrauen und Respekt vor der Rechtsstaatlichkeit werden durch Angst ersetzt. Und Arendt warnte: &ldquo;Gewalt kann Macht zerst&ouml;ren; aber sie ist g&auml;nzlich unf&auml;hig, sie zu erschaffen. &ldquo;Die Korruption des Gerichtssystems, die vorl&auml;ufig nur die Armen trifft, frisst sich wie Wundbrand aufw&auml;rts durch den K&ouml;rper der Justiz. Gewalt ist schlussendlich das einzige Instrument, das einem diskreditierten Konzern-Staat (corporate state) und seiner bankrotten Ideologie des entfesselten Kapitalismus &uuml;brig bleibt. Was den Armen angetan wird, wird bald mit uns allen geschehen.<\/p><p>Wenn Sie arm sind, funktioniert das System so: Als Erstes werden Sie f&uuml;r ein Verbrechen verhaftet, das Sie begangen haben oder auch nicht. Die Polizei verf&uuml;gt &uuml;ber weitreichende rechtliche Instrumente wie RICO &ndash; das &bdquo;Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act&ldquo; (ein Gesetz, das die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung unter Strafe stellt) von 1970 &ndash; das es ihr erm&ouml;glicht, jeden anzuklagen, den sie als Mitglied einer Stra&szlig;engang oder einer anderen kriminellen Vereinigung betrachtet. Wer angeklagt wird, hatte m&ouml;glicherweise nicht den geringsten Anteil an der Straftat. Einer meiner Studenten war beispielsweise in einem Raum zusammen mit mehreren anderen Leuten w&auml;hrend eines schiefgelaufenen Drogendeals. Ein Mann zog eine Pistole und t&ouml;tete einen anderen. Mein Sch&uuml;ler besa&szlig; keine Waffe. Er hatte mit dem Mord nichts zu tun. Er kannte weder M&ouml;rder noch Opfer. Aber er wurde im Rahmen einer Urteilsabsprache zu 11 Jahren Haft verurteilt, wodurch er seine Arbeit verlor und sein Sohn, den er alleine gro&szlig;zog, obdachlos wurde. Er ist jetzt freigekommen. Sein Sohn ist im Gef&auml;ngnis.<\/p><p>Unsere Gef&auml;ngnisse sind voller Menschen wie er &ndash; arm, schwarz und zur falschen Zeit am falschen Ort. Die Polizei hat weder Zeit, Mittel noch die Bereitschaft, die Mehrzahl der Morde zu untersuchen. Um einen Fall abzuschlie&szlig;en, braucht sie einen oder mehrere Verd&auml;chtige. Zus&auml;tzlich zur Hauptanklage werden Angeklagten immer zahlreiche weitere Verbrechen wie z.B. Freiheitsberaubung zur Last gelegt, die mit langen Haftstrafen bew&auml;hrt sind. Es spielt dabei keine Rolle, ob sie wirklich jemanden entf&uuml;hrt haben, darum geht es nicht. Es geht darum, sie mit so vielen Anklagepunkten zu bedrohen, dass es auf eine lebenslange Haftstrafe hinausl&auml;uft. Dies macht die angebotene reduzierte Strafe in einer Prozessabsprache sehr attraktiv. Da sich arme Menschen oft keine Kaution leisten k&ouml;nnen, sitzen sie monate-, oft sogar jahrelang in Untersuchungshaft, was den Druck erh&ouml;ht, ein Angebot des Gerichts anzunehmen. Wenn sie jung sind und kein unterst&uuml;tzendes soziales Netz haben, k&ouml;nnen sie leicht niedergebrochen werden und ein Gest&auml;ndnis unterschreiben. Dies widerfuhr einem meiner Sch&uuml;ler, als er 14 Jahre alt war und auf der Stra&szlig;e lebte, nachdem sein Stiefvater seine Mutter vor seinen Augen erschlagen hatte. Er wurde unter Druck gesetzt, ein Gest&auml;ndnis zu einem Mord in Camden, New Jersey, zu unterschreiben, von dem er behauptet, ihn nicht begangen zu haben. Die Polizei, so sagt er, habe ihm zu verstehen gegeben, er w&uuml;rde im Falle einer Unterschrift freigelassen werden. Wie viele, die auf der Stra&szlig;e leben, war er ein funktionaler Analphabet und konnte nicht lesen, was er unterschrieb. Er verbrachte zwei Jahre im Bezirksgef&auml;ngnis und kam dann vor Gericht, wo man ihm, obwohl er 16 Jahre alt war, nach Erwachsenenstrafrecht den Prozess machte. Er hat erst ab seinem 70. Lebensjahr Anspruch auf Bew&auml;hrung. F&uuml;r ein Berufungsverfahren fehlt ihm das Geld. Er wurde zu einer Geldstrafe von 10.000 Dollar verurteilt, eine Summe, die er langsam von seinem Insassengehalt von 28 Dollar pro Monat abstottert. Er ist jetzt 40 Jahre alt und schuldet dem Bundesstaat New Jersey immer noch 6.000 Dollar.<\/p><p>Als Zweites erhalten Sie, wenn Sie arm sind, einen Pflichtverteidiger. Dieser Anwalt ist so &uuml;berlastet, dass er nicht die Zeit hat, den Fall zu untersuchen und eine &uuml;berzeugende Verteidigung aufzubauen. Die eigentliche Aufgabe des Anwalts ist es, als Verhandlungsf&uuml;hrer mit dem Staatsanwalt eine Einigung zu erzielen. Eine solche Vereinbarung, die immer im Geheimen ausgehandelt wird, beinhaltet, dass der Staatsanwalt einige der Anklagepunkte fallen l&auml;sst. Ein Abkommen verk&uuml;rzt die zu erwartende Haft erheblich, oft um die H&auml;lfte. &bdquo;Geh zum Gericht&ldquo;, wirst du gewarnt, &bdquo;und du musst mit allen Anklagepunkten rechnen.&ldquo; Der Druck, nachzugeben und ein Abkommen zu unterschreiben, ist immens, weshalb die meisten Menschen, selbst diejenigen, die das Verbrechen nicht begangen haben, sich schuldig bekennen. Da fast alle F&auml;lle mit Urteilsabsprachen geregelt werden, kann die &Ouml;ffentlichkeit, aus der eine Jury ausgew&auml;hlt werden w&uuml;rde, die Travestie nicht sehen, zu der unser Rechtssystem geworden ist. Ein Gerichtsverfahren gegen einen Angeklagten, der arm ist, ist eine Farce. Pflichtverteidiger verbringen manchmal nur 15 Minuten mit einem Klienten. Sie erscheinen oft unvorbereitet im Gerichtssaal. In vielen Staaten d&uuml;rfen Staatsanw&auml;lte bis zu Prozessbeginn warten, bevor sie Akteneinsicht gew&auml;hren. Das bedeutet, dass viele Menschen zu Schuldgest&auml;ndnissen gedr&auml;ngt werden, obwohl die Staatsanw&auml;lte wenige oder keine Beweise gegen sie haben. Es bedeutet auch, dass die Verteidigung keine M&ouml;glichkeit hat, eine Strategie zu entwickeln.<\/p><p>Ich hatte einen Studenten im Gef&auml;ngnis, der in einem Boxteam der Streitkr&auml;fte war. Er bereitete sich auf eine professionelle Karriere vor, als er in Elizabeth, New Jersey, wegen Mordes angeklagt wurde. Er sagt, dass er zum Zeitpunkt des Mordes nicht in der Stadt war. Er weigerte sich, eine Strafe von 16 Monaten auf sich zu nehmen, und ging vor Gericht. Sein Verteidiger empfahl ihm, auf Selbstverteidigung zu pl&auml;dieren. Er weigerte sich. Das war eine gute Entscheidung, denn im Prozess kam heraus, dass das Opfer in den R&uuml;cken geschossen wurde. Wie wurde er verurteilt? Ein paar Drogenabh&auml;ngige, die ein bisschen aufgeputzt wurden und Hotelzimmer und etwas Geld von der Polizei bekamen, bezeugten, dass sie ihn bei der Tat gesehen h&auml;tten. Er bekam 30 Jahre. &ldquo;Wir sa&szlig;en schockiert im Gerichtssaal&rdquo;, erz&auml;hlte mir seine Mutter. &ldquo;Es war f&uuml;r jeden im Raum offensichtlich, dass die Drogenabh&auml;ngigen logen.&rdquo;<\/p><p>Das Justizsystem war gegen&uuml;ber den Armen, insbesondere den armen Farbigen, noch nie gerecht. Aber dessen Tendenz zum Unrecht hat sich in den letzten drei Jahrzehnten versch&auml;rft, wie Michelle Alexander in ihrem Buch <em>The New Jim Crow<\/em> gezeigt hat. Vor allem auf Bundesebene ist die Zahl der m&ouml;glichen Straftatbest&auml;nde in die H&ouml;he geschossen. Einst gab es deren nur drei: Verrat, Piraterie und F&auml;lschung; heute gibt es Tausende. Das Gesetz als Instrument der Moral wurde auf Bundes- und Staatsebene zu einem Instrument rassifizierter sozialer Kontrolle deformiert. Es legt den Armen rechtliche Pflichten auf und sperrt sie ein, wenn sie diese Pflichten nicht erf&uuml;llen k&ouml;nnen. Wenn z.B. jemand in dem Raum, in dem der Drogendealer erschossen wurde, sofort die Polizei gerufen und das Verbrechen gemeldet h&auml;tte, realiter ein Todesurteil in einer armen Gemeinde, w&auml;re er entlastet worden. Weigere dich anzurufen, und du wirst wegen Mordes angeklagt. Bei vielen mit einer Verurteilung als M&ouml;rder tun nicht einmal die Gerichte so, als ob sie tats&auml;chlich einen Mord begangen h&auml;tten: Wenn jemand Berufung einlegen will, kostet das 100.000 Dollar. Arme Menschen haben keinen Zugang zu solcherlei Kapitalressourcen. Revisionsantr&auml;ge werden in der Regel von anderen Gefangenen verfasst, die als Rechtsanwaltsgehilfen im Gef&auml;ngnis arbeiten. Im Falle des Boxers war es anders. Seine Eltern nahmen ihr gesamtes Altersguthaben von 150.000 Dollar in die Hand und stellten einen Anwalt und einen Privatdetektiv ein. Sie gingen mit den Eingest&auml;ndnissen der Drogenkonsumenten, die gegen ihren Sohn ausgesagt hatten, dass sie gelogen h&auml;tten, vor Gericht. Es machte keinen Unterschied. Er ist immer noch im Gef&auml;ngnis. Und seine Mutter &ndash; sein Vater ist inzwischen gestorben &ndash; lebt in Armut und hat ihre Ersparnisse aufgebraucht, um ihren Sohn zu retten. &ldquo;Meine Mutter&rdquo;, sagte er mir, &ldquo;hat nie verstanden, dass das System eine Farce ist.<\/p><p>Der Gef&auml;ngnisstaat &ndash; bestehend aus 1.719 Staatsgef&auml;ngnissen, 102 Bundesgef&auml;ngnissen, 901 Jugendvollzugsanstalten, 3.163 lokalen Gef&auml;ngnissen und 76 Indianerreservatsgef&auml;ngnissen, dazu Milit&auml;rgef&auml;ngnisse, Haftanstalten f&uuml;r Einwanderer, Anstalten f&uuml;r Sexualstraft&auml;ter und Gef&auml;ngnisse in den US-Territorien ohne Bundesstaatsstatus &ndash; ist eine Subkultur f&uuml;r sich mit einem Budget von 81 Milliarden US-Dollar und einer enormen politischen Durchsetzungskraft. Wir geben insgesamt 265 Milliarden US-Dollar f&uuml;r f&ouml;derale, bundesstaatliche und kommunale Vollzugsanstalten und die Polizei- und Gerichtssysteme aus. Die beiden wichtigsten politischen Parteien wetteifern darum, der &bdquo;H&auml;rteste&ldquo; im Umgang mit der Kriminalit&auml;t zu sein. Von 1974 bis 2010 erlaubte der Kongress f&uuml;r 92 Straftatbest&auml;nde die Todesstrafe. Ein erstes Bet&auml;ubungsmitteldelikt kann in den Vereinigten Staaten zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe f&uuml;hren. Ich habe einen Gef&auml;ngnisstudenten unterrichtet, der eine lebenslange Haftstrafe plus 154 Jahre f&uuml;r Waffenbesitz und Drogen bekommen hatte. Er war nie wegen eines Gewaltverbrechens angeklagt worden. Solche Urteile gibt es kaum woanders in der industriellen Welt. Sie sind in despotischen Staaten wie China und den Philippinen &uuml;blich, Staaten, denen wir zunehmend &auml;hneln. In den Vereinigten Staaten leben jetzt 65 Millionen Menschen, die wegen ihrer fr&uuml;heren Verurteilung eine kriminelle Kaste bilden und ausgeschlossen sind von allen m&ouml;glichen Einrichtungen vom sozialen Wohnungsbau bis hin zum Wahlrecht. Sieben Millionen Menschen unterliegen einem Regime von Bew&auml;hrungshelfern. Wir haben die h&ouml;chste Inhaftierungsrate der Welt. Diese Zahlen werden noch steigen, im Zuge dessen unsere Gesellschaft auseinander f&auml;llt.<\/p><p>Das Justizsystem wurde in den letzten Jahren auf grausame Weise verfeinert, um die winzigen Schlupfl&ouml;cher zu schlie&szlig;en, die den 2,3 Millionen in K&auml;figen weggesperrten Menschen Hoffnung auf Wiedergutmachung geben k&ouml;nnen. Die Gerichte verk&uuml;rzen routinem&auml;&szlig;ig die Strafe, wenn der Angeklagte sein Recht auf einen Anwalt aufgibt und eine Verzichtserkl&auml;rung unterzeichnet, die es ihm verbietet, Berufung einzulegen. Diese Verhandlungstaktik beraubt die Angeklagten jeglichen Rechtsschutzes. Unternehmen haben immer gr&ouml;&szlig;ere Teile des Gef&auml;ngnislebens &uuml;bernommen, vom Essensservice &uuml;ber Geldtransfers und Gef&auml;ngnisl&auml;den bis hin zu Telefongespr&auml;chen. Eine Million Gefangene arbeiten f&uuml;r Unternehmen im Gef&auml;ngnis, oft f&uuml;r Geh&auml;lter von weniger als einem Dollar pro Stunde. Gefangene und ihre Familien werden f&uuml;r Kapitalgewinne in Milliardenh&ouml;he ausgebeutet. Unternehmenslobbyisten sponsern Gesetze, um sicherzustellen, dass diese eingekerkerte Bev&ouml;lkerung in Gefangenschaft bleibt. Schwarze und braune K&ouml;rper auf den Stra&szlig;en unserer St&auml;dte bringen diesen Unternehmen keine Einnahmen; hinter Gittern erzeugen sie jeweils 40.000 $ bis 50.000 $ pro Jahr.<\/p><p>Die Deindustrialisierung hat hunderttausende schwarze Menschen in den Stadtgebieten ohne Arbeit zur&uuml;ckgelassen. Ihre Gemeinschaften verfallen und kollabieren. Verbrechensraten stiegen. Die soziale Desintegration wurde von h&auml;rteren Formen sozialer Kontrolle, militarisierter Polizei und Masseninhaftierung begleitet. Aber die Ursachen hinter dieser sozialen Desintegration wurden, wie Soziologen wie William Julius Wilson betont haben, ignoriert. Wie sich die F&auml;ulnis der Deindustrialisierung im ganzen Land ausbreitet, wird sich die Erfahrung von braunen und schwarzen Menschen (people of color) &ndash; der untersten Schicht in der Klassenhierarchie &ndash; verallgemeinern. Wenn Grundrechte f&uuml;r irgendein Segment einer Bev&ouml;lkerung zu Privilegien werden, k&ouml;nnen sie, wie Arendt betonte, auch f&uuml;r den Rest der Bev&ouml;lkerung widerrufen werden. Wir haben einen furchteinfl&ouml;&szlig;enden Rechts- und Polizeiapparat aufgebaut, der die Armen unserer Nation, Opfer von Firmenpl&uuml;nderungen, in Knechtschaft bringt. Dieses System greift schleichend um sich, um eine amerikanische Tyrannei zu aufzubauen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180313_hedges.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p><strong>Chris Hedges<\/strong> war Au&szlig;enkorrespondent f&uuml;r die New York Times und verlor seine Stelle dort, als er sich gegen den Irakkrieg positionierte. 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