{"id":4297,"date":"2009-10-28T15:09:38","date_gmt":"2009-10-28T14:09:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4297"},"modified":"2014-01-23T12:00:36","modified_gmt":"2014-01-23T11:00:36","slug":"vom-nuetzlichen-und-gemeinen-die-bertelsmann-stiftung-als-neoliberaler-anstifter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4297","title":{"rendered":"Vom N\u00fctzlichen \u2013 und Gemeinen: Die Bertelsmann Stiftung als neoliberaler Anstifter"},"content":{"rendered":"<p>Ein Impulsreferat von Steffen Roski an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln am 27.10.2009.<br>\n<!--more--><\/p><p>Als Soziologe in politischer Absicht geht es mir heute Abend darum, vor dem Hintergrund meines in mehrj&auml;hriger Auseinandersetzung mit dem Thema <em>&bdquo;Bertelsmann&ldquo; <\/em>erarbeiteten Verst&auml;ndnishintergrunds folgendes darzulegen: Es ist ein gesellschaftspolitischer Skandal, dass ein milliardenschwerer Medien- und Dienstleistungskonzern im Gewand einer vorgeblich gemeinn&uuml;tzigen Stiftung, die mehr als Dreiviertel seines Kapitals h&auml;lt und aufs engste personell mit ihm verflochten ist, das hohe Lied der<em> &bdquo;Corporate Social Responsibility&ldquo;<\/em> singt und dabei von politisch-administrativen und teilweise auch zivilgesellschaftlichen Akteuren willf&auml;hrig sekundiert wird. <\/p><p>Bereits Mitte der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts kam der Medienwissenschaftler J&ouml;rg Becker in einer Analyse zu folgenden Ergebnissen:<\/p><ol>\n<li>Der Bertelsmann-Konzern ist weder ein Verlag noch ein Medienproduzent; vielmehr ist er ein Informationskonzern.<\/li>\n<li>Die Begrenztheit des bundesdeutschen Marktes zwingt den Konzern zu einer doppelten Wachstumsstrategie in Richtung a) Auslandsm&auml;rkte und b) neue Technologien. Beide Wachstumsstrategien bedingen einander gegenseitig.<\/li>\n<li>Der Bertelsmann-Konzern besitzt eine politische Affinit&auml;t zur Sozialdemokratie.<\/li>\n<li>Je gr&ouml;&szlig;er der Konzern wird, desto gr&ouml;&szlig;er resp. sichtbarer wird das Konfliktpotential mit anderen, gesellschaftlichen Machtformationen (z.B. Dritte Welt, &ouml;ffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten, elektronische Industrie).\n<\/li>\n<\/ol><p>Die Einzigartigkeit der Bertelsmannschen Unternehmenskonstruktion, die darin ihren Ausdruck findet, dass &ndash; je nach gew&auml;hlter Perspektive &ndash; der <em>&bdquo;medialpolitische Komplex aus G&uuml;tersloh&ldquo;<\/em> mal als Konzernstiftung, mal als Stiftungskonzern betrachtet werden kann, wird m.E. nur vor dem Hintergrund des regulationstheoretischen Basiskonzepts verst&auml;ndlich, das die Wechselwirkungen von gesellschaftlicher Regulation und wirtschaftlicher Akkumulation paradigmatisch in den Blick nimmt. Seit sp&auml;testens den 1980er Jahren geriet der massenproduktive Fordismus in die Krise: Der gesellschaftliche Korporatismus erodierte, die Gewerkschaften gerieten immer mehr in die Defensive, Arbeitsm&auml;rkte wurden Schritt f&uuml;r Schritt dereguliert. Der 1983\/84 erfolgte Einstieg ins Privatfernsehen durch Bertelsmann f&uuml;hrte zu einem <em>&bdquo;Konzentrationsschub im Medien- und Informationsmarkt der Bundesrepublik.&ldquo;<\/em> (J&ouml;rg Becker) Der Anstieg der Zahl der <em>&bdquo;working poor&ldquo;<\/em> fand somit ihre Entsprechung in der Zunahme kommerzieller Massenkommunikation, die <em>&bdquo;eine kulturelle Homogenisierung&ldquo; <\/em>historisch bislang unbekannten Ausma&szlig;es gerade f&uuml;r die &bdquo;information poor&rsquo;&ldquo; (J&ouml;rg Becker) erzwang.<\/p><p>Unsere <em>&bdquo;postmoderne Moderne&ldquo;<\/em> (Wolfgang Welsch) bedingt eine Transformation des &Ouml;konomischen<em>: Im Postfordismus<\/em> sind jetzt neue kommunikative Kompetenzen erforderlich. Segmentarisierte, medialisierte und flexibilisierte Aushandlungsprozesse,  f&uuml;r die der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch den Begriff &bdquo;Postdemokratie&ldquo; gepr&auml;gt hat, sind wie geschaffen f&uuml;r die &bdquo;information rich&ldquo;, die in der Rolle als Moderatoren der Informationswirtschaft Stiftungen in Think Tanks verwandeln, den Staat zum Unternehmer machen und den B&uuml;rger zu einem blo&szlig;en Kunden degradieren, der Leistungen auf M&auml;rkten f&uuml;r z.B. Bildung, Gesundheit, Vorsorge und Arbeit nachfragt. Mediengesteuerte Kommunikation sowie eine zunehmende Umwandlung von Staatsfunktionen in private Dienstleistungen bestimmen das Bild einer dezentralen und marktorientierten Regulation auf der Basis flexibler Akkumulation.<\/p><p>Vor diesem Hintergrund erscheint Bertelsmann als das postfordistische Unternehmen par excellence. Der Konzern vereint Medienmacht mit einer informationsbasierten Dienstleistungspalette. Es mutet zirkul&auml;r an, zu sagen, dass Bertelsmann als <em>&bdquo;Informationskonzern&ldquo;<\/em> (J&ouml;rg Becker), will er wirtschaftlich erfolgreich sein, aus nichts mehr Wert sch&ouml;pft als eben aus: Information. Dazu bedarf es eines Sensoriums, das bis in die feinsten Ver&auml;stelungen der Gesellschaft reicht, um auch ja jeden &bdquo;Trend&ldquo; zu registrieren, der dem Konzern neue T&auml;tigkeitsfelder erschlie&szlig;en hilft.<\/p><p>Und hier kommt die Stiftung ins Spiel. Mit ihr, einer Art gemeinn&uuml;tzig gestellten Forschungs- und Entwicklungsabteilung, gelingt dem Konzern das Kunstst&uuml;ck, im Sinne einer der Zivilgesellschaft gegen&uuml;ber als verantwortungsbewusster, dem Gemeinwohl verpflichteter Eigent&uuml;mer zu erscheinen, der ohne Beanstandungen <em>&bdquo;regelm&auml;&szlig;ig vom Finanzamt gepr&uuml;ft&ldquo;<\/em> wird, von der AG unabh&auml;ngig und parteipolitisch neutral sei. (Neue Westf&auml;lische vom 6. Januar 2009) Dass es der Bertelsmann Stiftung gelingt, gleichsam als idealer Gesamtdemokrat zu erscheinen, geh&ouml;rt zu den Eigenheiten eines politischen Regimes, in dem es einer Konzernstiftung gelungen ist, das <em>&bdquo;Politische&ldquo;<\/em> betriebswissenschaftlich zu neutralisieren und damit in einer perfiden Uminterpretation der Artikel 14 und 15 GG  (&bdquo;Eigentum verpflichtet&ldquo; und die M&ouml;glichkeit zur &Uuml;berf&uuml;hrung in<em> &bdquo;Gemeineigentum&ldquo;<\/em>) im Gewand der Stiftung als Sachwalter des <em>&bdquo;Demokratischen&ldquo;<\/em> schlechthin zu erscheinen und als Dienstleister an der stiftungsseitig inszenierten Vertriebswirtschaftlichung poltisch-staatlicher Prozesse &ndash; an Private Public Partnerships und New Public Management &ndash; kr&auml;ftig zu verdienen.<\/p><p>Dass die Bertelsmann Stiftung vom Finanzamt regelm&auml;&szlig;ig gepr&uuml;ft wird, nun, dies entspricht wohl den Tatsachen. Dass dies <em>&bdquo;ohne Beanstandungen&ldquo;<\/em> geschieht, zeigt m.E. die Bedenklichkeit eines stetig zugunsten der Kapitalseite reformierten Stiftungsrechts. Dass die Bertelsmann Stiftung politisch unabh&auml;ngig sei &ndash; auch diese Behauptung mag ich hinnehmen angesichts einer neoliberalen Hegemonie, die jedwede politische Frage nach einer Alternative zum vorherrschenden Wirtschaftssystem zu einem staatsfeindlichen Akt stempelt. Dass aber die Bertelsmann Stiftung von der AG unabh&auml;ngig sein soll, ist eine falsche Tatsachenbehauptung der hauseigenen Kommunikationsabteilung. Kann ich das zeigen? Ja, gewiss.<\/p><p>In meinem Beitrag zum <em>&bdquo;Netzwerk der Macht&ldquo;<\/em>&ndash; Buch lasse ich J&uuml;rgen Turek, stellvertretender Direktor des mit der Bertelsmann Stiftung verflochtenen Centrums f&uuml;r angewandte Politikforschung (CAP), zu Wort kommen. Klar umrei&szlig;t Turek die Aufgabenverteilung zwischen Konzern und Stiftung, wenn er die Bertelsmann AG als ein Kompetenzzentrum im Wandlungsprozess beschreibt und ausf&uuml;hrt:<\/p><blockquote><p><em> Durch die &Uuml;bernahme sozialer Verantwortung [!] &uuml;ber gesellschaftlich ausgerichtete Public Relations oder eine geschickte Instrumentalisierung von Stiftungen [!] definieren [Unternehmen wie Bertelsmann] gleicherma&szlig;en politische Positionen und bestimmen die Themen der internationalen Politik zunehmend mit. <\/em><\/p><\/blockquote><p><br>\nAuch die j&uuml;ngsten Entwicklungen weisen klar in die von mir skizzierte Richtung. Die FAZ titelt im Wirtschaftsteil vom 9. Oktober 2009, unmittelbar nach dem Tod des Firmenpartriarchen Reinhard Mohn:<em> &bdquo;Alle Macht f&uuml;r Liz Mohn und ihre Kinder&ldquo;<\/em>. Dem Beitrag angef&uuml;gt ist eine Grafik &uuml;ber die <em>&bdquo;Macht der Mohns&ldquo;<\/em>. So ist Elisabeth, genannt: Liz Mohn Vorsitzende der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft, Angeh&ouml;rige der Eigent&uuml;merfamilie, Mitglied des Aufsichtsrates der Bertelsmann AG und zugleich auch &ndash; so von Reinhard Mohn testamentarisch verf&uuml;gt &ndash; Stifterin der steuerlich beg&uuml;nstigten, absolut gemeinwohlorientierten, der Demokratie n&uuml;tzlichen und politisch absolut neutralen Bertelsmann Stiftung. Ein wahrlich erschreckendes Viereck der Macht, das sich einem da auftut!<\/p><p>Was die Bertelsmann Stiftung unter <em>&bdquo;sozialer Verantwortung&ldquo;<\/em> versteht, wenn sie etwa &uuml;ber ihren Ableger CAP der Militarisierung Europas Vorschub leistet, versteht sich wohl von selbst. Auch liegen inzwischen zahlreiche wissenschaftliche Studien vor, die zeigen, wie die AG ihre Stiftung instrumentalisiert, um etwa Bildungseinrichtungen, Krankenh&auml;user und Kommunalverwaltungen im Sinne des Profits zu schleifen. L&uuml;gen haben eben kurze Beine.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Impulsreferat von Steffen Roski an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln am 27.10.2009.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,129,203],"tags":[232],"class_list":["post-4297","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-postdemokratie","tag-bertelsmann"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4297","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4297"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4297\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20131,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4297\/revisions\/20131"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4297"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4297"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4297"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}