{"id":42987,"date":"2018-03-16T13:40:13","date_gmt":"2018-03-16T12:40:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42987"},"modified":"2018-12-30T15:57:25","modified_gmt":"2018-12-30T14:57:25","slug":"brasilien-der-mordanschlag-auf-marielle-franco-die-faschistische-gewaltpredigt-und-der-vernichtungskrieg-gegen-afrobrasilianer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42987","title":{"rendered":"Brasilien \u2013 Der Mordanschlag auf Marielle Franco, die faschistische Gewaltpredigt und der Vernichtungskrieg gegen Afrobrasilianer"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180316_f1_.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Rio de Janeiro, Mittwoch, 14. M&auml;rz, gegen 21 Uhr 30, im citynahen Bezirk Est&aacute;cio. Die Stadtverordnete der linken Partei f&uuml;r Sozialismus und Freiheit (PSOL), Marielle Franco, kehrt von einer Sitzung mit afrobrasilianischen Slumbewohnerinnen nach Hause zur&uuml;ck.<br>\nSie sitzt ausnahmsweise auf dem hinteren Sitz, auf dem von ihr &uuml;blicherweise bevorzugten Beifahrersitz leistet diesmal ihre Referentin Fernanda Chaves dem Fahrer Anderson Pedro Gomes Gesellschaft. Als der bis vor wenigen Wochen arbeitslose Gomes mit dem wei&szlig;en Chevrolet in die Joaquim-Palhares-Stra&szlig;e einbiegt, wird er von einem dunkelsilbernen PKW eingeholt, aus dem aus halber H&ouml;he mindestens neun Sch&uuml;sse auf den wei&szlig;en Chevrolet abgefeuert werden. Vier Projektile zerschmettern Marielle Francos Kopf und Nacken, ihr Fahrer Anderson erleidet drei Sch&uuml;sse in den R&uuml;cken. Franco und Gomes sind auf der Stelle tot, Referentin Fernanda Chaves kommt mit einer Armverletzung davon. Ein Bericht von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nZwei Fu&szlig;g&auml;nger, die den Anschlag als geschockte Augenzeugen erlebten, zweifelten an der Hypothese eines Raub&uuml;berfalls. Das Auto mit den M&ouml;rdern sei nach den Sch&uuml;ssen mit hoher Geschwindigkeit in der Dunkelheit verschwunden. Die Kriminalpolizei best&auml;tigte die These wenige Stunden sp&auml;ter: Der Mord an Franco und Gomes sei ein Attentat. Noch ungew&ouml;hnlicher schaltete sich Luis Fux, notorisch konservativer Magistrat am Obersten Gerichtshof, mit einem Aufschrei in den Nachrichtenstrom ein. Der Mord an Marielle Franco, so der Richter &ndash; der an anderer Stelle weniger vorteilhaft zitiert werden muss &ndash; sei &bdquo;ein Versuch, eine politische Stimme zum Schweigen zu bringen&rdquo;.<\/p><p>Mithilfe der sozialen Netzwerke hatte die Nachricht vom Attentat die Wirkung einer Z&uuml;ndschnur. Wenige Stunden sp&auml;ter protestierte bereits eine Tausendschar vor der Stadtverordnetenkammer Rio de Janeiros, mindestens 50.000 Menschen hielten anschlie&szlig;end die Totenwache und gaben Franco und ihrem Fahrer Gomes ihr letztes Geleit zum Friedhof Caju, in Rios armen Nordbezirk.<\/p><p><strong>Woche der Schande<\/strong><\/p><p>Der Mord an der 38-j&auml;hrigen Soziologin, Politikerin und Menschenrechts-Aktivistin passierte in einer Woche, die in Brasilien von Dem&uuml;tigung, Ehrlosigkeit und Zynismus schwerlich zu &uuml;berbieten war.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180316_f2_.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Kaum anders zu beschreiben, als von eiskalter Spottlust angetrieben, empfing doch tats&auml;chlich die Pr&auml;sidentin des Obersten Gerichtshofs, Carmen L&uacute;cia, am Wochenende vor dem Anschlag den hemds&auml;rmelig gekleideten de-facto-Pr&auml;sidenten Michel Temer wegen einer neuen Korruptionsanklage zu einem Privatgespr&auml;ch in ihrer Wohnung. Aus Anstand und sich der augenblicklichen Amtsenthebung bewusst, w&uuml;rde sich in jeder respektierlichen Demokratie kein hoher Richter und Staatschef zu derartig frecher Promiskuit&auml;t hinrei&szlig;en lassen. Die Oberste Richterin verabschiedete ihren Wochenend-Besucher mit Umarmung und einem Wangenk&uuml;sschen; ungebetene Augenzeugen dokumentierten die Intimhandlung per Handy.<\/p><p>W&auml;hrend in Brasilien ein Gro&szlig;teil der mindestens 20 Millionen Arbeitslosen sich schon zur Nachtzeit in langen Schlangen f&uuml;r wenige Stellenausschreibungen gegen konkurrierende Bewerber die Beine in den Bauch stand, belog derselbe Temer anschlie&szlig;end im fernen schweizerischen Davos das Weltwirtschaftsforum mit der Behauptung, Brasiliens Wirtschaft habe mit 1,0 Prozent Wachstum die Gefahrenzone verlassen. Wie &uuml;blich sparte der de-facto-Staatschef nicht mit starkem Tobak. &bdquo;Wir wollen freie Wahlen, an denen alle teilnehmen. Es ist wichtig, die vollst&auml;ndige Demokratie wiederherzustellen&ldquo;. Alle dachten an Brasilien, doch Temer meinte&hellip; Venezuela! Die Deutsche Welle war so entz&uuml;ckt von dem zynischen Spruch und widmete dem Umst&uuml;rzler gegen Pr&auml;sidentin Dilma Rousseff, ohne mit der Wimper zu zucken, <a href=\"http:\/\/www.dw.com\/es\/temer-queremos-que-hayan-elecciones-libres-en-venezuela\/a-42994983\">ein Interview<\/a>.<\/p><p>Zwischen S&atilde;o Paulo und Bras&iacute;lia ging es nicht weniger absto&szlig;end zu. W&auml;hrend in der 12-Millionen-Metropole zigtausende streikende Lehrer des &ouml;ffentlichen Schulbetriebs von der Polizei des Landesgouverneurs Geraldo Alckmin blutig niedergekn&uuml;ppelt wurden, lie&szlig;en sich ein paar dutzend Bundesrichter vor dem Obersten Gerichtshof mit einer bizarren Ank&uuml;ndigung fotografieren: Falls man ihrem Wohnungszuschuss in H&ouml;he von umgerechnet 1.200 Euro die Rechtm&auml;&szlig;igkeit absprechen sollte, w&uuml;rden sie in einen &bdquo;unbefristeten Streik&ldquo; treten &ndash; sie, die mehrfachen Hausbesitzer und Spitzenverdiener im &ouml;ffentlichen Dienst, mit Monatsgeh&auml;ltern von bis zu 20.000 Euro! In Brasilien nennt man diese Herrschaften die Erben des &bdquo;Herrenhauses&ldquo;, <em>Casa Grande<\/em> genannt.<\/p><p><strong>Wer war Marielle Franco?<\/strong><\/p><div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180316_f4_.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Die Kehrseite der Casa Grande war stets die Sklavenh&uuml;tte, in Brasilien als <em>Senzala<\/em> bekannt. Im homonymen Klassiker der Soziologie &bdquo;Casa Grande e Senzala&ldquo; durchleuchtete vor mehr als 80 Jahren der legend&auml;re Wissenschaftler Gilberto Freyre die in republikanische Zust&auml;nde hin&uuml;bergeretteten Ausw&uuml;chse und Schandflecken der 1888 offiziell abgeschafften Sklavenhalter-Gesellschaft, mit ihrer sozialen Ausgrenzung und ihrem Rassismus. In einer dieser sinnbildlichen Sklavenh&uuml;tten an der Bucht Rio de Janeiros &ndash; dem 110.000 Einwohner z&auml;hlenden und mehrere <em>Favelas<\/em> (Elendsviertel) umfassenden Elendsdistrikt Mar&eacute; &ndash; war Marielle Franco aufgewachsen und da wirkte die Diplomsoziologin als Verfechterin von Grundrechten und elementarem Schutz armer und schwarzer Frauen.<\/p><p>Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2015 werden in Brasilien mindestens 5 von je 100.000 Frauen ermordet. Einer sogenannten Landkarte der Gewalt gegen Frauen ist anschaulich und erschreckend zu entnehmen, dass zwischen 1980 und 2013 nach vorsichtigen Sch&auml;tzungen 106.093 Frauen umgebracht wurden; eine weibliche Gro&szlig;stadt blutig ausradiert. Besonders betroffen waren und sind nach wie vor Frauen schwarzer Hautfarbe, deren Sterberegister im laufenden Jahrzehnt um 54 Prozent zugenommen hat. Ann&auml;hernd 35 Prozent der Morde an schwarzen Frauen gehen auf das Konto der &auml;u&szlig;erst gewaltt&auml;tigen Polizei.<\/p><p>Marielle Franco hatte das Drama 2016 zum zentralen Thema ihrer Kampagne f&uuml;r die Kommunalwahlen gemacht und war mit beachtlichen 45.000 Stimmen zur Stadtverordneten auf der Wahlliste der Partei f&uuml;r Sozialismus und Freiheit (PSOL), einer fr&uuml;heren, linken Abspaltung der Arbeiterpartei (PT), gew&auml;hlt worden. Seitdem f&uuml;hrte sie in der Stadtkammer den Vorsitz der Menschenrechts-Kommission, f&uuml;r die sie in den Stunden vor ihrer Ermordung im Elendsviertel Mar&eacute; eine Arbeitssitzung zum &bdquo;Empowerment&ldquo; junger Afrobrasilianerinnen abgehalten hatte.<\/p><p><strong>Wer schoss auf Marielle Franco und Anderson Gomes?<\/strong><\/p><p>Die 38-j&auml;hrige Politikerin sa&szlig; auch im Landesausschuss zur &Uuml;berwachung der vor einem knappen Monat begonnenen Milit&auml;rintervention in Rio de Janeiro (siehe <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42669\">Mexikanisierung oder schleichende Diktatur in Brasilien?<\/a>). Vor einer Woche hatte Franco einen Bericht &uuml;ber die Ermordung von zwei M&auml;nnern und die &bdquo;Entsorgung&ldquo; ihrer Leichen in einem Abwassergraben im Elendsviertel Acari durch die landesweit diskreditierte Milit&auml;rpolizei bekanntgegeben. Nach Auskunft der Bewohner f&uuml;hre sich die Polizei seit Beginn der Intervention auf, als besitze sie &bdquo;den Freibrief zum T&ouml;ten&rdquo;.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180316_f3_.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Genauere Angaben zum Profil der M&ouml;rder sind bisher unbekannt. Allerdings erinnert der Modus Operandi an den Hinterhalt, dem Richterin Patr&iacute;cia Acioli 2011 mit 21 Todessch&uuml;ssen zum Opfer fiel. Die Ermittlungen sprachen eine der mehrfachen Milizen f&uuml;r schuldig und das Landesgericht Rio de Janeiro verurteilte u.a. f&uuml;nf diensthabende Polizisten als erwiesene M&ouml;rder. Die Milizen sind eine Ortsversion der italienischen Mafia, zusammengesetzt aus Polizisten, Feuerwehrleuten und Mitgliedern der Streitkr&auml;fte, die mit Erpressungen von Bewohnern und Kleinh&auml;ndlern, ferner mit illegalen Gesch&auml;ften &ndash; die vom Schwarzmarkt f&uuml;r Gasversorgung bis zu illegalen Kabelfernseh-Installationen reichen &ndash; den angeblichen Schutz vor Narcos betreiben, sich mit der Kontrolle von nahezu 40 Prozent von Rios Elendsvierteln in Wahrheit zur Konkurrenz der Drogendealer entwickelten und gef&auml;hrlichen Einfluss auf Stadt- und Landesparlamente aus&uuml;ben.<\/p><p>Da Marielle Franco heftige Kritik an Polizei-&Uuml;bergriffen, insbesondere des 41. Bataillons von Acari, geleistet hatte, schlie&szlig;en einzelne Ermittler und Medien nicht aus, dass ihr Tod von Milizion&auml;ren oder korrupten Milit&auml;rpolizisten in Auftrag gegeben wurde. Seit einem Jahrzehnt ermuntert der ehemalige Armee-Oberst, Kongressabgeordnete und nach Altpr&auml;sident Lula an zweiter Stelle favorisierte, faschistische Pr&auml;sidentschafts-Kandidat Jair Bolsonaro das Vorgehen der zu 60 Prozent korrupten Polizei und der kriminellen Milizen mit S&auml;tzen wie &bdquo;Ein guter Bandit ist ein toter Bandit!&ldquo; oder &bdquo;General Pinochet hat einen gro&szlig;en Fehler begangen: Er hat nicht alle Terrorristen umgebracht!&ldquo; und peitschte 2016 im Parlament die Herabsetzung des Strafalters f&uuml;r Jugendliche auf 16 Jahre durch; damals schon als &bdquo;Freibrief zum Abknallen&ldquo;.<\/p><p>Doch erreichte Bolsonaros psychopathischer Auswurf wohl seine Kr&ouml;nung in dem Satz, den er der ehemaligen Staatssekret&auml;rin f&uuml;r Menschenrechte in der Regierung Dilma Rousseff und amtierenden Abgeordneten der Arbeiterpartei, Maria do Ros&aacute;rio, von der Parlamentstrib&uuml;ne entgegenschleuderte: &bdquo;Ich vergewaltige dich nicht, weil du&lsquo;s nicht verdient hast!&ldquo;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180316_f1_.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Rio de Janeiro, Mittwoch, 14. M&auml;rz, gegen 21 Uhr 30, im citynahen Bezirk Est&aacute;cio. Die Stadtverordnete der linken Partei f&uuml;r Sozialismus und Freiheit (PSOL), Marielle Franco, kehrt von einer Sitzung mit afrobrasilianischen Slumbewohnerinnen nach Hause zur&uuml;ck.<br \/> Sie sitzt ausnahmsweise auf dem hinteren Sitz, auf<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42987\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,60,20],"tags":[881,1276,2454,1613,930,1760,1571,421,1976],"class_list":["post-42987","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-innere-sicherheit","category-landerberichte","tag-armut","tag-attentat","tag-bolsonaro-jair","tag-brasilien","tag-justiz","tag-kriminalitaet","tag-mafia","tag-polizei","tag-temer-michel"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42987","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=42987"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42987\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48094,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42987\/revisions\/48094"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=42987"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=42987"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=42987"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}