{"id":4310,"date":"2009-11-03T17:01:59","date_gmt":"2009-11-03T16:01:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4310"},"modified":"2014-01-23T11:44:29","modified_gmt":"2014-01-23T10:44:29","slug":"der-sozialstaat-als-fussabstreifer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4310","title":{"rendered":"Der Sozialstaat als Fu\u00dfabstreifer"},"content":{"rendered":"<p>Aggressive und abwertende &Auml;u&szlig;erungen &uuml;ber die Sozialstaatlichkeit h&auml;ufen sich. Sie kommen vornehmlich von jenen, die sich wie die Professoren Sloterdiyk und Sinn zur Oberschicht beziehungsweise zu den Meinungsf&uuml;hrern z&auml;hlen. &bdquo;Der Sozialstaat ist an allem schuld&ldquo; &ndash; das ist offensichtlich die Botschaft, die unten ankommen soll. Immer wieder wird versucht, dem Sozialstaat die hohe Arbeitslosigkeit und das &bdquo;Entstehen der Unterschicht&ldquo; anzuh&auml;ngen. Ein neuer Versuch erschien am 1. November in der &bdquo;Welt&ldquo; (siehe Anlage 1). Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Zun&auml;chst einige einschl&auml;gige Zitate aus diesem Artikel:<\/strong><\/p><p>&bdquo;Die Menschen werden belohnt, wenn sie sich aus der Arbeitswelt ausgliedern&ldquo;, hei&szlig;t es im Vorspann. Es sei der Sozialstaat, der die Unterschicht &uuml;berhaupt erst hervorgebracht habe, meint der Ifo Pr&auml;sident Hans-Werner Sinn. Die Menschen m&uuml;ssen den Arbeitsmarkt verlassen, um in den Genuss sozialer Leistungen zukommen. Sie erhielten eine Pr&auml;mie daf&uuml;r, dass sie sich aus der Arbeitsgesellschaft ausgliedern, so Sinn. Und weiter: Vor allem f&uuml;r gering qualifizierte Arbeitslose und Arbeitslose mit Kindern sei der Anreiz, sich einen Job zu suchen, oft niedrig. &ndash;<br>\nWir kennen diese Parolen. Sie werden durch Wiederholung nicht richtiger aber offensichtlich immer g&auml;ngiger und bei den herrschenden Kreisen salonf&auml;hig. <\/p><p><strong>Hier werden jedoch die Zusammenh&auml;nge auf den Kopf gestellt. Es wird verdeckt, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland wie auch die niedrigen L&ouml;hne in weitem Ma&szlig;e die Folge einer sehr schlechten makro&ouml;konomischen Politik sind.<\/strong><br>\nProfessor Sinn ist an vorderer Front mitverantwortlich f&uuml;r die Missachtung konjunkturpolitischer, antizyklischer Ma&szlig;nahmen. Seine Zunft zusammen mit einer politischen &bdquo;Elite&ldquo;, die sich der Angebots&ouml;konomie verschrieben hat, hat seit fast 30 Jahren vers&auml;umt, den Arbeitsmarkt einigerma&szlig;en im Gleichgewicht zu halten. Sie haben die Binnennachfrage vernachl&auml;ssigt, und so dazu beigetragen, dass das Angebot an Arbeitskr&auml;ften st&auml;ndig h&ouml;her war als die Nachfrage nach solchen. Die Reall&ouml;hne und die Binnennachfrage stagnieren seit langem.<br>\nDas besondere Versagen der deutschen Wirtschaftspolitik wird heute gerade auch von der Konjunkturprognose der Europ&auml;ischen Union best&auml;tigt. Die EU warnt vor einer Job-Misere in Deutschland. Die Aussichten f&uuml;r die Konjunktur in Europa verbessere sich leicht, in Deutschland ohne Aussicht auf den Arbeitsmarkt. (Siehe Anlage 2). Und damit auch selbstverst&auml;ndlich ohne Aussicht auf bessere L&ouml;hne.<\/p><p><strong>Das makro&ouml;konomische Versagen ist das Schl&uuml;sselproblem.<br>\nUnd makro&ouml;konomische Professionalit&auml;t w&auml;re der Schl&uuml;ssel der L&ouml;sung unserer Probleme.<\/strong><br>\nWenn wirklich eine aktive Makro- und Besch&auml;ftigungspolitik betrieben w&uuml;rde, wenn unsere &Ouml;konomie wieder &bdquo;brummen&ldquo; w&uuml;rde, wenn die Arbeitnehmer wieder Chancen und Alternativen h&auml;tten, dann w&uuml;rde die Arbeitslosigkeit sinken und die L&ouml;hne w&uuml;rden steigen. Dann h&auml;tten auch die Menschen mit schlechter Ausbildung und geringer Qualifizierung eine Chance. Dann w&uuml;rde auch der manchmal kleine Abstand  zwischen L&ouml;hnen und Sozialleistungen gr&ouml;&szlig;er werden.<br>\nIn der herrschenden Diskussion mit dem Versuch, dem Sozialstaat die Misere auf dem Arbeitsmarkt anzuh&auml;ngen, kommt man immer auf die fatale L&ouml;sung, wegen der niedrigen L&ouml;hne m&uuml;ssten aufgrund des so genannten Abstandsgebots die Sozialleistungen gedr&uuml;ckt werden. Warum nicht umgekehrt? Im Koalitionsvertrag ist dazu leider wenig angedacht.<\/p><p><strong>Das makro&ouml;konomische Versagen hat Sp&auml;tfolgen. Leider.<\/strong><br>\nAngesichts der seit Jahrzehnten schlechten Lage und Chancenlosigkeit vieler Menschen zu formulieren, &bdquo;die Menschen w&uuml;rden belohnt, wenn sie sich aus der Arbeitswelt ausgliedern&ldquo;, ist pervers. Zumindest zu Beginn der langen Periode wirtschaftspolitischen Versagens, haben sich nur wenige Menschen selbst aus der Arbeitswelt ausgegliedert. Wer entlassen wird, wer keinen Job mehr findet, gliedert sich nicht selbst aus.<\/p><p>Wenn heute die Zahl jener w&auml;chst, die resignieren, und wenn heute auch die Zahl jener w&auml;chst, die nach bequemeren Wegen suchen, als durch Arbeit ihr Leben zu finanzieren, dann hat das wesentlich mit der von den Verantwortlichen mit ihrem Versagen eingeleiteten Langzeitarbeitslosigkeit und den damit verbundenen menschlichen und seelischen Folgen und Opfern zu tun. Wer lange arbeitslos ist, wer nach Deutschland kommt und keine Chancen hat, einen einigerma&szlig;en vern&uuml;nftigen Job zu finden, der findet sich mit der Zeit mit diesem Schicksal ab und verliert auch jegliche Kraft zur Initiative.<\/p><p>Dies alles bedenken unsere Meinungsf&uuml;hrer und politisch Verantwortlichen nicht. Da sie offensichtlich ein enges, nur &ouml;konomisches Denkverm&ouml;gen besitzen, haben sie keinen Blick f&uuml;r die seelischen Sch&auml;den der Arbeitslosigkeit und damit auch nicht f&uuml;r die Folgen ihrer wirtschaftspolitischen Unt&auml;tigkeit. In Berlin wie in den meisten Universit&auml;ten unseres Landes haben wir es mit einem engen &ouml;konomischen Denken zu tun. Nebenwirkungen, die Kolateralsch&auml;den des Versagens werden nicht gesehen, weil es von der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nicht erfasst wird. <\/p><p>Da ist es gut, dass es im Lande wenigstens noch ein paar Beobachter gibt, die differenzierter denken und auch handeln, um die schlimmsten Sch&auml;den zu mildern.<br>\nVon einem dieser Menschen erhielt ich in den letzten Tagen eine einschl&auml;gige Mail.<br>\nDer Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt Roth-Schwabach schreibt am 30. Oktober:<\/p><blockquote><p>Jetzt muss ich aktuell zur Grundsteinlegung unseres Neubaus unserer Selbsthilfefirma Auf Draht. Dies ist eine gemeinn&uuml;tzige GmbH, die sozialversicherungspflichtige Arbeitspl&auml;tze f&uuml;r psychisch kranke Menschen zur Verf&uuml;gung stellt. In meiner kurzen Rede werde ich darauf hinweisen, dass wir als AWO uns um die Menschen k&uuml;mmern, die nicht in der &ldquo;Mitte&rdquo; sind, sondern am Rand stehen, und darauf hinweisen, dass man aufgrund der schlechten makro&ouml;konomischen Wirtschaftspolitik aber schneller von der Mitte an den Rand kommen kann, als man denkt. Beispiel Quelle. Ich m&ouml;chte nicht wissen, wie viele Quelle-Mitarbeiter aufgrund ihres Schicksals nun psychisch krank werden; dies wird neben dem Abrutschen in ALG II leider gar nicht beachtet.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Solche Einsichten in die Wirklichkeit vieler Menschen und Familien sind der f&uuml;hrenden Wissenschaft, Publizistik und Politik offensichtlich v&ouml;llig fremd.<\/p><p><strong>Wo bleibt eigentlich die Intervention unserer Staatsspitzen gegen den permanenten Verfassungsbruch, der in der Polemik gegen die Sozialstaatlichkeit enthalten ist.<\/strong><br>\nWir haben schon oft auf Art. 20 unseres Grundgesetzes hingewiesen. Dort ist die Sozialstaatlichkeit unseres Staates versprochen. Nimmt man dieses Versprechen ernst, dann kann man gar nicht anders, als zu schlussfolgern: Die seit einiger Zeit Mode gewordene Polemik gegen die Sozialstaatlichkeit ist das Werk von Verfassungsfeinden, von Sinn bis Sloterdiyk.<br>\nWarum sagte Bundespr&auml;sident nichts zu der Dauerpolemik gegen ein Grundgesetzversprechen. Sein Amtseid verpflichtet ihn eigentlich dazu.<br>\nWir hingegen werden nicht aufh&ouml;ren, darauf hinzuweisen, dass unsere so genannten Eliten von solchen Verfassungsfeinden durchsetzt sind. Es w&auml;re an der Zeit, dass mehr Menschen im Gespr&auml;ch und in &ouml;ffentlichen Debatten dieses artikulieren.<\/p><p>Anlage 1:<br>\n<strong>Geld als falsches Signal<br>\nSozialstaat f&ouml;rdert Entstehen der Unterschicht<\/strong><br>\nVon Dorothea Siems 1. November 2009<br>\nDie gesellschaftlichen Fehlentwicklungen in Deutschland sind nicht zu &uuml;bersehen. Es existiert eine wachsende und sich verfestigende Unterschicht, die es so vor 20 Jahren noch nicht gab. Die Hauptschuld daran tr&auml;gt der deutsche Sozialstaat. Die Menschen werden belohnt, wenn sie sich aus der Arbeitswelt ausgliedern.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article5045617\/Sozialstaat-foerdert-Entstehen-der-Unterschicht.html\">WELT Online<\/a><\/p><p>Anlage 2:<br>\n03. November 2009<br>\n<strong>Herbstprognose<br>\nEU warnt vor Job-Misere in Deutschland<\/strong><br>\nDie Aussichten f&uuml;r die Konjunktur in Europa verbessern sich, doch am deutschen Jobmarkt kommt der Mini-Aufschwung nicht an. Die EU prophezeit der Bundesrepublik in ihrem Herbstgutachten einen massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit im kommenden Jahr.<br>\nBr&uuml;ssel &ndash; Die EU warnt vor einem massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit in Deutschland. Obwohl sich die Wirtschaft erstaunlich schnell von der Krise erholt habe, stehe den Besch&auml;ftigten das Schlimmste noch bevor, hei&szlig;t es in der am Dienstag ver&ouml;ffentlichten Konjunkturprognose. Die Kommission erwartet, dass die Arbeitslosenquote in Deutschland von derzeit 7,7 Prozent im kommenden Jahr auf 9,2 Prozent steigen wird.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,druck-658935,00.html\">SPIEGEL Online<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aggressive und abwertende &Auml;u&szlig;erungen &uuml;ber die Sozialstaatlichkeit h&auml;ufen sich. Sie kommen vornehmlich von jenen, die sich wie die Professoren Sloterdiyk und Sinn zur Oberschicht beziehungsweise zu den Meinungsf&uuml;hrern z&auml;hlen. &bdquo;Der Sozialstaat ist an allem schuld&ldquo; &ndash; das ist offensichtlich die Botschaft, die unten ankommen soll. Immer wieder wird versucht, dem Sozialstaat die hohe Arbeitslosigkeit und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4310\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,145,11],"tags":[374,424,417,389,425],"class_list":["post-4310","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-sozialstaat","category-strategien-der-meinungsmache","tag-eliten","tag-sinn-hans-werner","tag-sloterdijk-peter","tag-sozialrassismus","tag-unterschicht"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4310","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4310"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4310\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20123,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4310\/revisions\/20123"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4310"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4310"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4310"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}